Apotheose

 

Die Krönung in dieser Ausstellung der großformatigen Scheußlichkeiten [Ossian und die Kunst um 1800], dieses Kitsch as Kitsch Can des Age of Sentiment, war für mich Girodets Huldigung an Napoleon, die Apotheose der während des Befreiungskrieges für das Vaterland gefallenen französischen Helden. Gefühlte drei Meter mal vier Meter groß, in Wirklichkeit etwas kleiner. Da werden Napoleons gefallene Generäle im Himmel der Helden von Ossian empfangen. Und der am Himmel schwebende Adler weicht dem gallischen Hahn, das ist wirklich sehr komisch. Die Sache mit dem Federvieh da über den Helden soll natürlich den Frieden symbolisieren. Napoleon führt in seiner Grande Armee die Adler auf seinen Standarten ja nur, um den Frieden zu bringen.

Das stand hier schon einmal in dem Post ➱Nicolai Abildgaard. Ich habe das Bild 1974 in der Hamburger Ossian Ausstellung gesehen. Man vergisst es nie. Der Maler ➱Anne-Louis Girodet-Trioson, der es malte, ist heute vor hundertneunzig Jahren gestorben. Da muss er mal eben erwähnt werden. Er war ein Schüler von Jacques-Louis David, was man an diesem Bild noch sehen kann. In Davids Studio hatte auch der Mainzer Maler ➱Johann Adam Ackermann gelernt, dessen Post in diesem Blog ein kleiner Bestseller ist; liegt wahrscheinlich daran, dass er bei Google unter den ersten Ergebnissen ist.

Der Wiener Kunsthistoriker Werner Hofmann war 1969 Direktor der Hamburger Kunsthalle geworden. Er begann die siebziger Jahre mit einer Ausstellungsreihe, die weltweite Beachtung fand. Neun ➱Ausstellungen von 1973 bis 1981 zum Thema Kunst um 1800. Die Festschrift, mit der die internationale Kunstwelt den Hamburger Direktor zum sechzigsten Geburtstag 1988 ehrt, wird mit dem Titel Kunst um 1800 und die Folgen auf diese einmalige Ausstellungsreihe anspielen. Füssli, Caspar David Friedrich, Runge, Turner, Blake und Goya. Sergel und Flaxman nicht zu vergessen. Exzellente Kataloge vom Prestel Verlag, 25.000 werden vom Turner Katalog verkauft. 45.000 vom Caspar David Friedrich Katalog. Ich sah damals in der Ausstellung zwei ältere Damen in grauen Strickjacken und Dutt, die noch einen alten Katalog mit dem Naziadler vorne drauf mitgebracht haben. Rührend. Hofmann bekam für die epochale ➱Caspar David Friedrich Ausstellung gerade mal 100.000 Mark Zuschuss vom Staat.

Manche Ausstellungen waren ein Flop, nur 20.000 Besucher verirrten sich in die faszinierende William Blake Ausstellung. Die für mich schönste Ausstellung war allerdings eben diese Ossian Ausstellung, die man vom Louvre bekommen hatte. Das kriegen nur die Franzosen hin. Für den jungen Werther hatte einst der Ossian den Homer in seinem Herzen verdrängt. Napoleon konnte noch Teile dieser grandiosen Literaturfälschung auswendig aufsagen. Helden müssen ja einen Lieblingsdichter haben. Alexander hatte Homer, Augustus seinen Vergil, mir bleibt Ossian, soll Napoleon gesagt haben. Als man ihm auf der Überfahrt nach Ägypten aus der Odyssee vorliest, sagt er: Et vous appelez cela du sublime? Quelle différence de votre Homère à mon Ossian! Lisons un peu d’Ossian.

Ich war viermal in der Ausstellung. Diese unglaublichen Bilder. Beinahe 130 Stück. Girodets Huldigung an Napoleon Bonaparte (ganz oben) – die auch unter den Titeln Les ombres des Héros français reçues dans les Palais aériens d’Ossian oder L’Apothéose des héros français morts pour la patrie pendant la guerre de la liberté bekannt wurde – ist ein Meter dreiundneunzig mal ein Meter vierundachtzig groß, Gérards Gemälde Ossian am Ufer der Lora (im Absatz unten) hat die gleiche Größe. Ingres’ schon beinahe modern abstraktes Bild Der Traum Ossians (hier) hat die stattliche Größe von drei Meter achtundvierzig mal zweifünfundsiebzig. Einen großen Barden müssen die Franzosen auch groß malen.

Seit Jacques-Louis David geht das nicht anders. Die Bilder von Girodet und Gérard waren Auftragsarbeiten für den Speisesaal des Schlosses Malmaison gewesen. Girodets Bild war nicht rechtzeitig fertig geworden, Napoleon schickte den Gérard auf Reisen. Nach England. Damit die Limeys mal sehen, wie man nationale Helden richtig malt. Die Bilder hingen nicht lange in Malmaison. Den Gérard schenkte Napoleon 1810 dem Marschall Bernadotte, das Bild soll auf dem Transport nach Schweden verloren gegangen sein. Hamburg zeigte 1974 aus eigenem Bestand ein Bild, das sich Bernadotte – inzwischen König von Schweden – wohl als Replik in Paris bestellt hatte.

Den Girodet hatte Napoleon nie gemocht. Solche Bilder wie diesen David, die mochte er. Selbst wenn er nur auf einem Lastenesel über die Alpen geritten war. Aber all die toten Generäle und Marschälle (Desaix, Marceau, Dampierre, Kléber, Caffarelli du Falga, La Tour d’Auvergne, Joubert, Championnet, Dugommier und Hoche) auf einem Bild mit seinem geliebten Ossian in Walhall. Und bei all den Helden eben auch Männer wie ➱Jean-Baptiste Kléber, bei dessen Namen er ewig ein schlechtes Gewissen hatte.

General Louis Desaix umarmt auf dem Bild Ossian, Jean-Baptiste Kléber (erkennbar an seinem Fez) reicht Fingal die Hand. Und wo ist der große Held und Ossian Liebhaber Napoleon? Der ist auch auf dem Bild, auf dem Pfeifenkopf eines Soldaten unterhalb von Ossian und Desaix (Sie können ➱hier die Details des Bildes beliebig vergrößern). Ist das schon lèse-majesté? Diese Leggings sind auf jeden Fall ein wenig pervers, solche Sachen sind in diesem Blog immer gut aufgehoben. Es hagelte Kritik an dem Bild, die wahrscheinlich von Napoleon gesteuert wurde. Auch Girodet-Triosons Lehrer David krittelte an dem Werk seines besten Schülers herum, es seien keine wirklichen Helden auf dem Bild, es seien Figuren aus Kristall: Ah ça! mais il est fou Girodet? Il est fou, ou je n’entends plus rien à l’art de la peinture; ce sont des personnages de cristal qu’il nous a faits là. Avec son beau talent, il ne fera jamais que des sottises, il n’na pas le sens commun. 

Aber David wusste auch, dass mit diesem in der französischen Malerei einzigartigen Werk der Klassizismus zu Ende war. Und die Romantik begonnen hatte. Girodet, der ein schönes satirisches Talent besaß (wie er im Jahr zuvor mit seinem bösartigen Bild der Kurtisane Mlle Lange gezeigt hatte), kommentiert das Ganze auf seine eigene Weise: er malte das Bild noch einmal. Diesmal sehr klein (man kann es ➱hier in größeren Details sehen). Und sehr bösartig. Es wurde nur privat herumgezeigt, Napoleon hat es nie gesehen. Die Helden Frankreichs sind zu grotesken Figuren geworden, dem stolzen Adler fällt die Beute aus den Fängen. Der gallische Hahn, der im Original auf der Siegesgöttin thront, ist zu einer gerupften Karikatur geworden (➱hier die Originalversion zum Vergleich). Wenn ➱Füssli eine Schreckensversion dieses Bildes hätte malen sollen, sie hätte wahrscheinlich so ausgesehen.

Gegenüber all dieser Großartigkeit in der Ausstellung (die auch noch wirkungsbetont gehängt war), waren die eindrucksvollen Ossian Bilder von ➱Nicolai Abildgaard beinahe klein und intim. Noch kleiner die bezaubernde kleine Tuschzeichnung von ➱John Sell Cotman. Die allein wäre den Besuch der Ausstellung wert gewesen. Ich gehe ja immer mit der Frage Was würdest du klauen? in eine Ausstellung. Den Girodet auf keinen Fall. Passt eh in kein Wohnzimmer. Aber bei dem Cotman, da war ich schon in Versuchung.

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