Frühstück

 

Ich komme noch einmal auf den gestrigen ➱Post zurück. Bei all den Bewegungen, dem Kunstraub, der Restitution und den Auktionen ist man doch glücklich, wenn es Bilder gibt, die an ihrem Ort bleiben. Wie dieses ➱Frühstück von Manet, das seit über hundert Jahren in der Neuen Pinakothek in München hängt. Ich komme auf Manet, weil die Bostoner Brüder William Stuart und John Taylor Spaulding dem Bostoner Museum of Fine Art auch einen Manet geschenkt hatten (die Schenkungen an die Museen wurden natürlich nicht bei der Maggi-Spaulding Auktion verhökert).

Der junge amerikanische Millionär William Stuart Spaulding auf dem Bild von ➱John Quincy Adams erinnert mich irgendwie an den jungen Léon Leenhoff auf Manets Bild: dandyhaft elegant posierend und doch ein wenig unsicher. Beide werden als ➱Dandy in Szene gesetzt, beide tragen eine Art boating jacket, seit den Tagen von Beau Brummell ist Schwarz die bevorzugte Farbe des Dandy. Beide blicken ins Leere. William Stuart Spaulding so, als warte er auf das Vögelchen, das aus dem Apparat des Photographen herauskommt. Der junge Léon Leenhoff (der vielleicht der Sohn von Manet ist) mit einer gewissen angestrengten Gleichgültigkeit.

Hat der Dandy zu lange vor dem Spiegel geschlafen? Der junge Mann ist ein anschaubares Paradoxon: konzentrierte Leere, anwesend und abwesend, eine männliche Sphinx, sagt Werner Hofmann in seinem Buch Edouard Manet: Das Frühstück im Atelier. Augenblicke des Nachdenkens, das in der schönen Reihe Kunststück bei Fischer erschienen ist. Ist dies die désinvolture, von der Ernst Jünger so gerne spricht? Oder ist er einfach ein bisschen doof? Man ist sich da nicht so sicher. Wir sollten aber bei allen Interpretationen, die der junge Dandy erfahren hat, bedenken, dass er erst sechzehn ist.

Bis das Bild, das gemeinhin Frühstück im Atelier heißt, von Paris nach München findet, hatte es verschiedene Besitzer. Manet hatte es im Salon ausstellen dürfen, es landete nicht wie Das Frühstück im Grünen im ➱Salon des Refusés. 1898 wurde es an den Margarinefabrikanten und Sammler Auguste Pellerin verkauft. Seinen heutigen Titel Le dèjeuner dans l’atelier erhielt es bei der Weltausstellung von 1900, bei der es ausgestellt wurde. 1910 wird der Margarinekönig seine Manets in einem Aufsehen erregenden Deal für eine Million Franc verkaufen. Sie waren wohl mehr wert.

Man nimmt an, dass Antonin Proust (hier von Manet gemalt), der mit Manet zur Schule gegangen war (und nicht mit ➱Marcel Proust verwandt ist), um die Jahrhundertwende alles von Manet auf dem Kunstmarkt für betuchte Sammler wie Auguste Pellerin gekauft hatte. Pellerin verkauft jetzt an ein Konsortium, das aus Bernheim-JeuneDurand-Ruel und dem deutschen Paul Cassirer besteht. Hatte er sich an Manet satt gesehen? Kann man das? Seine Cézannes hat er aber behalten, die werden seine Kinder erben und sie eines Tages verschiedenen französischen Museen schenken.

Viele der Bilder Pellerins wurden 1910 in der Modernen Galerie von Heinrich Thannhauser (der auch die erste Ausstellung von Der Blaue Reiter organisiert hatte) ausgestellt. Nicht, dass Hugo von Tschudi (der mit ➱Harry Graf Kessler befreundet war) das Bild da zuerst gesehen hätte. Er kannte seinen Manet, vierzehn Jahre zuvor, als er Direktor der Nationalgalerie in Berlin war, war er mit Max Liebermann nach Paris gereist und hatte groß eingekauft. Seitdem besitzt Berlin Édouard Manets Im Wintergarten. Aber die Müncher Ankaufskommission steht den Plänen ihres neuen Direktors der Staatlichen Galerien, der gerade von Berlin nach München gekommen ist, etwas feindlich gegenüber. So wird das Frühstück im Atelier der einzige Manet bleiben, den Tschudi von Paul Cassirer kaufen wird.

Die Kunstfreundin und Sammlerin Gabriele Henkel hat zu dem Bild eine hübsche kleine Beschreibung geliefert: Seine Bilder wirken wie gefrorene Augenblicke, photographischen Schnappschüssen gleich. Mein Lieblingsbild bedient sich ebenfalls dieser Technik. Festgehalten ist ein heiterer Augenblick, ein Tableau, geheimnisvoll, das verführt, als Gast ins Atelier zu schleichen und sich unbemerkt neben den jungen Mann mit Strohhut zu stellen. Er lehnt an einem Tisch, helles Hemd, schwarz-gelbe Krawatte, Samtjackett und gestreifte Hose. Oder vielleicht doch lieber zu dem Herrn mit Zylinder am rechten Bildrand, mit der Chance, rasch aus dem Bild zu verschwinden.

Auf dem blau-weiß karierten Tischtuch locken Austern und eine sorgfältig geschälte Zitrone. Eine Bedienerin im taubenblauen Kleid serviert Café in einer silbernen Kanne. Links von ihr ein kleiner Gummibaum in einem Cache-pot in chinesischem Stil. Sicher würde ich ähnlich verwundert wie sie auf das Ensemble mit Rüstung, napoleonischem Gewehr, Degen, und, soweit erkennbar, einer Katze schauen. Die Katze scheint sich im Oevre Manets auszukennen. Mit glühenden Augen sitzt sie neben der schwarzen Frau, die der entblößten „Olympia“, einer Paraphrase auf die Venus Urbino von Tizian, Blumen reicht. Wenn ich an die Atelierbesuche bei zeitgenössischen Künstlern denke: statt Betreuung ein Eisschrank, statt Herren mit Zylinder clevere Galeristen im Boss-Anzug, und anstelle kluger Katzen der allwissende Laptop. Manet vermittelt in unprätentiöser Weise, dass er in großbürgerlichem Milieu groß geworden ist.

Ich weiß, dass dieses Bild jetzt ein wenig wie ein Schock kommt, eine an holländische Genrebilder erinnernde Gemütlichkeit statt moderner Einsamkeit. Es ist Fernand Cormons Le Déjeuner dans l’atelier. Dieses Atelierfrühstück eines Zeitgenossen von Manet hätte Hugo von Tschudi natürlich niemals gekauft, obgleich es wahrscheinlich der Ankaufskommission gefallen hätte. Nein, Cormon, der einmal berühmte Schüler wie Henri de Toulouse-Lautrec, Émile Bernard und Vincent van Gogh gehabt hat, ragt natürlich nicht an Manet heran.

Ich hätte noch ein Bild von einem déjeuner, das man mit diesen Bildern vergleichen kann, nämlich Louise Abbémas Déjeuner dans la serre, wenige Jahre nach dem Manet gemalt. Wir sind hier in einem Gewächshaus, nicht in einem Wohnzimmer, ich habe das üppige Grünzeug links und rechts weggelassen. Man speist in Künstlerkreisen (rechts im Bild ist Abbémas Freundin Sarah Bernhardt) offensichtlich gerne etwas unkonventionell. Wir können natürlich sagen, auch wenn wir es nicht wüssten, dass dies Bild von Manet beeinflusst wurde.

Manet wird viele Maler beeinflussen. Sicher hat auch Peder Severin Krøyers Bild von Holger Drachmann (das ich schon in dem Post ➱Morgen? zeigte) etwas von Manets Malweise. Auch wenn Krøyer mit dem Schwarz etwas zurückhaltender umgeht als der Franzose. Es ist ja wenig Sonnenschein auf seinem Atelierbild. In der ersten (übermalten) Fassung stand der junge Mann noch vor einer Fensterreihe, jetzt dringt die Außenwelt nicht mehr in das Atelier ein.

Krøyer ist viel in Paris gewesen. Im Jahre 1885 wird Krøyer zusammen mit Manet, Liebermann, Whistler und Sargent in der Galerie Georges Petit in Paris ausgestellt. Da ist dann die ganze Moderne beisammen. Drei Jahre später lernt er die schöne Marie in Paris kennen. Die ist selbst Malerin (der deutsche Wikipedia Artikel ist sehr fehlerhaft, da er nicht mal ihre LehrerGustave CourtoisAlfred Philippe Roll und Puvis de Chavannes richtig schreiben kann), und sie wird in ihr Selbstportrait auch ein wenig Schwarz hineinmischen. Aber da oben in der Sonne von ➱Skagen kommt das Schwarz nicht so gut an. Das ist eher etwas für die Großstadt. Wenn sie mit ihrem Mann abends am ➱Strand flaniert, dann tragen die beiden helle Kleidung. Wie würde ein schwarz gekleideter Dandy am Strand von Skagen im Mondlicht aussehen? Und dennoch kann ein Maler dem Schwarz viel Farbe abgewinnen. Les grands coloristes savent faire de la couleur avec un habit noir, une cravate blanche et un fond gris, hat Baudelaire im gleichen Jahr, in dem Le dèjeuner dans l’atelier gemalt wurde, gesagt.

Es ist das Schwarz. Diese Nicht-Farbe, die Manet handhabt wie kein anderer. Wie zum Beispiel in diesem wunderschönen Portrait von Berthe Morisot. Und so versichert uns ein Schülerlexikon im Internet: Neben Diego Velázquez ist Manet als der bedeutendste „Schwarzmaler“ in die Kunstgeschichte eingegangen. Er verlieh der „Nichtfarbe“ Schwarz eine unvergleichliche Ausdruckskraft, indem er sie in all ihren möglichen Valeurs – vor allem in der Kleidung Porträtierter – wiedergab. Diese Souveränität, mit der er Schwarzwerte in sein Bildkolorit aufnahm, weist ihm, dem Wegbereiter des Impressionismus, einen besonderen Rang in der Kunst zu. Das Bild von Berthe Morisot als Beispiel nehmend, sprach Paul Valéry im Jahre 1932 von le noir absolu, le noir d’un chapeau de deuil et des brides de ce petit chapeau mêlées de cheveux châtains à reflets roses, le noir qui n’appartient qu’à Manet.

Was bliebe von diesem Bild (dem Seegefecht zwischen der Kearsarge und der Alabama), wenn man das Schwarz herausnehmen würde? Manet in Black betitelte das Museum of Fine Arts in Boston vor zwei Jahren seine Manet Ausstellung. Aber das fängt ja nicht mit Manet an, schon viel früher haben wir dieses Schwarz in Delacroix‘ Bild des ➱Baron Schwiter (von Velázquez mal ganz zu schweigen). Doch es ist erstaunlich, wie viel Schwarz in Manets Bildern ist. Selbst in der Krawatte des jungen Dandy von Le dèjeuner dans l’atelier ist es noch zu finden. Und ähnlich wie Baudelaires Les grands coloristes savent faire de la couleur avec un habit noir klingt das, was Camille Pissaro zu Matisse sagt: Manet est plus fort que nous tous, il a fait de la lumière avec du noir. Die Seite des Museum of Fine Art zitiert Charles Baudelaire mit dem Satz, dass Schwarz die Farbe des 19. Jahrhunderts sei. Es ist auch die Farbe der Melancholie. Der Einsamkeit. Die Personen in dem Bild Le dèjeuner dans l’atelier blicken einander nicht an, jeder ist für sich allein. Das ist die Moderne. Damit müssen wir jetzt leben.

Der französische Pierre Bourdieu hat Manet und Flaubert als die Väter der Moderne gesehen. Man kann ja viele ➱Gemeinsamkeiten zwischen den beiden finden, und man sollte vielleicht erwähnen, dass Flauberts L’Éducation sentimentale im gleichen Jahr das Publikum erreichte wie Manets Le dèjeuner dans l’atelier. Es wäre ja schön, wenn es da eine Künstlerfreundschaft gegeben hätte. Wenn Manet Flaubert gemalt hätte, so wie er Zola (ein Jahr vor Le dèjeuner dans l’atelier) gemalt hat. Ich lese gerade, wie es der Zufall so will, den Briefwechsel der Brüder Goncourt mit Flaubert.

Wird Manet da erwähnt? Kein einziges Mal. Obgleich sie aus der gleichen Schicht der französischen Gesellschaft kommen, obgleich sie sich im Café Tortoni (wo Manet diesen Unbekannten gemalt hat) getroffen haben könnten, kennen sich die beiden Giganten der Moderne nicht. In Flauberts gesamter Korrespondenz fällt der Name Manet nur ein einziges Mal, in einem Brief an Zola: Was Manet betrifft, muss ich mich, da ich kaum etwas von seiner Malerei verstehe, entschuldigen.

Lesen Sie auch: ➱Edouard Manet, ➱Spargel, ➱Berthe Morisot

 

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