Gothick

 

Sorry, das habe ich verpasst. Den 250. Geburtstag von ➱Ann Radcliffe. Und auch den 250. Geburtstag der ersten gothic novel, Horace Walpoles The Castle of Otranto am 9. Juli. Und den 220. Geburtstag von Ann Radcliffes Roman The Mysteries of Udolpho. Es gab ja hier und da genügend Hinweise im Feuilleton, aber die habe ich geflissentlich übersehen.

Weil das ein Thema ist, womit ich mich in meinem Beruf beschäftigt hatte. Das sind die Sachen, die ich als Blogger vermeiden wollte. Aber man kann die gothic novel nicht vermeiden, sie lebt ja nach 250 Jahren immer noch. Und es ist ja auch nicht so, dass ich sie hier nie erwähnt hätte. Als ich gothic novel in das Suchfeld meiner Seite eingab, war ich selbst überrascht, wie oft sie hier auftaucht. Dass sie in dem Post ➱Horace Walpole vorkommt, das war natürlich nicht zu vermeiden. In dem Post taucht übrigens auch ➱Ursula von der Leyen auf. Weil ihr Vater in einem neugotischen Schloss geboren wurde. Hier sehen wir Uschi, wie sie von zu Hause wegrennt. Aber wir wissen auch aus der Lektüre unzähliger gothic novels, dass die Heldin dem Schrecken nicht entkommen kann.

Wenn wir Horace Walpole glauben dürfen, hat alles mit einem Traum im Juni 1764 angefangen: I waked one morning at the beginning of last June from a dream, of which all I could recover was, that I had thought myself in an ancient castle (a very natural dream for a head filled like mine with Gothic story) and that on the uppermost bannister of a great staircase I saw a gigantic hand in armour. In the evening I sat down and began to write, without knowing in the least what I intended to say or relate. The work grew on my hands, and I grew fond of it – add that I was very glad to think of anything rather than politics – in short I was so engrossed in my tale, which I completed in less than two months, that one evening I wrote from the time I had drunk my tea, about six o’clock, till half an hour after one in the morning, when my hand and fingers were so weary, that I could not hold the pen to finish the sentence, but left Matilda and Isabella talking, in the middle of a paragraph. Eine Literatur des Traumes: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, wie es bei Goya heißt.

Hätte er diesen Traum auch gehabt, wenn er nicht 1748 für den Preis von 1.356  Pfund Sterling eine kleine Villa an der Themse mit dem Namen Strawberry Hill gekauft hätte, die er zu seinem little gothic castle umbaut? Wir können uns die meisten gothic novels ohne die Architektur der Neugotik (die zeitlich den Romanen vorausgeht) und dem passenden Landschaftsgarten nicht vorstellen.

English landscape was invented by gardeners imitating foreign painters who were evoking classical authors. The whole thing was brought home in the luggage from the grand tour. Here, look – Capability Brown doing Claude, who was doing Virgil. Arcadia! And here, superimposed by Richard Noakes, untamed nature in the style of Salvator Rosa. It’s the Gothic novel expressed in landscape. Everything but vampires, heißt es an einer Stelle in Tom Stoppards Arcadia (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Landschaftsgarten, Architektur und gothic novel gehen jetzt eine seltsame Symbiose ein. Schönheit im Schoße des Schreckens hat Klaus Poenicke das Kapitel seines Buches Dark Sublime genannt, in dem er auf Raumgefüge und Menschenbild im englischen Schauerroman eingeht (es ist im übrigen ein Kapitel, das sich auch sehr gut als Einführung in das Thema gothic novel eignet).

1750 schreibt Walpole in einem Brief: I am going to build a little Gothick castle at Strawberry Hill. Also definitiv kein Haus im gerade modernen Stil des ➱Palladian Style. Wenn man ein englischer Exzentriker ist, dann will man etwas Besonderes haben. Wobei wir bedenken müssen, dass dieses Wort gothick noch nicht positiv besetzt ist. Es bedeutet damals eher barbarous, rude, cruel (das französische gothique hat diese Bedeutung noch bewahrt). Walpole sah sich nicht als Erneuerer der englischen Architektur: I do not mean to defend by argument a small capricious house. It was built to please my own taste, and in some degree to please my own visions.

Es ist sein persönlicher Geschmack, taste ist im 18. Jahrhundert zu einer neuen Kategorie der ➱Ästhetik geworden (eine Abteilung der Philosophie, die auch ganz neu erfunden worden ist). Und ganz mittelalterlich unpraktisch soll sein Capriccio auch nicht sein: In Truth I do not mean to make my house so Gothic as to exclude convenience and modern refinements in luxury. Kenneth Clark hat in The Gothic Revival betont, dass Strawberry Hill nicht als der Beginn einer Schauerromantik der ➱Architektur verstanden werden kann. Die kommt erst noch. Und wird uns nie verlassen. Wenn Sie bei diesem Bild an Last night I dreamt I went to Manderley again denken, dann haben Sie völlig recht, es ist die Kulisse zu Hitchcocks Rebecca.

Beckfords Fonthill (dazu gibt es ➱hier einen Post) wird erst vierzig Jahre nach Strawberry Hill erbaut: Except in sham ruins, which precede the romances of Mrs. Radcliffe by almost fifty years, and are directly associated with the melancholy poets, gothic forms were used to create an atmosphere of lightness and variety, not of horror and mystery. Even the author of ‚Otranto‘ thought of his villa as pretty and gay, and not before Fonthill was architecture meant to make one’s hair stand on end. Das Bild zeigt eine dieser sham ruins: Mow Cop Castle an der Grenze von Cheshire zu Staffordshire 1754 gebaut. Ein gewisser Randle Wilbraham, der in der Nachbarschaft einen Landsitz hatte, hatte sich dieses folly als Sommerhaus gebaut.

Walpoles Roman stieß nicht bei allen Lesern auf ungeteilte Begeisterung. So dichtet William Henry Ireland, der sein Geld mit Literaturfälschungen und billigen gothic novels verdient, in seinem Werk Scribbleomania; or, The printer’s devil’s polichronicon: A sublime poem (hier im Volltext):

A stupid, incongruous, blundering tail,

The rank of whose writer alone caused it’s sale.

Since, had Leadenhall’s Lane seen the work, I’ll be bound,

To possess it he would not have proffer”d five pound.

Letztens hat mich Daniela Puttenat angerufen. Die hat einmal bei mir studiert und hatte gerade meinen Blog im Internet gefunden. Gratulierte mir dazu und hatte die Adresse auch schon an viele Freunde verschickt. Und obgleich sie erfolgreich in ihrem Beruf ist, hatte sie sich überlegt, dass sie vielleicht doch noch eine Dissertation schreiben könnte. Edgar Allan Poe und alles, was danach an literarischem Schrecken kam, ging ihr nicht aus dem Kopf. Bei einem Washington Besuch hatte sie extra einen Abstecher nach Baltimore gemacht, nur um das Grab von Poe zu besuchen. Schickte auch gleich ein Photo vorbei. Edgar Allan Poe ist hier schon ➱mehrfach erwähnt worden, obgleich ich mich zurückgehalten habe. Ich könnte noch mehr über ihn schreiben. Vergeblich hatte Goethe den Vereinigten Staaten gewünscht: Benutzt die Gegenwart mit Glück! Und wenn nun eure Kinder dichten, Bewahre sie ein gut Geschick Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten. Edgar Allan Poe wird schon dafür sorgen, dass der gotische Schrecken auch in Amerika heimisch wird.

Den Ausschlag für diesen Post gab dann ein ➱Artikel in der Süddeutschen, wo dies schön-schreckliche Bild von Nathaniel Grogan abgebildet war. Das hatte ich noch nie gesehen. In dem Artikel der Süddeutschen ging es um die gerade eröffnete Ausstellung der British Library Terror and Wonder: The Gothic Imagination. Da hat man alles hervorgeholt, was das Museum an gotischem Schrecken zu bieten hat (es gibt auch eine Zusammenarbeit mit der BBC). Der Kurator der Ausstellung Tim Pye hat auch gesagt: Gothic is such an adaptable genre that it is continually relevant. There’s a universal emotion that will never go away, the love of being terrified.

Und er hat den literarischen Schrecken mit dem Schrecken der französischen Revolution in Verbindung gebracht. Das ist ein nun ein alter Gedanke, den wir schon bei dem Marquis de Sade finden, der die gothic novels als the necessary fruit of the revolutionary tremors felt by the whole of Europe bezeichnete (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Edmund Burke, dessen Definition des sublime den Begriff pain beinhaltete, wollte mit der Revolution nicht unbedingt in Verbindung gebracht werden: Nay, I am in great doubt whether any man could be found, who would earn a life of the most perfect satisfaction, at the price of ending it in the torments, which justice inflicted in a few hours on the late unfortunate regicide in France. Das Bild zeigt ➱Dirk Bogarde auf dem Weg zur Guillotine in der Verfilmung von Dickens‘ A Tale of Two Cities.

Die British Library präsentierte auch das kleine Köfferchen hier: The box contains a pistol, some wooden stakes – all the elements that come in handy when you’re in deadly pursuit of a vampire. Individual items are Victorian but there’s no real documentary evidence of such a kit existing before the 1970s. „But it doesn’t really matter. The kit illustrates how persistent vampires and the Gothic have been in British culture generally. So we’re delighted to have it.“ 

Wenn Sie die Seite der British Library anklicken: man kann da sogar eine Reise nach Transsylvanien gewinnen. Falls Sie die Reise gewinnen, nehmen Sie genügend Knoblauchzehen, Kruzifixe und Holzpfähle mit. Vielleicht fragen Sie mal bei der British Library an, wo man solche Köfferchen bekommt. Ich glaube nicht, dass Swaine, Adeney & Brigg die im Angebot haben. Ich lasse die lästigen Blutsauger jetzt einmal weg, die kommen schon in den Posts ➱Dracula, ➱Fantasy und ➱Alan Parker vor. Vor Jahren fand ich im Seminar in der Ecke, wo wir immer Bücher zum Mitnehmen plazierten, einen Roman einer mir unbekannten Autorin. Sie hieß Stephenie Meyer, ich gab ihr nach der Lektüre des Romans keine große Zukunft. Wie man sich doch irren kann. Das Bild zeigt Catherine Deneuve in dem unfreiwillig komischen Vampirschrott The Hunger, ich habe es ➱hier schon einmal gebracht.

Die Literatur der gothic novel steht bei mir immer noch griffbereit im Regal. Als erstes hatte ich ein schönes ledergebundenes Buch aus dem Jahre 1795 in der Hand, Gaetano Polidoris italienische Fassung Il castello di Otranto. Das ist natürlich nicht das Original, weil es kein italienisches Original gibt (obgleich Walpole das im ➱Vorwort behauptet), aber diese Ausgabe hat in der Geschichte der gothic novel doch ihre Bedeutung. Der Übersetzer, ein italienischer Schriftsteller, der nach London emigiert war, ist der Vater von John Polidori. Wir können davon ausgehen, dass der Sohn, der eines Tages der Arzt und Reisebegleiter von Lord Byron werden wird (und mit The Vampyre auch einen Schauerroman geschrieben hat), Pappis Übersetzung gelesen hat. Das Bild habe ich aus dem course blog der amerikanischen Professorin Lissette Lopez Szwydky, der nicht uninteressant ist (klicken Sie ➱hier). Das Internet ist voll von Seiten, die sich mit dem Phänomen der gothic novel beschäftigen.

Natürlich gibt es auch einen Wikipedia Artikel (der englische ist wie so oft viel, viel besser als der deutsche) und eine Unzahl von Büchern. Gute und schlechte. Mehr schlechte als gute. Gut ist auf jeden Fall für den Anfang Der Englische Schauerroman: Eine Einführung von Ingeborg Weber. Ein Vierteljahrhundert alt, aber immer noch die beste Einführung in das Thema. Ein Buch, das noch viel älter ist, ist Liebe, Tod und Teufel: Die Schwarze Romantik von Mario Praz. Im Original heißt es La carne, la morte e il diavolo nella letteratura romantica (1930), den Titel muss man mit rollenden Rs laut lesen. Es ist ein Klassiker der Literaturwissenschaft, geschrieben von einem der gebildetsten Vertretern des Faches (der ➱hier und ➱hier schon einmal erwähnt wurde). Praz hat auch für den Penguin Band Three Gothic Novels (der The Castle of OtrantoVathek und Frankenstein enthält) ein hervorragendes 25-seitiges Vorwort geschrieben, das schon allein den Kauf dieses Bandes lohnt (man kann ➱hier hineinschauen).

Seit Edith Birkheads The Tale of Terror: A Study of the Gothic Romance (1921 ➱hier im Volltext) oder Devendra P. Varmas The Gothic Flame: being a history of the Gothic Novel in England (1957) sind immer mehr Bücher zu dem Thema veröffentlicht worden. Aber es ist auch ein wenig, als schieße man mit Kanonen auf Spatzen. Das Inventar der gothic novel ist recht leicht zu durchschauen, ob man nun feinsinnige ➱Unterscheidungen zwischen terror und horrormale oder female gothic trifft oder nicht. Es gibt auch schon Bibliographien der Forschungsliteratur wie Dan J. McNutts The eighteenth-century Gothic novel, aber ich will hier keinen Forschungsbericht schreiben.

Ich möchte zuerst einige Warnschilder vor den literarischen gotischen Ruinen aufstellen. So sagt Eve Kosovsky Sedgwick in The Coherence of Gothic Conventionsmost Gothic novels are not worth reading. Und ebenso deutlich postuliert David H. Richter in The progress of romance: literary historiography and the Gothic novel (➱hier zu lesen): By far the greatest part of this output was trash, of little interest today save to antiquarians, bibliophiles, and literary historians. Es ist wie bei den meisten literarischen Genres: es gibt eine Höhenkamm Literatur, aber drunten im Tal, da ist’s grausig. Wir sollten auch nicht vergessen, dass Jane Austen sich in Northanger Abbey schon über das Genre lustig gemacht hat.

Und das da in den Tälern hat damals Autorennamen wie Catherine Cuthbertson, Charlotte Dacre, Sarah Griffith, Sophia Lee, Sydney Owenson, Clara Reeve, Regina Maria Roche und Lucy Watkins. Dorothy Blakey hat in ihrem Buch The Minerva Press 1790-1820 die Produktion der Minerva Press untersucht, die ein gutes Geschäft mit dieser Literatur machte. Das Genre ist fest in Frauenhand. Wahrscheinlich heute bei den neuen gothic romances immer noch, wie man hier an einem stereotyp wiederkehrenden Buchumschlag sehen kann. Wie sagte Nathaniel Hawthorne so schön über seine schreibenden ➱KolleginnenAmerica is now wholly given over to a damned mob of scribbling women, and I should have no chance of success while the public taste is occupied with their trash – and should be ashamed of myself if I did succeed.

Der Roman The Mysteries of Udolpho fängt idyllisch an: On the pleasant banks of the Garonne, in the province of Gascony, stood, in the year 1584, the chateau of Monsieur St. Aubert. From its windows were seen the pastoral landscapes of Guienne and Gascony stretching along the river, gay with luxuriant woods and vine, and plantations of olives. To the south, the view was bounded by the majestic Pyrenees, whose summits, veiled in clouds, or exhibiting awful forms, seen, and lost again, as the partial vapours rolled along, were sometimes barren, and gleamed through the blue tinge of air, and sometimes frowned with forests of gloomy pine, that swept downward to their base. These tremendous precipices were contrasted by the soft green of the pastures and woods that hung upon their skirts; among whose flocks, and herds, and simple cottages, the eye, after having scaled the cliffs above, delighted to repose. To the north, and to the east, the plains of Guienne and Languedoc were lost in the mist of distance; on the west, Gascony was bounded by the waters of Biscay.

Der Roman muss idyllisch beginnen – so wie Monsieur St Aubert sich im Ruhestand to scenes of simple nature, to the pure delights of literature, and to the exercise of domestic virtues hinwenden kann – damit der Schrecken später umso größer werden kann. Aus dem locus amoenus wird der locus horribilis. Wenn Sie einmal das ➱18. Kapitel lesen, werden Sie schnell erkennen, wie die Autorin den psychischen Zustand der Heldin Emily an die Landschaft bindet. Das hübsche Bild mit dem Titel Chateau de la Duchese de Berri, on the Garonne wird vom Auktionshaus einem Nachfolger von Richard Parkes Bonington zugeschrieben. Wenn der Name ➱Bonington genannt wird, steigt der Preis gleich. Das Bild im Absatz darüber ist natürlich von ➱Claude Lorrain.

Die Radcliffe liebte Lorrain, in einer Beschreibung eines englischen Adelssitzes heißt es bei ihr: In a shaded corner, near the chimney, a most exquisite Claude, an evening view, perhaps over the Campagna of Rome. The sight of this picture imparted much of the luxurious repose and satisfaction, which we derive from contemplating the finest scenes of nature. Here was the poet, as well as the painter, touching the imagination… Die Landschaften, die Radcliffe beschreibt, kommen nicht aus der eigenen Anschauung, sie kommen aus ihrer Phantasie und von den Bildern von Claude Lorrain und Salvator Rosa.

Leaving the splendour of extensive prospects, they now entered this narrow valley screened by „Rocks on rocks piled, as if by magic spell, Here scorch’d by lightnings, there with ivy green.“ The scene of barrenness was here and there interrupted by the spreading branches of the larch and cedar, which threw their gloom over the cliff, or athwart the torrent that rolled in the vale. No living creature appeared, except the izard, scrambling among the rocks, and often hanging upon points so dangerous, that fancy shrunk from the view of them. This was such a scene as SALVATOR would have chosen, had he then existed, for his canvas; St. Aubert, impressed by the romantic character of the place, almost expected to see banditti start from behind some projecting rock, and he kept his hand upon the arms with which he always travelled. Salvator steht schon in Versalien im Text, damit es auch jeder versteht. Dies had he then existed ist ein kleiner frecher kalkulierter Anachronismus. 1584, im Jahr der Romanhandlung, ist er noch nicht geboren.

Bilder werden Literatur, ut pictura poesis. Elizabeth Wheeler Manwaring hat in ihrer bahnbrechenden Studie Italian landscape in eighteenth century England: a study chiefly of the influence of Claude Lorrain and Salvator Rosa on English taste, 1700-1800 (1925) auch ein Kapitel über den Einfluss der beiden Maler auf den Roman des 18. Jahrhunderts, in dem Mrs Radcliffe eine große Rolle spielt. Im Absatz oben ist ein Salvator Rosa, dies ist (obgleich es schon ein wenig nach Salvator Rosa aussieht) ein Lorrain.

Es gibt noch einen anderen Einfluss der Kunst auf die gothic novel (sagt uns Mario Praz), und der heißt Piranesi. Ist vielleicht für Mrs Radcliffe nicht so interessant, aber dafür umso mehr für Horace Walpole. Hat der doch empfohlen, to study the sublime dreams of Piranesi, who seems to have conceived visions of Rome beyond what it boasted even in the meridian of its splendor . . . Savage as Salvator Rosa, fierce as Michael Angelo, and exuberant as Rubens, he has imagined scenes that would startle geometry, and exhaust the Indies to realize. He piles palaces on bridges, and temples on palaces, and scales heaven with mountains of edifices. Yet what taste in his boldness! What grandeur in his wildness! what labour and thought both in his rashness and details!

Piranesis Kerkerwelt wird weiterleben. Die Filmarchitektur des deutschen Expressionismus, sei es in Der Golem, wie er in die Welt kam oder in Das Kabinett des Dr Caligari, wird die alten Kulissen wieder hervorholen. Und die Regisseure, die man aus Deutschland vertrieben hat, werden in Hollywood neue Dekorationen des Schreckens bauen lassen. Es ist ja kein Zufall, dass Siegfried Kracauer in seinem im Exil geschriebenen Buch From Caligari to Hitler: A Psychological History of the German Film diesen Film mit Hitlers Herrschaft verbunden hat. Ein anderer deutscher ➱Emigrant hat zu einem gothic revival beigetragen, in dem er die Filmarchitektur des Expressionismus noch ein bisschen aufgerüscht und in die Welt von Dr Strangelove und Dr No transportiert hat.

Mit dem ersten Satz von The Mysteries of Udolpho werden wir nach Frankreich versetzt. Die gothic novels spielen nicht in England. Da in ihnen schreckliche Dinge geschehen, müssen sie Frankreich, Spanien oder Italien angesiedelt werden. Die Verachtung der mediterranen dagoes durch die Engländer ist ja sprichwörtlich, die gothic novel leistet ihren Beitrag zur Xenophobie. Was den Penguin Verlag bewogen hat, Caspar David Friedrichs Kreidefelsen (die ➱hier einen langen Post haben) auf das Titelbild von The Mysteries of Udolpho zu tun, das weiß ich wirklich nicht. Es scheint sich hier um eine post-gotische kulturelle Verwirrung zu handeln.

Walpole und Beckford sind in Italien gewesen, sie haben auch darüber geschrieben. Und sicherlich gibt es eine Verbindung zwischen der ➱Grand Tour und der gothic novel. Die nicht nur darin besteht, dass findige Fälscher den englischen Reisenden gefälschte Claudes und gefälschte Salvator Rosas verkaufen. Aber Dissertationen mit dem Thema Horror and Terror in Literature of the Grand Tour, and in the Gothic Novel sind auch schon geschrieben, deshalb lasse ich das mal weg. Erwähnen sollte ich aber, dass heutzutage schon Italienreisen zu den Plätzen der gothic novel für Touristen angeboten werden (lesen Sie ➱hier doch mal eben A Gothic Tour of Italy in der New York Times). Das Bild zeigt die Campagna Romana in der Sicht von ➱Carl Blechen.

Man kann, wenn man bösartig ist, die gothic novel auf eine einfache Formel reduzieren (Sie finden ➱hier ein kleines Lexikon der wichtigsten Termini). Wir brauchen eine verfolgte Unschuld, möglichst blond und in weißen Kleidern, einen Bösewicht (den gothic villain) und ein mittelalterliches Schloss, in dem der Bösewicht die Heldin in dunklen Kellern, die direkt aus ➱Piranesis Carceri kommen, beliebig quälen kann. Der grausame gothic villain, der in The Mysteries of Udolpho Montoni heißt, kann durch die Figur des Byronic hero überlagert werden. Er kann auch ein einfacher gothic hero sein, der nur melancholisch, aber nicht wirklich böse ist. Wie Heathcliffe (hier gespielt von Timothy Dalton) in Emily Brontës Wuthering Heights.

Wuthering Heights ist 1939 mit Laurence Olivier und Merle Oberon von William Wyler verfilmt worden. Das Medium Film ist wie geschaffen, um sich aller Effekte der gothic novel zu bedienen, und es hat das auch nach Herzenslust getan. Das Spektrum reicht von einem Filmkunstwerk wie Dreyers Vampyr (➱hier ganz zu sehen) bis zu solchem Zelluloidschrott wie Das ausschweifende Leben des Marquis de Sade mit Senta Berger. Mein Lieblingsfilm ist da immer das Bram Stoker Derivat The Lair of the White Worm mit ➱Catherine Oxenberg. Ich habe zu dem Thema schon einiges in dem ausführlichen Post ➱Fantasy gesagt, deshalb fasse ich mich hier kurz. Es gibt noch ein anderes Medium, das sich allzu gerne bei der gothic novel bedient hat, und das ist die Oper des 19. Jahrhunderts. Was wäre Donizettis Lucia di Lammermoor ohne den Roman von ➱Sir Walter Scott gewesen? An der Universität Newcastle wird gerade eine Doktorarbeit zum Thema Der Freischütz: Gothic Drama and representations of Witchcraft and the supernatural through Leitmotiv geschrieben. Carl Maria von Webers Oper hat hier mit ➱Wolfsschlucht schon einen Post. Der so oft gelesen wurde, dass ich mir überlegt habe, mal einen Post zum Thema gothic novel und Oper zu schreiben. Mit Wahnsinnsarie und allem drum und dran.

Und nun wird es etwas schlüpfrig. Dies ist das Filmplakat zu Justine, einem Machwerk des notorischen Softporno Produzenten Jess Franco, zusammengeklaubt aus der Schreckenswelt des Marquis de Sade. Mit Klaus Kinski. Was Jack Palance bewogen hat, in diesem Film mitzuspielen, weiß ich wirklich nicht. Es führt ein direkter Weg von der gothic novel zu der Geschichte der O. (und wenn man so will zu Fifty Shades of Grey). Whatever is fitted in any sort to excite the ideas of pain and danger, that is to say, whatever is in any sort terrible, or is conversant about terrible objects, or operates in a manner analogous to terror, is a source of the sublime; that is, it is productive of the strongest emotion which the mind is capable of feeling, hat Edmund Burke in seinen Überlegungen zum sublime gesagt. 

Und dieser Begriff sublime wird immer wieder zur Definition der gothic novel herangezogen (hören Sie ➱hier doch einmal in die kleine Vorlesung von Professor Punter hinein). Der Satz von Burke könnte natürlich als Motto über dem Thema gothic novel und allen Derivaten stehen. Aber Burke hat auch gesagt: When pain and danger press too nearby, they are incapable of giving any delight, and are simply terrible; but at certain distances, and with certain modifications, they may be, and they are delightful, as we every day experience. Wenn schon Schmerz und Schrecken, dann möglichst weit weg und dann in der Form von Romanen von SM-Filmen. Man kann Zitate für alles mißbrauchen. Ich sage zu dem Thema lieber nichts mehr, weil ich schon einmal etwas dazu gesagt habe. Und das steht nicht in dem fünfzehntausend Mal gelesenen Post ➱Patti d’Arbanville, sondern in dem Post ➱Robbe-Grillet. Lesen Sie den doch mal. Sie können natürlich auch dies anklicken (das Bild ist aus dem Film Gradiva von Alain Robbe-Grillet).

Moderne Autoren wie die Kanadierin Joan Smith, die Regency romances schreibt, spielen heute mit den abgegriffenen Formeln. So heißt es in A Christmas GambolWhat made Mr. Meecham think she would enjoy a stupid gothic novel with a heroine bearing the unikely name of Eugenie Beaureport, who possessed crystal-clear eyes of an unlikely violet color? How did the hero, Lord Ravencroft, even know they were violet? They were always full of tears, to say nothing of those mile-long eyelashes that sounded like a pair of canopies. The girl was nothing but a watering pot. And the totally incredible plot! As if falling among Gypsies and having her sable tresses shorn was not bad enough, she’d had to pawn her mama’s wedding ring – the last keepsake of her dear mother – to bribe a villain to deliver a letter to Ravencroft.

Ja, die violetten Augen. Sie tauchen in der gothic novel auf, manchmal auch als Merkmal der Helden. Die ja immer aus einer alten Familie sind (auf der häufig ein Fluch liegt) und die durch eine Besonderheit (wie eine Narbe oder die Augenfarbe) auffallen. In ➱Melvilles Billy Budd hat der böse Bootsmann Claggart violet eyes, da ist der gothic villain nicht weit weg. Ich habe darauf schon in dem Post ➱Raymond Thornton Chandler hingewiesen, in dem einiges zu der Augenfarbe von literarischen Figuren steht. Es ist ein Kennzeichen der Trivialliteratur, dass sie das Mittel einer auffälligen Augenfarbe einer Romanfigur extrem strapaziert. Die Lady hier heißt Gaga, aber das wäre uns auch schon ohne diesen Namen klar.

Lassen Sie mich noch einmal zur Architektur zurückkommen. Wir brauchen noch ein Schloss für unseren gothic villain. Das immer öde gelegen ist, von Efeu überwuchert ist und häufig einen Friedhof mit einer Kapelle in der Nachbarschaft hat. Und das viele dunkle Verliese besitzt: The lower part of the castle was hollowed into several intricate cloisters; and it was not easy for one under so much anxiety to find the door that opened into the cavern. An awful silence reigned throughout those subterraneous regions, except now and then some blasts of wind that shook the doors she had passed, and which, grating on the rusty hinges, were re-echoed through that long labyrinth of darkness. Every murmur struck her with new terror; yet more she dreaded to hear the wrathful voice of Manfred urging his domestics to pursue her.

Die Kellergewölbe müssen sein, irgendwo müssen die Nachfolgerinnen der damsels in distress ja dekorativ gequält werden. Und draußen ist ewige Nacht, der Mond scheint zwischen jagenden Wolken, Eulen und andere Nachtvögel schreien im Sturm. Der wirre Grund unserer Natur ist eben der Stoff, mit dem der Illusionist zu tun hat. Die Psychoanalyse hätte hier zweifellos ihr Wort zu sagen. Die Furcht hat ihren Orgasmus — wie die Liebe. Sie erhält ihn aber durch komplizierte, zerebrale Mittel und fetischgleiche Gegenstände: Schloßruinen, Geheimgänge, Kandelaber und so weiter scheinen bei Regung und Stillung der Todesangst eine kapitale Rolle zu spielen, sagen Boileau-Narcejac in ihrer Studie über den Detektivroman. Und die flackernden Kerzen im Leuchter in der Hand der leichtbekleideten Heldin haben die unselige Tendenz, immer wieder zu verlöschen:  

Fortifying herself with these reflections, and believing, by what she could observe, that she was near the mouth of the subterraneous cavern, she approached the door that had been opened; but a sudden gust of wind that met her at the door extinguished her lamp, and left her in total darkness.

     Words cannot paint the horror of the princess’s situation. Alone in so dismal a place, her mind imprinted with all the terrible events of the day, hopeless of escaping, expecting every moment the arrival of Manfred, and far from tranquil on knowing she was within reach of somebody, she knew not whom, who for some cause seemed concealed thereabouts, — all these thoughts crowded on her distracted mind, and she was ready to sink under her apprehensions. She addressed herself to every saint in heaven, and inwardly implored their assistance. For a considerable time she remained in an agony of despair. At last, as softly as was possible, she felt for the door, and, having found it, entered trembling into the vault from whence she had heard the sigh and steps. It gave her a kind of momentary joy to perceive an imperfect ray of clouded moonshine gleam from the roof of the vault, which seemed to be fallen in, and from whence hung a fragment of earth or building, she could not distinguish which, that appeared to have been crushed inwards. She advanced eagerly towards this chasm, when she discerned a human form standing close against the wall.

Das musste mal eben sein. Das ist jetzt keine Parodie, das ist Walpoles The Castle of Otranto. So hat alles angefangen. Und es hört nie auf. Das Rezept, das Walker’s Hibernian Magazine im Januar 1798 veröffentlichte, gilt heute noch immer:

Take – An old castle, half of it ruinous
A long gallery, with a great many doors, some secret ones.
Three murdered bodies, quite fresh.
As many skeletons, in chests and presses.
An old woman hanging by the neck; with her throat cut.
Assassins and desperadoes, ‚quant. suff.‘
Noises, whispers, and groans, threescore at least.

Mix them together in the form of three volumes, to be taken at any of the watering places before going to bed.

 

Über jay

Literatur-Kunst-Film-Mode-undsoweiter
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s