Sklavenschiff

 

Wenn ➱Ralph Ellison in seinem Roman Invisible Man den Kapitän Amasa Delano mit den Worten you are saved: what has cast such a shadow upon you? zitiert, dann ist das natürlich nicht ohne eine tiefere symbolische Bedeutung. Denn hinter Herman Melvilles meisterhafter ➱Erzählung Benito Cereno steht auch die Geschichte der Amistad. Das Schiff ist dank des Filmes von Steven Spielberg ja etwas bekannter geworden, obgleich die Geschichtsvermittlung à la Hollywood immer eine zweifelhafte Sache ist. Sie sollten vielleicht hier einmal Clio at the Multiplex lesen, Simon Schamas großartige Besprechung des Films aus dem New Yorker. Über Melvilles Erzählung, die bislang nur ➱hier erwähnt wurde, schreibe ich irgendwann noch einmal. Heute geht es nicht um Amaso Delanos Bachelor’s Delight oder Benito Cerenos San Dominick. Heute geht es um ein anderes Schiff. Und eine andere Zeit. Wir springen einmal in das Jahre 1781.

Captain Luke Collingwood von der Zong ist zuvor Schiffsarzt gewesen, das hier auf der Zong ist sein erstes Kommando. Er ist auch Anteilseigner des Schiffes. Und der Fracht. Die Zong war ein holländisches Schiff, das zuerst Zorgue hieß, aber dann haben die Engländer es 1781 gekapert und umgetauft. Mit dem symbolischen Namen, der einmal Sorge und Pflege bedeutete, hat es nun nichts mehr zu tun. Das Schiff hat jetzt englische Eigner. Die sitzen in Liverpool und sind im Sklavenhandel. Wie Kapitän Collingwood, der bisher als Arzt für die Auswahl der Sklaven in Afrika zuständig war. Jetzt hat er 442 schwarze Sklaven an Bord und will nach Jamaica. Die Fracht des Schiffes ist für die stolze Summe von 8.000 Pfund Sterling versichert.

Mit den nautischen Kenntnissen von Collingwood ist es nicht so weit her. Man segelt an Jamaica vorbei, die Wasservorräte werden knapp. Da beschließt Collingwood, einen Teil der noch lebenden Sklaven (62 waren inzwischen gestorben) über Bord zu werfen. Für Sklaven, die aus welchen Gründen auch immer, während der Reise über Bord gehen, muss die Versicherung bezahlen. Dreißig Pfund Sterling pro Mann. Das Zong Massaker ist nicht nur Massenmord, es ist auch Versicherungsbetrug. Es wird in England einen Prozess geben, bei dem nichts herauskommt. Luke Collingwood, der während der ganzen Reise lang krank war und sein Kommando wohl kaum noch ausübte, war in Jamaica gestorben.

In Black River in Jamaica erinnert ein kleines ➱Denkmal an die überlebenden Schwarzen, die hier auf dem Sklavenmarkt verkauft wurden. Aber noch mehr erinnert dies ➱Bild von William Turner an das Ereignis. Es hat den Titel Slavers Throwing overboard the Dead and Dying—Typhon coming on. ➱John Ruskin, der das Bild kaufte, sagte über das Werk: If I were reduced to rest Turner’s immortality upon any single work, I should choose this. Turner hatte schon lange vor diesem Bild damit begonnen, ein langes Gedicht mit dem Titel The Fallacies of Hope zu schreiben, zu dem seine Bilder eine Art Illustration sein sollten. Und so gibt es auch zu dem Sklavenschiff ein Gedicht:

Aloft all hands, strike the top-masts and belay;
Yon angry setting sun and fierce-edged clouds
Declare the Typhon’s coming.
Before it sweeps your decks, throw overboard
The dead and dying – ne’er heed their chains
Hope, Hope, fallacious Hope!
Where is thy market now?

John Ruskin hat zu dem Bild eine emphatische ➱Ekphrase geliefert. William Thackeray stellte dem eine etwas zynischere Bildbeschreibung entgegen, die aber die Explosion der Farben auf Turners Bild sehr gut beschreibt: The slaver throwing its cargo overboard is the most tremendous piece of colour that ever was seen; it sets the corner of the room in which it hangs into flame…  Rocks of gamboge are marked down upon the canvas; flakes of white laid on with a trowel; bladders of vermilion madly spirited here and there. Yonder is the slaver rocking in the midst of a flashing foam of white-lead. The sun glares down upon a horrible sea of emerald and purple, into which chocolate-coloured slaves are plunged, and chains that will not sink; and round these are floundering such a race of fishes as never was seen since the saeculum Pyrrhae; gasping dolphins redder than the reddest herrings; horrid spreading polypi, like huge, slimy, poached eggs, in which hapless [black slaves] plunge and disappear. Ye gods, what a ‘middle passage’!

Turners Gedichte sind von den Kritikern nicht so recht ernst genommen worden. William Thackeray (ich muss ihn noch einmal zitieren) schrieb sehr ironisch: In a word, I say that Turner is a great and awful mystery to me. I don’t like to contemplate him too much, lest I should actually begin to believe in his poetry as well as his paintings, and fancy the „Fallacies of Hope“ to be one of the finest poems in the world.

Sir Kenneth Clark ist in seiner ➱Serie Civilisation: A Personal View gewohnt souverän und ein wenig nonchalant auf Turners Gedichte eingegangen: But participation in the sublime was almost as much of a strain as the pursuit of freedom. Nature is indifferent or, as we say, cruel. No great artist has ever observed these violent, hostile moods of nature as closely as Turner; and he was without hope – those are not my words, but the final judgement of Ruskin, who knew him and worshipped him.

Turner was a great admirer of Byron and used quotations from Byron’s poems in the titles of his pictures. But Childe Harold was not pessimistic enough for him, so he wrote a fragmentary poem to provide himself with titles. He called it ‚The Fallacies of Hope‘. Bad poetry, good pictures. One of the most famous of them represents an actual episode in the slave trade, another of the contemporary horrors that troubled the Romantic imagination: Turner called it ‚Slavers throwing overboard the dead and dying – typhoon coming on‘. For the last fifty years we have not been in the least interested in the horrible story, but only in the delicate aubergine of the negro’s leg and the pink fish surrounding it. But Turner meant us to take it seriously. ‚Hope, hope, fallacious hope,‘ he wrote, ‚where is thy market now?‘

John Ruskin wird das Bild, über das er sich so emphathisch ausgelassen hatte, eines Tages verkaufen. My dearest Charles, I have the registered letter, and will pack the ‚Slaver‘ forthwith. It is right that it should be in America, and I am well pleased in every way, and always – Your lovingest J. Ruskin, schreibt er an seinen Freund Charles Eliot Norton, der den Verkauf eingefädelt hatte. Der Kunstmäzen und Gründungspräsident des Metropolitan Museum John Taylor Johnston zahlt 2.100 Pfund Sterling für das Sklavenschiff.

Als er im Dezember 1876 seine Kunstsammlung versteigern lässt, kauft Miss Alice Hooper aus Boston (die auch diese Radierung besaß) den Turner. Sie war die Tochter des Politikers Samuel Hooper. Und war einmal mit Charles Sumner, einem entschiedenen Gegner der Sklaverei, verheiratet. Sie wird ihren Turner nur zwei Wochen behalten, dann schenkt sie ihn (wie so vieles andere, das sie auf der Johnston Auktion gekauft hat) dem neu gegründeten Museum of Fine Arts: I hope the Slave Ship may give as much pleasure to the public as it has borne in the few weeks I have had the pleasure of living with it, schreibt sie dem Direktor Charles Greely Loring. Es ist das erste Bild von Turner in einem amerikanischen Museum.

1792 verbot Dänemark (mit Wirkung vom 1. Januar 1803) als erste Nation den Sklavenhandel über den Atlantik (vorher hatte der ➱Graf Schimmelmann ja gut daran verdient). 1807 untersagte England den Sklavenhandel, die Royal Navy verfolgte das Schiff eines jeden Sklavenhändlers. Was dazu führte, dass noch mehr Sklaven über Bord geworfen wurden. Wenn man als Sklavenhändler ein Schiff der Royal Navy kommen sieht, dann trennt man sich lieber von seiner Fracht, ehe man aufgebracht wird und in ein englisches Gefängnis wandert. Hope, Hope, fallacious Hope! Where is thy market now?

Joseph Mallord William Turner wurde heute vor 240 Jahren geboren. Er taucht immer wieder in diesem Blog auf. Ich weiß nicht, was man empfehlen soll. Vielleicht: ➱J.M.W. Turner, ➱William Turner in Kiel und ➱Gordale Scar.

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