Hellas, hélas

Das muss gleich am Anfang gesagt werden: Hellas und hélas gehören nicht zur gleichen Wortfamilie. Es wird allerdings viele Franzosen geben, die in diesen Tagen Hellas, hélas sagen. Wie zum Beispiel Christine Lagarde. Die ist immer elegant, und sie verdient eine halbe Million Dollar (steuerfrei) im Jahr, aber ihre Aufnahmeprüfung an der ENA hat sie nicht bestanden. Thomas Tuchel hat nur die Prüfung als Fußballlehrer bestanden, aber für eine halbe Million im Jahr würde er wohl nicht arbeiten. Ihm trauen wir allerdings nicht zu, dass er Europa rettet, das können offenbar nur Juristen. Obgleich ein deutscher Fußballlehrer einmal Griechenland gerettet hat. Das sollten wir nie vergessen.

Dies Bild ist das vorletzte von Thomas Coles Zyklus The Course of Empire, es hat den Titel Destruction. Als er es malt, hat Griechenland gerade begonnen zu existieren. Cole hat seinem Zyklus ein Zitat von Lord Byron voran gestellt: There is the moral of all human tales; ‚Tis but the same rehearsal of the past, First Freedom, and then Glory — when that fails, Wealth, vice, corruption, — barbarism at last. And History, with all her volumes vast, Hath but one page.

Es gibt bei der Flut der Nachrichten der griechischen Finanzkatastrophe auch positive Nachrichten, der deutsche Touristenstrom nach Hellas scheint ungebrochen (dieser Touristenstrom aus dem Jahre 1832 zeigt in der Bildmitte in blauer Uniform einen deutschen Retter Griechenlands). Die scheinen alle das Dichterwort Mich verlangt ins ferne Land hinüber Nach Alcäus und Anakreon zu verinnerlichen. Hölderlin passt jetzt immer: Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch.

Die Griechen waren uns noch nie so nahe, man darf ja auch nichts gegen sie sagen. Denn wie Shaw schon wusste: Nobody can say a word against Greek: it stamps a man at once as an educated gentlemen. Als sie noch eine Militärdiktatur hatten, haben wir uns nicht so sehr um sie gekümmert. Höchstens um Vicky Leandros, Nana Mouskouri und Melina Mercouri. Damals haben wir auch nicht gefragt, ob Onassis und Niarchos jemals Steuern gezahlt haben. Wie sind die Griechen überhaupt zum Euro gekommen? Heute sagt man: gefälschte Zahlen. Hat man vor fünfzehn Jahren angeblich nicht gewusst.

Es ist lange her, dass Percy Bysshe Shelley We are all Greeks. Our laws, our literature, our religion, our arts, have their roots in Greece gesagt hat. Aber es geht heute nicht um die griechische Kultur, es geht ums Geld. Das kommt in Shelleys schönem Zitat nicht vor. Und in diesem auch nicht:

Schöne Welt, wo bist du? – Kehre wieder,
Holdes Blüthenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben trauert das Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach, von jenem lebenwarmen Bilde
Blieb der Schatten nur zurück.

Es ist ja nicht so, dass der Euro Europa geeint hätte. England, Dänemark und die Schweiz zum Beispiel beweisen, dass es auch ohne diese Währung geht. Ihretwegen tagen die Finanzminister nicht jeden Tag. Schreckensszenarien werden täglich an die Wand gemalt. Aber was kann die Griechen noch schrecken? Man brauchte einen Goldesel. Den gab es schon mal, aber Der goldene Esel war ein Roman von Apuleios. Ein neuer Midas wäre schön, alles, was er berührt wird zu Gold. Es war ein Fehler von Zeus, die Welt wegzugeben:

Nehmt hin die Welt!« rief Zeus von seinen Höhen

Den Menschen zu. »Nehmt, sie soll euer sein!

Euch schenk ich sie zum Erb und ewgen Lehen –

Doch teilt euch brüderlich darein!«

Was ist geblieben? Götter, Mythen, Heldensagen und antike Statuen, das ist die griechische Welt. Und der Grieche um die Ecke, Ouzo und Alexis Sorbas. Und natürlich die Philosophie, wie konnte ich das vergessen?

Bekanntlich war’s in Griechenland,
wo man die Philosophie erfand,
zumindest die uns wohlbekannte,
die herrschend blieb im Abendlande.

Ich habe in der letzten Woche bei meinem geliebten Hinterhofhöker ein Buch (für einen Euro) mitgenommen, das mir Orientierung in der griechischen Frage versprach. Hieß doch das neunte Kapitel Die Stimme Griechenlands und das darauf folgende Vor dem Anfang. Im neunten Kapitel fand ich auch folgende Verse:

Auf der hohen Burg ist die Schatzkammer.

Fest vermauert wird die Tür der Schatzkammer.

Was sie birgt, bleibe ein Geheimnis,

auf daß sie nie, niemals mehr der Goldschatz

unsere lieben Nachbarn uns vergrämt!

Doch wo der Goldschatz geblieben ist, das bleibt eben Geheimnis. Nein, Hans José Rehfischs Roman Lysistratas Hochzeit taugt leider auch nicht zur Problemlösung. Vor etwas über hundertneunzig Jahren starrte ganz Europa auf einen romantischen Träumer, von dem man glaubte, dass er ganz allein den Griechen die Freiheit bringen könne. Nach seinem Tod schrieb Heinrich Heine: Während ich dieses schreibe erfahre ich daß mein Vetter, Lord Byron, zu Missolungi gestorben ist. So hat dieses große Herz aufgehört zu schlagen! Es war groß und ein Herz, kein kleines Eyerstöckchen von Gefühlen. Ja dieser Mann war groß, er hat im Schmerze neue Welten entdeckt, er hat den miserabelen Menschen und ihren noch miserableren Göttern prometheisch getrozt, der Ruhm seines Namens drang bis zu den Eisbergen Thules und bis in die brennenden Sandwüsten des Morgenlandes. take him all in all, he was a man. Wir werden sobald nicht mehr seines Gleichen sehen.

Die Griechische Revolution führt 1827 zur Seeschlacht von Navarino, die das Ende der Herrschaft des Osmanischen Reiches in Griechenland bedeutet. Admiral Sir Edward Codrington und die Royal Navy sind die entscheidenden Geburtshelfer des neu entstehenden Griechenlands. Wir wollen nicht vergessen, das Thomas Cochrane und unser junger deutscher Marineoffizier ➱Rudolf Brommy auch dabei sind. Ja, unser erster deutscher Admiral hat einmal in der griechischen Marine gedient. Aus Dankbarkeit dafür haben die Griechen bei uns immer fleißig U-Boote bestellt, die sie eigentlich nicht brauchten und auch nicht bezahlen konnten.

Das neu gegründete Griechenland hat allerdings kein Geld, die Allianz von England, Frankreich und Russland hilft ihm mit 472.000 britischen Pfund und 60 Millionen Drachmen auf die Beine. Die ganze Summe sehen die Griechen nie, ein Viertel wanderte als Geldentschädigung an die Türken. Bis zum Jahre 1835 stieg das Staatsdefizit des Staates Jahr für Jahr, aber 1840 kriegt man zum ersten Mal in der Geschichte des jungen Staates einen ausgeglichenen Haushalt hin. Da sind die Rothschilds in London glücklich, denn Griechenland fängt jetzt an, Geld zurückzuzahlen. Der Retter Griechenlands ist der König Otto – nein, damit ist jetzt nicht der Fußballgott Rehakles gemeint, der Werder Bremen und Griechenland gerettet hat.

Dieser König Otto kommt aus Bayern und ist ein Wittelsbacher. Und aus Bayern kommt jetzt auch viel Geld. Aber es reicht wieder mal nicht. Wenn da nicht zu guter Letzt noch ein Darlehen von einer Million Gulden vom bayrischen König Ludwig I gekommen wäre, hätte man den Staatsbankrott anmelden müssen. Wahrscheinlich ist das jetzt bösartig, wenn man Griechenland als bayrische Kronkolonie bezeichnen würde. Und derjenige, der gesagt hat, dass nach Lord Byron die Griechen nichts weiter als Türken, die sich für Italiener halten, seien (wo mag das wohl stehen?), irrt sich. Die Griechen sind eigentlich Bayern.

Das Bild im Absatz über den beiden Herren vor den blau-weißen Flaggen ist eine schöne Vision, es heißt Blick in Griechenlands Blüte und ist natürlich von einem Deutschen gemalt. Wahrscheinlich war Otto von dem Bild Schinkels so begeistert, dass er gleich eine neue Akropolis in Auftrag gegeben hat. Die ist zwar nicht gebaut worden, aber Schinkel hat schöne Entwürfe (wie diesen hier) geliefert. Die Verbindungen zwischen Bayern und Griechenland kann man heute immer noch sehen. Bevor der Philhellenismus bei den Wittelsbachern ausbrach, hieß Bayern Baiern, das y kommt aus Griechenland. Und das blau-weiß der griechischen Flagge kommt natürlich von der bayrischen Flagge.

Der König Otto ist nicht nur vom Philhellenismus befallen, er hat auch ein klein bisschen diese Krankheit, die sein Neffe Ludwig II haben wird: er baut gerne. Wenn man ein neuer Staat ist, dann möchte man nicht nur eine Flagge haben, dann möchte man auch repräsentative Bauten besitzen. Und so wird Leo von Klenze (der hier die Akropolis in nie gesehener Schönheit gemalt hat) den Neubau von Athen planen. Und Friedrich von Gärtner, der neben Klenze berühmteste Architekt Bayerns war, baut ihm das Schloss in Athen, das heute als Sitz des Parlaments dient. Und Peter von Hess (der das dritte Bild von oben gemalt hat) hat ihn nach Griechenland begleitet, so wie er Jahrzehnte zuvor die bayrische Armee nach Moskau begleitete. Sein Bild von der Schlacht von Borodino findet sich schon in dem Post ➱Beresina 1812.

Der von Künstlern umgebene Otto musste leider 1862 abdanken, Griechenland, mein Griechenland, mein liebes Griechenland, sollen bei seinem Tode seine letzten Worte gewesen sein. Könige hatte Griechenland dann aber immer wieder gehabt. Allerdings nicht mehr aus Bayern. Dieser elegante Herr hier ist Andreas, Prinz von Griechenland und Dänemark, der Sohn von König Georg I. Er ist übrigens der Vater von Prince Philip. Seit 1863 kommen also die griechischen Monarchen aus Dänemark. Sie bewahren das Land allerdings auch nicht vor dem Staatsbankrott am Ende des Jahrhunderts (das ist der Bankrott, auf den Fontane im Stechlin mit dem Satz von den lieben, nie zahlenden Griechen anspielt).

Doch schon vor der Staatspleite von 1893 war man dabei zu sparen. Es gibt die schöne Anekdote, dass der Premierminister das Finanzministerium angewiesen habe, den Posten Katzenfutter zu streichen: Wenn die Katze ihre Arbeit sauber macht, braucht sie das Futter nicht, wenn sie ihre Arbeit nicht sauber macht, dann brauchen wir sie nicht. Ob Yanis Varoufakis (falls Sie sich nicht mehr an den erinnern: das war der mit der Lederjacke und dem Moppät) auch auf diese Idee gekommen war?

Bevor die Dänen die Könige liefern, bekam Griechenland schon Architekten von ihnen. Otto vertraut nicht nur auf seine Bayern Klenze und Gärtner. Dieses typisch griechische Gebäude baute der Däne Theophil Hansen (der ➱hier einen Post hat). Auch sein Bruder Hans Christian Hansen, der Hofarchitekt von König Otto, wird in Athen bauen. Griechenland und Dänemark haben im 19. Jahrhundert etwas gemeinsam: beide Länder haben einen Staatsbankrott hingelegt. Die Dänen haben gezeigt, dass man da auch wieder herauskommt. Ein Jahr nach dem Staatsbankrott hat der König ➱Christian VIII den Bildungsetat erhöht und gesagt: Arm und elend sind wir sowieso. Wenn wir jetzt auch noch dumm werden, können wir aufhören, ein Staat zu sein. Heute stehen die Dänen finanziell gut da. In der letzten OECD Erhebung sind sie bildungsmäßig weit vor uns. Und sie bezahlen alles mit Øre und Krone, sie brauchen keinen Euro.

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Eine Antwort zu Hellas, hélas

  1. Es geht doch nicht darum ob man ohne Euro zahlen kann sondern darum das ein funktionierendes Europa ein stabiler Gegenpol zu den anderen, viel größeren bestehenden und entstehenden Wirtschaftsmächten sein könnte. Das der Euro weniger stabil entworfen wurde als es viele andere Währungen zuvor waren wird ja nicht bezweifelt, oder?

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