Edle Wilde

I have the honor to present a young American, who has a letter of introduction to your eminence, and who has come to Italy for the purpose of studying the fine arts, sagt Mr Robinson zu dem Kardinal Albani, der in seiner Villa Albani einmal  die größte Sammlung römischer und griechischer Kunst besaß. Albani ist zwar blind, aber er hat in seiner Jugend Kunst gesammelt. Dafür hatte er Berater, die Johann Joachim Winckelmann und Anton Raphael Mengs heißen (der ➱hier schon einen Post hat). Häufig übernimmt sich Albani finanziell und muss verkaufen. Dafür ist man in Dresden dankbar, weil August der Starke vierunddreißig Werke für die Sammlung kauft, die heute ein Zierstück der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sind.

Den Rest der Sammlung wird eines Tages Clemens XII kaufen, es ist der Grundstock der Sammlung des Museo Capitolino. Unser Engländer namens Robinson (hier mit seinen Freunden auf der ➱Grand Tour) ist kein einfacher Mr Robinson, wenig später erbt er den Titel eines Lord Grantham (der nichts mit Downton Abbey zu tun hat). Mr Robinson sammelt wie alle Engländer auch ein wenig. Sein Sohn auch. Vor Jahren wurde aus dem Besitz dieser Familie eine ➱Venus für beinahe acht Millionen Pfund verkauft, die Robinsons Sohn im 18. Jahrhundert in Rom gekauft hatte.

Der junge Mann, den Thomas Robinson dem Kardinal vorstellt, heißt ➱Benjamin West. Er kommt direkt aus Amerika. Hier hat ihn ➱Angelika Kauffmann gezeichnet, die gerne etwas mit ihm angefangen hätte. Der Kardinal Alessandro Albani hält den Fremden, den man ihm vorstellt, für einen Indianer: The cardinal fancying that the American must be an Indian, exclaimed, ‚ Is he black or white?‘ and on being told that he was very fair, What, as fair as I am?‘ cried the cardinal still more surprised. This latter expression excited a good deal of mirth at the cardinal’s expense, for his complexion was of the darkest Italian olive, and West’s was uncommonly fair. The cardinal, after some other short questions, invited West to come near him, and running his hands over his features, attracted the attention of the company to the stranger, by the admiration he expressed at the form of his head. This occasioned inquiries respecting the youth; and the Italians concluding, that as he was an American, he must, of course, have been brought up as a savage, became curious to witness the effect which the works of art contained in the Belvidere and Vatican, would produce on him.

Das muss jetzt sein, wenn man aus der neuen Welt kommt. Da muss man die große Kunst der alten Welt sehen, denn der gute Geschmack, welcher sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet, hat sich angefangen zuerst unter dem griechischen Himmel zu bilden. Sagt unser guter ➱Winckelmann. Und für den war der Apollo von Belvedere das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums. Also marschiert man dorthin, wo der Apoll steht: it was arranged  that on the following morning they should accompany Mr Robinson and his protege to the palaces. At the hour appointed the company assembled; and a procession, consisting of upwards of thirty of the most magnificent equipages in the city, and filled with some of the most learned characters in Europe, conducted the young quaker to view the masterpieces of art. It was agreed that the statue of Apollo should be first submitted to his view, because it was the most perfect work among all the ornaments of Rome, and of course, the best calculated to produce that effect, which the company were anxious to witness.

Und was sagt Benjamin West? Er ruft: My God, how like it is to a young Mohawk warrior! Sein Ausruf verstört die Italiener. Benjamin West erläutert dann, wie er das gemeint hat: The Italians, observing his surprise, and hearing but not understanding the exclamation, requested Mr Robinson to translate to them what he said; and they were excessively mortified to find that the god of their idolatry was compared to a savage. Mr Robinson mentioned to West their disappointment, and asked him to give some explanation, by telling them what sort of people the Mohawk Indians were.

He described to them their education, their dexterity with the bow and arrow ; the admirable elasticity of their limbs; and how much their active life expands the chest, while the quick breathing of their speed in the chase, dilates the nostrils with that apparent consciousness of vigor which is so nobly depicted in the Apollo. ‚I have seen them often,‘ added he, standing in that very attitude, and pursuing, with an intense eye, the arrow which they had just discharged from the bow.’This explanation did not lose, by Mr Robinson’s translation, and the Italians were delighted, saying that a better criticism had rarely been pronounced on the merits of the statue. Er weiß viel über die Indianer zu erzählen; er sagt auch, dass sie ihn als Kind gelehrt hätten, sich Farben aus Lehm und wilden Beeren zu mischen. Ebenso wie seine römischen Zuhörer können wir das leider nicht überprüfen.

Die Bilder hier sind von Gilbert StuartJoshua Reynolds, ➱Joseph Wright of Derby und Benjamin West. Der ➱edle Wilde, ob aus Amerika oder Polynesien, hat in Europa Konjunktur. Das hatte sich scheinbar noch nicht bis Rom herumgesprochen. Ich zitiere mal eben etwas, was schon in dem Post ➱Philip Freneau steht: Freneau macht in seinem bekannten Gedicht The Indian Burying Ground noch etwas anderes: er verknüpft den edlen Wilden mit einem zweiten Komplex, der in der Lyrik jetzt schwer gefragt ist. Und das ist die englische graveyard poetry.

Also diese Gedichte, wo englische Landpfarrer bei Anbruch der Nacht auf einem Grabstein sitzen und schwermütig über Leben und Tod nachdenken, wie in ➱Thomas Grays Elegy Written in a Country Churchyard. Ist jetzt genau so Mode wie der edle Wilde. Und unser Absolvent der Universität, die eines Tages Princeton heißen wird, vermischt jetzt in einem Geniestreich beide Komplexe miteinander. Tote Indianer sind noch edler als edle Wilde. In der Literatur kommt jetzt auch schnell das Motiv des letzten Indianers, in Coopers The Last of the Mohicans zum Beispiel. In der Literatur siechen sie schon dahin, während sie in der Wirklichkeit noch quicklebendig sind. Und noch kein amerikanischer General The only good Indian is a dead Indian gesagt hat.

Benjamin West hat seinen Teil zum Bild des Indianers im 18. Jahrhundert beigetragen. Das ➱Gemälde vom Tod des General Wolfe war eine Sensation für die ➱Historienmalerei, denn zeitgenössische Kleidung hatte man auf solchen Bildern noch nie gesehen. Römer in weißen Bettlaken waren O.K., englische Offiziere in roten Röcken nicht. Und dann noch ein halbnackter Indianer!

Für den Reverend Robert Anthony Bromley gehörte der aber 1793 ins Bild, er schien ihm: so natural that no one would hardly expect them to be otherwise than they appear; and they come so near to the truth of the history, that they are almost true, and yet not one of them is true in fact. Nein, nicht alles ist wahr. Der General Sir William Johnson in grüner Uniform war gar nicht in Quebec. Und wahrscheinlich war auch gar kein Indianer beim Tod des Generals dabei. Es hat vielleicht eher so ausgesehen, wie hier auf dem Bild von James Barry. Kein Indianer zu sehen.

Viele Kritiker haben die Übereinstimmung der Pose des Indianers bei Benjamin West mit klassischen Statuen betont. Edler Wilder und Begeisterung für Griechen und Römer gehen jetzt zeitlich Hand in Hand. Aber wenn der Dresdner Bildhauer Ferdinand Pettrich das Jahrzehnte später noch wiederholt, rümpfen die Kritiker doch die Nase (lesen Sie ➱hier mehr zu der Ausstellung in Dresden), weil das Ganze inzwischen zu abgegriffen erscheint.

Pettrichs sterbender ➱Keokuk ist nicht die letzte Statue eines Indianers. In Amerika wird der Indianer eine völlig neue Funktion bekommen. Man schnitzt ihn lebensgroß aus ➱Holz und stellt ihn vor einen Tabakwarenladen. Als die Cigar Store Indians (die übrigens aus Europa, wo es sie schon im 17. Jahrhundert gab, nach Amerika gelangten) Konjunktur haben, da sind die Indianer schon beinahe ausgerottet. Benjamin West wird immer einmal wieder zu dem Thema der Indianer zurückkehren, so zum Beispiel in dem Bild William Penn’s Treaty with the Indians, zu dem Sie ➱hier mehr lesen können.

Nicht immer sind die Indianer bei West edel. Dieser Mohawk Krieger kann gerade noch von dem englischen General Johnson davon abgehalten werden, den Baron Dieskau umzubringen (lesen Sie mehr in dem Post ➱Montcalm). Der sächsische General steht in französischen Diensten, er sollte den Vormarsch der Engländer auf Kanada aufhalten. Der French and Indian War ist aber mit der Schlacht von Lake George noch lange nicht zuende. Zwei Jahre später wird hier wieder gekämpft, was jeder Leser von Coopers The Last of the Mohicans weiß.

Hier sehen wir noch einmal Sir William Johnson (oder vielleicht ist es auch sein Neffe Guy Johnson, man weiß das nicht so genau). Der englische Commisioner for Indian Affairs steht zwischen zwei Kulturen, Benjamin West verdeutlicht das durch die Kleidung. Eine englische Uniform mit vielen indianischen Accessoires und einer Mohawk Kappe. Der Indianer neben ihm, der Karonghyontye heißt, hält eine Friedenspfeife in der Hand. Im Hintergrund haben wir friedliche Indianer vor einem englischen Armeezelt, und dahinter plätschern die etwas klein geratenen ➱Niagarafälle. Der Indianer bleibt im Dunklen. Im Hintergrund. Da bleiben die rätselhaften Indianer immer.

Wir haben keine Bilder von Sir William Johnson, die ihn mit Molly Brant zeigen. Die Indianerin, die auch Koñwatsiãtsiaiéñni (Der eine Blume geliehen wurde) heißt, ist die Schwester von dem Mohawk Häuptling Joseph Brant (im Bild ganz oben von Gilbert Stuart gemalt). Sie wird mit dem englischen General acht Kinder haben. Die Geschichte von Pocahontas und Captain Smith hat kein happy ending, die Beziehung von William Johnson und Mary Brant scheint glücklich gewesen zu sein.

Ein Gedicht über Indianer zu finden, ist nicht so schwer. Johann Gottfried Seumes ➱Gedicht Der Wilde war früher in allen Lesebüchern. Im Gegensatz zu ➱Schiller und Goethe (den seine Freunde in Frankfurt den Huronen nannten), die auch über Indianer dichten, war ➱Seume (in hessische Dienste gepresst und nach Amerika gebracht) ja wirklich einmal da, wo Indianer leben. Ich hätte gerne das ➱Gedicht The Indian Student: or, Force of Nature genommen, aber das ist leider zu lang. Es ist ein Gedicht über einen Indianer, der in Harvard studiert. Und zum Studienabbrecher wird. Weil er nicht will, dass er zu einer Karikatur des weißen Mannes wird, wie auf dem Bild Savage and Tragically Civil von ➱George Catlin:

“And why,” he cried, “did I forsake

My native wood for gloomy walls;

The silver stream, the limpid lake

For musty books, and college halls.

Statt The Indian Student stelle ich lieber Freneaus kleineres Gedicht The Indian Graveyard hier ein:

In spite of all the learn’d have said;

I still my old opinion keep,

The posture, that we give the dead,

Points out the soul’s eternal sleep.


Not so the ancients of these lands —

The Indian, when from life releas’d

Again is seated with his friends,

And shares gain the joyous feast.


His imag’d birds, and painted bowl,

And ven’son, for a journey dress’d,

Bespeak the nature of the soul,

Activity, that knows no rest.


His bow, for action ready bent,

And arrows, with a head of stone,

Can only mean that life is spent,

And not the finer essence gone.


Thou, stranger, that shalt come this way.

No fraud upon the dead commit —

Observe the swelling turf, and say

They do not lie, but here they sit.


Here still lofty rock remains,

On which the curious eye may trace,

(Now wasted, half, by wearing rains)

The fancies of a older race.


Here still an aged elm aspires,

Beneath whose far — projecting shade

(And which the shepherd still admires

The children of the forest play’d!


There oft a restless Indian queen

(Pale Shebah, with her braided hair)

And many a barbarous form is seen

To chide the man that lingers there.


By midnight moons, o’er moistening dews,

In habit for the chase array’d,

The hunter still the deer pursues,

The hunter and the deer, a shade!


And long shall timorous fancy see

The painted chief, and pointed spear,

And reason’s self shall bow the knee

To shadows and delusions here.

Jahrzehnte nach der Begegnung mit Kardinal Albani hält niemand mehr Benjamin West für einen Indianer. Der Freund des Königs ➱George ist heute vor 195 Jahren gestorben. Ein Jahr vor Wests Tod hat Archibald Archer diese Bild gemalt. Da sitzt West, jetzt der Präsident der Royal Academy, vorne links in einem Raum des British Museum, in dem man vorläufig erst einmal die Elgin Marbles (lesen Sie ➱hier mehr dazu) untergebracht hat. Keine edlen Wilden weit und breit, aber der edle Marmor ist immer noch da.

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