Mark Girouard

 

Der Architekturhistoriker ➱Mark Girouard hat keinen Adelstitel, aber er hat seine Jugend in großen Schlössern verbracht. Also zum Beispiel Hardwick Hall (Bild) – das, wie alle Touristen wissen, immer den Zusatz more glass than wall bekommt – oder Chatsworth. Das in ➱Janes Austens Roman Pride and Prejudice unter dem Namen Pemberley als Schloss von Mr Darcy auftaucht:

They gradually ascended for half a mile, and then found themselves at the top of a considerable eminence, where the wood ceased, and the eye was instantly caught by Pemberley House, situated on the opposite side of a valley, into which the road with some abruptness wound. It was a large, handsome, stone building, standing well on rising ground, and backed by a ridge of high woody hills;—and in front, a stream of some natural importance was swelled into greater, but without any artificial appearance. Its banks were neither formal, nor falsely adorned. Elizabeth was delighted. She had never seen a place where nature had done more, or where natural beauty had been so little counteracted by an awkward taste. They were all of them warm in her admiration; and at that moment she felt that to be mistress of Pemberley might be something!

In Chatsworth wohnte Girouards Tante Evie, die nicht nur Tante Evie und die mistress of Pemberley ist, sondern auch die Herzogin von Devonshire. Die Tochter ihrer Schwester, Girouards Mutter, war Lady Blanche Maud de la Poer Beresford, Tochter von Henry de la Poer Beresford, dem sechsten Marquess of Waterford. Wenn man in Schlössern wie Hardwick Hall und Chatsworth einen Teil seiner Jugend verbringt, dann liegt es nahe, dass man eines Tages über diese Schlösser schreibt.

Als seine Mutter 1927 Richard Desire Girouard heiratete, war das ein großes gesellschaftliches Ereignis. Geheiratet wurde in der Westminster Abbey, etwas anderes kommt in diesen Kreisen nicht in Frage. Als seine Mutter 1940 bei einem Autounfall starb, kam der junge Mark Girouard mit seinen Schwestern zu Tante Evie, da sein Vater als Major im Krieg war.

Tante Evie ist als Herzogin von Devonshire (hier im Portrait von  John Singer Sargent) natürlich nicht so berühmt geworden wie Georgiana, weil wir alle natürlich den Film The Duchess mit Kira Knightley (der teilweise auf Chatsworth gedreht wurde) gesehen haben. Der Film basiert auf der preisgekrönten Biographie von Amanda Foreman Georgiana, Duchess of Devonshire (deutsch:  Die Herzogin von Devonshire: Das Leben einer leidenschaftlichen Frau). Und man muss sagen, dass Amanda Foreman den Whitbread Prize for Best Biography 1999 zu Recht bekommen hat, das Buch liest sich sehr gut. Georgiana ist schon ➱hier erwähnt worden, vielleicht schreibe ich noch einmal über sie. Mark Girouard hat seine Tante Evie mit großer Wärme in sein Buch Enthusiasms hineingeschrieben.

Das Buch Enthusiasms hat er zu seinem achtzigsten Geburtstag veröffentlicht. Es enthält viel über seine Familie, aber auch viel über Jane Austen, Oscar Wilde, Evelyn Waugh und P.G. Wodehouse. Es ist eine wunderbare Lektüre. Mal etwas anderes als seine Bücher zur englischen Architektur. Die sind inzwischen alle schon Klassiker, wenn Sie die noch nicht kennen, empfehle ich, einmal mit Life in the English Country House: A Social and Architectural History zu beginnen. Es erschien zuerst 1978, die neueste überarbeitete Auflage gab es 1993 bei der Yale University Press. Wir können in dem Buch auch lesen, dass die englischen Adligen, die nicht so große Schlösser haben wie der Herzog von Devonshire, bei ihren Landsitzen mehr auf Funktionalität als auf Repräsentation achten. Das ist im übrigen etwas, was schon der große ➱Palladio bei seinen Villen berücksichtigte.

Girouard hätte natürlich auch über Eisenbahnen schreiben können. Sein Großvater Sir Édouard Percy Cranwill Girouard hatte einst in Afrika Eisenbahnen für Kitchener und Cecil Rhodes gebaut. Der junge kanadische Leutnant ist noch zum Colonel und zum Gouverneur von Nigeria und Kenia aufgestiegen. In seinem Heimatland hat man sogar einen Berg nach ihm benannt. Er ist sicherlich der berühmteste der Girouards. Auch ihm hat hat sein Enkel ein Kapitel des Buches Enthusiasms gewidmet. Girouard prahlt als echter upper class Engländer natürlich nie mit seiner Verwandtschaft, die er auch durchaus kritisch sieht.

Mein Lieblingsbuch von Girouard hat den Titel The Return to Camelot: Chivalry and the English Gentleman. Es ist übrigens das zweite Exemplar des Buches, das heute im Regal steht. Das erste hatte der Bobtail aus dem Regal gezerrt und es ein wenig angefressen. Ich war für sein Gefühl nicht früh genug aufgestanden, er musste sich bemerkbar machen. Lesen konnte er nicht. Der Bobtail namens Fussel hatte übrigens einen viel besseren Geschmack als der Schäferhund meiner Eltern. Der machte sich in der Nacht immer über die Karl May Bände meines Bruders her.

Girourards Buch ist eine Kulturgeschichte Englands im 19. Jahrhundert unter dem Aspekt der schon beinahe krankhaften Begeisterung für das Mittelalter, die im ausgehenden 18. Jahrhundert beginnt. Selbst die Königin und der Prinzgemahl werden davon befallen, wie dies Gemälde von ➱Sir Edwin Landseer zeigt. Das Englinton Tournament (an dem mit dem Marquess of Waterford auch einer von Girouards Verwandten teilnimmt) von 1839 zieht 100.000 Besucher an. Die ganze Bewegung ist ein Weg zurück in eine Geschichte, die wohl nur in den Romanen von Sir Walter Scott wahr ist. Die fortschreitende Industrialisierung, die Lage der arbeitenden Klasse in England, interessiert das viktorianische Publikum nicht, man will zurück zu der Welt des sagenhaften Camelot.

Das Ganze schwappt über in die USA, selbst die Ritterturniere. Im Bürgerkrieg nehmen Südstaatenoffiziere Urlaub von der Front, weil sie zu Hause auf der plantation ein Turnier am Laufen haben. William Faulkners Großvater organisiert kurz nach Ende des Bürgerkrieges ein Turnier, um das Geld für ein Soldatendenkmal zusammen zu bekommen. Und noch im Juli 1870 kann sich ➱Mark Twain über ein ➱Turnier in Brooklyn herrlich echauffieren. Mark Girouard wäre kein Kunsthistoriker, wenn er sein Buch nicht überreichlich mit Bildern wie diesem Sir Galahad von George Frederic Watts illustriert hätte.

Wenn uns das Ganze heute ungeheuer komisch vorkommt, dann sollten wir bedenken, dass es noch nicht so lange her ist, dass ein ➱Buch wie Die Nebel von Avalon auch hier ein Bestseller war. Und drittklassige Mittelalterromane bei uns immer noch Konjunktur haben. Und muss ich an Leinwandschrott wie Der letzte Ritter mit Richard Gere erinnern? Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass sich in dem langen Post ➱Fantasy natürlich auch ein kleines Kapitel über Hollywood Schauspieler in Blechrüstungen findet.

Für diese ganze mittelalterliche Welt von ➱Sir Walter Scott hat Mark Twain – der auch der Meinung war, dass Sir Walter Scott am amerikanischen Bürgerkrieg Schuld sei – nur Hohn und Spott übrig. Wenn in Life on the Mississippi ein gesunkener Mississippi Dampfer beschrieben wird, dann heißt der natürlich Walter Scott. Und Mark Twains Roman A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court ist eine Breitseite gegen diese ganze Bewegung. Am schönsten ist die Stelle, wenn unser Yankee die glänzenden Ritterrüstungen mit Werbebotschaften versieht. Und so reiten die Ritter auf der Suche nach dem Gral (oder nach damsels in distress) dann mit Werbung bepflastert durch die Landschaft. Wie Bundesligatrainer, deren Hemdkragen und Jackett mit den Namen der Sponsoren verziert sind. Dieser Knight Errant von Sir John Everett Millais findet sich eines Tages übrigens noch auf der ersten Seite von Raymond Chandlers The Big Sleep wieder (lesen Sie ➱hier mehr dazu).

Die Welt, die Girouard beschreibt, ist nicht vergangen. Man kann immer noch von der englischen Königin zum Ritter geschlagen werden. Viele Ideale, wie die von ➱Thomas Hughes in Tom Brown’s Schooldays propagierte muscular Christianity, leben heute noch fort. Das Konzept des ritterlichen Gentlemans kommt für die herrschende Klasse im richtigen Moment, auch wenn man keine Visionen vom heiligen Gral mehr hat: The changing image of the gentleman had obvious attractions to those born into the ruling class; it meant that, at a time when inherited privilege was increasingly under attack, they were presented with a powerful weapon with which to overcome criticism and keep their position. Die Aufteilung der viktorianischen Welt in working classmiddle class und upper class wirkt bis heute fort.

Wenn man glaubt The battle of Waterloo was won on the playing fields of Eton, dann glaubt man auch, dass das englische Empire von lauter christlichen ritterlichen Gentlemen geschaffen wird. Von den playing grounds der Public Schools bis zu Sir Henry Newbolts ➱Gedicht Vitaï Lampada ist nur ein kleiner Schritt. Sportmetaphern prägen den Geist des Empire. Play up, and play the game, heißt es bei Newbolt. Und spätestens seit ➱Kiplings Kim wissen wir, dass der große Konflikt, der den Engländern Krieg in ➱Afghanistan beschert, the Great Game heißt. Und im ganz Kleinen bedeutet die Ideologie des Fair Play, dass in den ersten Regeln des Fußballs kein Strafstoß vorgesehen war. Weil das Spiel von Gentlemen gespielt wird. Und Gentlemen begehen keine Fouls. That’s not cricket, sagt der Engländer, aber das kommt natürlich aus einer anderen ➱Sportart. Eine Sportart, die eines Tages nicht mehr allein von Gentlemen gespielt wird. Aber natürlich dürfen die Players nicht in die Umkleidekabine der Gentlemen. All animals are equal, but some animals are more equal than others, wie es so schön bei George Orwell heißt.

Das Buch The Return to Camelot: Chivalry and the English Gentleman ist als Paperback heute immer noch lieferbar. Es kostet bei Amazon 11,62€. Überhaupt nichts kostet die Lektüre dieses Blog. Und auch für den Klick auf ➱dies Video, das einen 25-minütigen Film (The Natural History Museum London) von Mark Girouard zeigt, werden keine Gebühren verlangt.

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