St Helena

Die Leute, die hier am Meer stehen, sagen wahrscheinlich gerade nicht: Oh, ist das schön hier. Der Herr in der Mitte findet, die Insel sei scheußlicher als Capri. Und beklagt sich bei dem englischen Gouverneur Sir Hudson Lowe: This island is too small for me. The climate is not like ours, it is not our sun, nor does it have our seasons. Everything breathes a mortal boredom here. The situation is disagreeable, unhealthy. There is no water. This part of the island is a desert. It has chased all its inhabitants away. Er beklagt sich natürlich auf Französisch, aber ich habe das Zitat aus einer englischen Quelle. Der Mann, von dem hier die Rede ist, ist Napoleon. Heute vor zweihundert Jahren kam er auf St Helena an.

Er hat jetzt viel Zeit für Strandspaziergänge. Und für die Memoiren. Da phantasiert er sich seine Welt zusammen, mit Sätzen, die mit dem Wort Wenn beginnen: Si au lieu de l’expédition d’Egypte, j’eusse fait celle d’Irlande; si de légers dérangements n’avaient mis obstacle à mon entreprise de Boulogne, que pourrait être l’Angleterre aujourd’hui? Que serait le continent, le monde politique? Aber erst einmal muss ihn der spätere Admiral Charles Ross (der schon in dem Post ➱Larcum Kendalls K2 erwähnt wird) nach St Helena bringen. Auf dem Bild von Sir William Quiller Orchardson ist Napoleon auf der Bellerophon, die ihn von der Île d’Aix nach Plymouth bringt. Hier wirft er zum letzten Mal einen Bild auf die entschwindende Küste Frankreichs.

Wo ihm am Ufer von La Manche sein Lieblingspferd Marengo mit rollenden Augen dem Schiff nachstarrt. Auf jeden Fall stellt sich der Maler James Ward das so vor (Sie können mehr dazu in dem Post ➱Gordale Scar lesen, denn das eindrucksvolle Bild Gordal Scar ist auch von Ward). Captain Charles Ross redet auf der Northumberland wenig mit Napoleon, er kann kein Französisch. Napoleon kann kein Englisch.

Charles Ross beschreibt den Franzosen in einem BriefHe is fat, rather what we call pot-bellied, and altho‘ his leg is well-shaped, it is rather clumsy, and his walk appears rather affected, something between a waddle and a swagger — but probably not being used to the motion of a ship might have given him that appearance. He is very sallow and [has] quite light grey eyes, rather thin, greasy-looking brown hair, and altogether a very nasty, priestlike-looking fellow. Ross ist erstaunt, wie höflich sich Napoleon auf der Insel von ihm verabschiedet: the day after our arrival at St. Helena he went ashore and upon leaving the Ship he returned me his thanks for my attention to him with rather a better grace than I should have given him credit for.

Vorgestern Napoleon, heute Napoleon, es wird ein bisschen viel. Für den morgigen Tag kann ich Ihnen einen Post versprechen, in dem garantiert kein einziger Napoleon vorkommt. Ich hätte allerdings noch einen Lesetip, nämlich das wirklich schöne Buch von Julia Blackburn The Emperor’s Last Island: A Journey to St Helena. Die Rezension von Lucy Hughes-Hallett ist beinahe schon Literatur:

Each chapter of Julia Blackburn’s peculiar and haunting book has its epigraph. The largest number of quotations are from Lewis Carroll’s ‚Through the Looking Glass‘; the second most frequent source is ‚King Lear‘. Absurdity and tragedy alternate and overlap in this tale of pomp in reduced circumstances. As Lear discovered, a king’s no better than a fool when the winds are blowing. 

The South Atlantic island of St Helena, ‘further away from anywhere than anywhere else in all the world’, is ceaselessly battered by winds, not the kind of cathartic hurricane that blasted Lear’s heath, but a dull unremitting assault of cold air that has lifted the topsoil and that drives the islanders mad. Here, on a plain called Deadwood, in a house infested by rats and fleas, Napoleon passed the last six years of his life. ‚The Emperor’s Last Island‘ contains a vivid account of those years. Part autobiography, part travelogue, part history, it adds up to a melancholy and exquisitely bizarre essay on fame, mortality and the vanity of human wishes.

Auf dem Bild von William Quiller Orchardson (das Bild im Absatz davor zeigt das Grab Napoleons) diktiert Napoleon dem Grafen Emmanuel de Las Cases seine Erinnerungen an seine Feldzüge. Unsereins hat niemanden, dem er etwas diktieren kann. Ich tippe auf meinem Keyboard, das erwähne ich nur, weil mir Matthias gestern ein weißes Apple Keyboard geschenkt hat. Dies ist der erste Post, der damit geschrieben wurde. Lieber ➱MatthiasMerci beaucoup.

St Helena ist schon häufig hier erwähnt worden. Wenn Ihnen also der Sinn nach noch mehr Napoleon steht, könnten Sie noch lesen: scrimshawFinckensteinInvasionLa Belle-AllianceLarcum Kendalls K2Gordale Scar18th century: FashionNicolai AbildgaardJohn KeeganBiographienHan van Megeren

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