Unsere Marine

Da möchte man sich doch gleich verpflichten, so nach dem Motto Join the Navy and see the World. Die Zigarettenmarke von Georg Anton Jasmatzi, dem Zigarettenkönig aus Dresden, machte nicht nur mit diesem Spruch Unsere Marine Reklame, sie hieß wirklich so. Vor dem Ersten Weltkrieg konnte man so etwas noch machen.

Georg Anton Jasmatzi ist nicht der einzige, der in Dresden eine Zigarettenfabrik betreibt. Da ist noch Hugo Zietz, der Inhaber der Orientalischen Tabak- und Cigarettenfabrik Yenidze. Er importiert den Tabak aus Yenidze in Griechenland, wir werden die ➱Griechen in diesem Blog nicht so recht los. Vielleicht sollte ich noch sagen, dass Georg Anton Jasmatzi eigentlich Georgios Antoniou Iasmatzis heißt. Die Fabrik von Zietz, die wie die Marke auch Yenidze heißt, nennt man in Dresden die Tabakmoschee.

Wenn Sie diese Bilder betrachten, wissen Sie weshalb. Sieht ein wenig aus wie das Iranistan von P.T. Barnum (das Bauwerk wurde schon in dem Post ➱Plagiate erwähnt). Wenn Sie jetzt zufälligerweise noch mehr über Tabak lesen wollen, kann ich die Posts ➱Tabac Trennt und ➱Blauer Dunst empfehlen. Die Kieler Firma Th. Trennt hätte eigentlich auch in der Ausstellung, von der hier die Rede sein soll, repräsentiert sein sollen, denn ihr Aufstieg ist untrennbar mit der Kieler Marine verbunden (lesen Sie ➱hier mehr zur Geschichte der Firma, bei der auch Admiral Graf Spee seine Zigarren kaufte).

In der Ausstellung, in der ich das Plakat für Unsere Marine sah, gab es auch ein Bild, das vielleicht schon ein wenig Zweifel an der Welt der deutschen Kriegsmarine ausdrückt, nämlich Lovis Corinths Matrose der kaiserlichen Marine mit wehender Reichsfahne. Das würde Jasmatzis Firma sicherlich nicht auf die Packungen von Unsere Marine gedruckt haben. Lovis Corinth war wie so viele Künstler vom Krieg begeistert, von dem er sich eine Erneuerung der Welt versprach. Ich zitiere einmal etwas aus seiner Selbstbiographie, das heute beinahe unglaublich erscheint: In diese moderne Zeit, wo der Tango der Haupttrumpf war und die kubistische Malerei und die hottentottensche Naivität in der Kunst alles Einfache übertraf und man dem einfachen Studium der Natur geradezu ins Gesicht schlug – in dieser Zeit, welche so blasiert in ihrer Gleichgültigkeit war, daß wir nicht scharf genug Mittel hatten, um unsere eingeschläferten Sinne aufzustacheln.

Da schlug die Kriegserklärung zündend ein. Alle wandten sich in ihrer Bedrängnis zu Gott dem Allmächtigen, und der Kaiser und alle Deutschen mit ihm schlugen an ihre Brust und gelobten ewige Treue gegeneinander zu wahren. Aus ruhmvoller Vergangenheit erhob sich die gewaltige Gestalt des eisernen Kanzlers und wie eine Posaune tönte seine Prophezeiung, die zur Erfüllung werden sollte: »Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!« Mit diesem Augenblick war der Himmel blau und wie von all den krankhaften und unnatürlichen Gebrechen unserer bisherigen Belastungen erlöst. Fröhliches Lachen und alter deutscher Humor huschten selbst über die dem Tode geweihten Heerscharen. Unser alter Blücher scheint neben unseren Heldengestalten wieder lebendig zu sein. »Wer heute abend von der Schlacht nicht wonnetrunken ist, ist entweder tot oder ein Hundsfott« hat Blücher vor der Schlacht bei Waterloo gesagt, und ich glaube nicht, daß dieses in einer anderen Sprache auszudrücken möglich wäre.

Mit der Kenntnis dieses Zitats blicken wir natürlich ganz anders auf den Matrosen von Lovis Corinth. Die Ausstellung, in der er zu sehen ist, heißt Kiel als Marinestadt 1865 -1914: Von der preußischen Flottenstation zum Reichskriegshafen. Natürlich ist in dieser Ausstellung noch viel mehr zu sehen, einen Kieler Knabenanzug (dies Kleidungsstücke wird schon in den Posts ➱Blazer und ➱Donald Duck erwähnt) gibt es auch zu sehen. Die Ausstellung wurde im März eröffnet (sie geht noch bis zum 20. September 2015), weil hundertfünfzig Jahre zuvor Wilhelm I den Befehl gegeben hatte: Die Marine-Station der Ostsee ist von Danzig nach Kiel zu verlegen.

Vier Jahre später gründete der Monarch, der einmal als ➱Kartätschenprinz bekannt war, noch eine zweite Marinestadt, nämlich Wilhelmshaven (vulgo Schlicktown), das aber nicht einen solchen Aufstieg verzeichnen konnte wie Kiel. Der kaiserliche Befehl: Die Marine-Station der Ostsee ist von Danzig nach Kiel zu verlegen, markiert den Aufstieg von Kiel von einem kleinen Provinzstädtchen zum Reichskriegshafen. Wo die Welt so plakativ aussieht, wie auf diesem Bild des Marinemalers Carl Saltzmann.

Wir wissen, wo der Aufstieg endet. Spätestens im Kieler Matrosenaufstand. Bei dem die Matrosen ja nichts zu tun hatten, als in den Kneipen zu feiern. Und sie hatten ihre Schiffe nicht ordentlich festgebunden, und in der Nacht ist ein großer Sturm gekommen und hat die Schiffe auf die andere Seite der Förde getrieben. Und da mussten sie ganz um die Förde herumlaufen, um wieder zu ihren Schiffen zu kommen. Hat mir vor einem halben Jahrhundert eine Kieler Klavierlehrerin erzählt, die damals achtzig Jahre alt war. So wird es gewesen sein. Obgleich dieses Photo aus dem November 1918 eigentlich dagegen spricht.

Obwohl ich wusste, dass es die Ausstellung gab, habe ich einige Wochen gebraucht, um in den ➱Warleberger Hof zu gehen. Ich habe es nicht so mit der deutschen Marine, ich kenne nicht einmal die Dienstgrade. Als die Bundeswehr gegründet wurde, gab es genügend blaue Uniformen in unserem kleinen Kaff. Wir waren zwar kein Reichskriegshafen, aber die Schnellboote und der Tender Neckar (Bild) der Bundesmarine wurden bei uns gebaut. Und unsere Marinetradition war auch viel älter als die von Kiel. 1623 hatte der Ort den ersten künstlichen Hafen in Deutschland, und schließlich hat der Gründer der ersten deutschen Reichskriegsflotte hier gewohnt (lesen Sie mehr in ➱Admiral Brommy und ➱Arnold Duckwitz).

Aber die Kriegsmarine prägte unseren Ort nie so, wie sie Kiel geprägt hat. Es gab keine Uniformschneider im Ort, wer eine Uniform brauchte, kaufte die beim Schiffsausrüster Hinrich Meierdiercks in der Hafenstraße. In Kiel gab es vor einem halben Jahrhundert noch eine Handvoll Uniformschneider, von einem übernahm mein Freund Hans Carl Capelle den Laden, um daraus ➱Kelly’s zu machen. Das Ansehen der Kapitäne, die wie ➱Ernst Biet einen großen Dampfer des Norddeutschen Lloyds kommandiert hatten oder wie ➱Hugo Gottsmann Kapitän eines Segelschiffs gewesen waren, war in meinem Ort groß. Das Ansehen der neuen Marineoffiziere war gering. Solange das Schiff noch nicht übergeben war, ließen die Werftarbeiter keinen Kaleu ans Ruder. Sie wussten weshalb.

Ich brauche für den heutigen Tag natürlich noch ein Gedicht. Das erste Gedicht, das mir schon während des Besuchs der Ausstellung auf dem knirschenden Parkett im ersten Stock einfiel, ist von einem anonymen Verfasser. Es beginnt mit den unsterblichen Zeilen: Was steigt denn da am Horizont für´n schwarzer Rauch empor? Es ist des Kaisers Segelyacht, die stolze “Meteor”. Aber das habe ich schon in den Posts ➱Max Oertz und ➱Cutty Sark zitiert. Es musste etwas Neues her. An Dichtung über das Meer ist ja seit der Odyssee kein Mangel, ich füllte erst einmal einen ganzen Zettel mit Gedichtstiteln. Und dachte mir, ich sollte nichts Exzentrisches nehmen, sondern etwas Schönes, das mir immer wieder gefällt. Und da muss es am Todestag von Matthew Arnold natürlich Dover Beach sein:

The sea is calm to-night,

The tide is full, the moon lies fair

Upon the straits; — on the French coast the light

Gleams and is gone; the cliffs of England stand,

Glimmering and vast, out in the tranquil bay.

Come to the window, sweet is the night-air!

Only, from the long line of spray

Where the sea meets the moon-blanch’d land,

Listen! you hear the grating roar

Of pebbles which the waves draw back, and fling,

At their return, up the high strand,

Begin, and cease, and then again begin,

With tremulous cadence slow, and bring

The eternal note of sadness in.


Sophocles long ago

Heard it on the Aegean, and it brought

Into his mind the turbid ebb and flow

Of human misery; we

Find also in the sound a thought,

Hearing it by this distant northern sea.

The sea of faith

Was once, too, at the full, and round earth’s shore

Lay like the folds of a bright girdle furl’d.

But now I only hear

Its melancholy, long, withdrawing roar,

Retreating, to the breath

Of the night-wind, down the vast edges drear

And naked shingles of the world.


Ah, love, let us be true

To one another! for the world which seems

To lie before us like a land of dreams,

So various, so beautiful, so new,

Hath really neither joy, nor love, nor light,

Nor certitude, nor peace, nor help for pain;

And we are here as on a darkling plain

Swept with confused alarms of struggle and flight,

Where ignorant armies clash by night.

Ich habe Walter A. Aue mit seiner hochinteressanten Seiten von deutschen Übersetzungen englischsprachiger Lyrik schon in dem Post ➱Neujahr erwähnt. Lesen Sie hier, wenn Sie wollen, seine ➱Übersetzung von Dover Beach.

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