Abstraktion

 

Die Plakate, die ich in ➱Keep Calm and Carry On vorstellte, gehen mir nicht aus dem Kopf. Plakatkunst (ja, Plakate können auch Kunst sein, das wissen wir seit ➱Toulouse-Lautrec) vereinfacht, reduziert, abstrahiert. Das tut moderne Kunst auch. Ralston Crawfords Overseas Bridge von 1939 ist kein Travel Poster. Könnte aber eins sein. Wir müssten nur einen Text hinzufügen. Flächen, Farben, Umrisse charakterisieren dieses Bild.

Und das hier auch. Ein Fuchs im Schnee. Flächen, Farben, Umrisse. Dieses plakative Bild mit dem Titel The Fox Hunt von 1893 des amerikanischen Malers Winslow Homer ist eins seiner erstaunlichsten Gemälde. Winslow Homer hat heute Geburtstag, ich hätte ja gerne über ihn geschrieben, schließlich besitze ich seit Jahrzehnten alle Kataloge seines Werks. Aber er hat ➱hier schon seit Jahren einen Post. Und dass er einen Einfluss auf Edward Hopper hat, steht auch schon hier. Und natürlich habe ich die Abstraktion, die er in den Bildern von Prout’s Neck findet, in den Post über die Strandbilder mit dem irritierenden Namen ➱ythlaf hinein geschrieben.

Abstraktion, nichts als Abstraktion. Woher hat Homer das? Man kann sagen, dass er als Zeichner für Zeitschriften und Magazine begonnen hat, und die haben einen Hang zu Abstraktion und den Mut zur Fläche. Aber Kunsthistoriker nennen noch etwas anderes als möglichen Einfluss, und das ist der Japonismus, der (wohl aus Frankreich kommend) sich in der Kunst bemerkbar macht. Homers Landsmann ➱James McNeill Whistler ist ein berühmtes Beispiel. Dieses Bild von Hokusai aus seinen 36 Ansichten des Berges Fuji kennen wir alle. Mehr an Abstraktion geht ja kaum.

Mit diesem Bild von Prout’s Neck (nicht weit von seinem Studio) entfernt, ist Winslow Homer weit weg von den Meereswellen eines Andreas Achenbach (der ja beinahe eine Zeitgenosse von ihm ist). Und weit von den Marinebildern der Holländer des 17. Jahrhunderts. Obgleich es auch da schon konventionalisierte Abstraktionen gab, immer die gleichen Wellen. Die John Ruskin überhaupt nicht gefielen: We only are to be reproached, who, familiar with the Atlantic, are yet ready to accept with faith, as types of sea, the small waves en papillote, and peruke-like puffs of farinaceous foam, which were the delight of Backhuysen and his compeers. Das steht schon in dem Post ➱Ludolf Bakhuizen. Ich mag ja ➱Ruskin nicht so sehr, aber hier hat er mal recht.

Das kleine (24 x 30 cm) Bild Summer Squall von Winslow Homer ist natürlich über die Kritik Ruskins erhaben. Ich wäre jetzt versucht, einen längeren Post über Meereswellen zu schreiben. Über die Strände von Norderney bis Klitmöller und die Wellen in der Kunst. Mit denen bin ich groß geworden. Ich weiß nicht mehr, welche Zahnpastamarke es war, die Deutschlands Zahnärzten zu Weihnachten immer einen Kalender mit Meeresbildern schickte. Offensichtlich passten grüne Wellen gut zu der Marke. Die Kalender landeten immer bei mir, jahrelang nur Wellen im Zimmer. Also bis auf das Bild von ➱Willi Vogel. Es wäre jetzt nett, wenn Sie niemals das Gespräch auf Patrick von Kalckreuth oder Siegwart Sprotte bringen würden. Aber natürlich gibt es schöne Bilder von Wellen und Strand, der ganze Post ➱ythlaf ist voll davon. Und der interessante Blog Marine Oil Paintings, den ich vorgestern entdeckte, klicken Sie einmal ➱hier.

Natürlich ist auch dieses Bild schon Abstraktion der Landschaft. Ist schon ein Vorläufer der Moderne, der Pop Art. Glauben Sie jetzt nicht? Dann sollten Sie Robert Rosenblums Modern Painting and the Northern Romantic Tradition: Friedrich to Rothko lesen Oder den Post ➱Caspar David Friedrich, da steht das auch schon. Es ist eine schöne Theorie, die Rosenblum da entwickelt. Zuerst hielt man den wilden Denker für ein one day wonder, musste aber erkennen, dass sich hinter den unkonventionelle Ideen ein seriöser Kunsthistoriker verbarg.

Rosenblum liebte ‘the messy mix’ of high and low, das ist mir sehr sympathisch. Leser meines Blogs werden längst bemerkt haben, dass dieser messy mix’ of high and low auch in SILVAE vorherrscht. Und so konnte er Norman Rockwell (der ➱hier einen Post hat) bewundern und über Benjamin Wests Bild vom Tod ➱Nelsons schreiben. Und er hat auch einmal eine Vilhelm Hammershoi Ausstellung kuratiert (Sie kennen das Bild ja schon aus dem Post ➱Realisten). Weshalb sich Rosenblum allerdings für Andrew Wyeth begeistert, den andere Kritiker bestenfalls als the greatest living kitschmeister bezeichnen, das weiß ich nicht.

Ich hätte allerdings noch ein Beispiel von malerischen Abstraktion, das zeitlich sehr viel früher als Winslow Homer, Vilhelm Hammershoi und Caspar David Friedrich liegt. Nämlich Thomas Jones‘ A Wall in Naples aus dem Jahre 1782. Nur postkartengroß, aber welche Wirkung! Bei den meisten Häusern, die Thomas Jones in Neapel gemalt hat, weiß man, wo sie gestanden haben, bei diesem ganz kleinen Bild leider nicht. Was hätte Marcel Proust dazu gesagt, wenn er dieses Bild von Thomas Jones gekannt hätte? Wo er doch schon von dem kleinen gelben Mauerstück (lesen Sie mehr in dem Post ➱Bilder) auf ➱Vermeers Ansicht von Delft begeistert war.

Dieses petit pan de mure jaune, an das sich der Kritiker Bergotte nicht mehr erinnern konnte: Mais un critique ayant écrit que dans la Vue de Delft de Ver Meer (prêté par le musée de La Haye pour une exposition hollandaise), tableau qu’il adorait et croyait connaître très bien, un petit pan de mur jaune (qu’il ne se rappelait pas) était si bien peint qu’il était, si on le regardait seul, comme une précieuse œuvre d’art chinoise, d’une beauté qui se suffirait à elle-même.

Die Begegnung mit Vermeer wird zu einer Art Epiphanie Bergottes: Enfin il fut devant le Ver Meer… il attachait son regard, comme un enfant à un papillon jaune qu’il veut saisir, au précieux petit pan de mur. Er wird vor Vermeers Bild sterben. Es ist eine Art vorweg genommener Tod von Proust, der in der Nacht vor seinem einen seiner letzten Sätze schreibt, in dem es auch um Vermeer geht, er spricht darin von Il y a dans le métier de Vermeer une patience chinoise, une faculté de cacher la minutie et le procédé de travail qu’on ne retrouve que dans les peintures, les laques et les pierres taillées d’Extrême-Orient. Leider hat noch kein Proust Kenner sagen können, welchen Teil des Bildes von Vermeer Proust eigentlich gemeint hat.

Proust, der diese Stelle in den schon beinahe fertigen Roman nachträglich einfügte, fühlt sich krank. Er fühlt sich sein ganzes Leben lang krank. Er bittet einen Freund, ihn zu begleiten, er möchte die Vermeers der Ausstellung zu gerne sehen: Wollen Sie den Toten führen, der ich bin und der sich auf Ihren Arm stützen wird? schreibt er Jean-Louis Vaudoyer. Dies Photo, eines der letzten, das von ihm gemacht wurde, zeigt ihn vor dem Besuch. Vor dem Museum Jeu de Paume hat er (wie Bergotte) einen Schwächeanfall, den er einem Kartoffelgericht zuschreibt (die Kartoffeln kommen auch in der Sterbeszene Bergottes vor). Aber er hat den Vermeer gesehen. Den er jetzt zur Literatur macht wie die Madeleine.

Dieter E. Zimmer hat in einem sehr schönen ➱Aufsatz in der Süddeutschen eine originelle Lösung angeboten: Die andere Möglichkeit: Er hat dem Bild das kleine gelbe Mauerstück schlicht hinzuerfunden, und seine Deuter haben die Erfindung nicht durchschaut und ihre Gründe nicht begriffen. Ich denke gern, er habe es erfunden. Ich stelle mir vor, wie er überlegte, welches Detail es in dem Bild gut geben könnte, aber nicht gibt, wie er an das Bild herantrat, um sich zu überzeugen, daß es tatsächlich keinerlei kleines gelbes Mauerstück mit einem Vordach enthält – und wie er nun wußte, was er zu tun hatte. 

         Das kleine gelbe Mauerstück nämlich ist für Bergotte und dessen Autor nichts anderes als die Vollkommenheit selbst: jene Vollkommenheit in der Darstellung irgendeiner scheinbar belanglosen Einzelheit dieser Welt, neben der alles andere nichtig wird, auch das eigene Werk. Schon der Gedanke an all die Beckmesser, die sich auf jedes reale Detail stürzen und daran herumkritteln würden, denen sein Gelb nicht gelb genug oder viel zu gelb wäre, muß ihn gewarnt haben. Vollkommenes nämlich läßt sich nicht sichtbar machen, allenfalls für einen Augenblick herbeiwünschen. Man sieht es höchstens im eigenen Innern. Draußen lassen sich solche perfekten Stellen nur suchen, nicht finden.
Und wenn Proust nun doch nur hingeblinzelt haben sollte an jenem Maitag 1921 im Jeu de Paume, um später ein vollkommenes kleines gelbes Mauerstück mit Vordach in seinem Gedächtnis vorzufinden, hätte er dann nicht unwillkürlich das gleiche gesagt?

Proust konnte die sonnenbeschienenen neapolitanischen Mauerstücke von Thomas Jones natürlich nicht kennen, sie sind erst später entdeckt worden. Wie man überhaupt das ganze Genie von Thomas Jones erst spät entdeckt hat. The Room which I was in possession of at the Convent, was large and commodious for such a place, and as it was on the ground floor and vaulted above, very cool and pleasant at this Season of the Year – The only window it had, looked into a Small Garden, and over a part of the Suburbs, particularly the Capella nuova, another Convent, the Porta di Chaja, Palace of Villa Franca, and part of the Hill of Pusilippo, with the Castle of S. Elmo & convent of S. Martini &c all of which Objects, I did not omit making finished of in Oil upon primed paper…, schreibt Jones 1782 in sein Tagebuch.

Die Ölskizzen der Häuser in Neapel sind sein künstlerischer Höhepunkt. Der Schüler von ➱Richard Wilson zeigt sie niemandem, stellt sie nicht aus. Als er nach sechs Jahren in Italien mit seiner dänischen Geliebten Maria Moncke und seinen beiden Töchtern nach England zurückkehrt, wird er kaum noch malen. Nach dem Tod seines Bruders erbt er den Grundbesitz und das Herrenhaus Pencerrig. Und heiratet Maria Moncke. Er wird zum wohlhabenden zufriedenen Landlord, steht im Wikipedia Artikel. Klingt toll, schreit aber nach dem Rotstift. Denn ein landlord ist kein Landadeliger, ein landlord ist ein Vermieter. Und da das schon mal falsch ist, sehe ich auch die Behauptung, dass Jones ein Vorläufer des Konstruktivismus ist, mit gewissem Zweifel.

Abstraktion ist eine Sache der Moderne, sagt man. Aber gab es sie nicht schon immer? Wird die Moderne nicht lange vor der Moderne erfunden? John Constable, von dem dieses Bild (Rainstorm over the sea) stammt, hat seine Kunst einmal limited and abstracted art genant. Noch mehr Abstraktion als das bietet nur die Pop Art. Der Erfinder der Pop Art, Richard Hamilton, hat heute ebenso wie Winslow Homer Geburtstag, das muss mal eben erwähnt werden. Er hat natürlich auch schon einen ➱Post, in dem Sie erfahren, weshalb Pop Art Pop Art heißt.

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