Minden

 

Am 1. August 1759 fand bei Minden eine Schlacht zwischen den Engländern und den Franzosen statt. Der Wikipedia Artikel sagt dazu: Minden blieb zunächst im Besitz der Alliierten, bis es im Sommer 1759 erneut durch französische Truppen eingenommen wurde. Im Ergebnis der am 1. August 1759 vor den Toren der Stadt erfolgten Schlacht bei Minden fiel die Festung endgültig an die alliierten Streitkräfte. Da durch die Schlacht bei Minden die Briten die Vorherrschaft über Nordamerika und Indien erhielten, war der 1. August 1759 der einzige Tag, an dem Minden Weltgeltung hatte. Traditionell wird in den britischen Regimentern weltweit und in der nordenglischen Stadt Preston mit großem Umzug der Minden Day gefeiert. Aber auch in Minden findet jährlich eine Feier am Denkmal zur Erinnerung an die Schlacht von Minden statt. 

Weltgeltung für einen Tag, das ist doch etwas. Dies ist ein Krieg, der über den Kabinettskrieg des 18. Jahrhunderts hinausgeht, weil er weltweit geführt wird. Aber eben auch bei Minden. Kein toller Ort für eine Schlacht, die Weser ist ein Hindernis. Von den moorigen Wiesen ganz zu schweigen. Der Historiker Frank McLynn hat mit seinem Buch 1759: The Year Britain Became Master of the World gezeigt, dass das Jahr 1759 für die englische Geschichte vielleicht wichtiger ist als das Jahr 1066.

Die Schlacht von Minden wird schon in dem Post ➱Münchhausen erwähnt. Damit sind wird bei ➱Wilhelm Raabe und seinem Roman Das Odfeld, in dem der gute Herzog Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (hier gemalt von Anna Rosina de Gasc) eine große Rolle spielt. Er kennt die Gegend, er hat die Festung Minden schon im Vorjahr eingenommen. Eine große Rolle spielt in Raabes Roman auch der englische General George Augustus Eliott, der auch in dieser Schlacht ist. Er ist uns schon in dem langen Post ➱Hoya begegnet. Ein Post, der weniger mit dem kleinen Kaff Hoya, als mit der Belagerung von Gibraltar zu tun hat. Eine große Rolle könnte in der Schlacht auch der General Lord George Sackville spielen, aber der entpuppt sich als kläglicher Versager.

George Germain Lord Sackville ist der typische englische Aristokrat des 18. Jahrhunderts. Sein Vater war der Herzog von Devon, ein Freund von George I, der auch Sackvilles Taufpate war. Sackville ist ein arroganter Hund, ein Gentleman ist er nicht. Er erzählt gerne schmutzige Geschichten aus dem Palast. Er war auf einer Public School und einer Universität, aber viel scheint da nicht hängengeblieben zu sein. Er besitzt eine schöne Bibliothek, liest aber keine Bücher. Er lässt sich zwar von ➱Reynolds (hier auf einem Kupferstich nach einem Gemälde von Reynolds), ➱Romney und ➱Gainsborough malen, aber eigentlich gehört er eher in die Welt von ➱Hogarth.

Die vielen Kriege im 18. Jahrhundert sind gut für die englische Malerei. Wer adelig ist – oder Geld hat – lässt sich malen, wenn er ins Feld zieht. Man weiß ja nicht, ob man zurückkommt. Wenn man ein Held wird, dann lässt man sich wieder malen. Am besten von Joshua Reynolds und dann in einer Pose wie General Granby unten. Bei dem Bild oben von Sackville hat sich Reynolds nicht besonders angestrengt. Der Pferdekopf kostet den Kavalleristen zwar extra, stammt aber aus der Retorte. Das ist beim Pferd vom Marquess Granby ganz anders. Die Portraitmaler in dieser Zeit haben häufig einen kleinen Pferdestall neben ihrem Studio. Man möchte ja sein Pferd in voller Schönheit auf dem Bild haben. Nicht so mickrig wie bei Sackville. Lieber so wie das Pferd von ➱Major William Clunes, das Raeburn hier gemalt hat.

Schwul soll Sackville auch noch gewesen sein. Er taucht in der Presse als the buggering hero und the pederastical American Secretary auf (und ist die Hauptperson in Charles Churchills ➱Gedicht The Times), aber das sind die upper class Engländer irgendwie ja alle. Und sicher sind Zeilen wie Sackville, both Coward and Catamite, commands Department honourable, and kisses hands With lips that oft in blandishment obscene Have been employed… auch Teil einer politischen Verleumdungskampagne. General Sir John Ligonier (der schon in dem Post zu ➱Maurice de Saxe erwähnt wird) hatte seine Karriere in der Armee gefördert, und in der Schlacht von Fontenay, die Maurice de Saxe gewann, war er einen Augenblick lang ein kleiner Held gewesen. Aber nicht bei Minden.

Sackville (hier 1778 von George Romney vor symbolisch düsterem Himmel gemalt) war sauer, dass man ihm nur den Oberbefehl über die Kavallerie und nicht über alle englischen Truppen gegeben hat. Er tut in der Schlacht nicht das, was man ihm mehrfach befiehlt: er greift nicht an. Ich fand dauernd die größte Schwierigkeit, die Intervalle oder aber das Aussehen einer Linie einzuhalten, mit der größten Aufmerksamkeit auf ihre Bewegung, und dem Anhalten bei den ersten Anzeichen von Unregelmäßigkeiten. Um mit Kraft und Geschwindigkeit anzugreifen, muss man ohne Eile und Durcheinander vorrücken. Generäle verstehen nie, was man ihnen sagt, immer gibt es Unklarheiten mit den Befehlen. Angeblich versteht er das Englisch nicht, das der Hauptmann Wintzingerode (der Adjutant von Herzog Ferdinand) spricht. Das mit dem Nichtverstehen war bei ➱Balaclava nicht anders. Oder in einem Großmanöver der Bundeswehr vor fünfzig Jahren, lesen Sie doch einmal den Post ➱Fallex.

Dem General Granby (hier wunderbar von Reynolds gemalt, mit dramatischem Himmel und schwarzem Diener) wird das Ganze jetzt zu bunt, er will mit seiner Kavallerie vorrücken, Sackville hält ihn auf. Er kann Granby nicht ausstehen, der Mann ist populär, Sackville wird von allen gehasst. Die hannöverschen Offiziere beklagen sich jeden Tag beim Herzog Ferdinand, dass das mit Sackville so nicht weitergeht. Granby darf also vorerst nicht angreifen. Erst wenn Sackville ohne Eile und Durcheinander vorrückt. Nachdem er seine Linien geordnet hat. Da ist allerdings die Schlacht schon so gut wie zu Ende, und die Franzosen, die er verfolgen sollte, sind entkommen. Nach der Schlacht wird Sackville abberufen, Granby wird der Befehlshaber der englischen Einheiten in Deutschland. Er hat einen Stabsoffizier namens ➱Charles O’Hara, der wird uns noch im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg begegnen. Wo wir dann viele der Beteiligten der Schlacht von Minden wiederfinden: ➱Lord Cornwallis, ➱Baron Riedesel und William Phillips.

Der Herzog von Braunschweig erwähnt den General Sackville in seinem offiziellen Bericht der Schlacht (dies Bild wurde in Minden während der Feiern 2009 gemacht) mit keinem Wort. Verlangt aber vom König, von dem er gerade zwanzigtausend Pfund und den Hosenbandorden für den Sieg bekommen hat, Sackvilles Abberufung. Und schreibt Sackville, auf Französisch, wie es sich in der feinen Welt gehört, einen Brief: Je vous dirés doré tout simplement que je nài pu voir avec indifference ce qui e’est fait avec la cavallerie de la droite. Vous commandés tout le Corps Brittanniques; ainsi votre poste fixé ne devait pas etre tout la cavallerie, mais vous deviés egalement conduire les uns et les autres euivant que vous en trouviés l’occasion pour coopererals reussited‘ une journés iglorieuse pour l’armés. Je vous si fourni la plus belle occasion pour profiter et pour faire decider la sort de cette journés, si mes ordres avaient etês remplis au pied de la lettre, . . . Le temoinage que j’ai rendu à mylord Granby je lai dois parce qu’il le merite a tous egards at qu’il ne ma manquée dans tous d’occasions. Ce n’este regle que puisque je loue l’un que je blame l’autre. Mais il ne me peut pas être indifferent si mes ordres ne s’executent point et qu’on ne veut ajouter foi aux porteurs de cet ordre.

Sackville kommt vor ein Kriegsgericht (das aus elf Generalleutnants und vier Generalmajoren besteht). Man kann die Verhandlung ➱hier nachlesen. Das mit dem Kriegsgericht hat er selbst gewollt, obwohl man ihn gewarnt hat, dass die Sache auch mit der Todesstrafe enden könne wie bei ➱Admiral Byng. Er wird dort eine Rede halten, die er sorgfältig lange vorbereitet hat. Er muss dafür einen Ghostwriter gehabt haben. Jonathan Swift, den er aus Dublin kannte, kann es nicht gewesen sein, der war da schon tot. Wer auch immer es war, in dieser Situation beweist sich die Wahrheit the pen is mightier that the sword. Am Schluss seiner Rede wird er sagen: This defence is intended, not for the world, but for the information of the court. All I at present desire, is, that mankind would suspend their judgments of my mankind would suspend their judgments of my conduct, till the evidence is closed. Er glaubt an einen Freispruch. Aber es kommt anders, das Kriegsgericht befindet, er sei unfit to serve His Majesty in any military capacity whatsoever. Und der König setzt noch eins drauf und lässt bei allen Regimentern der Armee verlesen: It is his majesty’s pleasure, that the above sentence be given out in public orders, that officers being convinced that neither high birth, nor great employments, can shelter offences of such a nature; and that seeing they are subject to censures much worse than death to a man who has any sense of honour, they may avoid the fatal consequences arising from disobedience of orders. Sackville wird aus der Armee ausgestossen, sein Name als Mitglied des Privy Council wird gelöscht.

Recht so, würden wir sagen. Man würde vermuten, dass sich der Lord (hier von Gainsborough gemalt) auf seine Besitzungen zurückzieht, Forellen angelt oder Moorhühner schießt. Und dass wir nie wieder etwas von ihm hören. Weit gefehlt. Mit Lord North und dem neuen König ➱George III, der ihn auch stillklammheimlich wieder in das Privy Council aufnimmt, steigt er wieder auf. Er wird 1775 Secretary of State for the American Department, und er wird seinen Teil dazu beitragen, dass George III eines Tages über den Verlust seiner ach so geliebten amerikanischen Kolonien klagen kann. Vielleicht nicht in der Form, in der ➱Philip Freneau sich das vorstellte, aber es war für ihn doch ein Verlust.

Sackville (der mal einen Staatssekretär namens ➱Benjamin Thompson beschäftigte) hat ein langes Kapitel in The Men Who Lost America: British Leadership, the American Revolution, and the Fate of the Empire von Andrew Jackson O’Shaughnessy, aber der Autor geht viel zu nett mit ihm um (und macht kuriose Fehler: er macht Herzog Ferdinand zum Schwiegersohn von Friedrich II – er war sein Schwager). Allein die Tatsache, dass Sackville voll hinter dem total bescheuerten Plan von Gentleman Johnny Burgoyne (hier von Reynolds gemalt) stand, zeigt wie begrenzt sein strategisches Denken ist. In Saratoga endet der großartige Plan, eine ganze englische Armee geht verloren. Sie können ➱hier mehr dazu lesen.

Politiker vergessen schnell. Oder die Öffentlichkeit vergisst zu schnell. Aber irgendwie sind Politiker Stehaufmännchen, die hoffen, dass man alles vergessen hat. Mir fällt zu diesem Vergessen immer der Otto Wiesheu ein. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich gerade einen Artikel von Gabriele Goettle (auf diesem Bild ist sie ganz links, neben ihr Enzensberger) gelesen habe. Die ist im Juli von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Johann Heinrich Merck Preis ausgezeichnet wird worden. Was ich rein zufällig von ihr gelesen hatte, war die Geschichte, wie der Wiesheu Otto den polnischen Rentner Josef Rubinfeld totgefahren hat. Der polnische Jude hatte Dachau überlebt, aber nicht mit seinem Polski Fiat die bayrische Autobahn und den Mercedes von Dr jur. ➱Otto Wiesheu. Der natürlich hackevoll war, das versteht sich für einen bayrischen Politiker. Er wurde in zweiter Instanz in einem skandalösen Prozess (in dem die Verteidigung versuchte, Wiesheu als ein Opfer darzustellen) zu zwölf Monaten Freiheitsstrafe zur Bewährung und zu einer Geldstrafe verurteilt. Wenige Jahre später war er Staatssekretär. Und wurde dann, und das ist selbst für bayrische Verhältnisse ein wenig zynisch, Verkehrsminister.

Politiker vergessen schnell. Aber die Presse nicht. Und die Schriftsteller und Journalisten auch nicht. Und so findet sich unser Lord Sackville, der inzwischen Lord Germain heißt, eines Tages als zweiter von links auf diesem Bild der politischen Kesselflicker wieder. König George (mit weißer Kochmütze) schaut dem Treiben seiner Politiker (Lord North ist auch dabei) begeistert zu. Es ist ein politischer Cartoon von ➱James Gillray, den damals jeder Engländer verstand, er hätte gar nicht der Verse, die unter dem Titel The State Tinkers unter der Zeichnung stehen, gebraucht:

The National Kettle, which once was a good one, 

For boiling of Mutton, of Beef, & of Pudding, 

By the fault of the Cook, was quite out of repair, 

When the Tinkers were sent for,—Behold them & Stare.


The Master he thinks they are wonderfully clever

And cries out in raptures, ‚this done! now or never!

Yet sneering the Tinkers their old Trade pursue,

In stopping of one Hole – they’re sure to make Two.

Und was hängt da über dem Bild von Lord Germain an der Wand? Richtig, ein Plan of Minden, eine Karte von Minden. Minden wird ihn nie loslassen. Noch zwei Stunden vor seinem Tod erzählt er seinem ehemaligen Staatssekretär Richard Cumberland (hier von Romney gemalt) – der das etwas speichelleckerische ➱Buch Character of the late Lord Viscount Sackville geschrieben hat – dass das mit Minden alles ganz anders war. Aber die Dinge hätte er vor dem Kriegsgericht nicht offenlegen können. Es ist immer schön, wenn man an seine eigenen Verschwörungstheorien glaubt.

In Minden gab es vor sechs Jahren zum 250. Jahrestag der Schlacht eine große Feier. Mit ➱re-enactment. Engländer waren auch da. Aber niemand von der Familie Sackville. Vor sechs Jahren war ich noch kein Blogger, sonst hätte das hier schon am 1. September 2009 in SILVAE gestanden.

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