John Thomson of Duddingston

 

Es ist seltsam, dass dieser schottische Maler, der heute vor 175 Jahren starb, hier in Deutschland so gut wie unbekannt ist. Aber auch auf der Insel ist John Thomson anscheinend nicht überall bekannt. Richard und Samuel Redgrave, die mit A Century of British Painters eins der umfangreichsten Werke zur britischen Malerei des 19. Jahrhundert vorgelegt haben (➱hier im Volltext), erwähnen den Maler nicht. Das gilt auch für Raymond Listers Buch British Romantic Painting: er ist nicht drin.

Aber es hat ihn gegeben, andere Maler haben ihn gemalt. Wie oben sein schottischer Landsmann Sir Henry Raeburn, der natürlich in diesem Blog einen ➱Post hat. Da ist es nur fair, dass John Thomson auch einen bekommt. Raeburn hat das Portrait im Tausch gegen ein Landschaftsbild von Thomson gemalt, mochte sein eigenes Werk aber dann so sehr, dass er es behielt. Die Landschaft, die er von Thomson bekam, natürlich auch. Die schottische Malerei dieser Zeit wird von den Kunsthistorikern immer nur am Beispiel von Allan Ramsay und Henry Raeburn behandelt. Die Ausnahme ist das voluminöse Buch von David und Francina Irwin Scottish Painters at Home and Abroad, 1700-1900.

Thomson hat in Glasgow und Edinburgh studiert, nicht Malerei, wie man vermuten könnte, sondern Theologie. Er ist über vierzig Jahre der Pfarrer der Gemeinde von Duddingston gewesen. Deshalb wird er auch manchmal nicht John Thomson, sondern John Thomson of Duddingston genannt. Die schottische Landschaft hat der Hobbymaler immer wieder gemalt. Seinen ersten Unterricht in der Malkunst hat er während des Studiums von dem schottischen Landschaftsmaler Alexander Nasmyth erhalten. In Edinburgh hatte er auch Sir Walter Scott kennengelernt, sie blieben lebenslange Freunde.

Das hier ist die Ruine von Fast Castle, von der man annimmt, dass sie für Walter Scott die Vorlage von Wolf’s Crag in The Bride of Lammermoor gewesen ist. Wenn Sie die Wolf’s Crag Szene aus Donizettis ➱Oper sehen wollen, müssen Sie ➱hier klicken. John Thomson hat die Ruine mehrfach gemalt, eins dieser Bilder hat er 1823 seinem Freund Sir Walter Scott geschenkt.

William Turner hat ihn einmal besucht, er soll angesichts des Anblicks von Duddingston Loch ausgerufen haben: By Jove, though, Thomson, I envy you that piece of water! Die beiden Herren haben in den 1820er Jahren übrigens zusammengearbeitet und Kupferstiche für Walter Scotts Provincial Antiquities and Picturesque Scenery of Scotland produziert. Sie können in der Biographie von ➱Robert W. Napier eine Vielzahl von wunderbaren Anekdoten über Thomson und Turner lesen. Und natürlich hat Thomson den See von Duddingston gemalt. Auf diesem Bild – das sehr modern aussieht –  scheint er die Farbe mit dem Messer aufgetragen zu haben, was er gerne tat, um den Bildern mehr Ausdruck zu verleihen. Den See von Duddingston hatte der berühmte Henry Raeburn auch schon einmal gemalt.

Allerdings zugefroren. Es ist der flachste See Schottlands, der friert schon einmal zu. Das ➱Bild The Skating Minister zeigt nicht den Reverend John Thomson, sondern einen anderen Geistlichen, der Mitglied im Schlittschuhklub von Edinburgh ist. Und falls es Sie jetzt in Gedanken aufs Eis ziehen sollte, kann ich noch den Post ➱Schlittschuhlaufen zur Lektüre empfehlen. Dem Sport auf dem Eis bleibt Thomson verbunden, denn er hat sein Studio in einem kleinen ➱Turm am Strande des Duddingston Loch, der einmal für den Duddingston Curling Club gebaut worden war. Er hatte den Turm Edinburgh genannt. Da konnten seine Hausangestellten ohne rot zu werden sagen, dass Thomson in Edinburgh sei, wenn ungebetene Besucher kamen.

Als Maler war Thomson kein Revolutionär wie Turner oder ➱Constable, er hielt sich an die Konventionen und die Vorbilder. Und das ist in vielen Fällen ➱Claude Lorrain, dessen Einfluss im 19. Jahrhundert immer noch zu spüren ist. Auch bei Turner und Constable. Wenn manche Bilder von Thomson (auf dieser Seite können Sie ganz viele Bilder von ihm sehen), so ist er doch manchmal sehr originell: one of the most original painters of his time in Scotland hat David Bindman im Dictionary of British Art über ihn gesagt.

Ein Amateurmaler? Gut, er ist nicht in der Royal Academy, doch immerhin wird ihn die Royal Institution for the Encouragement of the Fine Arts in Scotland und die Royal Scottish Academy als Ehrenmitglied aufnehmen. Wenn wir ehrlich sind, malt er besser als viele Mitglieder der Royal Academy, die sich in dieser Zeit dem sentimentalen Genrebild verschreiben. Er malt keine ➱Hirsche im Hochland, wie Sir Edwin Landseer das zu Begeisterung von Queen Victoria tut. Glücklicherweise sind seine schottischen Landschaften eine hirschfreie Zone. Das vereinzelte Bähschäfchen taucht da allerdings schon mal auf.

Seine Freund ➱Walter Scott, dessen Abbotsford er hier malt, als sei Claude Lorrain für einen Augenblick nach Schottland gekommen, hat ihm zahlreiche Aufträge vermittelt. John Constable nagt manchmal am Hungertuch, dann ist er glücklich, wenn er schreiben kann: I have just received a commission to paint a mermaid for a sign to an inn in WarwickshireUnser Reverend Thomson hat dagegen gut verdient. Das Dictionary of National Biography schreibt: For ten years (1820–30) he is said to have made 1,800l. a year by his art, an income which no Scottish landscape-painter resident in Scotland has perhaps equalled.

Auch wenn er als Maler ein höheres Einkommen hat als das, das ihm die Pfarrei einbringt: seine Pflichten als Gemeindehirte hat er in einundvierzig Jahren keinen Tag versäumt. In dem Punkt bleibt er doch ein Amateurmaler. Er malt en plein air, dazu sind damals noch nicht alle Maler übergangen. Hier hat sein Freund Sir Thomas Dick Lauder, Amateurmaler wie er, ihn und seinen Hund gezeichnet. Der siebte Baronet ist übrigens übrigens nicht nur mit ihm befreundet, er ist auch sein Schwiegersohn, da er 1833 Thomsons Tochter Isabella geheiratet hat.

Wenn die Königin Victoria auch keine Bilder von ihm kauft, so profitiert Thomson doch ein wenig von dieser neuen Begeisterung für Schottland, die Victoria und ihr Gatte (der für ➱Balmoral Teppiche im Tartanmuster kreiert) losgetreten haben. Aufträge hat der Reverend genug, seine Auftraggeber müssen sich in Geduld üben, Thomson ist ein langsamer Maler. Die Sonntagspredigt, Taufen und Beerdigungen gehen vor. Aber die Langsamkeit hat auch Vorteile: die Farbe fällt auch nicht gleich von der Leinwand, kaum dass das Bild aufgehängt ist wie bei ➱Joshua Reynolds.

Und er ist sehr zurückhaltend mit seinen Preisen. Sein Freund Sir Walter Scott muss ihn schon mal ermahnen, von einem Herzog für ein Bild wie dieses hier ein wenig mehr zu nehmen: I have a letter from my friend John Thomson of Duddingston. I had transmitted to him an order from the Duke of Buccleuch for his best picture at his best price, leaving the choice of subject and everything else to himself. He expresses the wish to do at an ordinary price a picture of a common size. This declining to put himself forward will, I fear, be thought like shrinking from his own reputation, which nobody has less need to do. The Duke may wish a large picture for a large price for furnishing a large apartment and the artist should not shrink from it. I have written him my opinion. The feeling is no doubt an amiable though a false one. He is modest in proportion to his talents. But what brother of the finer arts ever approached excellence so as to please himself ?

Der Kritiker Walter Armstrong hat über Thomson geschrieben: In his painting he gave evidence of a truer gift for landscape than any other Scotsman of his time. His fame ‘—referring more particularly to his appreciation south of the Tweed—’ has suffered here through the presence in the (London) National Gallery of an atrocious example of his work. Like all amateurs he was very uncertain: now he would paint a landscape worthy almost of Richard Wilson, and this he would follow up with a performance feeble enough for a schoolgirl.

His model seems to have been Gaspar Poussin tempered by Claude and Wilson. As a colourist he was conventional, but he often achieved a silvery harmouy which is very agreeable. Unlike most amateurs he succeeded best when he tried least. Some of his more sketchy pictures, in which the colour is put on freely, with a dexterity and sympathy almost equal to Morland’s, hint at a mastery which is found in none of his more ambitious ‚pictures‘, …

Wir lassen das einmal so stehen, ein wirklich ausgewogenes Urteil über das Gesamtwerk von Thomson findet man nicht. Von den beiden Biographien (die oben erwähnte von Robert W. Napier und die von William Baird, die man ➱hier lesen kann) ist die von Baird die interessantere. Aber sie ist schon sehr alt (1895), die von Napier ist kaum jünger (1919), seitdem scheint sich die Kunstgeschichte nicht mehr für Thomson interessiert zu haben.

Im Vorwort zu der ersten Ausgabe von John Thomson Of Duddingston, Pastor And Painter: A Memoir. With A Catalogue Of His Paintings And A Critical Review Of His Works schrieb William Baird: The rise of the Scottish School of Landscape Art is both an instructive and interesting story, and with the events of that story the life of the Rev. John Thomson is so closely bound up that we feel justified in claiming for him more recognition than he has as yet received. Das könnte noch heute gelten. Ich finde das sehr schade, dass es nichts Neues über Thomson gibt. Der Maler, der sicher mehr ist als ein kleiner Amateurmaler, hätte mal eine große Ausstellung und einen Katalog verdient. Vielleicht liest ja heute irgendwo in Schottland ein Kunsthistoriker diesen Post, und es beginnt eine John Thomson Renaissance.

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