Horst Janssen

 

In dem Haus ist er aufgewachsen, der kleine Horst Janssen. Das Haus steht in Oldenburg. Das Plakat habe ich auch. Natürlich signiert, weil Janssen alle seine Plakate signierte. Er lag dabei auf dem Fußboden in dem Kutscherhaus an Baurs Park in Blankenese, ein Assistent zog dann die gerade signierten Plakate weg. Im piekfeinen Blankenese mochte man das trinkende Genie nicht so gerne, aber die Taxifahrer, die ihm Champagner und Underberg kauften (und ein fürstliches Trinkgeld bekamen), die liebten ihn. Als er gestorben war, hat ein Autokorso von Taxen aus Blankenese seine Leiche nach Oldenburg begleitet.

In Oldenburg ist er aufgewachsen. Ich bin in Hamburg geboren und nach Oldenburg gefahren, um nach 15 Jahren wieder nach Hamburg zurückzukommen, wo ich die Kunstschule besuchte, solange man es duldete. Danach habe ich gezeichnet bis heute und Fett angesetzt. In Oldenburg gibt es heutzutage auch ein Janssen Museum. Die haben da schöne Museen in Oldenburg, das Stadtmuseum in den beiden Villen von Theodor Francksen, das liebe ich. Irgendwie haben die da mehr Kultur als in ➱Kiel. Das Plakat mit dem Oldenburger Haus besitze ich, weil das Haus beinahe genau so aussieht wie das Haus meiner Eltern. Allerdings habe ich nie solche Klamotten getragen wie der kleine Horst Janssen. Auf einem Photo, das mich in seinem Alter zeigt, trage ich eine zweireihigen Mantel, den mir der Schneidermeister Schiwal aus dem Mantel eines Verwandten geschneidert hatte. Der Snobismus fängt früh an.

Janssen arbeitete nicht immer für Bares, manchmal auch für Alkoholika. Oder war durch Alkohol gnädig zu stimmen, etwas zu verkaufen, was er eigentlich noch behalten wollte. Die Geschichte, wie der Bremer ➱Arno Schmidt Fan Otto Proksch zu seinem Edgar Allan Poe gekommen ist, habe ich in ➱The Raven schon erzählt. Was wäre aus dem gebürtigen Hamburger, der in Oldenburg aufwuchs und der ein Leben führte, als sei er aus einem Lied von Carl Michael Bellman entsprungen, wohl geworden, wenn er den Alkohol nicht gehabt hätte. Warum fällt mir immer Bellman ein, wenn ich an Janssen denke? Warum hat er nie dessen Lieder illustriert? Das müsste ihm doch gelegen haben.

So troll´n wir uns ganz fromm und sacht
vom Weingelag und Freudenschmaus,
wenn uns der Tod ruft: Gute Nacht,
dein Stundenglas rinnt aus!
Wer heut noch frech den Schnabel wetzt
und glaubt ein großer Herr zu sein,
paß auf, der Schreiner hobelt jetzt
schon grad an deinem Schrein.
Scheint das Grab dir tief und dumpf sein Druck,
Alavott, so nimm noch einen Schluck
und noch einen hinterher
und rasch noch zwei dreie mehr,
dann stirbt sich´s nicht so schwer.

Hannes Wader hat auf der CD Liebe, Schnaps und Tod Bellman gesungen, dieses Lied, das im Original Under måltiden, varvid han ställer döden under gästernas ögon heißt, natürlich auch. Liebe, Schnaps und Tod ist eine CD, die man empfehlen kann. Harald Juhnke hat auch Bellman gesungen, aber das ist eine CD, die man nicht empfehlen kann (ich habe sie mal für eine Mark gekauft, ich weiß, wovon ich rede).

Hätte Janssen auch zwanzigtausend Zeichnungen und Aquarellen und dreitausend Radierungen zustande gebracht, wenn er nicht gesoffen hätte? Hat Rembrandt soviel graphische Blätter produziert? An den erinnert er mich manchmal. Und im Oldenburger Janssen Museum hat es auch schon einmal eine Ausstellung mit dem Titel Nach „Ihm“ Horst Janssen und Rembrandt: Portraits und Landschaften gegeben. Manischer als Rembrandt hat er sein eigenes Gesicht gezeichnet. Eins dieser Selbstbildnisse habe ich auch. Habe ich ersteigert. War in einer Auktion für einen guten Zweck. Wahrscheinlich für die Parteikasse der SPD. Die Auktionatoren waren Norbert Gansel und mein Freund ➱Gert Börnsen. Ich habe hundert Mark dafür bezahlt. Es sei nicht das Blatt für die Griffelkunst hat Gert gesagt, ich weiß nicht, ob das eine Warnung war oder die Hervorhebung einer Besonderheit. Zehn Minuten vorher hätte ich in der Auktion für einen Hunni einen Harald Duwe kaufen können, aber den wollte niemand haben. Es war ein Portrait von dem Oppositionführer Klaus Matthiessen, aber hängt man sich einen Mann mit Schifferkrause ins Wohnzimmer?

Janssen hat in seiner Dankesrede für den Schillerpreis 1975 gesagt: Das Auge eines Zeichners ist ein ziemlich verzwicktes Ding. Die Transaktionen von außen nach innen und von innen nach außen sind recht verquerer Art und ganz und gar nicht so geordnet, wie sie im Im- und Export gemeiniglich sind. Man kann sagen: So ein Zeichnerauge ist ganz unnütz für das Notwendige, überflüssig für das Gemeinwohl, ein asozialer Lüstling und gänzlich ungeeignet fürs Demonstrieren. Das faksimilierte illustrierte Manuskript gab es dann auch gleich bei St Gertrude zu kaufen, der Mann, der hinter den flüchtigen Erscheinungen dieser Welt in ihren wechselnden Verkleidungen her war, war gut im Vermarkten seiner selbst.

Aber er war des Marktes auch häufig überdrüssig: Sagte ich: Kunst – Kunsthandel – Markt sei eine total verleimte Sache, in der das eine ohne das andere gar nicht wäre? Eben – und für das, was sich seit 20 Jahren am aufdringlichsten spreizt, müssen sie noch das TV-Feuilleton dranpappen; wie wohl sonst käme das Abtudät-Publikum in den Genuss, miterleben zu dürfen, wie irgendwo Strippen durch die Gegend gezogen werden, Nägel in die Sahara gekloppt werden und mehr oder weniger kleine Rathäuser in Regenschutzhäute eingewickelt werden? Das TV Feuilleton hat seinen 85. Geburtstag am heutigen Tag natürlich nicht vergessen. N3 sendet am 15. November um 12.45 Uhr eine Dokumentation über Leben und Werk mit dem Titel Horst Janssen – Ich bin die Gnade Gottes (die Sendung bleibt dann 90 Tage in der Mediathek abrufbar). Diese hübsche Mondnacht mit der Katze erinnert mich in der Abstraktion, die beinahe japanisch ist, an den ➱Fuchs im Schnee von ➱Winslow Homer.

Der Bohemien, der einmal gesagt hat: Ich habe immer Wert darauf gelegt, Kunst zu vermeiden, hat über seine Kunst sehr ironisch gesprochen: Die großen, sehr ausführlichen, ganz und gar gefüllten Zeichnungen in Bleistift und Buntstift stelle ich für den allgemeinen Markt her … Das Sujet dieser Zeichnungen ist marktkonform. Die Leute lieben im Falle J. die etwas angekrüppelten Gnome, die geilen Sybillchen und die aufgesperrten Katzengesichter und ähnliches … Die Zeichnungen der zweiten Kategorie verfertige ich in einer halben Stunde. Es sind die faulen, aber eleganten Umrißzeichnungen, die ich als Präsent mitbringe zu Leuten, die mich aus diesem Grunde einladen, zum Tee oder zu was weiß ich. Als Motiv dient häufig eine Anzüglichkeit auf den Gastgeber oder, wenn sich solche ganz und gar nicht anbietet, ein vergnüglich miteinander spielendes Paar … Den größten Effekt aber erreiche ich mit den Zeichnungen der dritten Kategorie – den Selbstbildnissen.

Zu Andy Warhol fällt mir nix ein, außer dass Horst Janssen mal Andy war hohl auf eine Grafik geschrieben hat. Wenn man das graphische Werk von Janssen mit den Siebdrucken von Warhol vergleicht, muss man sagen, dass an dem Kalauer was dran ist. Es wäre ja schön, wenn Andy Warhol George Washington portraitiert hätte. Er hat zwar Marilyn Monroe und alle möglichen anderen Berühmtheiten „gemalt“, den Gutsbesitzer aus Virginia aber nicht. Ich hätte jedoch hier eine wirklich wunderbare ➱Seite, wie Sie sich mit kleinen Kiddies einen echten Andy Warhol an Washingtons Geburtstag basteln können. Das stand am 25. Todestag von Warhol (und dem 280. Geburtstag von George Washington) hier in dem Post ➱Eduard Gaertner. Witzigerweise hat Andy Warhol dieses Plakat irgendwann einmal signiert (auf jeden Fall hat man in Oldenburg eins mit den Unterschriften von Janssen und Warhol), man weiß aber nicht, ob ihm das übersetzt wurde, was auf dem Plakat stand. Nachdem wir in den letzten Tagen gesehen haben, dass man mit billigen Warhol Siebdrucken Millionen verdienen kann, fragt man sich natürlich, was ein von Warhol signierter Janssen wert sein kann

Das Talent des jungen Janssen ist schon früh erkannt worden. Sein Zeichenlehrer auf der Napola in Haselünne, Hans Wienhausen, hatte ihn schon gefördert. Nach dem Krieg zog die Halbwaise Horst Janssen nach Hamburg, die jüngere Schwester seiner Mutter hatte ihn nach deren Tod 1943 adoptiert. Er hat sein Tantchen, die ihm auch das Kunststudium finanziert hat, immer wieder gemalt und beschrieben. Ab 1946 hat er an der Landeskunstschule in Hamburg, die wir auch als Li-La-Lerchenfeld kennen, bei Alfred Mahlau studiert. Ich bin da mal mit meinem Freund Uwe (der eines Tages Kunstprofessor geworden ist) gewesen, um mich nach den Aufnahmebedingungen zu erkundigen.

Das erste, was ich sah, war jemand auf einer langen Leiter, der eine rote Linie an die Decke malte. Als ich ihn fragte, was er da mache, hat er gesagt, dass das Kunst sei. Es hieße Endlose Linie. Ich denke mir, dass da kein Segen drauf liegt und lese auch wenig später in der Zeitung, dass es wegen der Endlosen Linie in der Kunsthochschule Lerchenfeld in Hamburg einen Skandal gegeben habe. Der junge Linienmaler, dessen Name mir damals nichts sagte, ist von seiner Dozentur zurückgetreten. Wahrscheinlich um einem Rausschmiss zuvorzukommen. Das war der Beginn der Karriere von Friedensreich Hundertwasser. Wie dieses Bild hierher gekommen ist, ist mir unerklärlich.

Horst Janssen, der der Meisterschüler von Alfred Mahlau war und auch ein kleines Buch über ihn verfasste (Alfred Mahlau: Der Zeichner und Pädagoge), hat über seinen Lehrer nie ein böses Wort gesagt. Das ist bei Künstlern selten. In Janssens Klasse ist auch ein gewisser Bernhard-Viktor Christoph Carl von Bülow gewesen, der im Jahr zuvor noch Oberleutnant in der Wehrmacht war. Wir kennen ihn besser unter dem Namen Loriot. Dass er 1962 in dem Film Der längste Tag einen deutschen Offizier gespielt hat, fand ich immer sehr witzig. Auch an der Kunsthochschule, aber nicht in der Klasse von Mahlau, war ➱Paul Wunderlich, der über Mahlaus Klasse einmal gesagt hat: Die Klasse Mahlau war ein wahrhaft exotischer Haufen … aber alle führte Alfred Mahlau ein in die Disziplin des Sehenlernens.

Janssen hat auch über Wunderlich nur nette Dinge gesagt. Vorbild, Lehrer und Gegensatz hat er ihn in einer Laudatio zu einer Ausstellung genannt. Das gab es auch gleich gedruckt bei St Gertrude (oben links). Ich mag Wunderlich nicht so sehr, wie ich schon mehrfach im Blog gesagt habe. Nicht, weil er mich mal mit seinem Rolls eingeparkt hat, sondern weil er sein Talent an das Herstellen von kunstgewerblichem Softporno verschwendet hat. Aber er hat Janssen die Kunst der Radierung beigebracht. Warum habe ich bloß damals diesen Wunderlich gekauft? Wahrscheinlich, weil es der zweite von hundert Abzügen war. Und ich mir einbildete, der würde noch mal was wert.

Alfred Mahlau, dem die Zeit das Wappen mit dem Bremer Schlüssel und der Niederegger Marzipan sein Firmensignet verdanken, ist in diesem Blog schon in dem Post Carl Otto Czeschka vorgekommen. Rolf Panny hat mir erzählt, dass er Mahlau gekannt, woraufhin ich ihm ein Buch mit Illustrationen von Mahlau schenkte, damit er ein Stückchen Hamburg mit nach Neuseeland nehmen konnte. Rolf Panny, der mit Dell Panny verheiratet ist (die schon in dem Post C.K. Stead: Kiwi vorkommt), ist Hamburger. Ein langer Weg hat ihn über die Universitäten von Kalifornien (Berkeley) und Wisconsin (Madison) nach Neuseeland geführt.

Er hat gerade den zweiten Teil seiner Memoiren, Open Roads Ahead – Memoirs Part Two, vollendet. Den ersten BandBetween Hitler and a Hard Place: A memoir 1924-1948, habe ich schon gelesen. Ich kenne die Pannys, weil Dell mehrmals bei uns am Institut als Gastprofessorin gewesen ist. Da dachte ich mir, ich schicke mal eben einen Gruß nach Neuseeland. Ist sonst ja bannig weit weg.

Es hängen bei mir nicht mehr so viel Janssens an der Wand wie in den siebziger Jahren. Damals musste man seine Plakate ja einfach haben. Den Poe habe ich natürlich. Joyce (den gab es hier gestern schon zu sehen) und Proust auch, Novalis und ➱Jens Peter Jacobsen hängen irgendwo in einer Ecke. Den Theodor Storm finde ich hübsch. Die Düsseldorfer Radschläger habe ich mal Götz geschenkt, weil der aus Düsseldorf ist. Horst Janssen begleitete mit seinen Bildern und seinen Schriften mein Leben. Ich stand jahrelang auf der mailing list der Buchhandlung Laatzen in Hamburg, die ein Monopol auf Horst Janssen zu haben schien. Die gibt es heute auch nicht mehr, nur noch virtuell im Internet.

Dieses Plakat hatte ich auch mal in der Wohnung hängen, ich tauschte die je nach Laune aus. Ich hatte genügend. Ich kaufte Janssen Plakate so wie ich Hannes Wader Platten kaufte und Arno Schmidt las. 1968 repräsentierte Janssen mit Richard Oelze und Gustav Seitz die Kunst der BRD in Venedig, bekam auch einen Preis. Noch zu seinen Lebzeiten veröffentlichte sein Freund Stefan Blessin, der eine der größten privaten Janssen Sammlungen besitzt, eine Biographie über ihn. Von der gibt es inzwischen eine überarbeitete Neuauflage. Und von Joachim Fest gibt es ein schönes (und sehr informatives) persönliches Buch mit dem Titel Horst Janssen: Selbstbildnis von fremder Hand, das 2001 im Alexander Fest Verlag erschienen ist.

Richard Oelze und Gustav Seitz, mit denen er einst zusammen die deutsche Kunst repräsentierte, sind von der Kunstwissenschaft ernstgenommen worden (➱Oelze und ➱Seitz, der der Lehrer meines ➱Onkels Karl war, haben hier auch schon einen Post), Janssen hat man jenseits des Feuilletons wenig beachtet. Die Zeit, in der er schon 1947 eine Zeichnung veröffentlichte, war ihm immer wohlgesonnen. Ich weiß nicht, was von ihm bleibt. Aber wir sollten immer bedenken, dass seine Kunst auch eine Kunst für den kleinen Geldbeutel war. Und ein Janssen an der Wand war vor fünfzig Jahren sicherlich besser als die nackten ➱Zigeunerinnen oder röhrenden Hirsche, die es bei Karstadt gab.

Ich wollte diesen Post zuerst mit einem Lied von Carl Michael Bellman beschließen (Sie können Fredmans Episteln ➱hier zweisprachig lesen), aber dann dachte ich mir, ich nehme lieber ein Gedicht von seinem Freund Peter Rühmkorf (die beiden sind oben zu sehen). Es heißt Al fresco und die Landschaft spielt darin eine Rolle. In Landschaften war Janssen auch gut, was man dem Band Horst Janssen: Landschaft von Gerhard Schack (der ein ebenso großer Janssen Sammler wie Stefan Blessin war) entnehmen kann.

Sieh hinter deinen Rollen

wie leicht der Schnee in Nebel fällt.

Oh das Nichtendenwollen

der Wiese und der Welt.


Die Hecken, die Kanäle,

gibt alles seine Grenze hin;

das stimmt bis in die Seele

und malt sich fort als Sinn.


Laß-laß dem Tag die Schwebe

und rühr nicht an den Trauerrand.

Ich bin ja auch nur kurz im Land

und weiß nicht, wie lange ich lebe.


Mit vielen Himmelsmitteln

hat Unschuld sich ein Bild erblufft.

Nur noch ein paar Wünsche rütteln

wie Falken in der Luft.


Dahinten und daneben:

halb Land-, wer weiß, halb Küstenstrich −

Langsam die Welt will wandeln sich

und dann soll Ruhe geben.








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Über jay

Literatur-Kunst-Film-Mode-undsoweiter
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