Hogarth

James Thornhill, der am 13. Mai 1734 starb, war der erste englische Maler, der vom König geadelt wurde. Nicht von dem König, der gesagt hat: I hate bainting, and boetry too! Neither the one nor the other ever did any good, das war George II. Aber dies Zitat wird auch dem Hannoveraner George I häufig zugeschrieben. Thornhill hat große Flächen bemalt: die Kuppel der ➱Saint Paul’s Cathedral, die große Halle von Blenheim Palace und die Decken von Hampton Court. Sie können ➱hier auf der Seite der BBC neunundachtzig Bilder von Sir James Thornhill sehen. Nach den ersten zehn haben sie genug.

George I hat Thornhill nicht nur geadelt, er hat ihn auch 1718 zu seinem Hofmaler gemacht und ihn 1720 zu seinem Serjeant Painter ernannt. Das ist ein Posten, der dem Inhaber ein schönes Geld einbringt. Zu seinen Aufgaben gehört das Vergolden von Bilderrahmen und das Bemalen von Kutschen. Er braucht das nicht selbst zu machen, er hat nur die Aufsicht darüber. Im Jahre 1757 wird dieser Mann hier den Post eines Serjeant Painter erhalten, da heißt der König George II, und das ist nun wirklich der mit den boets and bainters. Der Herr, der uns auf diesem Selbstportrait kritisch mustert, heißt William Hogarth, er ist der Schwiegersohn von Sir James Thornhill.

Under a pseudonym, I write a series of historical mysteries set in 18th-century London, a time and place I can reach only by means of other books. Of the library I’ve assembled, no book has been more helpful to me than a collection of 101 engravings by William Hogarth. He, who lived from 1697 to 1764, documented his age, caricatured and pilloried it, as no other artist has any other. It is difficult even to think of London in that time without calling to mind the pictures he painted and his even better known engravings. Across the space of over 200 years I’ve thanked him again and again for making plain some necessary detail of dress or architecture, or presenting with graphic exactitude some corner of the city where I wished to set a scene. Without Hogarth, how would we know the look of the forbidding interior of Bedlam, of the Fleet and Bridewell prisons, or the chaos of hanging day at Tyburn Hill?With some allowance made for the sort of exaggeration that he loved, he was the 18th-century equivalent of a master photo journalist — oh, but more, so much more. So beginnt Bruce Cook seine Rezension von Jenny Uglows Buch Hogarth: A Life and a World.

Wir wissen natürlich, dass Bruce Cook unter dem Pseudonym Bruce Alexander historische Krimis schreibt, die um den blinden Richter Sir John Fielding kreisen. Mit diesen Krimis ist er im Blog in dem Post ➱Nathaniel Hone schon einmal erwähnt worden. Bruce Cook lobt in seiner ➱Rezension das Buch von Jenny Uglow auf Kosten einer älteren Biographie von Ronald PaulsonThe most widely acclaimed, because of its thoroughness, is Ronald Paulson’s Hogarth: His Life and Times, first published in two volumes in 1971, and recently expanded to three.

How expert reviewers (note that I disqualify myself) will compare this long single-volume work by Jenny Uglow to Paulson’s is anybody’s guess. I can say, though, that she, a professional biographer, has a way of bringing her subject and his milieu alive in a way which memory tells me Paulson’s academic prose simply failed to do. Hers is a book that welcomes the reader; it is thoroughly researched, yet written with great enthusiasm for that mad, crude, besotted age and a great affection for the man who pictured it so well in all its grim glory. Das ist ein klein wenig unfair zu Paulson.

Denn man sollte wissen, dass es seit 1974 auch eine einbändige, vom Verfasser autorisierte und empfohlene, abridged edition von der Biographie gibt, 461 Seiten dick (Yale UP Paperback). Hat für mich immer gereicht. Ist ein Klacks gegen die 794 Seiten der Penguin Ausgabe von Jenny Uglows Biographie, die wirklich sehr leserunfreundlich unhandlich ist. Sie ist sicher nicht schlecht, da hat Bruce Cook schon Recht, aber ich mag nun mal Bücher, die beim Lesen auch schön in der Hand liegen. Was natürlich gut in der Hand liegt, sind diese kleinen grauen Pappbände von Georg Lichtenberg, die den Titel Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche haben.

Und die mit der schönen Vorrede Lichtenberg beginnen: Hier überreiche ich dem deutschen Publikum das erste Heft einer Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche. Ich habe ihr so viel Vollständigkeit zu geben gesucht, als mir nach meiner jetzigen Bekanntschaft mit diesen Produkten des Genies, möglich gewesen ist. Sie enthält nicht allein alles, was ich in den besten mir bekannt gewordenen Auslegern Bemerkungswertes gefunden habe, sondern auch noch die Bemerkungen einiger Freunde in London sowohl als Deutschland, und meine eignen. 

Ich muß gestehen, ich trete nicht ganz ohne Furcht damit hervor, und dieses aus mehr als einer Ursache. Man hat meine Erklärungen dieser Werke im hiesigen Taschen-Kalender mit Beifall aufgenommen. Vielleicht weil sie da in einem Büchelchen, das man bald wegwirft, selbst als wie von mir weggeworfen erschienen. Was ich da in vollem Ernst gegeben hatte, hielt man etwa bloß für Proben von dem, was ich leisten könnte, wenn ich in vollem Ernst wäre; und so konnte jenes Lob mehr Aufmunterung sein als verdienter Lohn, und sich auf Hoffnungen gründen, die jetzt dieser volle Ernst vereitelt.

Das Bild im obigen Absatz hat Hogarth (der hier seine Dienerschaft gemalt hat)  mit dem Satz versehen: Whoever makes a design without the knowledge of perspective will be liable to such absurdities as are shown in this frontispiece. Das Blatt Satire on False Perspective oben ziert 1754 ein Buch seines Freundes Joshua Kirby, das sich mit der Perspektive beschäftigt.

Im Jahr zuvor hatte Hogarth eigene Theorien unter dem Titel Analysis of Beauty veröffentlicht, es ist jetzt viel von Theorie die Rede in der Welt der Kunst. Ein deutscher Philosoph namens Alexander Gottlieb Baumgarten etabliert die Ästhetik als eigenständige philosophische Disziplin, Fragen der Schönheit und des Geschmacks hatten die Griechen nicht so interessiert.

Rechts auf dem Stuhl des obigen Portraits von Captain Lord George Graham in der Kabine seines Schiffes sitzt übrigens der Mops von Hogarth, dem jemand die Perücke des Captains aufgesetzt hat. Seinen Mops (er hatte mehrere) hat Hogarth immer wieder gemalt. Auch auf diesem Selbstportrait The Painter and His Pug aus dem Jahre 1745, das ein ganzes künstlerisches Programm beinhaltet, Sie können dazu mehr auf dieser Seite der ➱Tate Gallery lesen. Manche Kritiker haben angemerkt, dass Hogarth und sein Mops sich auf den Bildern ähneln und haben das nette Wortspiel von pug (Mops) und pugnacious (streitsüchtig, hartnäckig) gebracht, womit sie auf Hogarth‘ Charakter anspielten.

Im 18. Jahrhundert wird taste zu einer wichtigen Kategorie des bürgerlichen Publikums (dieses satirische Blatt von Hogarth heißt zum Beispiel Taste in High Life), Sie können dazu mehr in den Posts lesen, die ➱18th Century im Titel haben. Neue Kategorien der Kunstbetrachtung werden Mode, wie das ➱Pittoreske (picturesque) und das ➱Erhabene (sublime). Es sind die Engländer, die jetzt in der Kunst den Ton angeben. Ich lasse einmal die Kunsttheorie von Hogarth draußen vor. Wenn Sie wollen, können Sie die Analysis of Beauty ➱hier im Volltext lesen. Und mehr zu dem Thema finden Sie in Ronald Paulsons Buch Breaking and Remaking: Aesthetic Practice in England, 1700-1820.

Ich habe schon in dem Post ➱Lichtenberg gesagt, dass ich etwas besitze, was jeden Lichtenberg Liebhaber grün vor Neid werden lässt. Nämlich eine vollständigen Ausgabe der Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche. In den Originallieferungen. Kein Büchelchen, das man bald wegwirft. Und den Tafelband von Riepenhausen mit den Stichen nach Hogarth noch dazu. Mit den Kopien unsers Herrn Riepenhausen wird das Publikum, wie ich hoffe, zufrieden sein. Es sind die vollkommensten, die ich wenigstens je gesehen habe. Es ist auch kein Gesichtszug verloren gegangen. Mit Vergnügen bemerkt man die schnellen Fortschritte, womit er sich der ganzen Manier des Engländers nähert, wenn er sie nicht hier schon völlig erreicht hat. Die Szene hier ist eine Illustration zu The Beggar’s Opera, ich habe das Bild schon in dem Post ➱Greensleeves gebracht.

In den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts richtete James Thornhill in seinem Londoner Haus eine Mal- und Zeichenschule ein. Nicht unbedingt freiwillig, eher aus Trotz. Er war gerade von den Herren Louis Chéron und John Vanderbank als Direktor der kleinen Akademie in der  St Martin’s Lane, die der in Lübeck geborene Hofmaler Sir Godfrey Kneller einmal begründet hatte, abgelöst worden. Hogarth war da Schüler gewesen, er folgt Thornhill in dessen Akademie. Dort lernt er auch Thornhills Tochter Jane (Bild) kennen, die damals ungefähr fünfzehn gewesen sein muss. Hogarth wird zu einem Teil der Familie, Thornhills Sohn John wird sein Trinkkumpan.

Als Jane zwanzig war, haben Hogarth und Jane Thornhill geheiratet. Im deutschen Wikipedia Artikel zu Hogarth steht: Dieser brannte 1729 mit der Tochter seines Lehrers durch und heiratete sie heimlich. So haben die ersten Biographen im 18. Jahrhundert die Geschichte auch geschildert, aber so dramatisch war es wohl nicht, denn wenig später wohnten die beiden wieder im Haus von Thornhill. Wir wissen leider sehr wenig über das Leben von Hogarth, die 794 Seiten von Jenny Uglows Biographie täuschen ein wenig. Mein Lesetip zu Hogarth – wenn ich den mal hier in der Mitte plazieren soll – wäre David Bindmans Taschenbuch Hogarth (1981 bei Thames & Hudson erschienen). Professor Bindman ist übrigens auch auf der DVD Hogarth’s Progress (arthaus) von ➱Roger Parson zu sehen (➱hier ein Ausschnitt).

Die Tochter des Hofmalers und Serjeant Painters zu heiraten, bedeutet für Hogarth einen Karrieresprung. Vorher war er einer von vielen Kupferstechern in London, jetzt ist er jemand. Es wird bei dem jungen Paar sicher am Tag nach der Hochzeit nicht so ausgesehen haben, wie auf diesem Bild der Marriage à la Mode. Hogarth wird seinen Schwiegervater, trotz des vielleicht kurzfristigen Zerwürfnisses, immer schätzen. Er weiß natürlich, dass er ein größerer Maler ist als James Thornhill.

Im Jahr des Todes von Thornhill wird das englische Parlament den Engraving Copyright Act beschließen, ein Gesetz, das manchmal auch Hogarth’s Act genannt wird. Weil Hogarth dafür gesorgt hatte, dass das Verbot von Raubkopien durchgesetzt wird. Kämpferisch, pugnacious. Denn kaum ein Künstler leidet so sehr unter den Raubkopien, weil auch kein anderer wie er von all seinen Bildern Kupferstiche anfertigt. Die sich im übrigen gut verkaufen. Vor allem das, was man heute die ➱Modern Moral Series nennt, also Bildfolgen wie A Harlot’s ProgressA Rake’s Progress und Marriage à la Mode.

Die letzte Geschichte geht (im Gegensatz zu Hogarths Ehe) nicht gut aus, William Thackeray hat es uns beschrieben: This famous set of pictures contains the most important and highly wrought of the Hogarth comedies. The care and method with which the moral grounds of these pictures are laid is as remarkable as the wit and skill of the observing and dexterous artist. He has to describe the negotiations for a marriage pending between the daughter of a rich citizen Alderman and young Lord Viscount Squanderfield, the dissipated son of a gouty old Earl … The dismal end is known. My lord draws upon the counselor, who kills him, and is apprehended while endeavouring to escape. My lady goes back perforce to the Alderman of the City, and faints upon reading Counsellor Silvertongue’s dying speech at Tyburn (place of execution in old London), where the counselor has been ‚executed for sending his lordship out of the world. Moral: don’t listen to evil silver-tongued counselors; don’t marry a man for his rank, or a woman for her money; don’t frequent foolish auctions and masquerade balls unknown to your husband; don’t have wicked companions abroad and neglect your wife, otherwise you will be run through the body, and ruin will ensue, and disgrace, and Tyburn. 

Moralische Geschichten in einem unmoralischen Jahrhundert, Vorläufer des Comic Strips, Szenen aus dem prallen Leben. Bruce Cook hat schon Recht, wenn er sagt, dass man ohne Hogarth das 18. Jahrhundert nicht verstehen kann. Gut, man kann The Pleasures of the Imagination: English Culture in the Eighteenth Century von John Brewer lesen, aber das ist nicht das gleiche (es gibt von dem Buch auch eine DVD ➱Version). Da ist man schon besser beraten, die kongenialen Hogarth Interpretationen von Lichtenberg zu lesen.

Hogarth wird keine Schüler haben, aber er begründet das, was man die ➱English school der Malerei nennt. Und er wirkt bis heute. ➱Ronald Searle fühlte sich ihm verpflichtet (und hat einen kleinen Film über ihn gedreht), und für den Filmregisseur Ken Loach ist er eine Inspiration (sehen Sie ➱hier einen kurzen Film). Samuel Johnson, den wir besser als ➱Dr Johnson kennen, hat nach dem Tod von Hogarth einen kleinen Vierzeiler geschrieben:

Epitaph for Mr Hogarth


The hand of him here torpid lies,

That drew the essential form of grace;

Here closed in death the attentive eyes,

That saw the manners in the face.

 
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Über jay

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