Alfred Wallis

 

In den Romanen von ➱Rosamunde Pilcher kommt die kleine Hafenstadt St Ives in Cornwall sehr oft vor. Das kann nicht verwundern, die Autorin wurde ganz in der Nähe geboren. Allerdings heißt St Ives (das auch in den deutschen Fernsehfilmen häufig ins Bild gerückt wird) in ihren Romanen Porthkerris und sieht ganz bestimmt nicht so aus wie auf diesem Bild von Alfred Wallis. Eine bedeutendere ➱Autorin als Rosamunde Pilcher hat die Sommer ihrer Jugend immer in St Ives verbracht und den Ort in ihren Roman Jacob’s Room hineingeschrieben. Vielleicht ist To The Lighthouse auch eine Erinnerung an St Ives. Diese Darstellung von St Ives ist nicht das Ergebnis eines Malwettbewerbs in einer Kita, das Bild gehört der Tate Gallery, die seit 1993 einen kleinen ➱Ableger am Porthmeor Beach hat.

Das hat natürlich einen Grund. Seit den zwanziger Jahren ist St Ives eine Künstlerkolonie, oder wie es in dem BBC Film The Art of Cornwall (➱hier in sechs Teilen bei YouTube) so schön heißt: for a few dazzling years this place was as famous as Paris, as exciting as New York and infinitely more progressive than London. Es gab in der Hafenstadt auch eine St Ives Society of Artists, von der sich allerdings nach künstlerischen Streitigkeiten 1948 die Penwith Society of Artists abspaltete.

Also, die Perspektive hat er nicht gerade erfunden, der Amateurmaler ➱Alfred Wallis, von dem diese drei Bilder sind. Er ist Hochseefischer gewesen, Schellfisch, Heringe und Makrelen. Später hat er in St Ives einen kleinen Laden gehabt, Schiffsausrüster nannte man so etwas bei uns im Ort. Wo man vom Marlspieker bis zum Schäkel alles kaufen konnte. Als seine Frau starb, hat der Eigenbrötler angefangen zu malen, for company. Das war im Jahre 1922, Wallis war siebenundsechzig Jahre alt. Er hatte niemals Unterricht im Zeichnen gehabt, er malte die maritime Welt so wie er sie sah.

Nicht auf Leinwand, er malt auf Karton und Packpapier. Was gerade zur Hand ist. Er malt mit der Farbe, die er im Laden hat. Wahrscheinlich war das hochgiftiges Zeug, alles was auf Schiffen dem Wasser und dem Wetter standhalten soll, ist damals hochgiftig. Einige hundert Kilometer entfernt von St Ives wohnt ein Mann aus meinem Heimatort, der mit einem neuartigen Schutzanstrich für Schiffe ein Vermögen gemacht hat. Jetzt ist aus dem Wilhelm Hartmann aus Vegesack ein englischer Gentleman namens William Hartmann geworden, er hat einen Landsitz, sogar Friedensrichter ist er.

Vielleicht hat Alfred Wallis seine Farbe im Regal stehen. Wallis malt seine Schiffe aus seiner Erinnerung. Wahrscheinlich träumt er von Schiffen. Der Maler Ben Nicholson sagte über die Bilder: to Wallis, his paintings were never paintings but actual events. Manchmal ist Wallis auch ein wenig wahnsinnig. Viele Künstler sind das auch. Die Bilder bedeuten Wallis viel, über die Heringslogger von St Ives hat er einmal gesagt: each boat of the fleet had a soul, a beautiful soul shaped like a fish. Das, was wichtig ist, kommt auf den Bildern nach vorne. Perspektive interessiert ihn nicht. i do most what used To Be what we shall never see no more… schrieb er an den Maler und Sammler Jim Ede. Wallis bewahrt eine maritime Tradition auf, so wie ein nach England emigrierter Pole namens ➱Joseph Conrad, der auch in Südengland lebt, die untergehende Welt der Segelschiffe in seine Romane hineinschreibt.

Dieses Bild (China Dogs in a St Ives Window) ist nicht von Alfred Wallis, das ist von einem berühmt gewordenen englischen Maler. Der Malerei studiert hat und Picasso und Jean Cocteau kennt. Der englische Maler Augustus John hatte ihn zur Malerei gebracht. Über Augustus John würde ich gerne einmal schreiben, das scheitert aber daran, dass ich seit anderthalb Jahren die Biographie von Michael Holroyd nicht wiederfinden kann. Es gibt bisher nur ein einziges Bild von Augustus John in diesem Blog, das ist die Cello spielende Dame im roten Kleid im Post ➱Bachs Cellosuiten. Der junge Maler, den Augustus John so beeinflusst hat, heißt ➱Christopher Wood.

Im Jahre 1928 war er (hier ein Selbstportrait) zusammen mit dem Maler Ben Nicholson in St Ives. Die beiden entdecken jetzt den Amateurmaler Alfred Wallis: On our way back from Porthmeor Beach we passed an open door in Back Road West and through it saw some paintings of ships and houses on odd pieces of paper and cardboard nailed up all over the wall, with particularly large nails through the smallest ones. We knocked on the door and inside found Wallis, and the paintings we got from him then were the first he made. Danach malt Christopher Wood im Stil von Wallis. Man nennt diese Kunstrichtung Primitivismus, sie ist jetzt modern. Das Bild China Dogs in a St Ives Window, das zwanzig Jahre lang im Wohnzimmer von Ben Nicholson hing, hat Wood allerdings schon zwei Jahre vor der schicksalhaften künstlerischen Begegnung von 1928 gemalt. We walked home in the high skies. Here was England’s first painter. His vision is true. His grasp is real. His power is life itself, wird Ben Nicholsons Ehefrau, die Malerin Winifred Nicholson, nach einer Vernissage der Bilder von Wood im Jahre 1926 sagen.

Hatte er schon vorher Bilder von Alfred Wallis gesehen? Nein, sein neugewonnener Primitivismus hat ganz andere Wurzeln. Und die heißen Henri Rousseau und der Fauvismus. Vielleicht auch Opium, das er durch Cocteau kennengelernt hat. Seine Drogensucht beflügelt seine Produktion, trägt aber auch wohl zu seinem frühen Tod bei. Er will das Opium aufgeben, als er die Liebe seines Lebens, eine Russin namens ➱Frosca Munster kennenlernt, die Entzugserscheinungen führen zu Wahnvorstellungen. Am 21. August wirft er sich in Salisbury unter einen Zug. Die Eisenbahn erklärt den Selbstmord auf Wunsch der Mutter zu einem Unglücksfall.

Das Leben Christopher Woods hätte auch in den Roman A Dance to the Music of Time gepasst. ➱Anthony Powell hat ihn gekannt, aber er hat ihn nicht in den Roman hineingeschrieben. Doch der Komponist Constant Lambert, den Wood hier portraitiert hat (es ist das Lieblingsbild von Bruce Oldfield, lesen Sie ➱hier mehr dazu), mit dem war Powell befreundet. Er hat ihn als Hugh Moreland in A Dance to the Music of Time hineingeschrieben. Und falls Sie noch nie Musik von Constant Lambert gehört haben, hören Sie doch einmal in ➱The Rio Grande hinein. Hat aber nichts mit dem gleichnamigen ➱Western mit John Wayne zu tun.

Die Mutter hat das Leben des Dandys Christopher Wood bestimmt, der von einem dilettierenden Maler zu einem richtigen Maler geworden war. In den entscheidenden Jahren seiner Jugend war sein Vater weit weg, der war als Sanitätsoffizier im Ersten Weltkrieg. Dieses Bild heißt Le Phare, ein phare ist im Französischen ein Leuchtturm, aber hier ist gar kein Leuchtturm zu sehen (wenn Sie alles über Leuchttürme wissen wollen, klicken Sie doch einmal ➱Leuchttürme an). Auf diesem ➱Bild heißt nur die Zeitung Le Phare. Der englische Maler Jim Ede war von dem Bild begeistert: The picture is essentially a thing of itself. It is the sea, in terms of paint, and boats too, and beyond this is the world of the artist’s thought.

Es hängt heute wie viele andere Bilder von Kit Wood in dem ➱Kettle’s Yard Museum in Cambridge, das Ede ab 1956 aufgebaut hat. Das Haus (in dem auch Bilder von Ben Nicholson und Alfred Wallis zu finden sind) ist eine Art Gesamtkunstwerk. Nach dem Willen seines Schöpfers sollte es nicht an art gallery or museum, nor … simply a collection of works of art reflecting my taste or the taste of a given period sein. It is, rather, a continuing way of life from these last fifty years, in which stray objects, stones, glass, pictures, sculpture, in light and in space, have been used to make manifest the underlying stability.

Das Bild Herringfisher’s Goodbye muss ich mal eben abbilden, weil es mir eine Gelegenheit gibt, etwas über Heringe zu schreiben. Mein Vater mochte sie sehr gerne, ich nicht. Aber es half nichts, es gab bei uns jeden Freitag Fisch wie es in Bremen so üblich war. In der Lesummündung lag damals die größte Heringsloggerflotte Europas. Die Logger hatten keine Namen, nur ein BV (für Bremen Vegesack) und eine Nummer. Es waren seltsame Leute an Bord der Logger. Der Schiffahrtshistoriker Ulrich Welke berichtet in seinem exzellenten Buch Der Kapitän: Die Erfindung einer Herrschaftsform von einem exzentrischen Loggerkapitän, der während der ganzen Seereise nur in Unterwäsche auf der Brücke herumlief, welche Berichten seiner Mannschaft zufolge eines Schifführers nicht würdig gewesen sein soll. Das Privileg, sich zu kleiden, wie er wolle, unterstrich der Kapitän dadurch, dass er, wenn er an und von Bord ging stets wie ein englischer Gentleman gekleidet war.

Ein Bremer Politiker hat einmal eine Loggerreise auf einem Vegesacker Kutter mitgemacht, um seine Volksnähe zu betonen. Er musste kurz nach dem Auslaufen von einem Seenotrettungskreuzer mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus nach Bremerhaven gebracht werden. Trotz aller Skandale wird er sich jahrelang in der Regierung halten. Er wird eines Tages wegen Trunkenheit am Steuer zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Und man wird später dem Senator a.D. mit 54 Jahren das volle Ruhestandsgehalt zahlen, das sorgt in Bremen für einen Skandal. Er beendete seine politische Karriere in der Nacht vor einer Bundesratssitzung volltrunken in einem Bonner Bordell. Laut seiner Version ist er nachts von drei Rockern in Lederjacken überfallen worden, was die Zeit zu einem Hetzartikel gegen Motorradrocker veranlasst. Die Bonner Polizei sieht die ➱Geschichte ein klein bisschen anders. Zwei Monate später erklärt Hermann Wolters sein Ausscheiden aus dem Senat. Wir tun in Bremen immer so, dass bei uns die Welt hanseatisch ehrlich und in Ordnung ist. Aber das stimmt nicht so ganz. An Bord von Heringsloggern ebenso wenig wie im Bremer Senat. Die Geschichte musste mal eben erzählt werden, im Wikipedia Artikel steht kein Wort davon.

Ohne dass er das je gewollt oder je erträumt hat, ist der Amateurmaler Alfred Wallis aus St Ives zu einem Mittelpunkt der englischen Malerei der zwanziger und dreißiger Jahre geworden (es gibt ➱hier einen sehr schönen Post dazu). Aber der Ruhm in den Kreisen der Avantgarde bringt ihm nichts ein, er verkauft nur wenige Bilder und wird 1942 im Armenhaus von St Ives sterben. Heute reißen sich die Museen nach seinen Bildern.

Der Grabstein für Christopher Wood wurde entworfen von Eric Gill. Der gilt als Englands größtes graphisches Talent im 20. Jahrhundert. Ich habe einmal Bilder von ihm in einer Ausstellung gesehen und war sehr beeindruckt. Aber damals wusste ich auch noch nicht, dass dieser religiöse Spinner jahrelang seine Töchter mißbraucht hat. Und deshalb gibt es hier nichts von Eric Gill. Aber ein Photo von dem kleinen Heringsfischer aus St Ives, der Christopher Wood und Ben Nicholson beeinflusst hat, das darf hier nicht fehlen.

Die Malerin Elaine Pamphilon (*1948) lebt in St Ives. Sie malt in einer Tradition, in der man die Spuren von Alfred Wallis, Kit Wood und Ben Nicholson noch erkennen kann. Dieses Bild heißt Christopher Wood’s China Dog, es hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem Bild China Dogs in a St Ives Window von Wood. Aber es ähnelt natürlich den Kapitänshunden, wie wir sie aus norddeutschen Hafenstädten kennen. Und natürlich haben die ➱Kapitänshunde hier längst einen Post.

Einen Grabstein von einem Künstler wird Alfred Wallis nach seinem Tod ebenso wie Christopher Wood bekommen. Der Töpfer Bernard Leach hat ihm aus gebrannten Fliesen, einen schönen Grabstein entworfen. Alfred Wallis Artist & Mariner Into Thy Hands O Lord ist darauf zu lesen. Acht Jahre vor seinem Tod schreibt Wallis, der malt um nicht einsam zu sein, einen Brief an Jim Ede. Der ist der einzige, der beständig seine Bilder kauft und eines Tages sogar ein Museum für sie haben wird. Es ist ein in seiner Schlichtheit rührender Brief:

Dear Sir

Receved your letter all Right with Thanks

glad you are pleased with The paintins

i have got a few more

i will send Them on so you shall have Them in Time

They was not Dry

i have got 3 or 4 Big ones

They are Two Big to send By pos

i should like for you To see Them

i do most what used To Be

what we shall never see no more

avery Thing is altered

so i must Clos for The Time

with all good wishes

from your friend alfred wallis



In dem Post ➱Heringe gibt es noch mehr zu Alfred Wallis.

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Über jay

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