Realisten

 

Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte im Schloss Gottorf zeigt ab heute bis zum 8. März 2015 in einer großen Retrospektive das Werk von Friedel Anderson, der am 6. November sechzig geworden ist. Auf jeden Fall das Werk der letzten zehn Jahre, denn der Titel der Ausstellung ist Friedel Anderson: Licht Blick. Malerei und Graphik 2004–2014.

Schon im letzten Jahr konnte man in Schleswig Bilder des Malers sehen. Da hieß die Ausstellung Norddeutsche Realisten und war ein Riesenerfolg (das Photo hier wurde während der Ausstellungseröffnung gemacht). Man war stolz auf die vierhundert Leute, die zur Eröffnung gekommen waren. Aber vierhundert Besucher waren bestimmt auch an jenem schönen Septembertag 1990 bei der Eröffnung der Ausstellung Realisten der Gegenwart in der Galerie Kirchnüchel. Darüber habe ich schon vor einem Jahr in dem Post, der ➱Friedel Anderson heißt, geschrieben.

Realisten scheinen wieder einmal Konjunktur zu haben. Einen Realismus in der Malerei hat es immer wieder gegeben. Für Roman Jakobson war der Realismus eine Kunstströmung mit dem Ziel, die Realität durch Streben nach einem Maximum an Wahrscheinlichkeit möglichst unverfälscht wiederzugeben. Seine Definition zielte auf den Realismus des 19. Jahrhunderts, auf Courbet und andere. Die Neue Sachlichkeit, den magischen Realismus von ➱Oelze oder ➱Radziwill und den amerikanischen Realismus eines ➱Charles Sheeler oder ➱Edward Hopper kannte er noch nicht.

Irgendwie scheint man hier oben im flachen Land den Realismus zu mögen. Vierzehn Jahre vor der Ausstellung der Realisten der Gegenwart in Kirchnüchel konnte man in der Kunsthalle Kiel auch viele Realisten sehen, diesmal waren es die amerikanischen ➱Photorealisten. So hat sie der Galerist Louis K. Meisel (der mit ihnen gutes Geld verdient hat) genannt: Als mich ein Kunstkritiker fragte, wie ich diese Maler nennen würde, die Kameras und Fotografien als Grundlage für ihren Malprozess nutzen, antwortete ich: ›Ich weiß nicht so recht … Vielleicht fotografische Realisten … Nein! Fotorealisten. Die Ausstellung über die amerikanische Kunst wanderte danach in die Nationalgalerie Berlin. Das Katalogbuch Amerikanische Kunst von 1945 bis heute von Dieter Honisch und Jens Christian Jensen ist antiquarisch noch sehr preisgünstig zu finden.

Ich kann mich noch genau an die Eröffnung erinnern, als der Direktor ➱Jens Christian Jensen dem Ministerpräsidenten Stoltenberg, dem ich damals gerade die Rede für die Eröffnung der Moby-Dick Ausstellung in Schleswig geschrieben hatte (lesen Sie ➱hier mehr), etwas vergeblich die amerikanische Kunst näher zu bringen versuchte. Ich habe da Mäuschen gespielt und mich ganz elegant der Gruppe des Ministerpräsidenten angeschlossen. Das war schon sehr komisch, was da geredet wurde. Dass man in Kiel dem Photorealismus gegenüber aufgeschlossen war, hatte man schon bewiesen, als man das riesige Bild (drei mal vier Meter) Saintes Maries de la Mer von Franz Gertsch im Treppenhaus aufhängte.

So realistisch der neue Realismus daherkommt, er bleibt meistens kühl und leer. So wie diese gedeckte Tafel von Friedel Anderson. Kein Vergleich mit dem Spargelbund von Manet, das ➱hier einen Post hat. Wenn der Realismus sich darin erschöpft, eine Photographie mit anderen Mitteln zu sein (und der amerikanische Photo- oder Hyperrealismus ist ja nichts anderes), dann leben die Bilder nicht. Es braucht schon ein wenig mehr. Der englische Maler und Kunstkritiker Roger Fry hat bei den Impressionisten beklagt, dass sie nur die sichtbare Oberfläche gemalt hätten:

Impressionism encouraged an artist to paint a tree as it appeared to him at the moment under particular circumstances. It insisted so much upon the importance of his rendering this exact impression that his work often completely failed to express a tree at all; as transferred to canvas it was just so much shimmer and colour. The ‚treeness‘ of the of the tree was not rendered at all; all the emotion and associations such as trees may be made to convey in poetry were omitted. Er sagt das in einem Kapitel über Manet. Der natürlich von der Kritik ausgenommen wird, weil er kein Impressionist, sondern ein Post-Impressionist ist.

Und natürlich haben die ➱Pinien des Post-Impressionisten Cézanne wohl etwas von dieser Baumhaftigkeit, um die es Fry geht. Es ist eine schwierige Sache mit der ‚treeness‘ of the of the tree. Was ist mit diesen Bäumen, durch die Carl Blechens Waldweg bei Spandau führt? Haben sie genug treeness? Ist die Suche nach dem innersten Gehalt nicht eine Sache der Romantik? Ich halte dafür, dass die Malerei ihrem Wesen nach eine konkrete Kunst ist und einzig in der Darstellung der wirklichen und vorhandenen Dinge bestehen kann. Sie ist eine ganz und gar körperliche Sprache, die sich anstelle von Worten aus allen sichtbaren Dingen zusammensetzt; ein abstraktes, nicht sichtbares, nicht vorhandenes Ding hat im Bereich der Malerei nichts zu suchen, hat Gustave Courbet gesagt.

All die schönen Definitionen der Kunstkritiker, ob es die Realismus Definition von Jakobson oder die Sache mit der treeness bei Fry sind, sind letztlich wenig wert. Man hat es in der Schule gelernt, der Kunst diese Etiketten anzukleben: Klassik, Romantik, Impressionismus, Expressionismus etcetera, doch was hilft es, für das Verständnis eines Bildes? Kann man Hoppers Room by the Sea besser damit verstehen? Es geht um Licht und Luft, oder, wie ➱Jan Hendrik Weissenbruch (der mit seinen realistischen holländischen Kollegen ➱hier einen Post hat) sagte: Licht en lucht, dat is de kunst.

Aber wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Friedel Andersons Kontor (dies ist ein Ausschnitt) wirkt gegenüber Hoppers Room by the Sea wie ein schlechtes Plagiat. Wir schreiben gemeinhin Ben Akiba den schönen Spruch Alles schon mal dagewesen zu (allerdings steht der zuerst in Gutzkows Uriel Akiba), das ist ein schöner Gemeinsplatz. Ebenso wie das Nihil novum sub sole des Predigers. Ich glaube, die Realisten leben nach der Devise, die sich bei Goethe findet: Alles Gescheidte ist schon gedacht worden, man muß nur versuchen es noch einmal zu denken.

Man hat Friedel Anderson einen Meister des Interieurs genannt. Das kann man tun, wenn man nicht vergisst, dass es da schon andere gegeben hat. Größere. Wie hier Vilhelm Hammershøi mit seinem Bild Støvkornenes dans i solstrålerne aus dem Jahre 1900. Hammershøi hat (wie ➱Lenbach) den Photoapparat benutzt, was die neueren Realisten angeblich nicht mehr tun. Man braucht es nicht, um realistisch zu malen. Als ➱John Singleton Copley seinen Knaben mit dem Eichhörnchen malte, gab es noch keine Photoapparate. Die geheime Formel der Realisten scheint ➱Ezra Pounds Forderung to make it new zu sein. Hammershøi malt (wie gleichzeitig ➱Weissenbruch) die Interieurs der holländischen ➱Maler des 17. Jahrhunderts noch einmal. Der Realismus recycelt ad infinitum.

Aber so nett ich die norddeutschen Realisten finde, und so sehr ich ihr Bemühen um das variatio delectat respektiere, gegen Weissenbruch und seine Kollegen von der Haager Schule sehen sie ein wenig ärmlich und dated aus. Nichts macht den modernen Kunstfreund ratloser als ein ’schönes‘ Bild, sagt Nikolaus Störtenbecker, der eine Art Pate der norddeutschen Realisten ist. In eine kulturelle Diaspora seien sie verbannt, beklagt er: Wir können aber doch unsere Fähigkeit zu sehen, zu malen, nicht wegoperieren lassen, nur weil sie ‚out‘ ist.

Man hat Friedel Anderson auch den wichtigsten Freiluftmaler Norddeutschlands genannt, einen Experten für Licht und Schatten. Sein Sohn hat ihn einmal den besten Abmaler der Welt genannt, solch hübschen Satz nehmen Journalisten gerne auf. Im Newsportal shz.de hat man ihn gerade Der malende Journalist genannt. Dies Bild hat Anderson im letzten Jahr gemalt, es zeigt Besucher der Schleswiger Ausstellung Norddeutsche Realisten (in der Anderson ja selbst vertreten war). Man fragt sich allerdings: musste das unbedingt gemalt werden?

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Eine Antwort zu Realisten

  1. mannigfaltiges schreibt:

    …und vielen Dank für die interessanten Links!
    lg e.

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