Vanessa Bell

 

Es ist nicht unbedingt schmeichelhaft, dieses Selbstportrait, das die englische Malerin Vanessa Bell vor hundert Jahren von sich gemalt hat. Vanessa Bell (die in dem Post ➱Grand Hotel erwähnt wird) ist heute vor vierundfünfzig Jahren gestorben. Sie war die ältere Schwester von Virginia Woolf. Die ist ein seltener Gast in diesem Blog, aber sie kommt in den Posts ➱Bunga Bunga und ➱Alfred Wallis (und mehreren anderen) vor. Beide Schwestern gehören zu der Gruppe von Künstlern, die heute das Etikett Bloomsbury bekommen haben.

Wenn Sie ganz viele Bilder von Vanessa Bell sehen wollen, dann klicken Sie diese ➱Seite der BBC an. Vanessa Bells Sohn Julian (hier zusammen mit seinem jüngeren Bruder Quentin und seiner Mutter) wollte auch Maler werden. Und Dichter. Am besten alles. Die ganze Verwandtschaft besteht ja aus nichts als Malern und Dichtern. Wird man in einem solchen Umfeld je glücklich? Quentin Bell scheint das trotz der etwas chaotischen Familienverhältnisse gewesen zu sein. Er war zwar auch einmal als Künstler tätig, ist dann aber Professor für Kunstgeschichte an mehreren englischen Universitäten geworden. Er hat eine zweibändige Biographie seiner Tante Virginia Woolf geschrieben, die zahlreiche Preise erhielt; und er hat nach dem Tod seines Bruders dessen Essays, Poems and Letters herausgegeben.

Er hat auch ein Buch über die Mode geschrieben: On Human Finery, das in England ein Klassiker ist, hierzulande aber kaum bekannt ist. Es ist leider out of print, aber es ist nicht unmöglich, antiquarisch noch ein Exemplar zu finden. Es gibt auf dieser ➱Seite einen sehr guten (illustrierten) Überblick über das Werk. Quentin Bell hatte es bei Kriegsende geschrieben, aber es dauerte bis 1947, bis die Hogarth Press das Buch veröffentlichte. 1976 brachten Allison & Busby es in wesentlich überarbeiteter Form als Paperback heraus.

Diese Ausgabe von  On Human Finery hier kann man bei Amazon.com zu Preisen zwischen $ 0.01 und $ 999.11 bekommen. Ich würde an Ihrer Stelle, das Exemplar für einen Cent bestellen. Es ist ein im höchsten Maße originelles und gleichzeitig witziges Buch. Viele Rezensenten lobten den trockenen Humor des Verfassers. Ich gebe mal eben eine kleine Stilprobe: Our clothes are too much a part of ourselves for us ever to be entirely indifferent to their condition; the feeling of being perfectly dressed imparts a buoyant confidence to the wearer, and it impresses the beholder as though the fabric were indeed a natural extension of the man. … 

So strong is the impulse of sartorial morality that it is difficult in praising clothes not to use such adjectives as “right,” “good,” “correct,” “unimpeachable,” or “faultless,” which belong properly to the discussion of conduct, while in discussing moral shortcomings we tend very naturally to fall into the language of dress and speak of a person’s behavior as being shabby, shoddy, threadbare, down at heel, botched, or slipshod. Auf diesem Bild seiner Mutter, das wahrscheinlich im Jahr 1938 gemalt wurde, ist er als junger Mann zu sehen. Sein Bruder Julian, den die Mutter dreißig Jahre zuvor als kleinen Blondschopf gemalt hatte (im Absatz oben), ist da gerade im Spanischen Bürgerkrieg gestorben.

Ich habe zu Julian Bell in dem Blog ➱The Last Train to Arcardy ein Gedicht gefunden, das von einem Autor namens Steeve Burgess stammt, den es offenbar nur im Internet gibt. Das ➱Gedicht heißt ganz simpel Julian Bell und ersetzt eine lange Biographie:

Shining bright

But kept in the dark

By Burgess, Philby, Blunt and MacLean,

At Trinity Cambridge he cast his spell

The Bloomsbury boy

Julian Bell.


When others warned

Of gathering clouds

He shouted “can’t you see the rain”

And soon it poured down from the sky

On Guernica

From a German plane.


Apostles joined

The Soviets

With covert operations and

Young Julian

To Spain he went,

His cause – Spanish Republican.


His family

Fretting for their son

Said “why not join the ambulance corps”?

A safer course of action then,

Than hand to hand

In Civil war.


And wearing the socks

of Virginia Wolf

He drove across the sad terrain

Where Franco’s boot boys

marched along to “Long live death”

Their mad refrain.


In Civil wars

there are no laws

And no brotherly decency

And soon the tragic news it came

On valve set

short wave frequency.


The last post of Julian Bell

His ambulance bombed

By Spanish shell

On foreign soil

There spread a stain

Across Europe and then, the World


Blunt loved him physically, they say,

And Burgess secretly,

He swayed,

With Whisky bottle

In his coat

He wept silently in the rain.


Philby galvanised his soul

And bit his lip

As did MacLean

And ten years after World War Two

Brit’s holidayed

in Franco’s Spain.


In a deserted village church

Foresaken by true Christian souls

Neath stormy skies

A lonely bell

Rings poor Julian’s

Final toll.

Das Gedicht enthält für das Wort Apostles eine Fußnote: The Apostles were an elite club, taken over by the left wing intelligensia of Cambridge university in the 1930’s. Das Gedicht findet sich auch in der International Times, einem Untergrundmagazin, das seit einigen Jahren Online ist. Dies Bild zeigt Julian Bell beim Lesen. Gemalt von Duncan Grant, mit dem Vanessa Bell seit Beginn des Ersten Weltkriegs zusammenlebt, sie werden mit Angelica Garnett eine gemeinsame Tochter haben. Von ihrem Ehemann, dem Kunstkritiker Clive Bell, hat sie sich aber nie scheiden lassen, sie wird lebenslang zu ihm ein gutes Verhältnis haben.

Ihrer Schwester Virginia hat sie nie verziehen, dass die kurz nach ihrer Heirat etwas mit Clive Bell anfangen wollte. Die Bohème findet in England neue Lebensformen. So exzentrisch wie die Malerin Dora Carrington (die wir aus dem gleichnamigen Film kennen, wo sie von Emma Thompson gespielt wurde) wollen die Bells und Grants doch nicht sein. Niemand von ihnen wird wie Dora Carrington Selbstmord begehen. Vanessa Bell (hier ein Selbstportrait aus dem Jahre 1958) wird bis zu ihrem Tod malen und ausstellen.

Die englische Kunsthistorikerin Frances Spalding, eine Spezialistin für die englische Malerei des 20. Jahrhunderts, die auch den Band British Art since 1900 in der Kunstreihe des Thames & Hudson Verlags geschrieben hat, hat 1983 eine Biographie von Vanessa Bell geschrieben. Es war das erste Buch über die Frau, die den Friday Club gründete und im Zentrum von Bloomsbury stand. Das Charleston Farmhouse, in dem sie mit Duncan Grant lebte, ist heute ein ➱Museum. Es ist neben dem Familiensitz der Familie Gage, die die greengage ➱Pflaume nach England brachten (lesen Sie doch den Post ➱Einquartierung über General Gage), heute das Touristenziel von Firle in Sussex.

Dieses Selbstportrait hat auch ein Julian Bell gemalt, wir können daraus schließen, dass der auch malt und schreibt. Der Computer verrät uns aber, dass dies ein anderer Julian Bell als der Sohn von Vanessa sein muss. Dies ist der Sohn von Quentin Bell, er ist – wie könnte es in der Familie anders sein –  Maler, Dichter und Kunstschriftsteller. Sein Buch Mirror of the World: A New History of Art hat bei den Kritikern für einige Aufregung gesorgt. Nicht alle Leser mochten das Buch, der Vergleich von chinesischen Bronzestatuen mit Harley Davidson Motorrädern mag ja ganz nett sein, aber keine Abbildungen zu ➱Gainsborough, das tat vielen Lesern weh. Bei mir gibt es immer Bilder zu Gainsborough.

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