Gordale Scar

 

Es ist eins dieser Bilder, die einen umhauen. Schon durch die schiere Größe: drei Meter dreißig mal vier Meter zwanzig. Albert ➱Bierstadts monumentales ➱Bild A Storm in the Rocky Mountains ist kleiner. Das Gemälde mit dem Titel Gordale Scar wurde von James Ward (der heute vor 245 Jahren geboren wurde) für den Großgrundbesitzer Lord Ribblesdale gemalt, heute gehört das Bild der Tate Gallery. Allerdings sagt die ➱Seite der Tate: not on display, was eine Bloggerin zu dem Post ➱I hate the Tate bewegte. Vielleicht haben sie es ja als Bühnenbild an ein Theater oder eine Oper ausgeliehen. Zu einer Aufführung des Freischütz zum Beispiel. Ist besser als das Bild von Meno Mühlig, das Sie in dem Post ➱Wolfsschlucht sehen können.

Sie müssen also heute mit der Abbildung oben vorlieb nehmen. Oder ➱hier einen Video Spaziergang unternehmen. William Wordsworth hat die Kalksteinklippen bei Malham in Yorkshire (die geologisch zu dem Craven Fault System gehören) mit einem Sonett bedichtet. Als das Bild von Ward 1815 zum ersten Mal in der Royal Academy ausgestellt wurde, konnte man Wordsworths Gedicht Gordale neben dem Bild lesen:

At early dawn, or rather when the air
Glimmers with fading light and shadowy eve
Is busiest to confer and to bereave;
Then, pensive votary! let thy feet repair
To Gordale chasm, terrific as the lair
Where the young lions couch; for so, by leave
Of the propitious hour, thou mayst perceive
The local deity, with oozy hair
And mineral crown, beside his jagged urn
Recumbent: him thou mayst behold, who hides
His lineaments by day, yet there presides,
Teaching the docile waters how to turn,
Or, if need be, impediment to spurn,
And force their passage to the salt-sea tides!

Hätte John Constable, der zwei Jahre zuvor ➱Weymouth Bay gemalt hatte, so etwas wie James Wards Monstergemälde gemalt? Auf den ersten Zeichnungen und ➱Skizzen hat Wards Landschaft ja noch nichts von dem, was den Dichter Thomas Gray 1769 sagen ließ: I stayed here (not without shuddering) a quarter of an hour, and thought my trouble richly paid, for the impression will last for life. Jahre vor James Ward hat William Turner die Schlucht gemalt (oben), es ist mit 55 x 77 cm seine größte plein air Malerei. Kein Aquarell, wie man vermuten könnte, Öl auf Papier.

Wahrscheinlich hätte John Constables Bild ähnlich wie das von Turner ausgesehen, wäre er je auf die Idee gekommen, Gordale Scar zu malen. James Wards Version der Kalksteinklippen hat etwas Düsteres an sich, als sei die Kalksteinschlucht mit den Wasserfällen ein Tor zur Hölle. Das Bild erscheint wie ein Vorbote des Bildes von John Martin The Great Day of His Wrath. Das mit 1,97 x 3,03 viel kleiner ist als Wards Gemälde, aber größer wirkt, die apokalyptische Bedrohung ist in unserer Vorstellung immer größer als eine Landschaft in Yorkshire.

Woher kommt die Begeisterung für Felsen in der Malerei des 19. Jahrhunderts? Bei Caspar David Friedrichs Kreidefelsen von Rügen kann man den romantischen Enthusiasmus ja noch verstehen, aber was ist mit diesen tristen Felsen von Gustave Courbet hier? Dagegen wirkt der ➱Steinbruch bei Weimar, den Christian Rohlfs mehrfach gemalt hat (einen davon habe ich in dem Post ➱Christian Rohlfs abgebildet), schon richtig fetzig.

Bevor Rohlfs seine Felsen malte (die wohl ein Kommentar zu Courbets Felsen sind), wurden Felsen in der deutschen Malerei mit Märchen und Sagen verbunden. Wie auf ➱Moritz von Schwinds Einsiedler führt Rosse zur Tränke oder auf seinem ➱Bild vom Kaiser Max, der in der Martinswand betet. Unsere Loreley ist ja zuerst auch nur ein Schieferfelsen, bevor die Geschichte mit der Blondine dazu kommt. Lei (oder -ley) ist nicht der Nachname von Lore. Das heißt schlicht Stein, Schiefer. Ist aus dem Keltischen entlehnt und ist seit dem 14. Jahrhundert in der deutschen Sprache heimisch (lesen Sie hier doch auch die Posts ➱Loreley und ➱Meerjungfrauen + Waldnixen).

Irgendwie führt ein direkter Weg (mit einem Abstecher über die deutsche Romantik) von James Wards Gordale Scar zu Arnold Böcklins Toteninsel. Böcklin mag ich nun überhaupt nicht, das habe ich ➱hier schon gesagt. Hat aber einige tausend Leser nicht davon abgehalten, es zu lesen. Oder es erneut anzuklicken. In einer Pressemitteilung der BBC kann man lesen: Ward’s ‚Gordale Scar‘ is one of the greatest triumphs in British landscape art. Das Internet ist voll von ähnlichen Sprüchen. Ich würde die Höhepunkte der englischen Landschaftsmalerei eher bei ➱Constable und ➱Turner und den Meistern des Aquarells wie ➱Thomas Girtin oder ➱John Sell Cotman suchen, aber nicht bei James Wards Riesengemälde.

Dass es auch anders geht, hat er selbst gezeigt. Mit dieser kleinen Ölskizze, drei Jahre nach Turners erstem Besuch bei den Klippen gemalt. Aber vielleicht wollte Lord Ribblesdale etwas so Friedliches nicht haben, wahrscheinlich musste es unbedingt diese theatralische Version sein. Die Tate Gallery offeriert auf ihrer Seite eine politische Interpretation des großen Bildes: In the foreground he shows deer and cattle, including a white bull from the (originally wild) Chillingham herd, who appears to guard the cleft of Gordale Beck. Working in the last years of the Napoleonic wars, Ward aimed to depict a national landscape, primordial and unchanging, defended by ‘John Bull’ in animal form. His painting also epitomised the awe-inspiring qualities of the fashionable ‘Sublime’ landscape. 

Wir lassen das sublime einmal weg, weil es ➱hier schon so oft vorkam. Aber die Kriege gegen Napoleon sind natürlich etwas, was die englische Malerei dazu bringt, zu einer wirklich englischen Landschaftsmalerei zu werden. Nicht nur aus patriotischen Motiven. Es ist jetzt nichts mehr mit der Grand Tour (die ➱hier einen langen Post hat), die englischen Maler sind gezwungen, die landschaftlichen Schönheiten ihres eigenen Landes zu entdecken. Und so entdecken sie jetzt das ➱Vye Valley, den ➱Lake District, Schottland und Wales. Und Gordale Scar in Yorkshire. Das Bild von Geoffrey Scowcroft Fletcher aus dem Jahre 1994 habe ich hierher gestellt, um zu zeigen, dass die Kalksteinklippen die englischen Maler auch noch über die Romantik hinaus beschäftigt haben (das Bild von John William Inchbold lasse ich jetzt mal aus).

Es ist wohl kein Zufall, dass das Bild Gordale Scar in dem Jahr fertig wird, in dem die Engländer Napoleon bei ➱Waterloo schlagen. Da bietet sich eine politische Interpretation wohl an. Zumal Ward auch einen Auftrag von der British Institution bekommen hatte, ein Bild über Waterloo zu malen. Zwar ist seine übergroße Waterloo Allegory (zehn mal sieben Meter groß) verloren gegangen, sodass man wenig zu dem Bild (von dem es jedoch eine Vielzahl von Studien gibt) sagen kann, doch die Skizze zu dem scheußlichen Bild ist erhalten. Fünf Jahre hat er daran gearbeitet, die tausend Pfund, die er vorab bekommen hatte, waren da längst verbraucht. Auch Gordale Scar war für ihn ein schlechtes Geschäft gewesen. Vier Jahre Arbeit und dreihundert Pfund Honorar. Soviel verdient ➱Thomas Lawrence mit einem Porträt in einer Woche. Historienmalerei, so beliebt sie seit ➱Benjamin West ist, wird nicht dadurch besser, dass das Bild größer wird. John Singleton Copley ist bei The Siege of Gibraltar mit weniger Leinwand ausgekommen (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Hoya).

Dies Bild zeigt Napoleons Pferd Marengo (Wellingtons ➱Lieblingspferd Copenhagen hat Ward auch gemalt), wie es mit rollenden Augen auf das Meer starrt, dorthin, wo sein Herr verschwunden ist. Ward hat unzählige Lithographien von dem Bild verkauft. Man weiß nicht, wo das Geld geblieben ist. Als er mit einundneunzig Jahren starb, war er ein armer Mann. Vielleicht hätte man dem armen Tier mal erzählen sollen, dass Napoleon ein ganz anderes Pferd mit nach St Helena genommen hat. Das hieß Vizir, Sie können ➱hier alles darüber lesen. Und alles zu Marengo finden Sie bei der ➱Duchess of Hamilton.

Dass man in der Region von Malham in North Yorkshire touristisch immer noch etwas entdecken kann, damit wirbt diese ➱Seite. Wo man neben den Bildern von Gordale Scar auch erfährt, dass der Film A boy, a Girl and a Bike hier gedreht wurde. Mit Diana Dors, Englands Antwort auf ➱Marilyn Monroe (ich habe sogar eine ➱CD von ihr, die Swinging Dors heißt). Was die Seite malhamdale.com nicht sagt: Diana Dors hatte nur eine kleine Nebenrolle. Die Hauptrolle hatte diese junge Frau, die wir unter ganz anderen Namen kennen. Nämlich als Cathy Gale (in der Serie The Avengers) oder als Pussy Galore (in Goldfinger). Ich habe Honor Blackman schon in dem Post ➱Lederjacken erwähnt, und sie hat ➱hier einen eigenen Post. Man kann natürlich in dieser Liebesszene auch die landschaftlichen Schönheiten von Malham und Umgebung sehen.

Auf der Seite von Malham ist auch noch ein anderes Bild von Gordale Scar abgebildet, das ich viel schöner als das von James Ward finde. Nicht diese Weltuntergangsstimmung wie bei Ward. Der englische Maler John Piper hat es 1942 gemalt, es ist eigentlich ganz klein (30 x 25 inches), aber doch ganz groß. Es gibt zu dem Bild ➱hier noch ein interessantes Video. ➱Kenneth Clark, der in dem Jahr von John Betjeman beauftragt wurde, ein Buch für den Penguin Verlag über John Piper zu schreiben, hat es 1943 gleich gekauft. Er war der jüngste Direktor der National Gallery und vielleicht auch der größte Förderer der modernen englischen Malerei in dieser Zeit. Er kann sich das erlauben. Man redet in diesen Kreisen nicht über Geld, aber er ist sehr, sehr reich. Er kann es sich schon in seinem Studium erlauben, echte Bilder zu kaufen. Unsereins kaufte sich an der Museumskasse Kunstpostkarten. Vielleicht komme ich ja irgendwann noch einmal dazu, über ihn zu schreiben (bis dahin müssen Sie sich mit dem zufriedengeben, was in dem Post ➱Gainsborough steht).

James Ward konnte auch anders, wie man am Beispiel dieses schönen Aquarells sehen kann. Von diesen Aquarellen hat er noch mehrere gemalt. Der jüngere Bruder von William Ward begann seine Karriere als Kupferstecher, malte dann bäuerliche ➱Szenen im Stil seines Schwagers George Morland (der ➱hier schon einmal erwähnt wurde). Danach kamen Landschaften mit ➱Pferden, die allerdings anders aussahen, als Moritz von Schwinds Einsiedler, der die Rosse zur Tränke führt. In seinen besten Arbeiten kann man ihn schon mit ➱George Stubbs vergleichen. Pferdebilder gehen in England immer, da braucht man nur mal auf die Sammlungen von ➱Robert Vernon und John Sheepshanks zu schauen. Acht Jahre vor John Constable wurde James Ward Mitglied der Royal Academy.

Auf dieses Bild (The deer stealer) war er sehr stolz. Er hat es für seinen Mäzen Theophilus Levett gemalt, fünfhundert Pfund Sterling war der vereinbarte Preis. Als er das Bild 1823 in der Royal Academy ausstellte, war es eine Sensation für das Publikum. Interessenten boten ihm tausend Pfund für das Bild, aber er hat es an Levett verkauft. Hat den Preise allerdings um hundert Pfund angehoben. Heute besitzt es die Tate Gallery, die es aber wie Gordale Scar im Magazin verwahrt. Viktorianische Maler scheinen heute nicht mehr so en vogue zu sein. Das hätte den Herren Vernon und Sheepshanks nicht gefallen, deren Sammlungen der Grundstock für die National Gallery und das ➱Victoria & Albert Museum waren.

Das Bild von Gordon Scar erwies sich unglücklicherweise als zu groß für die Wände des Landsitzes des ersten Lord Ribblesdale. Er schenkte es dem British Museum. Wo es zusammengerollt wurde und in einem Keller verschwand. Bei einem Hochwasser der Themse wurde es beschädigt und eines Tages wieder entdeckt. Das berichtet auf jeden Fall Wards Urenkel Sir Leslie Ward in seinen Memoiren. Dass die Ribblesdales auch später noch Kunstwerke in Auftrag geben, beweist das Bild des vierten ➱Lord Ribblesdale von John Singer Sargent. Es ist ein Bild, das den englischen ➱Dandy auf seinem Höhepunkt zeigt, voller arroganter Eleganz. Vergleichbar mit Munchs ➱Bild von Harry Graf Kessler oder Anders Zorns ➱Bild des schwedischen Königs.

Ob er jemals Gordale Scar gesehen hat, weiß ich nicht. Sein Vater hatte Grundbesitz und Landsitz 1851 verkauft und war mit der Familie nach Fontainebleau gezogen, wo Thomas Lister, der vierte Baron Ribblesdale, auch geboren wurde. Das Gemälde hat er der National Gallery geschenkt: Presented by Lord Ribblesdale in memory of Lady Ribblesdale and his sons, Captain the Hon. Thomas Lister and Lieutenant the Hon. Charles Lister, 1916. Die Seite der National Gallery sagt: not on display. Manchmal frage ich mich, was englische Museen überhaupt noch zeigen.

Lesen Sie auch: ➱Kreidefelsen und ➱Klippen.

Über jay

Literatur-Kunst-Film-Mode-undsoweiter
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s