Maurice de Saxe

Die Schlacht bei Lauffeldt (bei Maastricht) vom 2. Juli 1747 wurde von Österreichern, Holländern, Briten und Hannoveranern auf der einen Seite und den Franzosen auf der anderen Seite geführt. Die Franzosen unter Maurice de Saxe (hier ein Portrait von Quentin de la Tour) siegten. Es war ein Pyrrhussieg mit schrecklichen Verlusten, aber es war ein Sieg. Unter dem Grafen aus Sachsen werden die Franzosen immer siegen, er wird als Feldherr unbesiegt sein. Er ist für Frankreich so etwas, was Marlborough für die Engländer ist.

Aber Marlborough ist tot, die Engländer schicken jetzt den Duke of Cumberland (der Sohn von George II) in den europäischen Krieg, der vom Großen Nordischen Krieg bis zum Bayrischen Erbfolgekrieg das 18. Jahrhundert durchzieht. Cumberland ist hier im Blog schon mehrfach erwähnt worden. Zum Beispiel in dem Post über den Maler ➱George Stubbs. Oder, kaum volljährig,  als Generalmajor in der Schlacht von ➱Dettingen. Oder als Butcher Cumberland, der Mann, der die Schotten bei Culloden besiegte, in den Posts ➱Bonnie Prince Charlie, ➱Tartan. Er schafft es heute noch leicht und locker auf die Liste der bestgehassten Briten. Auf einer Liste der unfähigsten Generäle aller Zeiten ist er bestimmt auch.

In Lauffeldt (das die Engländer Lawfeld nennen) kann er gerade noch entkommen, weil General Ligonier (auf den William August dummerweise während der ganzen Schlacht nicht gehört hat) mit seiner Kavallerie vorprescht. Jean Louis Ligonier (hier von Reynolds gemalt) wird Gefangener der Franzosen. Am Abend der Schlacht speist er am Tisch von Louis XV, man ist sehr höflich zueinander in dieser Zeit der Kabinettskriege, Ligonier, der jetzt Sir John Ligonier ist, freundet sich mit Maurice an, wenige Tage später ist er wieder frei.

Wenn wir uns dies Portrait von Reynolds anschauen, dann sieht unser Wilhelm August auch nicht besonders intelligent aus. Kein Vergleich mit dem wachen Blick von Moritz von Sachsen, der den schönen Künsten zugetan und mit Voltaire befreundet war (aber nie richtig Französisch lernte und eine seltsame Orthographie pflegte). Und der auch der Liebhaber der Schauspielerin Adrienne Lecouvreur war. Ich weiß, dass Sie jetzt unbedingt Maria Callas in Adriana Lecouvreur mit dem Ecco, respiro appena… Io son l’umile ancella hören wollen. Klicken Sie bitte ➱hier. Bei der Uraufführung von Cileas Oper im Jahre 1902 wurde der Part von Maurizio, Conte di Sassonia, übrigens von ➱Enrico Caruso gesungen.

Es ist schade, dass die Mutter von Maurice, die Gräfin Aurora von Königsmarck (die Voltaire als die berühmteste Frau zweier Jahrhunderte bezeichnete), den Erfolg ihres Sohnes gegen die Engländer nicht mehr erlebt hat. Ihr Hass gegen die Hannoveraner auf Englands Thron saß tief. Was verständlich ist: der Georg, der eines Tages George I von England sein wird, hatte ihren Bruder umbringen lassen. Weil dieser Philipp Christoph Graf von Königsmarck ein Verhältnis mit seiner Gemahlin hatte. Der Schwede in hannöverschen Diensten hatte geahnt, was ihm bevorstand, hatte er doch in einem seiner Liebesbriefe an Sophie einmal die Verse von Benjamin Neukirch zitiert:

Ich habe zu lieben gewagt,
ich nur hätte verehren dürfen.

Also liebe ich mein Verderben
und hege ein Feuer in meiner Brust,
woran zuletzt ich sterben muss.
Mein Untergang
ist mir gar wohl bewusst.

Sie können mehr zu dieser Geschichte in ➱Arno Schmidts Roman Das kalte Herz oder in Jays Post ➱Hannover lesen. Die Hannoveraner werden ihrem schlechten Ruf, den ihnen auch Thackeray in The Four Georges bescheinigt, immer wieder gerecht: George I, William August der Duke of Cumberland, George IV und dann noch der Pinkel-Prinz Ernst August.

Moritz von Sachsen (hier im Portrait des Studios von Jean-Etienne Liotard) war der Sohn von August dem Starken. Er wurde in Frankreich Maréchal général des camps et armées du roi, ein Titel, den die Franzosen selten vergaben. Weshalb der Marschall Soult, der hier in ➱Kunstraub und ➱Nicolas Freeling auftaucht, diesen Titel bekam, weiß ich wirklich nicht. Maurice, der auch mit Les Reveries Ou Memoires Sur L’Art De La Guerre ein Werk über die Kriegskunst schrieb (hier im Volltext), war ein gebildeter Mann. Und ein französischer Held, dem der König zu seinen Lebzeiten das Schloss Chambord überließ. Als Voltaire den König von Preußen besuchte, musste er feststellen, dass ihm Friedrich die Räume zugewiesen hatte, die einst Maurice bewohnt hatte. Er war beschämt darüber, daß man ihm das Appartement, in dem ehedem der Marschall de Saxe wohnte, anwies. Ich weiß nicht, ob man einem schlichten Historiker das Gemach eines Helden geben sollte. Ich liebe diese Bescheidenheit, selbst wenn sie ein klein wenig geheuchelt ist.

Der Herzog von Cumberland hat keine der Qualitäten seines Gegners bei Lauffeldt. Lassen wir doch einmal eben Cumberlands Vater reden: »Es ist mein Sohn, der mich zu Grunde gerichtet und sich selbst beschimpft hat.« Der dies Wort sprach, war der alte, nahezu siebzigjährige Kurfürst von Hannover und König von Großbritannien und Irland, Georg der Zweite, der Sieger von Dettingen, und sein Aufschrei fand einen zustimmenden Widerhall durch ganz Europa, vom Felsen Kalpe bis nach Asien hinein, und jenseits des Atlantischen Ozeans bis tief in die amerikanischen Urwälder.

      Wieder einmal war ein unbekannter Ort zu einem Namen in der Weltgeschichte gekommen, diesmal zu einem übelberüchtigten. Dieser Ort hieß Kloster Zeven in der Landdrostei Stade, der aber, welcher hier seinen Lorbeeren von Fontenoy, Lawfeld und Hastenbeck die Schleife anflocht und dadurch dem greisen Vater das gramvolle Gesicht in die Hände niederdrückte, hieß William Augustus, Duke of Cumberland, der Metzger Cumberland – butcher Cumberland, wie ihn die Schotten nach seinem einzigen Siegesfelde bei Culloden nannten. Und wie Schottland ihm nachsang: »Mourn, hapless Caledonia, mourn!« so klang ihm jetzt ein anderer Jammerruf nach. Der aber lautete: »Weh, Niedersachsen, weh!« Aber es war doch ein anderes: das Schlächtermesser-Wetzen auf dem Feld bei Culloden und der Ritt, Degen in der Scheide und die Faust auf dem Federhute, vom Felde bei Hastenbeck.

Es ist natürlich Wilhelm Raabe, der das in seiner Erzählung Hastenbeck (die hier hier einen Post hat) sagen lässt. Der erste Satz ist wörtlich das, was George II zu seinem Gefolge sagt, wenn er seinen Sohn nach der schmählichen Niederlage in London sieht: Here is my son who has ruined me and disgraced himself, da hat Wilhelm Raabe seine Hausaufgaben gemacht, seine historischen Beschreibungen vom Krieg im ➱Weserbergland – ob hier oder in Das Odfeld – sind ziemlich korrekt. Der öffentlich gemaßregelte Generalleutnant Cumberland legt alle militärischen Ämter ab, den Titel eines Captain-General – den ➱Marlborough einst hatte – verliert er 1757. Er wird immer fetter werden, was ihn noch interessiert ist die Pferdezucht. Mit vierundvierzig Jahren ist er tot.

Der deutsche Wikipedia Artikel zu Moritz von Sachsen zitiert zwar alle möglichen Werke zum Leben des französischen Marschall, erwähnt aber nicht das Buch von Jon Manchip White Marshal of France: The Life and Times of Maurice, Comte de Saxe, wie das der englische Wiki Artikel tut. Das Buch erschien 1962 bei Hamish Hamilton (der auch ➱Raymond Chandlers Verleger war), wurde umgehend in Deutsche übersetzt und erschien unter dem Titel Lorbeer und Rosen: Graf Moritz von Sachsen Maréchal de France bei Rainer Wunderlich in Tübingen. Zu dem Verlag, der 1913 in Bremen gegründet worden war, und seinem Verlagschef Hermann Leins können Sie in dem Post ➱Familiengeschichte mehr lesen. Lorbeer und Rosen von dem Waliser Jon Manchip White (der auch eine Episode zu Schirm, Charme und Melone schrieb) ist ein sehr gut geschriebenes Buch (nicht ohne sanfte Ironie und eine Prise Humor), das man nur empfehlen kann.

Maurice wird drei Jahre nach der Schlacht von Lauffeldt im Schloss Chambord sterben. Er war schon seit Jahren todkrank, schleppte sich mit dem von der Wassersucht geschwächten Körper von einer Schlacht zur nächsten. Als Voltaire ihn vor dem Flandernfeldzug fragte, ob er am Leben zu bleiben hoffe, antwortete ihm Maurice: Il ne s ‚ agit pas de vivre , il s ‚ agit de partir. 

Das klingt nun ein wenig nach Racines Bérénice, wo Titus sagt: Mais il ne s’agit plus de vivre, il faut régner. Maurice kannte das Stück gut, die Bérénice war eine der Lieblingsrollen von Adrienne Lecouvreur (Bild) gewesen. Er wird in seinem Testament seine Freunde fürstlich beschenken. Seinen Kammerdiener und seinen Pferdeknecht auch. Natürlich vergisst er Ludwig August von Dieskau nicht, der jetzt in Frankreich Jean-Armand Dieskau, Baron de Dieskau heißt. Der Sachse ist beinahe ein Vierteljahrhundert sein Stabsoffizier und Vertrauter gewesen. Er ist in diesem Blog schon in den Posts ➱Montcalm und ➱Edle Wilde aufgetreten. Und natürlich als entfernter Verwandter von Dietrich Fischer-Dieskau in ➱diesem Post.

Maurice wurde im protestantischen Straßburg begraben. Er war am Hofe seines Vaters protestantisch erzogen worden, aber die Religion war ihm ziemlich egal. Nur katholisch wollte er nicht sein, vielleicht bekam er von Louis deshalb nicht den Cordon Bleu des Ordre du Saint-Esprit. Für diejenigen, die den Begriff nur als ein mit Käse und Schinken gefülltes, paniertes Kalbsschnitzel kennen, sei mal eben gesagt, dass das blaue Band der höchste französische Ritterorden war. Maurice erhielt nach seinem Tode ein pompöses Grabmal von Jean-Baptiste Pigalle (nach dem später das Pariser Vergnügungsviertel benannt wurde).

Es ist ein Denkmal, das sich wie eine Szene aus einem Schauspiel vor uns entfaltet. Wir können seine Form- und Symbolsprache verstehen. Da schreitet Maurice, noch im Tode ein Sieger, die Stufen zum Sarg hinab. In den gesenkten Flaggen beinahe verborgen weint ein kleiner Armor, eine Symbolfigur, die bei seinen zahlreichen Liebschaften nicht fehlen durfte. Zu den Füßen des Feldherrn krümmen und winden sich die Wappentiere der besiegten Reiche: der österreichische Adler, der holländische Löwe, der englische Leopard. Und eine vollbusige Marianne will voller Verzweiflung den Tod mit seinem Stundenglas aufhalten, den Sarg zu öffnen, an dem ein verzweifelter Herkules (Symbol für Maurices unbändige Kraft) steht.

Der Herzog von Cumberland hat auch ein Denkmal, nicht diesen ➱Grabstein, der 1765 als Karikatur erschien. Nein, ein richtiges Reiterdenkmal. Auf jeden Fall hatte er eins bis zum Jahre 1868, aber dann war die Stadtverwaltung es leid, dass der königliche Feldherr immer wieder beschmutzt und beschmiert wurde. Man baute das Denkmal einfach ab, ließ aber den Sockel aus dem Jahre 1770 stehen. Was dann plötzlich im Jahre 2012 auf dem Sockel stand, war eine ➱Nachbildung des Originals (hier bei der Herstellung).

Die aber – und das ist nun wirklich witzig – aus parfümierter Seife von der Firma Lush (ökologisch einwandfrei) ist. Der Scotsman titelte umgehend: Perfumed effigy of ‘Butcher’ Duke raises a stink in the Highlands. Ja, da oben in Schottland hat man Culloden nie vergessen. Inzwischen wird sich William August wohl schon zerlegt haben, sic transit gloria mundi. Denkmäler aus Seife, darauf hätte man mal früher kommen sollen. Wir merken uns einmal den Namen der Künstlerin Meekyoung Shin. Falls mal ein Denkmal für jemanden mit zweifelhaftem Ruhm gebraucht wird.

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