Walter Crane

 

In der ITV Serie Lewis (die ➱hier natürlich einen Post hat) zitiert Sergeant Hathaway eine Zeile aus Tennysons Lady of ShalottOut flew the web and floated wide. James Hathaway hat in Cambridge studiert, er ist ein gebildeter Mann. Robbie Lewis kommt aus Newcastle, er war nie auf einer Universität. Als er noch der Sergeant von Chief Inspector Morse war, konnte er von dessen Bildung profitieren. In der Serie, die Morse heißt (die irgendwann auch mal hier einen Post bekommt), war Lewis viel lebendiger und witziger als in Lewis. Inspector Morse zitiert Tennyson auch einmal, wenn er seinem Chief Superintendent Strange die letzten Zeilen aus Ulysses vorträgt:

Tho‘ much is taken, much abides; and tho‘
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are …

Tennysons Lady von Shalott, die die viktorianischen ➱Maler immer wieder gereizt hat, trieb in dem Post ➱bêtes noires schon einmal durch diesen Blog. Wenn Sie die Verse dazu haben wollen, bitte sehr:

And at the closing of the day
She loosed the chain, and down she lay;
The broad stream bore her far away,
The Lady of Shalott.

Lying, robed in snowy white
That loosely flew to left and right –
The leaves upon her falling light –
Thro‘ the noises of the night
She floated down to Camelot:
And as the boat-head wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her singing her last song,
The Lady of Shalott.

Wenn Sie noch mehr über die nach Camelot treibende Dame (die der Karrierestart von Walter Crane war) in der populären Kultur wissen wollen, schauen Sie doch einmal in den interessanten ➱Artikel Floating down beyond Camelot: The lady of Shalott and the audio-visual imagination. Walter Crane starb heute vor hundert Jahren, er war ein Künstler des Arts and Crafts Movements, der von den Präraffaeliten beeinflusst war. Die Jay nun überhaupt nicht mag. Es war sicher nett von Professor ➱Wolfgang J. Müller gemeint, dass er mir als drittes Thema für das Rigorosum im Fach Kunstgeschichte die englischen Präraffaeliten offerierte. Ich konnte ihm in dem Augenblick schlecht sagen, dass ich die überhaupt nicht ausstehen konnte.

Ich habe meiner Abneigung gegen die Präraffaeliten schon in dem Post ➱Dante Gabriel Rossetti Ausdruck verliehen. Vor allem, wenn sie auch noch eine Art sozialistischer Philosophie entwickeln: We want a vernacular in art. No mere verbal or formal agreement, or dead level of uniformity but that comprehensive and harmonizing unity with individual variety which can be developed among people politically and socially free, hat er geschrieben. Das mit dem politically and socially free und der Stellung des Künstlers in der Gesellschaft ist ihm wichtig. Er bietet uns zwar keine wirkliche Philosophie wie sein Kollege William Morris (den er 1870 kennenlernt), aber er wird Mitglied der Social Democratic Federation und Fabian Society werden. Und wird eines Tages für die zum Tode verurteilten Chicagoer Anarchisten eintreten.

Aber der Mann, der gerne Samtjacken trägt (lesen Sie hier mehr über die Mode des ➱Aesthetic Movement) und grauenhaft kitschig Grimms Märchen illustriert (hier seine Abbildung zu Dornröschen), hat noch ein zweites Leben. Das nichts mit der Lage der arbeitenden Klasse in England und der amerikanischen Anarchisten gemein hat. Er ist gerne in Gesellschaft, sein Haus in der Holland Street in Kensington wird zu einem Treffpunkt von Künstlern und feiner Gesellschaft. Auch die englische Aristokratie mag den Mann, der nebenbei ein bisschen Sozialist ist.

Yea, on the strand they stood, the Sirens three — 

No More, and golden Now, and dark To Be, 

Whose vocal harps are love, and hope, and grief; 

To these they sang, and waved their hands to me. 

Who thence, unto the shore, escaping, clung. 

As from the dread insatiate ocean’s tongue 

That lapped the barren sand, and evermore. 

Above its vain recoil, the Sisters sung. 

Prone on that unknown land, outcast, forlorn. 

My soul lay ; watching for the eyes of morn ; 

As from a dying universe adrift, 

A naked life — to what dim world new born ?

Das ist auch Walter Crane, er dichtet auch ein bisschen, wie zum Beispiel The Sirens Three, einem Werk (hier im Volltext), das er auch selbst illustriert hat. Wenn Sie noch mehr Sirenen und Nymphen haben wollen, lesen Sie dich den Post ➱Meerjungfrauen und Waldnixen. Der Kunsthistoriker Otto Grautoff fand 1901 in seinem Buch Die Entwicklung der modernen Buchkunst in Deutschland (hier im Volltext) die Buchillustrationen des Mannes, dessen künstlerischer Anfang im Holzschnitt (den er bei William James Linton erlernt) liegt, ganz großartig:

Wie in einem reichen Garten nach einem warmen Nachtregen unter den Sonnenstrahlen des aufgehenden Morgens plötzlich alle duftenden Blumen sich entfalten, also bewährte sich unter den flammenden Reden John Ruskins die Blüh-Willigkeit der englischen Kunst und trieb eine wundersame Blüte in dem Dreigestirn des Edward Burne-Jones, William Morris und Walter Crane. Die Präraphaeliten betrieben die Kunst wie einen heiligen Gottesdienst und trachteten danach, alles mit Schönheit zu beleben; ihnen und ihrem grossen Agitator Ruskin, der mit sittlichem Ernst und ungeheuerem Eifer seine social-politischen Ideale zu verwirklichen trachtete, haben wir es zu danken, dass der erlösende Frühlingssturm über alle Fährten der Kunst strich; denn sie waren die Ersten, die sich nicht mehr zu vornehm dünkten, ihre Schaffenskraft in den Dienst des Kunstgewerbes zu stellen; sie predigten ,,die Kunst für das Volk und durch das Volk“. Mit einer Wünschelrute scheinen sie Alle Zeit ihres Lebens gearbeitet zu haben.

Die Engländer nennen so etwas purple passages, das würde heute niemand mehr schreiben. Ich glaube, die etwas verfremdende Illustration zu The Beauty and the Beast war an dieser Stelle angebracht. Das hier ist auch aus der Illustration des Märchens The Beauty and the Beast. Wenn sie genau hinschauen, können Sie auf dem Fächer der Schönen die schaumgeborene Venus von Botticelli erkennen. Ich weiß nicht, ob man das jetzt mit sophisticated oder corny bezeichnet. Durch die Vielzahl seiner Illustrationen für Märchen- und Kinderbücher hatte Walter Crane mittlerweile den Titel the artist of the nursery bekommen.

Weshalb weiß ich nicht. Denn Illustratoren von ➱Kinderbüchern gibt es in England genug, John Tenniel zum Beispiel, der Lewis Carrolls Alice in Wonderland illustrierte. Oder Arthur Rackham (der mit seinen letzten Ilustrationen für The Wind in the Willows in dem Post ➱Hosenumschlag zu sehen war). Und dann wollen wir die unvergleichliche Beatrix Potter natürlich nicht vergessen. Die meisten Illustrationen anderer Zeichner sind viel fröhlicher und kindgerechter als die Arts and Crafts Tristesse von Crane. So viel Fröhlichkeit wie hier auf George Henry Thompsons The Animals Jump the Stream strahlen seine Illustrationen nie aus.

Aber eine Venus wie Botticelli wollte Crane doch auch einmal malen (wahrscheinlich hatte er dessen Bild 1871 auf seiner Hochzeitsreise in Italien gesehen), ich bilde sie gerne einmal ab. Glücklicherweise findet sich auf der Seite der Tate Gallery der Zusatz not on display, das heißt, dass diese viktorianische Scheußlichkeit im Keller verschwunden ist. Wenn sie noch mehr Bilder von der schaumgeborenen Venus sehen wollen, dann klicken Sie ➱George Spencer Watson an.

Walter Crane war mit Sir Edward Burne-Jones befreundet (der der Onkel von ➱Rudyard Kipling war), er erscheint in seinen ➱Bildern wie ein schlechter Imitator von Burne-Jones. Aber er hat sich hauptsächlich als Maler gesehen. Wenn er im Rückblick auf sein Leben sagt: I exhibited chiefly in the First Water-Color Dudley Gallery from 1866 onwards, my work meeting ready acceptance by the juries, dann ist das nicht die ganze Wahrheit. Die Royal Academy lehnt die Ausstellung seiner Bilder konsequent ab. Diesen Kitsch, der Love’s Altar heißt, hat er gar nicht bei der Akademie einzureichen versucht, es wurde 1870 in der Old Bond Street Gallery gezeigt.

Es blieb ihm gar nichts anderes übrig als die Old Bond Street Gallery oder die Dudley Gallery. Und ein loser Zusammenschluss mit Künstlern, die alle Edward Burne-Jones bewunderten. Und die die Kritiker etwas gehässig als die poetry-without-grammar-school bezeichneten. Das poetry bezieht sich darauf, dass die Themen aller Bilder aus der Literatur kommen, das without grammar meint die Zurückweisung akademischer Konventionen. Und dann kommt so etwas dabei heraus. Auf den Gedanken, Walter Crane hauptsächlich als Maler zu sehen, würde heute niemand mehr kommen. Wenn man bedenkt, dass es längst die Schule von Barbizon, die Maler in ➱Skagen und ➱Edouard Manet gibt, ist diese Belle Dame sans Merci malerisch doch ein Rückschritt. Aber das Mittelalter ist es ja, zu dem die englische Kunst des viktorianischen Zeitalters strebt. Ich möchte an dieser Stelle die Lektüre der Posts ➱Ritter, ➱Shakespeare oder ➱Mark Girouard empfehlen.

Nein, ein Maler ist Walter Crane wirklich nicht, er ist gut in manchen seiner Illustrationen. Von denen viele auch vom Japonismus beeinflusst sind; es ist eine Kunst der Linie, die ihn auszeichnet. Maler müssen mehr können als die Linie. Er ist sicher auch ein Vorläufer dessen, was man Art Nouveau oder Jugendstil nennen wird. Im Mittelalter hätte er sicher einen guten Mönch abgegeben, der Bücher mit seinem filigranen Blattwerk illuminiert. Heinrich Vogeler (der ➱hier einen Post hat) wirkt manchmal wie ein Imitator von Crane. Wenn wir nett sind, könnten wir sagen, dass die beiden Geistesverwandte sind. Ich mag aber diese Schwäne, die hatte ich mal auf einem englischen Tablett, weiß nicht, wo das geblieben ist.

Man kann sie aber immer noch auf Teebechern bekommen, ebenso wie sein Gemälde Neptun’s Horses. Den Becher könnte man auch als Zahnputzbecher nehmen. Wenn Sie den Post ➱Abstraktion gelesen haben, wissen Sie, weshalb ich auf diesen Gedanken komme. Zum Ende des Jahrhunderts kommt die große Zeit von Walter Crane. Er bekommt 1891 eine Ausstellung des Gesamtwerks, die auch nach Amerika und Europa wandert. Und die belgische Künstlergruppe Les XX wird ihn 1891 einladen, er ist neben Ford Madox Ford der einzige Engländer, der eine Einladung nach Belgien bekommt.

Der Maler Sir William Rothenstein sagte 1931 über Crane: He was illustrator, painter, designer, craftsman, and sculptor by turn; he poured out designs for books, tapestries, stained glass, wall-papers, damask, and cotton fabrics . . . he could do anything he wanted, or anyone else wanted. Ist das wirklich ein Lob? In Deutschland war man von ihm begeistert, wie das Zitat weiter oben von Otto Grautoff zeigen kann. Justus Brinckmann, Direktor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, kaufte schon früh von  Crane illustrierte Bücher für das MuseumAlfred Lichtwark erwähnt das in einem Aufsatz.

Ich bin nicht der einzige, der Walter Crane nicht so großartig findet. John Fleming und Hugh Honour tun das in ihrem hervorragenden Penguin Dictionary of Decorative Arts auch, wenn sie schreiben: He was at best as a designer of textiles and wallpapers, especially those intended for nurseries, in a pale-coloured rather wispy version of the Morris style, tinged with enough Art Nouveau influence to win him European renown. Tapeten fürs Kinderzimmer, das ist von dem Ruhm des Sozialisten und Salonlöwen geblieben. Sein Ruhm schläft wie sein Dornröschen. Küssen wir es nicht wach.

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