Tulpen

 

Tulpen kommen bisher in diesem Blog kaum vor. ➱Spargel schon eher. Allerdings wäre die holländische Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts durchaus einen Post wert. Doch die hat schon einen recht guten Wikipedia Artikel (ja, so etwas gibt es auch), in dem auch dieses allegorische Bild vom Narrenwagen der Flora interpretiert wird. Die holländische Tulpenmanie mit dem großen Börsenkrach ist ein gut erforschtes Gebiet, gelehrte Abhandlungen und Romane sind darüber geschrieben worden.

Ein Roman wie Trimmel und der Tulpendieb hat allerdings nichts mit der Tulpenmanie zu tun (der Roman Adrian der Tulpendieb schon), obgleich das Stehlen von Tulpenzwiebeln im 17. Jahrhundert sehr verbreitet war. Es war wie Gold zu stehlen, die Tulpen hatten einen ungeheuren Wert. Den Roman Trimmel und der Tulpendieb von Friedhelm Werremeier gab es 1976 auch als Tatort. War aber lange nicht so gut wie Taxi nach Leipzig, zu dem es ➱hier den Post Tatort gibt. Wenn ich zum Thema der Tulpen etwas empfehlen sollte, dann wäre es das charmante Buch Die Kunst der Künste von Anita Albus, das mit Batavische Harlekinade oder das Ergötzen der Blumisten ein schönes Kapitel dazu hat (wenn Sie Anita Albus kennenlernen wollen: ➱hier gibt es einen Film, der letztens auf Bayern3 gesendet wurde).

Dass jedes Jahr Heerscharen von Deutschen aufbrechen, um in Holland die Tulpen zu bewundern, ist sicher auch eine Form der Tulpenmanie. Ich bin vor einem halben Jahrhundert, weil ich mich verfahren hatte, zufällig an einem Wochenende in Keukenhof gelandet, ich weiß, wovon ich rede. Der Park ist übrigens auch sehr schön, wenn keine Tulpen blühen. Und keine hunderttausend Deutsche da sind.

Es wird nicht verwundern, dass die Tulpe (die ja nicht aus Amsterdam, sondern aus dem Morgenland kommt) auch auf die Bilder der holländischen Maler kommt, wie hier bei Christoffel van den Berghe. Oder bei Maria Sibylla Merian. Die hat aus dem Nachbarsgarten in Frankfurt, der dem Grafen Ruitmer gehörte, Tulpen gestohlen. Nicht um sie zu verkaufen, sie wollte sie abmalen. Und sie hatte für den Grafen Ruitmer, der wohl den größten Tulpengarten in Deutschland hatte und andere Tulpenfreunde auch noch eine Weisheit parat:

So viel vermag nämlich die Natur mit ihrer holdseligen Zierde bei großen Liebhabern auszurichten, dass sie die Beschauung solcher Blumen höher als ihre Schätze achten und lieber ihren Reichtum dann ihre Lust vermindern wollen. Um welcher willen sie vielleicht desto weniger zu verdenken, indem so bunte Meisterstücke die heimliche Neigung an sich haben, daß sie diejenigen nicht sowohl mit sehenden Augen blind, als mit blinden Augen sehend machen. Die Geschichte von Maria Sibylla Merian ist seit dem 17. Jahrhundert immer wieder erzählt worden, es gibt sie sogar als Roman. Utta Kepplers biographischer Roman Die Falterfrau Maria Sibylla Merian (➱hier gibt es einen Blick ins Buch) ist seit zehn Jahren auf dem Markt, und ist inzwischen in der siebten Auflage.

Aber ich meine mit der holländischen Malerei nicht die schönen Blumenbilder der Merian, die von Frankfurt nach Holland gezogen ist, ich meine die Vielzahl der Stilleben, auf denen Tulpen zu sehen sind. In diesem Bild muss natürlich eine Tulpe zu sehen sein, weil die Dargestellte Margaretha Tulp heißt. Sie ist übrigens die Tochter des berühmten Arztes Nicolaes Tulp, den Rembrandt gemalt hat. Margaretha Tulp kommt hier schon in dem Post ➱Govaert Flinck vor, ihr Vater in dem Post ➱Anatomie. Der Post Anatomie hat tausend Leser mehr als der Post über Margaretha Tulp, in dem allerdings viel mehr Arbeit steckt. Es sind die Auswüchse der Tulpenmanie, die der Tulpe auf den niederländischen Stilleben dieser Zeit die symbolische Bedeutung für Leichtsinn, Verantwortungslosigkeit und sinnlose Geldverschwendung geben. Bei diesem Bild jedoch nicht, Tulpen können auch für Liebe und Zuneigung stehen.

Für den Übergang zum nächsten Absatz stelle ich mal eben ein kleines Tulpengedicht hier hin (nein, natürlich nicht dieses ➱Krankenhausgedicht von Sylvia Plath). Es ist von A. E. Stallings und heißt schlicht Tulips:

The tulips make me want to paint,

Something about the way they drop

Their petals on the tabletop

And do not wilt so much as faint,


Something about their burnt-out hearts,

Something about their pallid stems

Wearing decay like diadems,

Parading finishes like starts,


Something about the way they twist

As if to catch the last applause,

And drink the moment through long straws,

And how, tomorrow, they’ll be missed.


The way they’re somehow getting clearer,

The tulips make me want to see—

The tulips make the other me

(The backwards one who’s in the mirror,


The one who can’t tell left from right),

Glance now over the wrong shoulder

To watch them get a little older

And give themselves up to the light.

Die Zeile The tulips make me want to paint bringt mich zu diesem Tulpenbild. Es ist nicht so, dass der Maler gerade mit dem Malen des Bildes fertig geworden sei, die Besitzerin des Bildes hat nur gerade den Rahmen weiß gestrichen. Vorher war er dunkler, eher in der Farbe der Blumenstengel (man kann das auch in der Vergrößerung noch erkennen). Ich weiß das, weil ich das Bild gekauft habe. Ich hatte es bei meinem Lieblingshöker entdeckt, es war von ihm ziemlich lieblos in den Eingang zur Kellertreppe gehängt worden.

Soll das Bild so herum hängen? Oder doch lieber anders herum? fragte ich ihn. Das weiß man ja in der modernen Kunst nie mehr, seit dieser Baselitz seine Bilder verkehrt herum aufhängte. In dem ➱Artikel von dem Kunsthistoriker Beat Wyss im Cicero steht unter diesem Bild: Steht ein Bild auf dem Kopf, muss es ein Baselitz sein. Oder falsch aufgehängt. Herr von M. holte es von der Wand, drehte es um, er wusste es nicht.

Zwanzig Euro, sagte er. Ich nahm es sofort, das Bild faszinierte mich. Einen Baselitz würde ich nicht kaufen. Für zwanzig Euro vielleicht, dann ein paar hunderttausend Euro draufschlagen. Und dann das Geld spenden. Für diese Tulpen von Baselitz würde ich allerdings überhaupt nichts ausgeben. Die sind bestimmt ein Symbol für Leichtsinn, Verantwortungslosigkeit und sinnlose Geldverschwendung. Werden auch als billige Drucke überall angeboten. Baselitz Tulpen sind so etwas wie Andre Rieus Tulpen aus Amsterdam.

Das Tulpenbild war sehr gut gemalt. Es kam sogar, wie ich später feststellte, aus einer reputablen Galerie, die schon berühmte Leute ausgestellt hatte. Aber wo sollte ich es hinhängen? Es passte ja kaum in mein Auto. Ich stellte es – jetzt richtig herum – auf den Flur vor das Bücherregal. Wenn ich am Schreibtisch den Kopf ein klein wenig drehte, konnte ich es in seiner ganzen Schönheit sehen. Wordsworth brauchte die Rückerinnerung, um sich an seine daffodils zu erinnern: And then my heart with pleasure fills, And dances with the daffodils. Ich brauchte nur den Kopf ein wenig zu drehen, um meine Tulpen zu sehen.

Jetzt sehe ich wieder meine Bücher, books do furnish a room. Ich kann die Bücher wieder sehen, weil ich der Daniela das Bild mit den Tulpen für ihre neue Wohnung in Dänemark verkauft habe. Für zwanzig Euro. Hätte ich mehr nehmen sollen? Die Zeiten, wo man für eine Tulpenzwiebel ein Haus an der Gracht bekam, sind vorbei.

Über jay

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