Jacob van Campen

 

Es gab etwas viel Mode in den letzten Tagen mit den Posts ➱Damenmode, ➱Ermenegildo Zegna und ➱Cinecittà und die Mode. Da dachte ich mir, ich schaue mal, welche Maler bei Wikipedia am 2. Februar auftauchen. Fand Govaert van Flinck, aber der hatte gerade einen ➱Post. Also nahm ich den Niederländer Jacob van Campen, der heute vor 420 Jahren in Haarlem geboren wurde. Auf diesem Bild hat er den berühmten Constantijn Huygens (dessen Sohn Christiaan die Pendeluhr erfunden hat) mit seiner Frau Suzanna van Baerlec gemalt. Mit Huygens, der auch eine Vielzahl von Gelegenheitsgedichten auf van Campen geschrieben hat, ist Jacob van Campen befreundet gewesen. Und durch die Vermittlung von Huygens bekam er auch zahlreiche Aufträge. Das Bild, das ungefähr 1635 gemalt wurde, hängt heute im Mauritshuis in den Haag. Was sehr passend ist, denn Jacob van Campen ist nicht nur Maler, er hat auch das Mauritshuis gebaut.

Im Mauritshuis (hier auf einem Bild von Bartholomeus Johannes van Hove), das eins der schönsten holländischen Museen ist, hängt natürlich auch die ➱Stadtansicht von Vermeer, die Proust in seinen Roman hinein geschrieben hat. Und das ➱Mädchen mit den Perlenohrringen hängt hier auch. Jacob van Campen hatte bei dem Bau für den Fürsten Johan Maurits einen Gehilfen, den jungen Maler und Architekten Pieter Post. Der hat den Fürsten auch zusammen mit seinem Bruder Frans Post nach Brasilien begleitet, und in Mauritsstadt (dem heutigen Recife) Kirche und Befestigungsanlagen entworfen. Und Frans Post malt sich durch ➱Brasilien.

Jacob van Campen kam aus dem niederländischen Adel und war zeitlebens finanziell unabhängig. So konnte er seine Ideen von der Architektur umsetzen, ohne allzu sehr von den Auftraggebern abhängig zu sein. Wie zum Beispiel dieses Gebäude, das Koninklijk Paleis Amsterdam, das manchmal auch Paleis op de Dam heißt. Hier ist es von Gerrit Adriaenszoon Berckheyde gemalt, einem Harlemer Maler, der sich auf Stadtansichten spezialisiert hatte.

Für den Dichter Joost van Vondel war das Bauwerk das achte Weltwunder, wie er in seinen Versen für die Grabplatte van Campens schrieb:

Op Jacob van Kampen.

Heer van Ranbroek, Bouwmeester en Schilder

d’Aerts Bouheer, uyt de Stam

Van Kampen rust hier onder,

Die ‚t Raadthuys t’Amsterdam

Gebout heeft, ‚t achtste wonder.

Herr von Randenbroek bei Amersfoort ist van Campen gewesen, er hatte das Gut geerbt. Die Gemeinde wirbt heute mit den ➱Worten De Michelangelo van Amersfoort. Aber das ist wohl ein wenig zu viel des Guten.

Auf diesem von Johannes Lingelbach gemalten Bild ist das stadhuis noch nicht ganz fertig. Der Bau scheint die holländischen Maler fasziniert zu haben, wir haben ➱hier noch einmal eine Ansicht von Jacob van der Ulft. Jacob van Campen gilt als der Überwinder der holländischen Renaissance, weil er ein wenig italienischen Klassizismus nach Holland brachte. Er hatte in Rom studiert und war danach von 1615 bis 1621 noch einmal in Italien gewesen.

Nach seiner Rückkehr entwarf er im Jahre 1625 das Haus für die Brüder Coymans in Amsterdam, bei dem bereits die Einflüsse der Proportionslehre des berühmten Andrea Palladio zu sehen sind. Der hat leider in diesem Blog immer noch keinen Post, aber er wird immer wieder erwähnt. Testen Sie mal das Suchfeld.

Von all den Posts, in denen er erwähnt wird, ist der mit dem Titel ➱Oskar ein Renner. Ich weiß nicht so ganz, weshalb es keinen Palladio Post gibt. Ich habe aber beschlossen, endlich einmal über ihn zu schreiben und habe schon einen Post, der unter Entwürfe liegt, mit Andrea Palladio betitelt. Und auch schon angefangen zu schreiben. Wenn ich ehrlich sein soll, ist der Post Palladio in wenigen Tagen schon ganz schön lang geworden.

Von der Baukunst der holländischen Renaissance haben auch wir in Deutschland etwas abbekommen. Ich bilde mal eben die Traufenseite des Bremer Gewerbehauses ab (ich hätte auch das Bremer ➱Rathaus nehmen können), ein architektonisches Kleinod. Was man da links im Hintergrund sieht, ist das Hochhaus des Bekleidungsgeschäfts Finke: Das Gebäude entstand auf Wunsch der Stadtplanung als elfgeschossiges Hochhaus, um am Ende der Obernstraße die optische Funktion des zerstörten Turms der Ansgarikirche zu übernehmen… Das Verhältnis zu dem benachbarten historischen Gewerbehaus, dessen freigestellte Südseite von einem translozierten Giebel geschmückt wird, empfand man als gut verträgliches Nebeneinander von alt und neu. Das Hochhaus kragt über dem Erdgeschoss aus, tritt vor die Fluchtlinie der Nachbarbebauung und untergliedert wirkungsvoll den lang gezogenen Straßenraum der Obern-/Hutfilterstraße.

Klingt immer schön, wenn die Stadtplaner ihre Gedanken formulieren. Vor das Gewerbehaus wurde eines Tages das scheußliche Hertie Gebäude gesetzt, gegen das das Finke Hochhaus geradezu zierlich wirkte. Hertie ist inzwischen abgerissen und durch das noch scheußlichere Bremer Carree ersetzt worden. Wenn es um die Verhunzung der Stadtarchitektur geht, dann sind wir sicherlich Weltmeister. Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen, hat Walter Gropius gesagt.

Das Bremer Carree hat ungefähr die gleiche Schönheit, die dieses Nordlicht in Kiel neben der Nikolaikirche hat (dazu gibt es ➱hier einen etwas gehässigen Post). Wenn alte Bauwerke neben neuen Zweckbauten stehen, fordern sie auch einen Vergleich heraus. Der englische Architekt John Quinlan Terry hat Häuser geschaffen, die modernen Ansprüchen genügen und dennoch Formen und Proportionen haben, die Palladio und Jacob van Campen gefallen hätten. Er wird ➱hier schon einmal im Blog erwähnt, uns Sie könnten sich jetzt eigentlich noch dieses ➱Video anschauen.

Wir lieben ja die klassische Architektur um so mehr, je mehr wie die neue Architektur hassen. Und wer hat das schöner gesagt als ➱Tom Wolfe, der in seinem polemischen ➱Buch From Bauhaus to Our House die richtigen Worte dafür findet? O beautiful, for spacious skies, for amber waves of grain, has there ever been another place on earth where so many people of wealth and power have paid for and put up with so much architecture they detested as within thy blessed borders today?

        I doubt it seriously. Every child goes to school in a building that looks like a duplicating-machine replacement-parts wholesale distribution warehouse. Not even the school commissioners, who commissioned it and approved the plans, can figure out how it happened. The main thing is to try to avoid having to explain it to the parents.

Every new $900,000 summer house in the north woods of Michigan or on the shore of Long Island has so many pipe railings, ramps, hob-tread metal spiral stairways, sheets of industrial plate glass, banks of tungsten-halogen lamps, and white cylindrical shapes, it looks like an insecticide refinery. I once saw the owners of such a place driven to the edge of sensory deprivation by the whiteness & lightness & leanness & cleanness & bareness & spareness of it all. They became desperate for an antidote, such as coziness & color. They tried to bury the obligatory white sofas under Thai-silk throw pillows of every rebellious, iridescent shade of magenta, pink, and tropical green imaginable. But the architect returned, as he always does, like the conscience of a Calvinist, and he lectured them and hectored them and chucked the shimmering little sweet things out.

Die Bauten in Deutschland, die von der holländischen Renaissance Architektur beeinflusst wurden, fallen bei uns unter den Begriff Weserrenaissance. Der junge Helmut Schmidt hat nach einer Klassenfahrt nach eigenem Bekunden auch einmal einen Aufsatz über die Weserrenaissance in Hameln und Bückeburg geschrieben (So habe ich als Tertianer, also mit 13 Jahren, eine Arbeit über die Weser-Renaissance verfasst), aber der ist der Forschung leider nie zugänglich gewesen. Ich nehme an, dass das Hamelner Hochzeitshaus in seiner Arbeit vorgekommen ist.

Nach jahrelangen  Bemühungen hat man 1986 im ➱Schloss Brake bei Lemgo (Bild) eine zentrale Einrichtung für die Erforschung der Weserrenaissance geschaffen. Die Kunstgeschichte hat den Begriff Weserrenaissance seit etwa 1912 verwendet, hat ihn aber eher in Anführungsstrichen versehen. Man hat sich nicht ernsthaft und systematisch um Begriffsklärung und um die Erforschung der nordwestdeutschen Architektur der Renaissance bemüht. Seit der Gründung der Schriften des Weserrenaissance-Museums Schloss Brake ist alles anders geworden. Leider sind diese ➱Schriften eher etwas für Kunsthistoriker als für den interessierten Laien.

Für die bleibt der Klassiker zu diesem hochinteressanten Thema dieser regionalen Sonderrenaissance der hervorragende Photoband Die Weserrenaissance von Herbert Kreft und Jürgen Soenke. 1964 im Verlag CW Niemeyer in Hameln erschienen. Es gibt hiervon auf dem Amazon Marketplace erstaunlich viele preisgünstige, ja geradezu spottbillige Exemplare. Erstklassige Schwarzweißphotographie, alles mit einem tilt-and-shift Objektiv (oder einer Linhof Technica) aufgenommen: keine stürzenden Linien. Und immer zu Tageszeiten photographiert, an denen keine Schlagschatten das Bild der Architektur beeinträchtigen. Als Architekturphotographie ist der Band ein optisches Fest.

Er hat erstaunliche Dinge gebaut, dieser Jacob van Campen. Gerade klare Linien, schöne Proportionen. Auch nach Jahrhunderten noch eine Freude für die Augen. Und bewohnbar. Hier das Paleis Noordeinde, in dem das Königshaus wohnt. Sein Gehilfe bei dem Bau ist wieder Pieter Post gewesen. Campen ist aber nicht der erste, der Palladios Gedanken nach Nordeuropa bringt, das Verdienst muss man Inigo Jones lassen (der ➱hier einen Post hat). Manche Kunsthistoriker spekulieren mit dem Gedanken, dass der zwanzig Jahre jüngere Holländer die Bauten des Engländers gekannt haben könnte. Sicherlich kann man auch Verbindungen zwischen Inigo Jones und dem Architekten Hans van Steenwinkel zeigen, da beide zur gleichen Zeit für den dänischen König gearbeitet haben.

Von Jacob van Campens Theater (dem ersten Theater der Niederlande), der Schouwburg in Amsterdam, ist außer dem Eingangstor nichts übrig geblieben. Dort kann man in goldenen Lettern die Verse De wereld is een speeltoneel, elk speelt zijn rol en krijgt zijn deel von Joost van Vondel lesen. Das klingt ein wenig so wie Shakespeares All the world’s a stage, And all the men and women merely players. Die europäische Kultur besteht daraus, dass jeder von jedem klaut.

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