Heringe

 

Ich komme noch einmal auf den Bremer Heringsfang zurück, den ich schon in dem Post über den Maler Alfred Wallis (dessen Bilder hier heute noch einmal zu sehen sind) erwähnt habe. Auf diesem Photo liegen die Heringslogger der Vegesacker Fischerei Gesellschaft vertäut und friedlich in der Mündung der Lesum. Am Ufer kann man die aufgestapelten Heringsfässer sehen, die im Küstendeutsch Kantjes heißen. Es war streng verboten, auf denen herumzuklettern. Obgleich es verlockend war. Wir kleinen Pökse bekamen Schauergeschichten erzählt, von Kantjes, die ins Rutschen gekommen waren und Kinder unter sich begraben hatten. Das einzige Mal, dass ich weggerutschte Kantjes gesehen habe, war bei dem Hochwasser Weihnachten 1954. Da trieben einzelne Heringsfässer noch bis zum Hammelwardener Sand auf der Weser.

Der Hering wurde noch während der Seereise an Bord seegekehlt und seegesalzen eingelegt. Koppies an die Wänner, Bäuki boove. Den Satz versteht Google nicht, das bedeutet, dass die Heringsköpfe an die Fasswand gelegt werden und die Fischbäuche nach oben. Und das bei jeder Windstärke. Es gibt schönere Berufe, als auf einem Heringslogger zu fahren. Wenn der Herzog von ➱Wellington die Soldaten seiner Armee als the scum of the earth bezeichnete, so neigten viele im Ort in Bezug auf die abenteuerlichen Gestalten, die da bei der Bremen-Vegesacker Fischerei Gesellschaft anheuerten, zu einer ähnlichen Ansicht.

Aber es war für viele, die nach dem Krieg Arbeit suchten, ein begehrter Arbeitsplatz. Die meisten von ihnen kamen nicht von der Küste, die kamen weit aus dem Binnenland, aus Schaumburg-Lippe und der Gegend um Minden. Dort gibt es heute noch Denkmäler in Form eines Ankers wie in ➱Rosenhagen bei Petershagen oder wenig davon entfernt in Münchehagen. Und in Heimsen gibt es sogar ein ➱Heringsfängermuseum. Reich konnte man mit dem Heringsfang, der immer eine Saisonarbeit war, nicht werden. Das war mit dem Walfang anders gewesen, der im frühen 19. Jahrhundert viele in Vegesack reich gemacht hatte.

Der Krieg hatte den Hochsee Heringsfang unterbrochen. Die Kriegsmarine brauchte die Schiffe mit der BV Kennzeichnung für andere Zwecke. Doch schon 1945 liefen auf Geheiß der Militärregierung wieder Logger aus (umgebaut und neu getakelt), der Fischfang war notwendig für die Lebensmittelversorgung. Seeleute, die auf einem Logger anheuerten, bekamen anstandslos eine Zuzugsgenehmigung der Militärregierung für Bremen. Zuzugsgenehmigungen waren damals kaum zu bekommen. Mein ➱Onkel Karl zum Beispiel hatte eine Zusage als Steinmetz von der Dombauhütte Köln, aber er bekam keine Zuzugsgenehmigung.

Der Salzhering galt damals als wichtiges Volksnahrungsmittel. In den Jahren nach dem Krieg war das Fischen in der Nordsee eine lebensgefährliche Angelegenheit. Die See war vermint, das Minenräumen hatte gerade erst begonnen (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Minen), und die Zwangswege für die Schiffahrt waren noch nicht genügend markiert. Aber man musste Ende Mai hoch zu den Orkneys, dann folgten die Logger den Heringsschwärmen nach Süden. Zuerst zum Fladengrund, dann weiter runter, bis man im Oktober vor der Doggerbank fischte. Nach sechs bis acht Wochen kehrte man vollbeladen nach Vegesack zurück, zweiundsiebzig Stunden später ging es schon wieder in Richtung Nordsee. Mittlerweile wurde der Inhalt der Kantjes nach Qualität und Sorte sortiert: Fett- und Vollheringe, Matjes und Ihlen (das sind die mageren Heringe, die schon abgelaicht haben). Sechshundert bis tausend Heringe kommen in ein Fass, die oberste und unterste Lage (die sogenannte Spiegellage) werden besonders schön gepackt, damit der Kunde, der bei der Auktion einen Blick in das Fass wirft, weiß, was er kauft. In der Hoffnung, dass es darunter genau so aussieht wie bei der Spiegellage.

Die Fischerei entwickelte sich in den fünfziger Jahren – ebenso wie der Bremer Schiffbau und Carl Borgwards ➱Automobilbau – zu einer deutschen Erfolgsgeschichte. An deren Ende bei uns in der Lesummündung die größte Loggerflotte Europas lag. Doch dann war in den sechziger Jahren Schluss, die Überfischung der Nordsee durch die ➱Holländer mit ihren rabiaten Fangmethoden war das Ende für die Vegesacker Fischerei Gesellschaft. Die in ihren vierundsiebzig Betriebsjahren 7,5 Millionen Kantjes Heringe angelandet (das entspricht rund 575 Tausend Tonnen) hatte. Wenn man im Dezember in einem Laden in Vegesack lesen konnte: Neben Aal und Makrele und Forellen liegen frische holländische Matjes aus dem Fass…, so konnte man sicher sein, dass die nicht von einem Vegesacker Logger kamen. Die lagen längst im Winterschlaf.

Damals standen ja noch in vielen Lebensmittelgeschäften, die manchmal noch das Schild Kolonialwaren über der Tür hatten, offene Heringsfässer. Ich mochte da nie richtig hineinschauen. Nicht, dass ich Schuberts Forelle im Sinn gehabt hätte (hören Sie doch eben einmal ➱Gérard Souzay zu), ich fand die graugrünen Fischleiber in der Salzlake einfach nur eklig. Heute noch. Heute kann ich allerdings mit gutem Grund jede Einladung zu einem Fischessen gleich welcher Art ablehnen, ich habe nämlich mittlerweile eine Fischeiweißallergie.

Man kann den Hering ja auf hunderterlei verschiedene Arten auf den Tisch bringen, erwarten Sie von mir bitte keine Rezepte. Angeblich soll ja ein Rollmops gegen Kater helfen, dazu kann ich auch nichts sagen. Wenn Heringe genauso teuer wären wie Kaviar, würden ihn die Leute weitaus mehr schätzen, soll Bismarck gesagt haben. Über den sogenannten Bismarckhering möchte ich doch noch ein Wort verlieren. Vor Jahrzehnten hat man mir in Jever, wo es eine Gaststätte namens Haus der Getreuen gibt (in der natürlich Jever serviert wird), glaubhaft versichert, dass Bismarck überhaupt keine Heringe mochte.

Kiebitzeier dagegen schätzte er als Delikatesse, und die bekam er aus Jever seit dem Jahre 1871 an jedem ➱Geburtstag geschickt. Einhunderteins Stück in einem kleinen kunstvollen Kästchen. Das Jahr der Gründung des Deutschen Reiches markiert nicht nur den Beginn der jährlichen Geschenke aus Jever (wo man heute sogar ein Bismarck Museum hat), das Jahr 1871 ist auch die Geburtsstunde des Bismarckherings. Das behauptete ein Stralsunder Fischhändler, der sogar eine Urkunde mit Unterschrift von Bismarck besessen haben soll. Doch da ist noch die Geschichte von dem Wirt in Flensburg, bei dem Bismarck 1864 nach dem Sieg gegen die Dänen einen leckeren Hering gegessen hat. So lecker, dass er dem Wirt erlaubte, in Zukunft dieses Gericht als Bismarckhering auf die Speisekarte zu setzen.

Von den Seeleuten der Vegesacker Heringslogger profitierten viele im Ort. Wie zum Beispiel die Schiffsausrüster und die Kneipen am Hafen. Da war ja beinahe jedes zweite Haus ein Gasthof, eine Gaststätte, eine Bar oder Unziemlicheres. Die Firma ➱Kass, das führende Geschäft im Ort für Herrenoberbekleidung, richtete auf dem Gelände der Fischerei Gesellschaft eine kleine Filiale ein, wo Seemannsbekleidung verkauft wurde. Woraufhin sich eines Tages unter dem stolzen Firmenmotto am Hauptgeschäft Kass kleidet den Herrn der Zusatz: … und bescheißt den Seemann! fand. Ich lasse das jetzt einmal unkommentiert.

Irgendwann gab es für die Seeleute sogar auf dem Werksgelände in Grohn ein Seemannsheim mit einem Leiter, der Pädagogik studiert hatte. Dessen Sohn Charlie kam in unsere Klasse und wurde einer meiner besten Freunde. Er kommt schon in dem Post ➱Kerouac vor, und hier im Fährhaus am Utkiek sitze ich mit ihm in dem Post ➱Hochwasser zusammen. Nach dem Abi ist er zu den Feldjägern gegangen. Wenn man als Jugendlicher schon besoffene sailors ins Bett prügelt, dann ist man dafür bestens geeignet. Als wir in Hamburg studierten, haben wir uns noch jede Woche getroffen. Als ich ihm erzählte, dass ich gerade in einer Germanistikvorlesung gelernt hatte, dass Matjes und Mädchen etymologisch zusammenhängen, winkte er nur ab. Über Heringe wusste er alles. Irgendwann ist Charlie aus meinem Leben verschwunden. Immer wenn ich in meinen Heimatort kam, ging ich als erstes zu Konnie Krämer ins Fährhaus. Der schob mir einen Whisky über die Theke uns sagte: Jay, frag‘ mich jetzt nicht nach Charlie, ich weiß auch nicht, wo der geblieben ist. Vielleicht liest der Charlie das ja jetzt, ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Ich hätte dies alles schon in den Post Alfred Wallis schreiben können, aber dann wäre der zu lang geworden. Und so gibt es heute diesen kleinen Nachklapp. Und das gibt mir auch die Gelegenheit, eine Frage zu beantworten, die mehrere Leser hatten: Weshalb heißt das Bild von Christopher Wood eigentlich China Dogs in a St Ives Window? Wieso der Plural? Da sei doch nur ein Hund zu sehen. Schauen Sie noch einmal ganz genau hin. Was ist da rechts neben der vorderen Pfote des ➱Hundes zu sehen?

Ich hätte auch noch über das Buch The Voyages Of Alfred Wallis schreiben können, denn der kleine Amateurmaler aus St Ives ist längst in die englische Literatur hineingewandert. Der Schotte W.S. Graham (ein Freund Harold Pinters), der seit 1944 in Cornwall lebte, hatte kurz nach dem Krieg ein Gedicht (lesen Sie ➱hier mehr dazu) geschrieben, das The Voyages of Alfred Wallis hieß und sich ein wenig an dem altenglischen Seafarer (der ➱hier schon einen Post hat) orientiert. Es beginnt mit den Zeilen:

Worldhauled, he’s grounded on God’s great bank,
Keelheaved to Heaven, waved into boatfilled arms,
Falls his homecoming leaving that old sea testament,
Watching the restless land sail rigged alongside
Townful of shallows, gulls on the sailing roofs.

Sie finden mehr zu dem Gedicht auf der interessanten Seite ➱Invective against Swans von Tamar Yoseloff. Einer der ersten, dem Graham dieses Gedicht aus seiner angelsächsischen Phase zum Lesen gab, war der Maler, Bildhauer und Schriftsteller Sven Berlin, der in St Ives lebte. Der davon so beeindruckt war, dass er über seinen gerade im Armenhaus von St Ives gestorbenen Malerkollegen das Buch Alfred Wallis: Primitive schrieb. Das war ein Buch, das den englischen Schriftsteller ➱Peter Everett so beeindruckte, dass er seinen Roman The Voyages of Alfred Wallis schrieb. Und ihn Sven Berlin widmete: To Sven Berlin – for his book on Alfred Wallis, without which I could not have written this fiction. Everetts The Voyages of Alfred Wallis ist ein schönes kleines ➱BuchThis is a delightful book, at once vivid, direct and modest, in which Everett has found a verbal technique precisely to match Wallis’s handling of paint… Everett pays Wallis the greatest tribute of a fellow-artist: allowing him to speak for himself, schrieb der Independent.

Eine Stimme finden, allowing him to speak for himself,  das ist die Kunst des Schriftstellers. Everett war nicht ungeübt darin, er hatte gerade mit dem ➱Roman Matisse’s War großen Erfolg bei den Kritikern gehabt. Jetzt macht er es noch einmal mit dem kleinen Amateurmaler aus St. Ives. Es ist, wie bei allen Werken der Postmoderne, manchmal etwas zu viel mit dem Zitieren. William Turner, Horatio Nelson und der Uhrmacher John Harrison hätten nicht in den Text gemusst. Aber es gibt große Momente. Dann verdichtet sich die Ich-Erzählung so, dass sie zu einem inneren Monolog wird:

As I wrote to Mr Ede, when I sent him some pictures: ‚The most you get is what used to be – all I do is out of my memory. I do not go out anywhere to draw. I never see anything I send you now, it is what I have seen before.‘ If Mr Ede or Mr Ben do not write, I write to them. I’m not a toy rattle to pick up and put down whenever it suits them. What I hate most is when they send paintings back. How do I know why they think one is better than another is? I don’t see any difference.

Über jay

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