Jimmie Whistler

 

Meine ersten Bilder von James Abbott McNeill Whistler habe ich in den fünfziger Jahren in ➱Holland gesehen. Es war ein kleine Sonderausstellung in einem gläsernen Pavillon, der zum Kröller-Müller Museum im Nationalpark Hoge Veluwe gehörte. Ich erinnere mich noch genau an das Wetter an diesem Sommertag. An den Wind, an die Wolken. Und die Heide, ein bisschen Nadelwald. Man hatte eine schöne Aussicht durch die Glasfenster. Ich erinnere mich natürlich an die Bilder, ich war fasziniert von ihnen. Es waren sehr kleine Bilder, Whistlers Radierungen von London und Venedig. Später habe ich noch viel mehr Bilder von ihm gesehen.

Das war 1969 in Berlin. Den Ausstellungskatalog (hier das Cover) der Nationalgalerie habe ich natürlich immer noch. Es war die erste Whistler Ausstellung in Deutschland. 222 Exponate, sozusagen Whistler satt. Heute würde eine solche Ausstellung als eine Sensation gefeiert werden, damals schien sie niemanden zu interessieren. Die Zeit und der Spiegel hatten sehr kurze Artikel, das wars. Es muss Werner Haftmann, der gerade Direktor der Nationalgalerie geworden war, wehgetan haben, dass es kein größeres Interesse gab.

Das Portrait von Thomas Carlyle, das Whistler Arrangement in Grey and Black, No. 2 betitelte (das Arrangement in Grey and Black, No. 1 ist das berühmte Portrait seiner Mutter), war auch in Berlin. Ich habe mit Erstaunen gestern gesehen, dass man den Katalog der Nationalgalerie bei Amazon Marketplace für 2,22 € kaufen kann. Greifen Sie zu, so billig bekommt man nie wieder eine Übersicht über Whistlers Werk. Der amerikanische Kosmopolit James Abbott McNeill Whistler ist heute vor hundertundzwölf Jahren in Chelsea gestorben. Er war nirgendwo wirklich zu Hause, nicht in St Petersburg, nicht in Paris, nicht in London. Und auf gar keinen Fall in Lowell, Massachusetts. Er ist in diesem Blog kein Unbekannter, hier ist er beinahe zu Hause. Ich mag den großen Dandy, den großen Maler, den spitzzüngigen Intellektuellen. Seine Ten O’Clock Lecture ist nach hundertdreißig Jahren noch immer ein Lesevergnügen.

Die neueste Whistler Biographie ist Daniel E. Sutherlands Whistler: A life for art’s sake (Yale University Press 2014). Ich habe sie mir vor einem Jahr nicht gekauft, weil sie nur lauwarme Kritiken in der englischen Presse erhielt. Der Verfasser ist Professor an der University of Arkansas und ist bisher als Militärhistoriker hervorgetreten. Na ja, Whistler war ja mal in West Point. Wo er übrigens rausflog, man kann ihn sich wirklich nicht als amerikanischen Armeeoffizier vorstellen. Noch schlechter als die Rezensionen für Daniel E. Sutherland waren die für Ronald Andersons und Anne Kovals Buch James McNeill Whistler: Beyond the Myth (Murray 1994), das die Hauptquelle für den englischen Wikipedia Artikel zu sein scheint. Da lobe ich mir die gute alte Biographie von Stanley Weintraub (Whistler: A Biography), die man noch sehr preisgünstig finden kann, Weintraub ist immer gut zu lesen.

Whistler hasste die Biographen. Er erfand sein Leben immer wieder neu. Und er wollte partout nicht in Lowell, Massachusetts geboren sein. Lieber in Baltimore. Also schrieb er seine eigene Biographie: Determined that no dull mendacious scamp shall tell collect the foolish truths about me when centuries have gone by, and anxiety no longer pulls at the pen of the „pupil“…. who would sell the soul of his Master to the Publisher, I propose myself now proceed to take the wind out of such speculation by immediately furnishing myself the fiction of my own biography – which shall remain – and is the story of my life –

     My life – or the beginning of it – for it is worth noting that all who have much to do, assuredly remain to do it –
Curiously too I find no grief in noting the closing of more than one middleaged eye that I had before now caught turned warily upon me with a view to future foolscap to improved from slight intimacy

To begin with I am not an Englishman – The journalists of London have so often, and so noisely, and with such lifting of the chin, declared that the their great comfort satisfaction.. derived was theirs in the fact this, that it may be well to hasten and acknowledge that before it be the contrary be necessarily accepted as the fact –

     In many papers the press I have been born in Russia – in France – in America – and, of late .. even in England –
Again, with further detail, I have read that I was born in Pomfret, cultured Connecticut, in Boston, and even Lowell! – This last I have I think heard more than once, whispered in the outskirts of the family – But the my people were great Southerners de race – [protigents“?] – and if there were any truth in this strange Northern cradle of their sons they would have lived it down in silence – rocked.. rumour..
My dear good Mother as a Christian would have seen it
For my part, though enticed for a moment attracted by the drollery of . . . down East, without a drop of yankee blood in my veins, upon the whole it wont do – – I don’t think I care about it – No – the time has gone by when a man shall be born, without being consulted – That though When, one of these days I return to my native land, I shall expect to be born in every town in the United States, – and meanwhile I have chosen Boston Baltimore.

Seine Freunde nannten ihn Jimmie, also die Freunde, die er hatte. Er war gut darin, sich Feinde zu machen. Das kann man von jemandem erwarten, der The Gentle Art of Making Enemies geschrieben hatte. In seiner Jugend war er ein wenig anders. Ich zitiere einmal aus Elizabeth Robins Pennells Biographie The Life of James Mcneill Whistler aus dem Jahre 1919: … Mr. Luke Ionides, who was then often in Paris. He has given us his impressions of Whistler at the time: „I first knew Jimmie Whistler in the month of August 1855. My younger brother was with a tutor, and had made friends with Jimmie. He was just twenty-one years old, full of life and go, always ready for fun, good-natured and good-tempered. He wore a peculiar straw hat, slightly on the side of his head“ – it had a low crown and a broad brim.“ Whistler etched himself in this hat, which startled even artists and students, and became a legend in the Latin Quarter. Elizabeth Robins Pennell war mit Whistler befreundet, deshalb sieht sie in ihrer Biographie Whistlers Schwächen nicht so sehr. Doch ihre Biographie (die es übrigens ➱hier im Volltext gibt) ist immer noch eine Fundgrube. Und besser als viele neue Biographien.

Whistler hat natürlich längst einen Post, der allerdings nicht Whistler sondern Kunst heißt. Er wird auch immer wieder erwähnt, so in den Posts ➱Frank Duveneck, ➱William Merritt Chase, ➱John Ruskin, ➱Walter Sickert, ➱George Spencer Watson, ➱John Quincy Adams, ➱Beau Brummell, ➱Querbinder, ➱Chelsea Boots

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