Michael Ancher

 

Der dänische Maler Michael Ancher wurde am 9. Juni 1849 geboren. Er hat eine Schule von Malern begründet, aber nicht in Bornholm, wo er geboren wurde. Er gehörte nie zu den Malern, die man heute als Bornholmer Schule bezeichnet. Also Maler wie Karl IsakssonEdvard WeieNiels LergaardKræsten Iversen und Oluf Høst (der kommt schon einmal in dem Post ➱Nikolaus vor). Ancher ist nach Kopenhagen gegangen, hatte schon früh Erfolg. Hat aber sein Studium nie abgeschlossen. Weil er Skagen entdeckte und die Malerkolonie von Skagen gründete. Und massenhaft Fischer am Strand malte, die alle diesen furchtbaren Bart tragen, den man Schifferkrause nennt.

Der SPD Politiker Klaus Matthiesen trug den auch. Ich hätte mal für einen Hunni bei einer Versteigerung für einen guten Zweck (der gute Zweck war wahrscheinlich die SPD) ein Porträt von Matthiesen von Harald Duwe ersteigern können. Hat aber niemand geboten, wer will schon einen Mann mit Schifferkrause im Wohnzimmer haben? Ich habe dann lieber den Hunni auf ein Selbstbildnis von Horst Janssen gesetzt, das mir mein Freund ➱Gert Börnsen, der den Auktionator spielte, zugeschlagen hat. Fischer am Strand zu malen (und das einfache Volk bei der Arbeit), ist eine Modeerscheinung vom Ende des 19. Jahrhunderts. Auch der Amerikaner ➱Winslow Homer hat das in den zwanzig Monaten, die er in England verbrachte, immer getan. Diese dramatische Rettungsaktion hat er allerdings in Amerika gemalt, als er Zuschauer bei einer Demonstration der neuen Hosenboje war. Die die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger auch verwendete, in unserem ➱Heimatmuseum gab es auch eine zu besichtigen.

Besser als die schifferbärtigen Fischer gefällt mir allerdings dies Portrait des jungen Königs Christian X im Profil (so hat auch auch den König mit seiner ➱Gattin gemalt). Der war der größte dänische König, auf jeden Fall nach der Körpergröße (er war beinahe zwei Meter groß). Als König hat er bei deutschen Besatzung auch Größe gezeigt und eine wichtige Rolle bei der ➱Rettung der dänischen Juden gespielt. Ancher hat ihn noch einmal im ➱Frack gemalt, aber das Bild fällt doch etwas ab gegen das schöne Portrait, das ➱Anders Zorn von dem schwedischen König Gustav V malte. Gustav V hat das Bild von Zorn, für das er Modell gestanden hatte, übrigens nicht gemocht, das Königshaus hat es nicht angekauft.

Zu Gustav V und Anders Zorn (hier ein Selbstbildnis) gibt es eine kleine Anekdote, die sich in den Erinnerungen Hans Egon Kisch findet. Der bekommt eines Tages vom Hotelportier des Prager Hotels Zum blauen Stern einen Anruf, und schest sofort los, schließlich nennt man ihn den rasenden Reporter: Anders Zorn war im Hotel „Blauer Stern“ abgestiegen, und der Hotelportier hatte uns das telefoniert, wahrscheinlich weil er sich dachte, ein Künstler, der das sogenannte Fürstenappartement miete, müsse eine besondere Berühmtheit sein. Der Portier hatte recht, wie mir unser Kunstkritiker bestätigte, und so zog ich denn aus, den Maler Anders Zorn zu interviewen.

Anders Zorn war mit seinem Freund Prinz Eugen auf einer Autoreise durch Europa (wahrscheinlich im Rolls Royce von Zorn). Von Prag aus wird es nach Paris und London gehen. Prinz Eugen ist zwar der Sohn eines schwedischen Königs, er ist aber auch ein Maler. Und war kein schlechter, ich stelle einmal ein Bild von ihm hierher. Hans Egon Kisch trifft neben Anders Zorn im Hotel noch einige Schweden (von denen einer wohl Prinz Eugen gewesen sein wird), denen er von seiner Heimatstadt Prag erzählt:

Der Meister empfing mich, wie mir schien, mit einem ironischen Lächeln, aber das machte gleich bei meinem Eintritt einem aufmerksamen Blick Platz, da ich äußerte, er wohne in einem historischen Zimmer, hier sei der Prager Frieden geschlossen worden. Der Friede mit Schweden?“ fragte Anders Zorn. „Nein, der Frieden mit Preußen, 1866. Als die Schweden in Prag waren, 1648, wurde der Frieden nicht hier geschlossen, sondern in Osnabrück.“ Ob viele Andenken an die Schweden in Prag seien, mischte sich einer der zwei langgewachsenen Herren, die gleichfalls im Zimmer waren, ins Gespräch. „Die Schweden“, erwiderte ich, „besitzen viel mehr Andenken von den Pragern als die Prager von den Schweden. Aber Sie können auch hier noch allerhand finden.“ Ich sprach vom Brückenturm, vom Monument im Clementinum, vom Diorama auf dem Laurenziberg, von der Schwedenschanze und vom Wallensteinpalast – die drei Herren hörten interessiert zu. Als ich aber erwähnte, in Prag lebe auch eine jüdische Familie, die direkt mit dem schwedischen Königshaus, den Bernadottes, verwandt sei, schienen sie sehr betreten, und einer von ihnen fragte unvermittelt, wo sich die Spielplätze der First Lawn Tennis Society befänden.

Was Kisch nicht weiß: einer seiner langgewachsenen Gesprächspartner ist der schwedische König, dem die Geschichte mit den jüdischen Verwandten in Prag nicht so richtig schmecken will: Teufel! Der eine der beiden Herren, die ich für Besucher von Anders Zorn gehalten hatte, war Seine Majestät gewesen! König Gustav wurde damals viel diskutiert, erst vor kurzem war er König geworden, der erste König dieser Region, der sich nicht mit einem Reichsapfel auf zwei Throne setzte, nicht auf den von Schweden und den von Norwegen zugleich, sondern nur auf dem von Schweden saß.

Ein Vergleich der beiden Bilder zeigt auch schon die Grenzen von Michael Ancher auf. So gut wie Anders Zorn war er nie. Er war nicht einmal so gut wie seine Frau Ancher, die zu seinen Lebzeiten nicht so berühmt war wie er. Aber auf den dänischen 1.000 Kronen Schein sind sie beide gekommen. Und das Königshaus mochte ihn, 1894 war er schon Ritter des Dannebrog Ordens geworden. Als er sechzig war, starb sein Freund Peder Severin Krøyer. Der Marinemaler Holger Drachmann, der zum Dichter geworden war, war in dem Jahr davor gestorben. Michael Ancher, der schon immer zur Introspektion und Resignation neigte, wurde ein wenig schwermütig.

Er hatte nicht das Talent und die technischen Fähigkeiten, um seinen Freund Holger Drachmann so zu malen, wie Peder Severin Krøyer das getan hat. Er war gut mit seinen Fischern mit den Schifferbärten, aber der Impressionismus, zu dem sich seine Frau mehr und mehr hinwandte, blieb ihm zuerst fremd: Man denkt an alles, was man hätte malen können, alles was man gemalt haben wollte. 

Willumsen warf mir einmal vor, daß ich aus Bequemlichkeit in Skagen blieb; vielleicht war das nicht ganz zutreffend, viel eher ein Mangel an Mut, aber es war so als ob keiner Bedarf an einem anderen Ort gehabt hätte, auch nicht als wir versuchten nach Kopenhagen umzuziehen. Doch liegt die Schuld daran zuerst und am meisten bei uns selbst, man müßte ganz anders in das Leben eintauchen. Ob Skagen künstlerisch gesehen ein Glück war – wer weiß es, und es ist unnütz darüber zu sinnieren. Daß ich doch ein Glück für Skagen war, glaube ich, und das ist ja auch etwas. Dies Bild ist von seiner Frau Anna, es zeigt die Erweiterung des Brendumschen Hauses. Das Haus der Eltern der Gastwirtstochter Anna Ancher wird peu à peu vergrößert, wird zu einem Museum.

Denn die Gemeinde der Maler in Skagen ist gewachsen. Viele konnten am Anfang ihrer Karriere ihre Rechnung im Gasthof nicht bezahlen und ließen ihre Bilder bei Annas Vater. Christen Degn Brøndum hat sie alle gesammelt. Und aufgehängt. Der Speisesaal des Gasthauses, dessen Wände sie zierten, musste immer wieder erweitert werden. Die letzten Änderungen hat der junge dänische Architekt Ulrik Plesner vorgenommen, der gerade den Leuchtturm Højen fyr gebaut hatte. Plesner blieb in Skagen und baute das Skagen Museum (und den halben Ort um).

Theodor Fontane war nach dem deutsch-dänischen Krieg in Kopenhagen gewesen, er hat die Stadt das Paris des Nordens genannt. Er liebte ja den Norden. So schreibt er in seinen Erinnerungen: Alle die, die den Sinn für den Süden haben, werden anders urteilen, ich für meine Person aber bin ausgesprochen nicht-südlich und kann das Wort, das A. W. Schlegel auf seinen Freund Fouqué anwandte, füglich auch auf mich anwenden. »Die Magnetnadel seiner Natur«, so sagte Schlegel von Fouqué, »zeigt nach Norden«. Aber nach Skagen ist er nicht gekommen, er notiert im Sommer 1864 in seinem Tagebuch: Älborg, 17. September. Der heutige Tag sollte mich nach Frederikshavn führen, und morgen – bis nach Skagen Wollt ich es wagen Den Fuß zu tragen; – Aber Wind und Wolken jagen Und haben beschlossen, »nein« zu sagen. Dies Bild vom Skagener Strand hat Michael Ancher 1913 gemalt, wir können hier schön sehen, dass sich seine Palette unter dem Einfluss seiner Frau aufgehellt hat. Und er jetzt auch schon zum Impressionismus neigt, das ist gegenüber den Fischern mit den Schifferbärten schon eine gewaltige Entwicklung, denn Landschaftsbilder hatte er bisher kaum gemalt.

Wenn Sie alles zu Theodor Fontanes Dänemarkerlebnis und seinem geplanten Dänemark Buch (Mein skandinavisches Buch) wissen wollen, dann hätte ich zwei Literaturtips. Der eine ist das von Gotthard Erler herausgegebene Taschenbuch Im Paris des Nordens: Impressionen aus Dänemark. Das andere ist das von Christian Andree herausgegebene Buch Mein skandinavisches Buch. Reisen durch Dänemark, Jütland und Schleswig, das textkritisch vielleicht etwas anspruchsvoller ist. Womit ich natürlich nicht die Verdienste ➱Erlers als Fontane Herausgeber schmälern will, aber die Herausgabe von Fontanes 150-seitigem Manuskript (Großoktav) war nun einmal Andrees Verdienst. Der Autor hat das Manuskript, das in seinem Besitz war, inzwischen dem Fontane Archiv zur Verfügung gestellt.

Diese beiden Bilder von Ancher zeigen die Nordspitze von Skagen, etwas was kein Tourist auslässt. Man kann sich an irgendeiner Stelle ins Wasser stellen und hat dann einen Fuß in der Nordsee und einen in der Ostsee stehen. Der König Christian VII, der ein Meister der Selbstinszenierung war, hat das mal getan. Ich war einmal bei Sturm da, sah dramatisch aus, wie sich grünes und blaues Wasser mischten. Wäre etwas für Fontane gewesen.

Ich glaube, ich schreibe demnächst einmal etwas über Anna Ancher, ihr Gatte gibt irgendwie nicht so viel her. Sie hat ihn hier 1903 sehr ironisch portraitiert, schmeerbäuchig bei der Betrachtung seiner neuen Jagdstiefel. Ich habe das seltsame Bild (es gibt das Thema Jagd noch einmal bei dem vom Sonnenlicht durchfluteten ➱Bild, das Frühstück vor der Jagd heißt) dieses Skagener Nimrods nicht vergessen, seit ich es zum ersten Mal sah.

Ich habe das Bild schon in dem Post ➱Skagen erwähnt, in dem auch etwas mehr zu Anna Ancher steht. Und zu ihrer Freundin ➱Marie Krøyer. Das Bild der beiden in der heure bleue am Südstrand von Skagen ist ja zu einer Art Ikone geworden. Millionenfach auf Postkarten verbreitet (die Kunsthalle Kiel hat auch eins dieser ➱Strandbilder mit diesem Licht von Peder Severin Krøyer). Es ist vielleicht etwas ernüchternd, dieses Photo zu sehen: die Photographie als ➱Hilfsmittel des Malers ist auch schon in Skagen angekommen (der Schwede Anders Zorn wird nicht auf die Kamera verzichten).

Seit der Ausstellung Im Lichte des Nordens: Skandinavische Malerei um die Jahrhundertwende 1986 in Düsseldorf ist die Malerei Dänemarks und Schwedens in Deutschland etwas bekannter geworden. Hier oben in Kiel war man natürlich privilegiert, denn der Direktor der Kunsthalle ➱Jens Christian Jensen sorgte für schöne Ausstellungen der Kunst des Ostseeraums. Wie zum Beispiel den großen Ausstellungen Vor hundert Jahren: Dänemark und Deutschland 1864-1900 – Gegner und Nachbarn (1981) oder Anders Zorn (1989).

Und wunderbaren kleineren Ausstellungen wie Maler in Skagen (mit zweiundachtzig Bildern aus Skagen) im Jahre 1977. Die Kunst des Nordens ist in meinem Blog eigentlich recht gut repräsentiert, da bin ich wie Fontane nach Norden ausgerichtet. Ich hätte da außer ➱Skagen noch anzubieten: ➱Nicolai Abildgaard, ➱Bertel Thorvaldsen, ➱måneskinnsmaler, ➱Johan Christian Clausen Dahl, ➱Kreidefelsen, ➱Vilhelm Marstrand, ➱Carl Larsson, ➱Anders Zorn, ➱Dänische Kunst und ➱Nordlichter.

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