Wilhelm Heine

Er hatte ein erstaunliches Leben, der Maler Peter Bernhard Wilhelm Heine aus Dresden, der heute vor hundertdreißig Jahren in Kötzschenbroda starb. Sein Leben bietet Stoff für mehrere Romane, spannende Romane. Die er selbst schreiben kann, wenn er will. Ich gebe mal eben eine Stilprobe aus der Schilderung eines Künstlerausflugs durch den Staat New York: Die Gegend, durch die wir mußten, ist mit Blut getränkt; hier war der Schauplatz von Kämpfen ohne Zahl, zuerst mit den Indianern, um ihnen das Land abzugewinnen, dann die langen Fehden zwischen den Eingeborenen, den französischen und britischen Heeren. Namen wie Ticonderoga, Fort-Edward, Fort-William, Fort-Henri, rufen blutige Greuelscenen vor das Gedächtniß und selbst unser Jahrhundert hat bereits dergleichen blutige Spuren hinterlassen, im Jahre 1812 bei Plattsburg, wo viertausend Briten ihr Leben auf der Wahlstatt aushauchten. 

       Wir durchkreuzten auch den Boden, wo Cooper’s letzter der Mohicans spielt. Bei Fort-Edward hielten wir an und wanderten hinüber nach Glen-Falls. Dort stürzt der Hudson, noch ein unbändiger Knabe, wild durch zerklüftetes Gestein hinab, zu beiden Seiten der kleinen Insel, auf welche Lederstrumpf den Major Howard und die Töchter Monroes führte. Wollt Ihr eine genaue Beschreibung der Localität, so les’t Cooper’s meisterhaften Roman, der Platz ist darin nach der Natur geschildert. An der Stelle, wo Nahuga den verfolgenden Indianern entschlüpfte, ist jetzt ein Marmorbruch; die Höhle, in welcher die Schwestern die Nacht zubrachten, ist ziemlich von Treibholz verstopft, doch kann man noch hineingelangen. Da, wo Hawkeye den Indianer vom Baume herunterschoß, stehen eine Menge Mühlen, statt des todten Kriegers, fallen jetzt Abschnitzel von Brettern in die schäumende Fluth, und die Spitze, welche zu erreichen zwei Kriegern das Leben kostete, wo Unca’s Messer den Major vom Tomahawk des Feindes rettete, ist jetzt bloßgelegt von Wasser, was den Fällen durch einen Canal für den Betrieb der Mühlen entzogen wird.

       Von hier ging es nach Saratoga, ehedem der heilige Platz des rothen Mannes, jetzt der Badeort par excellence für die elegante Welt. Noch springt die Quelle, die Hawkeye wieder aus dem Boden grub, doch statt der Calabasse, aus der die ermüdeten Jäger den Durst löschten, gewährt eine elegante Trinkhalle einen bequemen Raum, und da, wo früher in der heiligen Waldesruhe die Mineralquelle dem rothen Thonboden entsprang, wandelt jetzt der Fuß schöner Frauen, dem Stutzer auf Spaziergängen kokettirende Blicke zuwerfend.

Nicht zieht mehr der rothe Krieger an die heilige Quelle, um zu seinen Göttern zu beten, aber dennoch wallfahrten die neuen Kinder des Landes allsommerlich in Schaaren fashionabler Zugvögel hierher, um anderen Götzen zu opfern, um entweder in den Tanz- und Spielsälen Gesundheit und Vermögen zu zerrütten, oder die erstere in Kurhäusern wieder zusammenzuflicken. Verdrehtes Leben der sogenannten feinen Welt, die kokettirend, brillirend, raffinirend, intriguirend dahin zieht, denjenigen am meisten bewundernd, der es am besten versteht, durch die größte Modethorheit ihre Aufmerksamkeit so lange zu fesseln, bis eine andere, noch größere, sie schnell wieder in Vergessenheit bringt. C’est tout comme chez nous!
Als wir aber durch Saratoga kamen, sahen wir von alle dem nichts mehr; die Saison war zu Ende, das Kurhaus geschlossen, und außer einigen schläfrigen »Niggers«, die sich in den Hausthüren herumlümmelten, Alles todt und öde. Die Blätter fielen, die Schwalben zogen südwärts und die Maler heimwärts in ihr Atelier, beutelleer, aber beuteschwer, Geld, wie Farben und Leinwand aufgebraucht.

In den Dresdner Nachrichten war drei Tage nach seinem Tod zu lesen: Ein weit in der Welt herumgekommener Sohn Dresdens, der auch in hiesigen Kunstkreisen wohlbekannte und von Allen, die ihm näher getreten, geschätzte amerikanische General Wilhelm Heine, Maler und Zeichner, ist vorgestern in der Lößnitz gestorben. Der große, starke Mann, über dessen Scheitel jahrelang die heiße Sonne Japans brannte, wohin er seinerzeit im Auftrag der amerikanischen Regierung ging, und der noch bis vor Kurzem voller Jovialität war, wohnte noch der Schillerfeier in Blasewitz bei, kam aber von da ab zum Liegen. Seine Bilder und Zeichnungen aus Japan, wie auch sein Buch „Reise nach Japan“ haben zur genaueren Kenntniß dieses wunderbaren Landes in den weitesten Kreisen viel beigetragen. Die beiden Bilder zeigen Heine als Colonel der Armee der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg und in Japan (von einem unbekannten japanischen Zeichner).

Der Sohn eines Schauspielers, den man in Amerika auch als William Heine kennt, ist weit in der Welt herumgekommen. Dieses Bild hat er 1854 in Yokohama gemalt, da hatte er den Commodore Perry auf seiner Expedition nach Japan begleitet. Er hatte an der Dresdner Kunstakademie und bei Julius Hübner studiert und war danach nach Paris gegangen. Als er wieder nach Dresden kam, hat er als Kunstlehrer gearbeitet und bekam die Stellung eines Theatermalers. Dann kam der Dresdner Maiaufstand, und Wilhelm Heine verlässt Dresden. Wie ➱Richard Wagner, der mit seinem Vater befreundet ist.

Von Frankreich aus reist er in Begleitung seines Freundes Friedrich Gerstäcker nach Amerika. Gerstäcker kennen Generationen von Jugendlichen, weil er die Die Regulatoren in Arkansas und Die Flußpiraten des Mississippi geschrieben hat. Was wäre ➱Karl May, der fleißig bei ihm abgeschrieben hat, ohne ihn gewesen? Friedrich Gerstäcker wird später auch das Vorwort zu Heines Wanderbilder aus Central-Amerika (➱hier im Volltext) schreiben. Gerstäcker bleibt nicht in New York, er reist nach Südamerika weiter. Das wird Heine auch eines Tages tun, aber erst einmal eröffnet er ein Studio und eine Kunstschule am Broadway. Aber er ist ein unruhiger Geist, er überlegt sich, ob er als Kartograph in den noch weithin unbekannten Westen gehen soll. Da lernt er Ephraim G. Squier kennen, der gerade zum amerikanischen chargé d’affaires von Mittelamerika ernannt worden ist. Der hätte Heine gerne als Zeichner und Kartograph für seine Reise nach Nicaragua dabei, Heine denkt über das Angebot nicht lange nach.

Friedrich Gerstäcker schreibt dazu im Vorwort zu den Wanderbildern aus Central-AmerikaNew-York aber genügte ihm auch nicht auf die Länge der Zeit – der Amerikaner ist für die Kunst empfänglich und liebt die Künstler, aber das Land ist noch zu jung, – die Energie seiner Bewohner wird noch zu sehr für das augenblicklich Praktische gefordert, um dem Schönen schon seine vollen Sinne weihen zu können, und wo der Meubleshändler noch die »Bilder« zusammen mit Sopha und Stühlen verkauft, wo diese Gemälde noch zu so und so vielen Dutzend bestellt werden, kann natürlich der Künstler nicht Befriedigung finden. Heine ergriff denn auch mit Freuden eine günstige Gelegenheit, die sich ihm bot, in Begleitung des, schon durch seine früheren archäologischen Forschungen in Nord- und Mittel-Amerika berühmten Herrn Squier, auch früherem Gesandten der Vereinigten Staaten in Mittel-Amerika, das letztere Land zu bereisen, um zu Mr. Squier’s beabsichtigtem Werke über diese Strecken die Illustrationen zu liefern.

Unter dem Vorwort des Autors findet sich in dem Buch der Zusatz: Geschrieben an Bord der Dampffregatte Mississippi, in der Chasepeakbay, den 20. Nov. 1852, am Tage vor der Abfahrt der amerikanischen Expedition nach Japan. Kaum ist er aus Südamerika zurück, da ist er unterwegs nach Japan. Die Fregatte Mississippi (hier auf der Rückreise in einem Taifun von Wilhelm Heine gemalt) wird von einem Mann namens Sydney Smith Lee befehligt. Bevor Sie den jetzt googlen: ja, er ist der Bruder von General Robert E. Lee. Die Mississippi ist das Flaggschiff der Flotte von Commander Perry. Der Maler Wilhelm Heine ist übrigens nicht als Zivilperson an Bord, Perry hat ihn zum master’s mate ernannt. Das ist der gleiche Dienstgrad, den auch Fletcher Christian auf der Bounty (dazu gibt es ➱hier einen ausführlichen Post) hatte.

Man weiß damals nicht sehr viel über Japan, Perrys Reise (zu der es ➱hier eine schöne Seite gibt) und die Bücher und Illustrationen werden das ändern. Heines Aquarelle, die schnell zu gut verkäuflichen Lithographien werden, sind romantisch und gefällig. Aber sie (hier sein View of Hong Kong From East Market, April 7, 1853) können sich nicht mit den Bildern von ➱Richard Hodges messen, der einst Captain Cook auf seiner Reise begleitete.

Wenn er wieder in Amerika ist, wird er heiraten. Seine Frau Catherine Whetton Sedgwick kommt aus einer vornehmen Familie Neuenglands, ihr Onkel ist der General John Sedgwick. Sie stirbt zu seiner großen Betrübnis ein Jahr später nach der Geburt der Tochter in Berlin. Heine ist verzweifelt, er sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben. Aber dann kommt das Angebot, an der Ostasien Expedition des Grafen Friedrich zu Eulenburg teilzunehmen. Schon ist er wieder in Japan. Seine Tochter Katherina Wihelmnina, genannt Kitty, wird übrigens eines Tages den Münchener Verleger Edgar Hanfstaegl heiraten. Sie ist die Mutter des notorischen Nazi Propagandisten Ernst ‚Putzi‘ Hanfstaengl.

In Japan erfährt Wilhelm Heine (hier sein Blick auf den amerikanischen Friedhof in Shimoda), dass der Bürgerkrieg in Amerika ausgebrochen ist. Er reist sofort nach Amerika zurück und erhält eine Anstellung als Hauptmann im topographischen Korps, Landkarten zeichnen, das kann er. Er gerät bei Richmond in die Gefangenschaft der Konföderierten, kommt in das berüchtigte Libby Gefängnis, wird aber nach sechs Wochen ausgetauscht. Ende des Jahres 1862 wird er verwundet, er hat kein Vertrauen in die amerikanischen Feldlazarette und nimmt erst einmal seinen Abschied von der Armee. Reist nach Deutschland, um sich auszukurieren.

Und ist im Sommer 1863 wieder bei der Armee. Man vertraut ihm das 103. Infanterieregiment aus New York an, dies Photo zeigt ihn umgeben von seinen Offizieren und Unteroffizieren. Das 103rd Regiment New York Volunteer Infantry ist eins der New Yorker ➱Regimenter, das hauptsächlich aus Deutschen besteht. Der letzte Kommandeur des Regiments, der deutsche Colonel Benjamin Ringold war gerade gefallen (zu seinen Sargträgern gehörte ein deutscher Prinz mit einer abenteuerlichen Karriere), da nimmt man als Nachfolger wieder einen Deutschen. Heines Vorgänger Frederick Wilhelm von Egloffstein und Benjamin Ringold waren Berufssoldaten gewesen, jetzt nimmt man jemanden, der kaum militärische Erfahrung hat. Aber er ist über einen Meter neunzig groß, von hünenhafter Gestalt, solchen Menschen traut man zu, dass sie ein Bataillon kommandieren können. Am Ende des Krieges wird der Maler und Reiseschriftsteller Brigadegeneral sein.

Er hat offensichtlich während des Bürgerkrieges die Zeit gehabt, sein Buch über die deutsche Japan Expedition zu schreiben. Es erschien 1864 in Leipzig unter dem Titel Eine Weltreise um die nördliche Hemisphäre in Verbindung mit der ostasiatischen Expedition in den Jahren 1860 und 1861. Die Vereinigten Staaten haben für den ehemaligen masters’s mate und Brigadegeneral auch nach dem Krieg noch Verwendung, von April 1866 bis August 1871 ist er im konsularischen Dienst an der Botschaft von Paris. Doch im Jahr der Reichsgründung zieht es ihn zurück nach Deutschland. Zuerst nach Dresden, dann nach Kötzschenbroda, dem heutigen Radebeul.

Die schöne Seite von ➱Stadtwiki Dresden verzeichnet ihn als Mitglied der Dresdner ➱Freimaurerloge, kennt den Sohn der Stadt sonst aber nur als Namensgeber einer Straße. Das ist ein wenig enttäuschend, das muss anders werden. In meinem Blog wird übrigens Dresden immer wieder erwähnt, der erste Post mit diesem ➱Titel tauchte hier im Februar 2010 auf. Und auch Wilhelm Heine hat diesem Blog schon einen Besuch abgestattet, klicken Sie doch einmal ➱Tecumseh in Dresden an.

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