Einquartierung

 

Das ist Margaret Kemble Gage, die Gattin des englischen Generals Thomas Gage, gemalt von ➱John Singleton Copley. Er hat auch ihren Ehemann gemalt. Der an dem Quartering Act Schuld ist, der heute vor 250 Jahren vom englischen Parlament beschlossen wurde. Das englische Parlament ist fleißig in jenen Tagen, zwei Tage zuvor hat man den Stamp Act beschlossen. Wenn man so will, ist das der Anfang vom Ende der englischen Herrschaft in Amerika. Der Quartering Act wird Folgen haben, bis zum heutigen Tag. Thomas Gage, der der Oberkommandierende der englischen Truppen in Amerika ist, wollte gerne erreichen, dass seine Truppen von den Amerikanern untergebracht und beköstigt werden. Das ist natürlich auch der Wunsch der Engländer. Warum sollen die Kolonien nicht dafür bezahlen, dass man sie beschützt?

Im French and Indian War – in dem ➱George Washington der Waffenbruder von Thomas Gage war – hat man das in den Kolonien ja noch eingesehen. Aber jetzt, wo Franzosen und Indianer besiegt sind, warum die Engländer durchfüttern? Thomas Gage ist eine tragische Figur. Er war auf einer berühmten Schule, er kann sich benehmen. Und er teilt nicht die Laster der englischen Offiziere, die da Trunk- und Spielsucht heißen. Da ist er ganz anders als der General ➱Charles Lee, der ihm einmal schrieb: I respected your understanding, lik’d your manners and perfectly ador’d the qualities of your heart. Mit einundzwanzig ist Gage Leutnant (war ich auch), und er ist mit der englischen Armee dort, wo man ihn braucht: in Flandern und in Culloden (zu der Schlacht gibt es ➱hier einen Post). Und ab 1755 für zwanzig Jahre in Amerika.

Wo er in dem völlig missglückten Feldzug des Generals Edward Braddock eben diesen jungen Mann aus Virginia kennenlernen wird. Nach dem Frieden von Paris 1763 möchte Gage nach England zurück, er sagt seinem Vorgesetzen Lord Amherst, er sei very much [tired] of this cursed Climate, and I must be bribed very high to stay here any longer. Wenig später, im Oktober 1763, wird er Amhersts Stellvertreter, als der nach England zurückgerufen wird. Lord Amherst wird nicht nach Amerika zurückkehren.

Als der Quartering Act verkündet wird, sieht Gage die politische Lage in den Kolonien ganz klar, vielleicht klarer als andere: It is to be feared in general, that the spirit of democracy is strong amongst them. The question is not of the inexpediency of the Stamp Act, or of the inability of the Colonys to pay the tax; but that it is unconstitutional and contrary to their rights Supporting the Independency of the province and not subject to the Legislative Power of Great Britain. Washington und Gage respektieren sich, es hätte eine Freundschaft daraus werden können. Aber wenn Gage zwanzig Jahre nach dem Quartering Act einen Brief an Washington mit I am, Sir, your most obedient humble servant beendet, dann meint er das nicht so. Da stehen sich die beiden als Feinde gegenüber, und Washington trägt nicht mehr die englische Uniform.

Thomas Gage mag die Amerikaner, schließlich hat er ja auch eine Frau aus den Kolonien geheiratet (hier ist Margaret Kemble auf einem Bild von David Martin aus dem Jahre 1775 zu sehen). Die kommt aus dem einflussreichen New Yorker Clan der Schuylers, ist aber auch mit den Van Cortlandts, Bayards, Van Rensselaers und deLanceys verwandt. Das ist sozusagen der amerikanische Uradel. Es heißt über sie: she was known as a belle in social circles throughout the middle colonies, die Offiziere des Generals werden sie the Duchess nennen. Thomas Gage kommt auch aus einer alten ➱Adelsfamilie, er selbst wird aber keinen Adelstitel tragen. Abgesehen davon, dass er natürlich The Honourable Thomas Gage ist, das steht dem Sohn eines Viscounts zu.

Gages Gattin hat große Sympathien für den Freiheitskampf, Gage verdächtigt sie, militärische Geheimnisse an die Revolutionäre zu verraten. Er schickt sie im Sommer 1775 nach England zurück. Sie segelt mit einem ➱Schiff, das Charming Nancy heißt und das voller Witwen und verwundeten englischen Soldaten ist. Ob sie wirklich daran Schuld ist, dass eines Tages ➱Paul Revere durch die Nacht reitet und The British are coming! ruft, das ist nie erwiesen worden. Die Historiker streiten immer noch darüber. Verschwörungstheorien sind immer eine schöne Sache. Einem Freund vertraute sie an: she hoped her husband would never be the instrument of sacrificing the lives of her countrymen. Und einer Freundin sagte sie, sie fühle sich wie Blanche in Shakespeares King John:

The sun’s o’ercast with blood: fair day, adieu!
Which is the side that I must go withal?
I am with both: each army hath a hand;
And in their rage, I having hold of both,
They swirl asunder and dismember me.
Husband, I cannot pray that thou mayst win;
Uncle, I needs must pray that thou mayst lose;
Father, I may not wish the fortune thine;
Grandam, I will not wish thy fortunes thrive:
Whoever wins, on that side shall I lose
Assured loss before the match be play’d.

Es ist eine ungewöhnliche ➱Pose, in der John Singleton Copley Margaret Kemble gemalt hat. Er hatte gerade sein Studio in New York bezogen, in einem Haus in Broadway, on the west side, in a house which was burned in the great conflagration on the night the British army entered the city as enemies. Er wusste, dass dieses Bild Furore machen könnte. Er wollte Margaret Kemble zuerst so malen, wie Sir Godfrey Kneller ➱Lady Montagu gemalt hatte, weil er von dem Bild einen Stich besaß, gab diesen Plan aber glücklicherweise auf. Copley wird seinem Stiefbruder ➱Henry Pelham schreiben, dass der Maler ➱Matthew Pratt über das Bild sagte: It will be flesh and Blood these 200 years to come, that every Part and line in it is Butifull, that I must get my ideas from Heaven, that he cannot paint it.

Nach der Schlacht von Bunker Hill (die ➱hier einen Post hat) ist Thomas Gage dann auch wieder zu Hause. Denn wenn ein Oberkommandierender der englischen Regierung vorschlägt, dass sie die Intolerable Acts zurücknehmen soll, dann hört man das in London nicht so gerne. His idea of suspending the Acts seems to me the most absurd that can be suggested, wird der König an Lord North schreiben. Alle diese Maßnahmen, die sich hauptsächlich gegen die Einwohner von Massachusetts richten (wo Gage auch noch Gouverneur ist), spülen allerdings kein Geld in Englands Kassen. Die Kolonien sind sehr erfinderisch darin, Englands Anordnungen nicht zu befolgen.

Gage war damals nicht die erste Wahl von Lord North, man hätte lieber Monckton (hier auf einem Bild von Benjamin West) genommen, aber der wollte nicht. London sucht schon seit längerem nach einem Nachfolger für Gage, der bei einem Urlaub in England (durch den er die Boston Tea Party verpasste) den König zu überreden versuchte, mehr Truppen zu schicken. Nach der Unterredung schreibt der König seinem Premier Lord North: … his language was very consonant to his Character of an honest determined Man; he says they will be Lyons, whilst we are Lambs but if we take the resolute part they will undoubtedly prove very meek. Schon vor seinem Aufenthalt in England hatte er der Regierung empfohlen:

If a determined resolution is taken to enforce at all events a due submission to that dependence on the parent state, to which all Colonies have been subjected, you can not act with too much vigor. Quash this spirit at a blow, without too much regard to the expense, and it will prove economy in the end. Doch den the spirit of democracy… amongst them kann man nicht unterdrückenEngland wartet zu lange, bis es Truppen nach Amerika schickt. Dann kommen gleich drei englische Generalmajore: William Howe, Gentleman Johnny Burgoyne und ➱Henry Clinton. ➱Burgoyne (hier von ➱Joshua Reynolds gemalt) findet dafür die großsprecherische Bezeichnung: triumvirate of reputation, aber die Londoner Presse verhöhnt die Herren in Rot:

Behold the Cerberus the Atlantic plough,
Her precious cargo, Burgoyne, Clinton, Howe.
Bow, wow, wow!

Burgoyne, mehr ein Mann der Feder (und des Champagners) als des Schwertes – er wird noch als Theaterautor berühmt – verfasst als erstes eine Proklamation: Whereas the infatuated multitudes, who have long suffered themselves to be conduced by certain well known Incendiaries and Traitors in a fatal progression of crimes against the constitutional authority of the state, have at length proceeded to avowed rebellion; and the good effects which were expected to arise from the patience and leniency of the King’s government, have been frustrated, and are now rendered hopeless, by the influence of evil counsels; it only remains for those who are entrusted with supreme rule, as well for the punishment of the guilty, as the protection of the well affected, to prove they do not bear the sword in vain. Wenn ➱Horace Walpole ihn als Pomposo und Hurlothrumbo bezeichnet, dann wissen wir nach dieser Stilprobe weshalb. Walpole hat ein wunderbares Schludermaul. Wenn er Burgoyne, über den er sagt but he was a vain, very ambitious man, with a half-understanding that was worse than none einen Namen wie Julius Caesar Burgonius oder General Swagger gibt, dann spricht sich das herum.

Die ➱Proklamation, über die man in Amerika (und in England!) lacht, endet mit: I avail myself of the last effort within the bounds of my duty, to spare the effusion [of blood]; to offer, and I do hereby in his Majesty’s name, offer and promise, his most gracious pardon to all persons who shall forthwith lay down their arms, and return to the duties of peaceable subjects, excepting only from the benefit of such pardon, Samuel Adams and John Hancock, whose offenses are of too flagitious a nature to admit of any other consideration than that of condign punishment. Jeder wusste, dass Burgoyne das geschrieben hatte, es war nur etwas blöd von Thomas Gage, seinen Namen darunter zu setzten. Denn als Gouverneur von Massachusetts kannte er die Charter of Massachusetts, auf die Samuel Adams auf Copleys Bild hinweist. Die Krone hat den Kolonien einmal Rechte zugestanden, die sie jetzt verletzt.

Die drei neuen Generäle können sich nicht ausstehen, von ihrer reputation wird wenig übrig bleiben. Der Ehrenmann Gage, der nach seinen eigenen Worten zu einer mere military cipher geworden ist, segelt nach Hause. Und lässt sich (wie seine Gattin) von David Martin malen. Die beiden Portraits täuschen eine Gemeinsamkeit vor, die nicht mehr vorhanden ist. Die Ehe ist jetzt zerrüttet. Ich glaube, sie lässt ihn nicht wieder ins Bett. Sie hat ihm elf Kinder geboren, der älteste Sohn wird den Titel eines Viscounts Gage tragen. Gage wird noch vom Generalleutnant zum General befördert werden, aber an keinem Feldzug mehr teilnehmen. Margaret Kemble Gage, die neunzig Jahre alt wird, wird ihren Ehemann um sechsunddreißig Jahre überleben.

Mit der amerikanischen Revolution ist der Quartering Act zur Makulatur geworden. Jefferson hatte ihn in der ➱Declaration of Independence in der Liste der Klagen gegen den König erwähnt: He has combined with people others to subject us to a jurisdiction foreign to our constitution, and unacknowledged by our laws; giving his Assent to their Acts of pretended Legislation: For quartering large bodies of armed troops among us). Damit man so etwas nie wieder hat, schreibt man ihn als drittes amendment in die Verfassung: No Soldier shall, in time of peace be quartered in any house, without the consent of the Owner, nor in time of war, but in a manner to be prescribed by law. Es ist der Zusatzartikel, der von all den zehn Artikeln, die am 21. September 1789 verabscheidet wurden, die wenigsten juristischen Probleme bereitet hat.

Ganz im Gegensatz zu dem vorangehenden Zusatzartikel. Der im ersten Entwurf so lautet: A well regulated militia, composed of the body of the people, being the best security of a free state, the right of the people to keep and bear arms shall not be infringed; but no one religiously scrupulous of bearing arms shall be compelled to render military service in person. Es geht also um die Rechte der Miliz, Amerika hat im Gegensatz zu England kein stehendes Heer. Sie könnten jetzt den Post ➱Schnellfeuergewehre lesen, da steht noch mehr zu diesem Zusatzartikel der Verfassung. Das neueste Buch zu unseren englischen Generälen in Amerika ist Andrew Jackson O’Shaughnessys The Men Who Lost America: British Leadership, the American Revolution, and the Fate of the Empire, sehr empfehlenswert. Was allerdings der Ausschnitt von Copleys The Defeat of the Floating Batteries at Gibraltar, September 1782 auf dem Buch soll, das weiß ich nicht. Wenn Sie alles über Copleys Bild wissen wollen, dann lesen Sie den Post ➱Hoya.

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