John Hoppner

 

Diess Bild von John Hoppner heißt Master Meyrick, es zeigt den kleinen William Henry Meyrick um 1793. Wir könnten auf den ersten Augenblick glauben, dass es ein Mädchen ist. Man muss allerdings bedenken, dass es in der feinen Gesellschaft lange üblich war, Kinder in eine Kleidung zu stecken, die von Jungen und Mädchen getragen werden konnte (man kann dazu mehr in Ingeborg Weber-Kellermanns Buch Der Kinder neue Kleider lesen). Hemingways Mutter hat den kleinen Ernest die Kleider seiner älteren Schwester Marcelline auftragen lassen. Was für den Literaturkritiker Kenneth S. Lynn der Ausgangspunkt für seine These war, dass das sein ganzes Leben geprägt hat: Is it any wonder that sexual anger, anxiety and confusion became the fate of Hemingway the man, or that his novelistic portrayals of romance, from ‚The Sun Also Rises‘ (1926) to ‚The Garden of Eden‘ (1986), are all marked by androgynous kinkiness?

Die These von Lynn ist ja nun ein klein wenig schwachsinnig. Als ich klein war, hatte ich einen weinroten Badeanzug. So etwas war vor dem Krieg der letzte Schrei gewesen, aber jetzt schrieben wir das Jahr 1950. Ich kam mir damit ziemlich doof vor, vor allem, weil das Teil auch noch aus Wolle war. Gibt mit Weserwasser und dem Sand vom ➱Schönebecker Sand eine tolle kratzende Verbindung. Aber der weinrote Badeanzug verfolgt mich nicht in meine Träume. Und ich habe auch keine der Macken, die Hemingway hatte.

William Henry Meyrick ist später Oberstleutnant in der englischen Armee geworden, es gibt keine Hinweise darauf, dass sein Leben so verkorkst war wie das von ➱Ernest Hemingway. Auch dies Bild (ungefähr zur gleichen Zeit gemalt) zeigt kein Mädchen, sondern den jungen John Granville. Als der Kunsthändler ➱Joseph Duveen das Gemälde 1928 in die Finger bekam, schwor er, den schönsten Hoppner, den er je gesehen hatte, nicht unter 110.000 Dollar zu verkaufen. Man weiß aber nicht, welchen Preis der Sohn von ➱Henry Ford für das Bild, das heute im Detroit Institute for Art hängt, bezahlen musste.

Man ist sich nicht so ganz sicher, ob dies wirklich ein Hoppner ist, aber das  es eine Frau ist, darüber gibt es keinen Zweifel. Es zeigt die Schauspielerin und Schriftstellerin Mary Robinson als Perdita in Shakespeares Winter’s Tale. Alle Maler der Zeit haben sie gemalt: Gainsborough, Reynolds, George Romney und Thomas Lawrence. In dem interessanten Blog The Duchess of Devonshire’s Gossip Guide to the 18th Century war sie einmal Tart of the Week. Und in diesem Blog füllt ihr atemberaubendes Leben beinahe den ganzen Post ➱Banastre Tarleton.

Wenn Hoppner, den ➱Richard und Samuel Redgrave the most daring plagiarist of Reynolds nennen, etwas kann, dann sind das Kinder und Frauen. Sein ➱Lord Nelson ist einfach nur scheußlich. Seine besten Bilder sind die aus den 1790er Jahren, danach beherrschen Henry Raeburn und Thomas Lawrence das Feld der Portraitmalerei. Lawrence schrieb 1810 über seinen Rivalen (der am 23. Januar 1810 starb): You will be sorry to hear it, my most powerful competitor, he whom only (to my friends) I have acknowledged as my rival, is, I fear, sinking to the grave—I mean of course Hoppner. ➱Hoppner ist im königlichen Palast aufgewachsen, es hielt sich zu seinen Lebzeiten hartnäckig das Gerücht, dass er ein Sohn von ➱George III sei. Hoppner hat dem nie widersprochen, es war immer gut für das Geschäft.

Die königliche Protektion hat er nie verloren, auch dass er 1789 eine Amerikanerin (die Tochter der Bildhauerin Patience Wright) heiratete, hat ihm nicht geschadet. Im Jahre darauf wurde er der Hofmaler (eine Position, die Joshua Reynolds auch gehabt hatte) des Prinzen von Wales, den er dann gleich gemalt hat. So schön wie hier (und auf dem ➱Gemälde von Lawrence) ist der Mann, der später ungeheuer fett wird und sich immer noch einbildet, ein großer ➱Dandy zu sein, bestimmt nie gewesen. Hoppner wäre lieber der Hofmaler des Königs geworden, doch den Posten bekam der jüngere Thomas Lawrence.

Hoppner hatte ein gutes Auge für gute Bilder. Er hat früh über Richard Wilson (der ➱hier einen Post hat) gesagt: We recollect no painter, who, with so much originality of manner, united such truth and grandeur of expression. Und er hat Gainsboroughs Blue Boy besessen. Er wäre – was sich auch Thomas Gainsborough wünschte – gerne Landschaftsmaler geworden, aber das ist eine brotlose Kunst. Geld bringen die Portraits in dieser Zeit. Doch die Liebe zur Natur und zur Landschaftsmalerei hat ihn nie verlassen. Und so malt er die meisten Hintergründe seiner Gemälde selbst, andere vertrauen dabei auf die Spezialisten ihres Studios. Es lohnt sich durchaus (zum Beispiel ➱hier), einmal bei seinen Gemälden nur die Landschaften im Hintergrund zu studieren.

Glaubt man einem Brief Thomas Gainsboroughs, so haben die Maler, die die Kostüme oder den Hintergrund malten, damals nicht schlecht verdient: There is a branch of Painting next in profit to portrait and quite in your power without any more drawing than I’ll answer for your having, which is drapery and landskip backgrounds. Perhaps you don’t know that whilst a Face painter is harrased to death the drapery painter sits and earns 5 or 6 hundred a year, and laughs all the while.

Bei dem Bild der Countess Talbot aus dem Jahre 1788 gibt die Dunedin Art Gallery in Neuseeland gleich zwei Maler als Schöpfer an: Thomas Gainsborough und John Hoppner. Der Hintergrund (und vielleicht noch etwas mehr) ist auf jeden Fall von Hoppner. Solche Zusammenarbeit zweier Maler ist eigentlich nichts Außergewöhnliches in der Geschichte der Malerei. Eine Zusammenarbeit von Malern mit den Schülern und Gehilfen im Studio hat es immer gegeben, aber auch die Zusammenarbeit mehrerer Maler. ➱Brueghel hat Bildhintergründe für Rubens gemalt, ➱Thomas Herbst hat die Kühe auf den Bildern von Liebermann gemalt. Gehört hier zwar nicht unbedingt hier hin, aber ich bilde sie trotzdem mal eben ab.

Aber warum sollte Gainsborough den Hintergrund nicht selbst malen, wo er doch viel lieber Landschaftsmaler als Portraitmaler war? (Lesen Sie ➱hier mehr zu dem Thema). Die Erklärung ist einfach, er hat das Bild nicht mehr vollenden können. Ellis Waterhouse hat in seinem Katalog nur einen trockenen Satz: The head appears to be very late Gainsborough: the rest is finished by another hand, traditionally Hoppner’s. Das Bild hat Sir Brooke Boothy, dem Freund Rousseaus, gehört (der hat ➱hier einen Post). Der Duke of Devonshire hat es ihm abgekauft, es hing lange in ➱Hardwick Hall, bevor es 1958 bei Christie’s an die Dunedin Public Art Gallery verkauft wurde, die eine ganz erstaunliche ➱Sammlung besitzt.

Der Text zu dem Bild (diese Countess Talbot ist von Reynolds) im Internet ist ziemlich schwammig: Like many other contemporary portrait painters, Gainsborough sometimes employed assistants, but in this instance he and Hoppner undertook the painting in this life-size study of the Countess Talbot. It appears that Gainsborough painted her face and upper torso, while the background landscape seems to be more in the style of Hoppner. Assistants probably worked on other aspects of the painting. Although the idea of two prominent artists collaborating on one painting may seem a little curious, Hoppner had entered the Royal Academy schools in the same year as Gainsborough’s nephew and apprentice, Gainsborough Dupont, and through him possibly met the older artist. The two men shared a love of landscape and Hoppner owned a number of Gainsborough’s landscape drawings.

Sie haben noch mehr gemeinsam, sie sind beide Liebhaber der Musik. Hoppner (der Joseph Haydn portraitierte) hatte im Chor der Chapel Royal gesungen, und hatte nach Gainsboroughs Tod dessen Laute (die von ➱Michael Lauche gebaut worden war) für zwei Pfund und zehn Schillinge gekauft. Während wir von Hoppner außer einer verloren gegangen Zeichnung keine Bilder von musizierenden Personen haben, hat der Musikfreund Gainsborough die immer wieder gemalt. Es muss ihm eine Freude gewesen sein, den Reverend John Chafy mit seinem Violoncello und mit viel englischer Landschaft zu malen.

Es gibt noch eine andere Zusammenarbeit von Hoppner mit einem Maler: er hilft dem jungen John Constable, das Portrait seines Freundes Ramsay Richard Reinagle zu verbessern. Wir wissen das von Constable selbst: I met Mr Hoppner at the R.A. in the 1800 year &; on his suggestion/some alteration in my scheme of colouring/I instantly saw it &; made it (being the/day for it) much to his &; my own satisfaction/I then offered him a sketch of it which he readily/accepted &; for which in return he painted/over my portrait of R.R.R.

Das Bild von Hoppner, das ich am schönsten finde, war schon einmal in diesem Blog. Es findet sich in dem Post ➱Henry Kirk White. Hoppner malt den Dichter, der jung starb, sehr romantisch. Und vielleicht ein klein wenig feminin, wie den jungen John Granville. Und er malt ihn, wie Thomas Lawrence ihn gemalt haben würde, in dem Punkt ist er ein Chamäleon. Mal ein bisschen ➱Reynolds oder ➱Romney, mal ein wenig ➱Raeburn oder ➱Lawrence. Manchmal werden seine Bilder auch mit denen von Martin Archer Shee oder William Beechey (der ➱hier einen Post hat) verwechselt. Für die Kunstgeschichte ist Hoppner nie wirklich interessant gewesen, es gibt zu viele gute englische Portraitmaler in dieser Zeit. Das schlägt sich auch auf die Preise nieder. Ein charmantes Kinderbild wie das der ➱Emma Laura Whitbread wurde für 15.600 Pfund verkauft.

Ellis Waterhouse, dessen Painting in Britain 1530 to 1790 die beste Geschichte der englischen Malerei ist, hat in seiner klaren Art einiges zu Hoppner zu sagen: The next portraitist in public repute after Romney is John Hoppner ( 1758-1810), who admittedly had a large name in his own day, but the recent fashion for him is due chiefly to assiduous puffing by the art trade some half a century ago and to the childlike desire of the very rich in that far-off age of collecting to fill their houses with portraits of beautiful women and lovely children. 

He had enough personal style usually not to leave any doubt as to whether a portrait is by him rather than by another, and yet he is for ever reminding us of the work of one or other of his greater contemporaries, at first of Reynolds and Romney, and later of Lawrence and Raeburn. He told Danloux that he kept a picture by Gainsborough in his studio as a model, and he bought some half-finished portraits at Romney’s sale. He veered backwards and forwards between these rival influences, for to take examples only from his best pictures – while Lord Dartmouth’s ‚Lady Charlotte Duncombe‘ of 1794 is entirely in the vein of Lawrence, the ‚Lady Elizabeth Bligh‘ ( Royal Academy, 1803; Governor Fuller, Boston) might be mistaken for a Reynolds. He is best in half-lengths, for his full-length ladies are little more than torrents of white muslin without form or shape.  

Diesen letzten Satz,  for his full-length ladies are little more than torrents of white muslin without form or shape, würde hierzulande kein Kunsthistoriker wagen, aber Sir Ellis (der auch zum Untergang des Kunstfälschers ➱van Megeren beigetragen hat) bringt das. ➱Nikolaus Pevsner hatte Waterhouse gebeten, für sein Projekt der Pelican History of Art zu schreiben, der Band Painting in Britain, 1530-1790 wurde dann der erste Band der Reihe. Man kann ➱hier bei Google Books hineinschauen, aber man kann sich den Band auch kaufen, kostet bei Amazon Marketplace so gut wie nichts.

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