civility

Der 29. April ist der Welttag des Tanzens. Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus. Tanzen lernte man früher in der Tanzschule, also richtige Tänze, nicht diese seltsamen Bewegungen, die das Discopublikum heute macht. Es kommt in meinem Blog leider relativ wenig Tanz vor, außer den Posts ➱Tango und ➱Abtanzball finde ich nichts. Und bevor Sie anfangen zu fragen, Jay ist auch auf dem Photo von unserem Abtanzball. Obere Reihe, zweiter von links.

Wer die hübsche Frau neben mir ist, weiß ich leider nicht mehr. Ich weiß noch, dass sie in Schönebeck wohnte, aber ich weiß ihren Namen nicht mehr. Im Merken von Namen bin ich nie gut. Meine Eltern fanden, wir seien ein schönes Paar, aber ich hatte längst eine andere. Damals lernte man in der Tanzschule von Nico Arff nicht nur die Gesellschaftstänze, man lernte auch die Grundregeln des guten Benehmens. Und um das Benehmen soll es heute gehen, wie der Titel civility schon sagt. Mit diesem Bild der ➱Plaza Tiller Girls leite ich jetzt ganz elegant von Thema des Tanzens zum  englischen Maler Walter Sickert über.

Das Bild hier hat den Titel The MinerThat picture gives you the right feeling, doesn’t it? You’d kiss your wife like that if you’d just come up from the pit, wouldn’t you? sagt Sickert zu seinem jungen Besucher Denton Welch. Der ist vielleicht nicht der Richtige, um diese Frage zu beantworten. Mit Frauen hat Welch nichts im Sinn. Denton Welch hat das Treffen mit Sickert im Jahre 1936 nach Sickerts Tod unter dem Titel Sickert at St. Paul’s in Horizon, der Zeitschrift von Cyril Connolly, veröffentlicht. Horizon ist die wichtigste Zeitschrift der vierziger Jahre, hier schreibt die englische crème de la crème. Der Artikel über Sickert ist der Beginn der literarischen Karriere des Malers und Dichters Denton Welch.

Maurice Denton Welch (hier ein Selbstportrait) wäre in diesem Jahr hundert geworden, ich habe vergessen, am 29. März über ihn zu schreiben. Weil ich da gerade ➱måneskinnsmaler geschrieben hatte und an dem Post ➱Lilli Martius schrieb. Ganz vergessen habe ich ihn natürlich nicht, denn er hat schon am 29. März 2014 einen langen ➱Post bekommen. In dem allerdings diese Anekdote von dem Treffen mit Walter Sickert (der hat ➱hier natürlich auch einen langen Post) nicht vorkommt. Sie hat, auf einem Zettel notiert, ein Jahr lang auf dem Schreibtisch gelegen. Blogger werfen nichts weg, man weiß nicht, ob man es nicht noch einmal brauchen kann.

Denton Welch wird an jenem Nachmittag von seinem Freund, dem Maler Gerald Leet (der dieses Bild von Welch gemalt hat), begleitet. Der ist zwar nicht eingeladen, kommt aber einfach mit. Die Unterhaltung zwischen dem alten Maler und den beiden jungen Malern ist, wenn man Welchs Bericht glauben kann, ein klein wenig exzentrisch. Na ja, schließlich sind es Engländer. Sickert erzählt Gerald Leet einiges über die Familie Eden, der schwerreiche Sir William Eden war ja einmal sein Mäzen. Er erzählt auch, wie er dem kleinen Anthony Eden mal den Hintern versohlt hat, und welch schöner Mann der Anthony geworden ist.

Und sagt dann, zu Denton gewendet: Ugly ones like us haven’t a chance when there’s someone like Eden about, have we? Wenn die Engländer etwas können, dann ist es ja dieser Florettstich einer gezielten Beleidigung. Es trifft Denton Welch schon. Erst die Sache mit You’d kiss your wife like that if you’d just come up from the pit, wouldn’t you? und nun dies. Wenn die beiden jungen Maler gehen, wird Walter Sickert ihnen nachrufen: Goodbye, goodbye! Come again when you can’t stop so long! Das ist immer wieder zitiert worden, wenn auch etwas falsch als: You must come again when you have less time.

Ach ja, die Engländer: ›Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen, was sollen wir dann überhaupt noch lieben?‹ Diese halbe Vergötterung hab‘ ich noch ehrlich mit durchgemacht. Aber das ist nun eine hübsche Weile her. Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber und die vornehme Welt obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen ›Christus‹ und meinen Kattun.« Das lässt ➱Theodor Fontane im Stechlin eine Romanfigur sagen. Wir haben ein englisches Wort dafür, und das heißt cant. Was der Merriam Webster definiert als: the expression or repetition of conventional or trite opinions or sentiments; esp: the insincere use of pious words. Damit Sie sich im Dschungel der englischen Höflichkeit zurechtfinden können, gebe ich Ihnen hier einmal einen kleinen Leitfaden:

WHAT THE BRITISH SAY  WHAT THE BRITISH MEAN  WHAT FOREIGNERS UNDERSTAND
I hear what you say I disagree and do not want to discuss it further He accepts my point of view
With the greatest respect You are an idiot He is listening to me
That’s not bad That’s good That’s poor
That is a very brave proposal You are insane He thinks I have courage
Quite good A bit disappointing Quite good
I would suggest Do it or be prepared to justify yourself Think about the idea, but do what you like
Oh, incidentally/ by the way The primary purpose of our discussion is That is not very important
I was a bit disappointed that I am annoyed that It doesn’t really matter
Very interesting That is clearly nonsense They are impressed
I’ll bear it in mind I’ve forgotten it already They will probably do it
I’m sure it’s my fault It’s your fault Why do they think it was their fault?
You must come for dinner It’s not an invitation, I’m just being polite I will get an invitation soon
I almost agree I don’t agree at all He’s not far from agreement
I only have a few minor comments Please rewrite completely He has found a few typos
Could we consider some other options I don’t like your idea They have not yet decided

Zum Schluss habe ich noch ein schönes Gedicht von Robert Herrick, in dem das Wort civility (Höflichkeit) vorkommt. Herrick ist ein Dichter, der hier noch viel zu wenig zitiert worden ist. Aber immerhin mit ➱Jungfrauen schon einen Post hat. Das letzte Mal, dass ich über englische Dichter des 17. Jahrhunderts schrieb, hieß der Post ➱Michael Drayton. Ich habe vor Wochen die Abteilung englische Literatur des 17. Jahrhunderts bei mir aufgeräumt und mir gedacht, über was man noch alles schreiben könnte. Es ist das golden age der englischen Dichtung. Und habe dann bewusst Shakespeares Geburtstag in diesem Jahr nicht erwähnt, aber den Post ➱William Shakespeare vom 23. April 2014 sollten Sie doch lesen, vor allem wegen des schönen Limericks am Ende. Dieses Bild ist natürlich weder von Sickert noch von Welch. Ich fand es in diesem schrägen ➱Blog. Es ist, wenn man so will, eine Interpretationhilfe für das Gedicht:

A sweet disorder in the dress 

Kindles in clothes a wantonness:

A lawn about the shoulders thrown

Into a fine distraction:

An erring lace which here and there

Enthrals the crimson stomacher:

A cuff neglectful, and thereby

Ribbons to flow confusedly:

A winning wave (deserving note)

In the tempestuous petticoat:

A careless shoe-string, in whose tie

I see a wild civility:

Do more bewitch me than when art

Is too precise in every part.

 
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Über jay

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