Nidden

 

Das geht natürlich nicht, in dem Post ➱die lieben, nie zahlenden Griechen nur diesen Schnipsel eines Bildes hinzustellen und nicht zu wissen, wer Maler und Modell sind. Das ließ mir keine Ruhe, ich musste noch einmal in die Kunsthalle. Traf dort ehemalige Nachbarn, die sich nach meiner Bloggerkarriere erkundigten. Wir hatten uns einige Zeit nicht gesehen, ich erzählte, dass ich gerade über Joan Didion und die Firma Céline schriebe. Das interessierte Georgia, die schon die ➱Bilder der Werbung kannte. Georgia ist ein wenig grau geworden, sieht aber immer noch sehr gut aus. Habe vergessen, ihr zu sagen, dass sie auch Model für ein Pariser Modehaus sein könnte. Schreibe ich mal einfach hin, teste damit, ob die beiden meinen Blog wirklich lesen, wie sie es gesagt haben.

Strand, Dünen, blauer Himmel. Ein junger Mann mit Strohhut und einem Blumenstrauß wandert – oder sollte man sagen lustwandelt? – am Strand. Oder ist das eine Illustration zu seinen Versen Stampfe ich weiter, sank ein, stampfe weiter auf Sand – in Sand – über Sand – durch Sand. Der junge Mann ist ein ostpreußischer Rechtsreferendar und Schriftsteller. Er heißt Walter Heymann, er schreibt gerade an seinem zweiten Gedichtband, der Nehrungsbilder heißt. Seine juristische Ausbildung hat er gerade kurz vor dem Assessorexamen abgebrochen, er will nur noch Dichter sein. Ich zitiere mal eben ein Gedicht aus dem Band Nehrungsbilder:

Die Hochdüne 

Ich bin das helle Band,

das, Meer, Du um Dich ziehst,

weit ist Dein Strand;

und bin die grell gespannt,

die hoch Du wachsen siehst,

mein Rand, wo Himmel fließt;

und was zum Haff abgießt

ich bin Gefälle-Wand,

unmeßbar Sand.

Ich bin ein Höhenzug,

der geht gen Norden weit,

Zug folgt auf Zug.

Ich bin ein Weheflug;

Nach West und Osten breit

Schwebt mein Gespreit.

Was Meer im Grunde trug,

donnernd aus Rädern schlug,

bin ich – Unendlichkeit.

Hochdüne ist nicht nur ein Gedicht, es ist mehr, eine fünfzig Seiten lange Dichtung in vier Sätzen, von einer Dünensymphonie sprechen seine Verehrer. Professor Josef Nadler, dessen Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften Hitler gerne gelesen hat, sagt über die NehrungsbilderSie sind eigenwillig geformt und nur mit Ernst zu erarbeiten. Normale Menschen würden wohl schwer verständlich sagen. Auf einer zeitgenössischen Ansichtskarte finden sich neben dem Bild des Dichters am Strand die Zeilen:

So grüsste mich Wüste.

Nur dort zur Seite 

ein Trostgeleite

Wildbraun und ampferrot

die Heide, sandbedrängt,

die Heide, glutversengt,

ewig in Kampfesnot. –

Walter Heymanns jüngerer Bruder Werner wird als Komponist vier von seinen Gedichten vertonen. Er emigriert zuerst nach Paris, dann nach Hollywood. Und wird die Filmmusik für Ninotschka und Sein oder Nichtsein schreiben. Ich wusste nicht, wer er war, als ich mit fünf oder sechs Jahren auf dem Boden den alten Plattenspieler fand. Aber seine Lieder wie Ein Freund, ein guter FreundLiebling, mein Herz lässt dich grüßenDas gibt’s nur einmal, das kommt nicht wiederDas ist die Liebe der Matrosen und Eine Nacht in Monte Carlo kann ich immer noch mitsingen.

Wir sind mit dem Bild des Dichters im Jahre 1908 in Nidden an der Kurischen Nehrung, einem Ort, über den Wilhelm von Humboldt schrieb: Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, daß man sie eigentlich ebensogut als Spanien und Italien gesehen haben muß, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll. Thomas Mann hat hier die Sommermonate verbracht, hatte sogar ein Sommerhaus da, das die Einwohner etwas spöttisch Onkel Toms Hütte nannten. Er hat aber in einem Vortrag 1931 im Rotary Club nette Dinge über die Gegend gesagt: Kennen Sie die Dünen bei List auf Sylt? Man muß sie sich verfünffacht denken, man glaubt, in der Sahara zu sein. Der Eindruck ist elementarisch und fast beklemmend, weniger wenn man sich auf den Höhen befindet und beide Meere sieht, als in den tiefen geschloßenen Gegenden. Alles ist weglos, nur Sand, Sand und Himmel. Immer wieder überkommt mich hier der Eindruck des Elementarischen, wie ihn sonst nur das Hochgebirge oder die Wüste hervorruft. Die Farbenpracht ist unvergleichlich, wenn der Osthimmel das Feuerwerk des westlichen widerspiegelt. Diese Farbenpracht ist unbeschreiblich. Zarteste Pastellfarben in Blau und Rosa, und der federnde Boden ist geschmückt mit den feinen Wellenlinien, die der Wind hinzeichnet.

Sein Sohn Klaus scheint den Vater im gleichen Jahr noch übertreffen zu wollen: Nirgends in Europa war ich je so weit fort von Europa. Afrika, ich erinnerte mich ganz stark der gelben Härte Deiner fernen Horizonte, gegen die, verzweifelt gekrümmt, ein einzelner Baum steht. Gelbliche Weite, geheimnisvoll ruhend und geheimnisvoll bewegt, wie die Weite des Meeres. Saharalandschaft, ja, Saharalandschaft hat dieser Fleck auf der Nehrung. Und mit welcher schmerzenden Schönheit die ungeheure Zeremonie des Sonnenuntergangs in diesem schweigenden Tal sich vollzog. Rosig Gewölk, in Smaragdgrün schwimmend; leichtester Wolkenschaum, der sich immer noch einmal anders verteilt und wieder gruppiert und sich noch einmal verfärbt, bis er die gewaltige Sonne endlich hinuntergeleitet.

Thomas Mann ist kein Mann der ersten Stunde in der Künstlerkolonie, aber es gefällt ihm hier. Wenn Walter Heymann für die Hochdüne mehrere Strophen braucht, macht es Thomas Mann plakativer, er spricht von den Dünen als der Sahara des Nordens. Wenn er Deutschland verlässt, wird der Maler Ernst Mollenhauer nach dem Haus schauen. Bis der Reichsjägermeister kommt (der schon in dem Post ➱Kunstraub erwähnt wird) und sich das Haus aneignet. Aus Onkel Toms Hütte wird Elchenhain. Das Wort Hain muss sein, so etwas mögen die Nazis. Thomas Mann hatte die Elche in ihrem Revier in der Nachbarschaft gerne beobachtet. Hermann Göring schießt sie. Das Haus, in dem Thomas Mann drei Sommer verbrachte (leider sind die Tagebücher aus diesen Jahren nicht erhalten) und große Teile von Joseph und seine Brüder schrieb, ist heute ein Kulturzentrum der litauischen Republik.

Das Bild von seinem Freund, dem Dichter Walter Heymann, hat der Berliner Maler Ernst Bischoff-Culm gemalt, der die Niddener Künstlerkolonie (die durch Max Pechstein berühmt wurde) mitbegründet hatte. Seit 1888 ist er im Sommer in Nidden gewesen. Sieben Jahre nach dem auf diesem Bild festgehaltenen Sommerspaziergang ist Walter Heymann tot, gefallen bei ➱Soissons (da war hundert Jahre zuvor ➱Napoleon schon einmal gewesen). In seinem letzten Feldpostbrief, wenige Tage vor seinem Tod, schrieb er: Mein Leben wäre ganz Anfang, wenn’s bald enden sollte. Wie es auch komme, mir ist Frieden in der Seele. … Sterben – schad um zehn ungeschriebene Bücher…

In seiner Eröffnungsrede für die Ausstellung Nehrungsbilder in Königsberg 1914 hatte Walther Heymann eine Art Credo formuliert: Der Gedanke, auf einem Gipfel zu sein, gibt einem – das ist typisch – wieder und wieder die Einsamkeit als Allgefühl, als schwebe man dahin, habe das Irdische überwunden, das der schauende Blick überlegen und von fern zusammenfaßt. Und je mehr der Blick ins Weite und Hohe steigt, umso einheitlicher scheint das All. Erhabenheit wächst empor, wächst schon weit über den Wanderer hinaus. Noch klingt ihm aus allen Fernen etwas von ewigem Wandel großer Himmelskörper wie Riesenschritt der Jahreszeiten, Tanz der Stunden, Gesang der Sphären entgegen, da beginnt der Schreck des Grenzenlosen.

In dem Jahr, in dem sein Freund Heymann in Frankreich stirbt, zeichnet Ernst Bischoff-Culm diesen Handgranatenwerfer. Zwanzig Jahre zuvor hatte er für die ➱Gartenlaube gearbeitet. Jetzt ist er künstlerischer Propagandist des Krieges. Malt nach der Schlacht von ➱Tannenberg den General Hindenburg. Ist Herausgeber von Krieg und Kunst und Beiträger von Wachtfeuer: Künstlerblätter zum Krieg, wo er Bilder mit Titeln wie Felddienstübung Sturmangriff im Beisein des Herrn Majors beisteuert. Er stirbt 1917 in Frankreich. Kaum 47-jährig ist im August der höchst talentvolle Maler Ernst Bischoff-Culm auf dem westlichen Kriegsschauplatz gefallen, steht 1917 in den Studien und Skizzen zur GemäldekundeWestermanns Monatshefte vermelden im gleichen Jahr: Eine weittragende englische Granate hatte ihm beide Hände abgerissen, die treuen Werkzeuge seiner Kunst. Nach schweren Schmerzensstunden starb er selbst ihnen nach. Was Bischoff-Culm war und was er geschaffen hat, zumal für Mensch und Natur der Kurischen Nehrung, wissen unsre Leser aus dem reich mit Werken seiner Hand, Zeichnungen und Studien, geschmückten Aufsatz seines Jugendfreundes Karl Meißner im Septemberheft 1915. Neuere Darstellungen reden nicht mehr von englischen Granaten und vom Heldentod. Der Maler hat am 29.07.1917 in Frankreich Selbstmord begangen.

Die Lithographie Handgranatenwerfer aus Krieg und Kunst wurde im letzten Jahr von einem deutschen Händler beim italienischen ebay für 65 Euro angeboten. Ich weiß aber nicht, ob jemand das Blatt gekauft hat.

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