Aquarellmalerei

 

Das Bild ist nicht typisch für ihn, aber aus diesem Grund bilde ich es ab. Denn die Bilder, die typisch für ihn sind, sind ➱Stillleben und ➱Vogelnester. Weshalb man William Henry Hunt auch Bird’s Nest Hunt nennt. Der englische Maler wurde heute vor 225 Jahren geboren, er verdient in diesem Blog sicherlich einige Zeilen, vor allem, weil ich dann über den Arzt Dr Thomas Monro schreiben kann. Der ist hier schon in den Posts ➱Thomas Girtin, ➱Richard Parkes Bonington und ➱John Sell Cotman erwähnt worden, woraus man schliessen kann, dass er etwas mit der englischen Aquarellmalerei zu tun hat.

Wie schon sein Vater und sein Großvater ist Dr Monro Arzt am Bethlem Royal Hospital, das gemeinhin nur Bedlam genannt wird. Er ist auch der Arzt des Königs George III, als der endgültig dem Wahnsinn verfällt. Er malt selbst (dieses Aquarell, A Marshy Plain, Distant Hills, ist von ihm) und sammelt Kunst. Und Künstler. Er wird eine eigene Malschule in seinem Haus in Busshey aufmachen. Die berühmtesten Schüler von Dr Monro heißen William Turner und Thomas Girton.

John Ruskin hat über das Verhältnis von Turner zu Dr Monro gesagt: His true master was Dr Monro; to the practical teaching of that first patron and the wise simplicity of method of watercolour study, in which he was disciplined by him and companioned by Giston, the healthy and constant development of the greater power is primarily to be attributed; the greatness of the power itself, it is impossible to over-estimate. Auf diesem Aquarell von William Henry Hunt ist Dr Monro zu Pferd vor der Kirche von Busshey zu sehen. Links davon sind die Grabsteine von Thomas HearneHenry Edridge und Dr Monros Sohn Henry, der auch Maler war. Auf der ➱Seite des British Museum gibt es eine bessere Abbildung von dem Bild, bei dem man die farblichen Nuancen besser sehen kann.

Als Dr Munro noch Assistenzarzt in Bedlam ist, hat er einen Patienten namens ➱James Robert Cozens. Der ist der Sohn des berühmten Alexander Cozens, dessen Vater für Peter den Großen Schiffe gebaut hat. Das mit dem Schiffbau kennen wir nach natürlich aus der Oper Zar und Zimmermann. Da hören wir doch eben einmal in die ➱Oper hinein und lassen Fritz Wunderlich Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen singen. Es geht das Gerücht, dass Alexander Cozens ein unehelicher Sohn von Peter dem Großen sei. An der Geschichte ist natürlich nichts dran, aber Cozens (hier ein Bild von ihm) widerspricht ihr nicht. So etwas ist gut für das Geschäft. Alexander Cozens hat als Zeichenlehrer berühmte Schüler gehabt. Zwei davon, ➱Sir George Beaumont und ➱William Beckford, werden in diesem Blog schon gewürdigt.

Jetzt ist sein Sohn nach einem Nervenzusammenbruch in dem Krankenhaus von Monro. Thomas Monro erkennt sogleich das Talent des Mannes, über den John Constable gesagt hat, er sei the greatest genius that ever touched landscape. Monro lernt von ihm und wird nach Cozens Tod dessen Bilder kaufen. Die er seinen Schülern zum genauen Studium empfiehlt.

Zeichnen und Aquarelle malen ist ja schon lange ein Hobby der englischen Gentlemen gewesen, bevor es die Beschäftigung der sogenannten höheren Töchter wurde (so kommt ➱Lilli Martius zu ihrem Kunststudium). Vielen werden auf ihrer ➱Grand Tour in Italien zeichnen, William Beckford nimmt seinen Zeichenleher Cozens als Reisebegleiter mit. Man kann die Reste dieser Bewegung heute noch in Prince Charles sehen, der ja in seinen Aquarellen gar nicht so schlecht ist. Thomas Monro hatte Privatunterricht bei ➱John Laporte (Bild), von dem er auch Bilder kauft (wir wissen aus den Tagebüchern von Joseph Farington, dass er dafür £500 oder £600 ausgegeben hat, was damals eine Menge Geld ist).

Es ist nicht bewiesen, aber es könnte durchaus sein, dass auch ➱Gainsborough, den jungen Monro unterrichtet hat (auf jeden Fall vermutet das Mora Abell in ihrem Buch Doctor Thomas Monro: Physician, Patron and Painter). Wir wissen, dass Gainsborough Monros Vater gekannt hat und wahrscheinlich dessen medizinischen Rat gesucht hat, als seine Tochter Margaret einen Nervenzusammenbruch hatte. Diese Zeichnung könnte für einen Gainsborough durchgehen, ist aber ein echter Thomas Monro. Der natürlich auch Bilder des verehrten Meisters bei sich an den Wänden hatte.

Und mit diesem Bild vom Schloss Windsor aus dem Jahre 1810 kehren wir wieder zu William Henry Hunt zurück. Am Anfang seiner Karriere hat er Ölbilder in der Royal Academy ausgestellt, Mitglied konnte er da nicht werden, weil er ansonsten nur Aquarelle malte. Das ist für die Akademie nicht fein genug. Die Aquarellisten schließen sich deshalb zusammen und gründen 1805 die Society of Painters in Water Colours. Hunt gehört ihr seit 1824 an und wird 1827 Vollmitglied. Er ist das fleißigste Mitglied der Gesellschaft, er wird bis zu seinem Tod über achthundert Werke dort ausstellen.

Zur Zweihundertjahrfeier der Society of Painters in Water Colours hat es 2005 Ausstellungen mit einem vorzüglichen Kataog von Tim Wilcox (The Triumph of Watercolour: The Early Years of the Royal Watercolour Society 1805-55) gegeben, der antiquarisch nicht die Welt kostet. Das ist übrigens derselbe ➱Timothy Wilcox, der diesen tollen Katalog Day in the Sun: Outdoor Pursuits in the Art of the 1930s gemacht hat (er wird in dem Post ➱Keep Calm and Carry On etwähnt).

Was wäre aus Hunt (hier ein Selbstbildnis) geworden, wenn er Landschaftsaquarelle im Stil von Paul Sandby, Thomas Girtin, Richard Parkes Bonington und John Sell Cotman gemalt und sich nicht auf die Vogelnester kapriziert hätte? Ich weiß es nicht, ob sein Talent wirklich ausgereicht hätte, diese Meister des Aquarells zu erreichen. Er findet für sich mit Vogelnestern und Bildern von Blumen und Obst eine Nische, die das viktorianische Publikum goutiert. ➱John Ruskin (der auch Malunterricht bei Hunt nimmt) schwärmt für William Henry Hunt. Und die süßen kleinen Vogelnester.

Gedichte über Vogelnester sind wahrscheinlich rar. Gedichte über Vögel nicht. Meine Lieblingsgedichte kommen von Thomas Hardy, aber dessen Weathers habe ich schon in dem Post ➱April gebracht und The Darkling Thrush in dem Post ➱Neujahr. Da nehme ich mir doch das erste Bild von Hunt, diese hingetuschte seascape. Denn Gedichte über das Meer sind viel leichter zu finden. Auf dieser ➱Seite finden sich zahlreiche deutsche Gedichte zu dem Thema, aber ich stelle hier lieber einen Klassiker hin, John Masefields Sea Fever:

I must go down to the seas again, to the lonely sea and the sky,

And all I ask is a tall ship and a star to steer her by;

And the wheel’s kick and the wind’s song and the white sail’s shaking,

And a grey mist on the sea’s face, and a grey dawn breaking.

I must go down to the seas again, for the call of the running tide

Is a wild call and a clear call that may not be denied;

And all I ask is a windy day with the white clouds flying,

And the flung spray and the blown spume, and the sea-gulls crying.

I must go down to the seas again, to the vagrant gypsy life,

To the gull’s way and the whale’s way where the wind’s like a whetted knife;

And all I ask is a merry yarn from a laughing fellow-rover,

And quiet sleep and a sweet dream when the long trick’s over.

 

 

Über jay

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