Chloris eram, quae Florae vocor

 

Er macht dicke Backen der luftige Herr rechts im Bild. Er hat offensichtlich nichts anderes zu tun, als kaum bekleidete Mädchen zu jagen und sie zu verwandeln. Männer wollen Frauen immer verwandeln, sie können sie nicht lassen, wie sie sind. Wir sind in der griechischen ➱Mythologie, dieser Welt von Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Verwandlung. Es war Frühling, ich irrte umher: Zephirus erblickte mich, ich ging weg. Er folgte, ich fliehe, jener war stärker. Drei Sätze, eine Geschichte. Und wenn Chloris, die jetzt eine Göttin ist und Flora heißt, diese Geschichte erzählt, haucht sie Rosen aus ihrem Mund: So antwortete die Göttin auf meine Bitten – während sie sprach, haucht sie Frühlingsrosen aus ihrem Munde.

Das Bild mit Zephyr und Chloris ist nur ein Ausschnitt aus einem größeren Bild von Sandro Botticelli, das den Namen Primavera hat. Der Hamburger Kunsthistoriker Aby Warburg (der ➱hier einen Post hat) hat in seiner Straßburger Dissertation Sandro Botticellis „Geburt der Venus“ und „Frühling“: Eine Untersuchung über die Vorstellungen von der Antike in der italienischen Frührenaissance (➱hier im Volltext) 1893 auf die Zitate aus der Literatur in diesem Bild hingewiesen. Wie zum Beispiel auf Ovid:

Sic ego, sic nostris respondit diva rogatis

dum loquitur, vernas efflat ab ore rosas.

Chloris eram, quae Flora vocor: corrupta Latino

nominis est nostri littera Graeca sono.

Chloris eram, nymphe campi felicis, ubi audis

rem fortunatis ante fuisse viris.

quae fuerit mihi forma, grave est narrare modestae

sed generum matri repperit illa deum.

ver erat, errabam: Zephirus conspexit, abibam.

Insequitur, fugio: fortior ille fuit,

[…]

vim tamen emendat dando mihi nomina nuptae,

inque meo non est ulla querella toro.

vere fruor semper: semper nitidissimus annus,

arbor habet frondes, pabula semper humus.

est mihi fecundus dotalibus hortus in agris:

aura fovet, liquidae fonte rigatur aquae.

hunc meus implevit generoso flore maritus

atque ait: `arbitrium tu, dea, floris habe.‘

saepe ego digestos volui numerare colores

nec potui: numero copia maior erat.

Das musste mal eben sein. Denn von Zeit zu Zeit überkommt es diesen Blogger, einen ➱Satz wie Es liegt mir daran, gleich in den ersten Zeilen dieser Niederschrift zu beweisen oder darzutun, daß ich noch zu den Gebildeten mich zählen darf hinzuschreiben. Für diejenigen, die kein Großes Latinum oder nur ein Kleines Küchenlatein Latinum besitzen, habe ich den Text auch auf deutsch:

So antwortete die Göttin auf meine Bitten –

während sie sprach, haucht sie Frühlingsrosen aus ihrem Munde -:

Chloris war ich, die ich [jetzt] Flora genannt werde.

Verderbt ist durch die lateinische Aussprache der griechische Buchstabe meines Namens.

Chloris war ich, eine Nymphe der glücklichen Feldflur, wo, wie du hörst, die beglückten Menschen früher ihren Besitz gehabt haben.

Welche Schönheit ich gehabt habe, [das] zu erzählen ist für mich bei meiner Bescheidenheit schwer;

Indessen fand sie für Mutter einen Gott als Eidam.

Es war Frühling, ich irrte umher: Zephirus erblickte mich, ich ging weg. Er folgte, ich fliehe, jener war stärker. […]

Die Gewalttat dennoch machte er wieder gut dadurch, daß er mir den Namen der Verheirateten [Gattin] gab, und in meiner Ehe gibt es [für mich] keinen Grund zur Klage.

Stets genieße ich den Frühling, stets ist üppig blühend die Jahres[zeit], die Bäume haben Laub und Nahrung stets der Erdboden.

Auf meinen zur Mitgift gehörigen Äckern [Landgut] habe ich einen fruchtbaren Garten:

die Luft wärmt [ihn], von einer Quelle hellen Wassers wird er benetzt.

Ihn füllte mein Gatte mit edlen Blumen an und sagte: `Habe du, o Göttin, die Entscheidung über die Blumen.‘

Oft wollte ich die Farben ordnen und zählen, aber ich konnte [es] nicht: die Menge war größer als die Zahl.

Es gibt zu Botticellis Bild vom Frühling noch viel mehr ➱Interpretationen als die von Warburg, das lassen wir jetzt mal weg. Wir lassen auch die Geburt der Venus weg, die Warburg zusammen mit diesem Bild behandelte. Wenn Sie das Bild sehen wollen, klicken Sie doch auf den Post ➱George Spencer Watson. Wir freuen uns heute einfach, dass endlich der meteorologische Frühling beginnt. Das passt es natürlich wunderbar, dass der Maler Sandro Botticelli heute vor 570 Jahren geboren wurde.

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