George IV

Jubel allerorten über die Königin. Nie wurde das Adjektiv royal, das ich am ➱Mittwoch eigentlich eher ironisch verwendete, so strapaziert. Der Anfang des Besuchs war nicht gut, die uniformierten Angestellten des Luxushotels waren nicht in der Lage, die britische Flagge richtig herum aufzuziehen. Und dann noch dieses grässliche Geschenk. Is that supposed to be my father? fragte die Königin, definitely not amused. Sie sagte dann noch: that’s a funny colour for a horse. Wäre Gauck schlagfertig gewesen, hätte er der Königin gesagt, dass seit dem Blauen Reiter Pferde für Maler immer blau sind. Seien wir ehrlich, die kitschigsten Bilder in dem Post ➱Teckel & Corgwn sind schöner als das hier. Wir sollten uns aber einmal den Namen der Malerin merken: sie heißt Nicole Leidenfrost. Ich würde für keins ihrer ➱Bilder einen Euro ausgeben, doch ich nehme an, dass die Preise für ihre Bilder jetzt anziehen werden.

Bleiben wir noch einen Augenblick beim englischen Königshaus. Bei einem König namens George IV, der heute vor 185 Jahren starb. Und den die Engländer nicht so liebten, wie sie ihre jetzige Königin lieben. Die Kunstepoche des Regency (zu der es diesen schönen ➱Jane Austen Blog gibt) ist nach ihm benannt, das wird sicher bleiben. Ansonsten bleibt nicht so viel von Prinny. Außer dem Royal Pavilion in Brighton, der manche an Coleridges Xanadu erinnerte.

Er wäre so gerne ein Dandy gewesen wie sein Freund ➱Brummell, aber er kann für die Schneider ausgeben, was er will, er macht keine bella figura. Er ist zu fett, es fehlt ihm die sprezzatura, die nach Baldassare Castiglione den Dandy auszeichnet. Das Geld für die ➱Schneiderrechnungen bei seiner Krönung würde den griechischen Finanzminister heute glücklich machen. Glücklich über ihren fetten Prinny sind nur die bösen Journalisten, die the most infamous & shocking libellous production yt ever disgrac’d the pen of man liefern. Und natürlich Englands Karikaturisten. Was wären George Cruikshank und ➱James Gillray ohne ihn gewesen?

Der König liefert uns eine Vielzahl von Anekdoten, die aber meist nicht sehr schmeichelhaft sind. Meine Lieblingsgeschichte hat mit dem Besuch des Schlachtfelds von ➱Waterloo in Begleitung von Wellington zu tun. Da  erzählt er beim Abendessen, er habe – verkleidet als Generalmajor von Bock – in der King’s German Legion am Krieg in Spanien teilgenommen. Was that not so? brüllt er durch den Saal. Wellington antwortet höflich: I have often heard Your Majesty say so. Macht sich aber im Stillen seine Gedanken, ob der ➱Wahnsinn von George III jetzt auch seinen Sohn befallen hat. Ich liebe dieses Bild von ➱John Singleton Copley, das unseren George in der Pose eines Feldherrn zeigt. Unnötig zu sagen, dass dieser Feldmarschall nie im Felde war.

Der englische Schriftsteller William Makepeace Thackeray, dem wir den wunderbaren ➱Roman Vanity Fair verdanken, mochte ihn gar nicht. So schreibt er in The Four Georges:

To make a portrait of him at first seemed a matter of small difficulty. There is his coat, his star, his wig, his countenance simpering under it: with a slate and a piece of chalk, I could at this very desk perform a recognizable likeness of him. And yet after reading of him in scores of volumes, hunting him through old magazines and newspapers, having him here at a ball, there at a public dinner, there at races and so forth, you find you have nothing—nothing but a coat and wig and a mask smiling below it—nothing but a great simulacrum. His sire and grandsires were men. One knows what they were like: what they would do in given circumstances: that on occasion they fought and demeaned themselves like tough good soldiers. They had friends whom they liked according to their natures; enemies whom they hated fiercely; passions, and actions, and individualities of their own. The sailor king who came after George was a man: the Duke of York was a man, big, burly, loud, jolly, cursing, courageous.

But this George, what was he? I look through all his life, and recognize but a bow and a grin. I try and take him to pieces, and find silk stockings, padding, stays, a coat with frogs and a fur collar, a star and blue ribbon, a pocket-handkerchief prodigiously scented, one of Truefitt’s best nutty brown wigs reeking with oil, a set of teeth and a huge black stock, under-waistcoats, more under-waistcoats, and then nothing. I know of no sentiment that he ever distinctly uttered. Documents are published under his name, but people wrote them—private letters, but people spelt them. He put a great “George P.” or “George R.” at the bottom of the page and fancied he had written the paper: some bookseller’s clerk, some poor author, some man did the work; saw to the spelling, cleaned up the slovenly sentences, and gave the lax maudlin slipslop a sort of consistency.

He must have had an individuality: the dancing-master whom he emulated, nay, surpassed—the wig-maker who curled his toupee for him—the tailor who cut his coats, had that. But, about George, one can get at nothing actual. That outside, I am certain, is pad and tailor’s work; there may be something behind, but what? We cannot get at the character; no doubt never shall. Will men of the future have nothing better to do than to unswathe and interpret that royal old mummy? I own I once used to think it would be good sport to pursue him, fasten on him, and pull him down. But now I am ashamed to mount and lay good dogs on, to summon a full field, and then to hunt the poor game.

Wir müssen an dieser Stelle einmal etwas Nettes über ihn sagen. Christopher Hibbert ist in seiner beinahe neunhundertseitigen Biographie (die viel länger als die über ➱George III ist) sehr nett zu ihm. Das Times Literary Supplement hat über das Buch gesagt: This is one of the most satisfying biographies of an English king: it is ample, convincing and well written. Dagegen gibt es nichts zu sagen. George Augustus Frederick hatte große Anlagen als er jung war; er ist, wie so viele englische Königssöhne (denken wir nur an den Herzog von Windsor und seinen stotternden Bruder) auch ein Opfer einer übertrieben strengen Erziehung.

Diese Ermahnungen, die der Siebzehnjährige (hier links auf einem Bild von Benjamin West) erhält, sind da noch das Netteste: An Sonn- und Donnerstagen kannst Du in Deinem Apartment Abendessen geben, aber häufiger kann ich mir dies nicht leisten […] Teilnahme an Bällen und Gesellschaften, die in Privathäusern stattfinden, werde ich nicht gestatten […]. Was Maskeraden betrifft, ist Dir bekannt, dass ich diese für dieses Land unpassend finde […] Sollte ich morgens ausreiten, erwarte ich von Dir, dass Du mich dabei begleitest. Ich habe keine Einwände, wenn Du an den anderen Tagen alleine ausreitest, vorausgesetzt, es ist der Übung wegen und dient nicht dazu, im Hyde Park herumzulungern.

George besaß einiges schauspielerisches Talent, und er war musikalisch. Er war ganz reizend zu ➱Joseph Haydn, den er einmal auf dem Cello begleitete. Und er sang sehr gerne in seinem Musikzimmer im Royal Pavilion. Am liebsten Mighty Conqueror, das Samuel Webbe für ihn geschrieben hatte:

The mighty conqueror of hearts,

His pow’r I here deny;

With all his flames, his firs and darts

I, champion-like, defy.

I’ll offer all my sacrifice

Henceforth at Bacchus’ shrine.

The merry god ne’er tells us lies;

There’s no deceit in wine.

Die Nettigkeiten enden hier. Wollte ich all diese Verstöße gegen Benehmen, Moral und gute Sitten von Prinny aufzählen, dann schriebe ich noch im Juli an diesem Post. Nicht nur die Karikaturisten haben ihn geliebt, die Popular Culture liebt ihn heute immer noch. Ich hätte da einen kleinen ➱Film zu bieten, in dem Prinny singt. Oder einen ➱Schnipsel von der köstlichen Serie Blackadder, in der Hugh Laurie (den wir als Dr House kennen) den Prinzen von Wales spielt. Aber das letzte Wort soll die eigentlich sehr konservative Londoner Times haben. Die wenige Wochen nach dem Tod von George IV etwas wirklich Außergewöhnliches schrieb:

The truth is—and it speaks volumes about the man—that there never was an individual less regretted by his fellow-creatures than this deceased King. What eye has wept for him? What heart has heaved one throb of unmercenary sorrow? Was there at any time a gorgeous pageant on the stage more completely forgotten than he has been, even from the day on which the heralds proclaimed his successor? Has not that successor gained more upon the English tastes and prepossessions of his subjects, by the blunt and unaffected— even should it be grotesque—cordiality of his demeanour, within a few short weeks, than George the Fourth—that Leviathan of the haul ton—ever did during the sixty-eight years of his existence? If George the Fourth ever had a friend—a devoted friend—in any rank of life, we protest that the name of him or her has not yet reached us.

So oft wie kaum ein anderer ist George (der Heinrich Heines Doktorurkunde unterschrieb) in diesem Blog aufgetaucht, lesen Sie auch: ➱Regency, ➱Krönung18th century: Georgian Era, ➱Hannover, ➱Charles, ➱Kleider machen Leute, ➱Beau Brummell, ➱Tartan, ➱Bonnie Prince Charlie, ➱Walter Scott in Bildern, ➱David Wilkie, ➱Thomas Lawrences Blücher, ➱James Gillray, ➱Harry Heine

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