Haiti

 

Vor Jahrzehnten sah ich im Bootshafen von ➱Abeking & Rasmussen eine Luxusyacht aus Mahagoni, deren polierten Heckspiegel der goldene Schriftzug Port au Prince zierte. Ich wusste damals nichts von Papa Doc Duvallier (dem diese Yacht vielleicht gehörte) oder Baby Doc Duvallier, wusste nichts von all den Diktatoren in jener Gegend der Welt. Auch von Porfirio Rubirosa, dem Schwiegersohn des Diktators der Dominikanischen Republik hatte ich noch nie gehört. Heute kann ich Andreas Zielcke wunderbares Buch Der letzte Playboy: Das Leben des Porfirio Rubirosa unbedingt empfehlen. Ich muss auch gestehen, dass ich damals, als ich das Boot bestaunte (das Photo habe ich immer noch), auch Heinrich von Kleists Die Verlobung von St. Domingo noch nicht gelesen hatte. Und mit dieser Novelle sind wir eigentlich mitten in unserer Geschichte. Ich fange mal mit dem französischen Maler Girodet an.

Also, Girodet sollte ausreichen. Ich weiß, dass er eigentlich Anne-Louis Girodet de Roussy-Trioson heißt. Er war auch schon in diesem Blog, sogar schon dreimal. Er hat heute Geburtstag, das habe ich schon vor einem Jahr erwähnt, als ich den Post ➱sansculotte schrieb, aber damals erschien mir der Maler Louis-Léopold Boilly interessanter. Wir sehen Girodet hier auf dem Selbstportrait als Dandy mit grünem Hut: l’originalité excite la curiosité, hatte sich der Maler in einem Heft notiert. Der deutsche Maler ➱Edouard Daege hat sich auch einmal mit einem grünen Hut gemalt, das ist aber das Bild eines Berliner Möchtegern Dandys, Girodet ist da schon überzeugender. Es ist natürlich ein wenig ernüchternd zu wissen, dass dieses Bild eine einzige Lüge ist: der Hut verbirgt, dass ihm die Haare ausfallen. Er fürchtet, dass das von der Syphilis kommt. Der Meisterschüler Davids, der so für die Sache der Revolution eintritt, muss eine Perücke tragen, das Symbol des verhassten Adels.

Ein Bild von Girodet ist nie aus meinem Bildergedächtnis verschwunden. Das ist das beinahe lebensgroße Portrait des Delegierten von Saint-Domingue Jean-Baptiste Belley aus dem Jahre 1797, den Girodet in der Pose eines Dandys gemalt hat. Neben ihm ist die Büste Thomas Raynals zu sehen, der A Philosophical and Political History of the Settlements and Trade of the Europeans in the East and West Indies geschrieben hatte. Wenn man so will, ist es ein Doppelportrait, schwarz und weiß nebeneinander. Doch Belley wendet sich auf dem Bild von dem im Jahr zuvor verstorbenen Schriftsteller der Aufklärung ab. Dem gelangweilten Dandy dient der Mann, der für die Sklavenbefreiung eintrat, nur als Stütze. Noch irritierender – und geradezu skandalös – ist der Teil des Bildes auf den Bellys Hand zeigt. L’originalité excite la curiosité.

Die Hosen der Herren sind in dieser Zeit enganliegend, was zu einer Betonung des Geschlechtsteils führen kann. Wie hier auf Davids Portrait von Napoleon, auch hier wird der Penis des Dargestellten betont. Aber in Girodets Bild von dem Deputierten Belley, einem ehemaligen Sklaven, ist das alles ein wenig größer: But the Belley portrait with its violation of classical canons threatens the male spectator who may confront a gap between the size of his own genitalia and what is shown in the painting. Whatever Girodet’s intentions, the Belley portrait puts into circulation in the public sphere in France an early version of the charged claim that black men have unusually large genitals.

Für die Ideale des Klassizismus hat der Mann einen kleinen Penis, so wie wir es bei vielen griechischen Statuen oder hier an Michelangelos David sehen können, nothing to write home about. In dem Theaterstück Die Wolken von Aristophanes finden wir den Satz: I tell you this— if you carry out these things I mention, if you concentrate your mind on them,  you’ll always have a gleaming chest, bright skin, broad shoulders, tiny tongue, strong buttocks, and a little prick (er hat das natürlich auf Griechisch gesagt, aber ich fand nur diese Stelle). Wenn Girodet dieses klassische Ideal zurückweist, betont er das animalisch Wilde, Ursprüngliche des Dargestellten. Sagen die ➱Interpreten.

Und bei denen liest man dann solch schöne Sätze: While the representation of Chateaubriand draws simply on an idealist classical model, which has never been challenged (indeed, at the time, Winckelmann’s writings on the „beau idéal“ were very influential), the realist representation of Belley allows the visibility of what was then the „irreprésentable.“ I argue that this is not a mere fixation on the sexuality of the black man, but rather a subtly representation of an unconscious „beau idéal,“ which could only appear/materialize via transgression of the classical model and transference on the exotic Other.

Diesen Kritikern ist auch nichts recht zu machen. Wenn Joshua Reynolds seinen Omai (im oberen Absatz) elegant verhüllt, dann liefert er an icon of the eighteenth-century imperialist gaze — a representation of European discourses about race, culture, and gender. Das ➱18. Jahrhundert entdeckt die Welt, erobert sich neue Länder, und Menschen aus fremden Erdteilen kommen nach London oder Paris. Als Prinzen (wie Omai), als Händler (wie William Ansah Sessarakoo) oder als Sklaven. Die englischen Portraitmaler wie Gabriel Mathias, der hier William Ansah Sessarakoo gemalt hat, oder ➱Reynolds, ➱Gainsborough und ➱John Singleton Copley malen die Fremden nach den Konventionen ihrer Zeit. Niemand kommt  auf die Idee, einen der fremden Gäste so zu malen wie Girodet das tut.

Bei dem Bild von Paris und Helena kam auch Girodet nicht auf diese Idee, da gibt es nichts zwischen den Beinen von Paris zu sehen: Girodet’s portrait to displaying what is clearly a large penis in the sitter’s breeches is a direct reinforcement and perpetuation of the Classical and since long-held notional correlation of savagery, animalistic tendencies and barbarity. Contemporary viewers of the portrait would have understood immediately the juxtaposition of elegant Western clothing on the body (and by corollary, the mind and spirit) of an individual from a race of people commonly viewed by native population of the time as uncivilised. The portrait therefore can more properly be seen also to reflect the then century-long held idea of the noble savage.

Da ist er wieder, der ➱edle Wilde des 18. Jahrhunderts, elegant gewandet, aber die heightened masculinity shows not only his individual power, but also emphasizes his bestial nature which links him to theories of the noble savage as promoted by figures such as Rousseau. Die Hosen von Monsieur Belley haben es den Interpreten angetan. Wir beenden die Diskussion einmal mit dem Zitat: While the revolutionary events in France and Saint-Domingue in part fuelled this fascination, his anatomy, like that of black subjects in general, caused great curiosity in an age where the desire to understand and classify human “races” was significant. How much this portrait was a celebration of black citizenry or whether it was simply a manifestation of the European obsession with black bodies is open to discussion and the the painting is still the source of debates in art history circles.

Das Bild von Girodet ziert auch das Buch The Birth of the Modern World 1780–1914: Global Connections and Comparisons von Christopher Bayly. Der Autor sieht Girodets Bild als ein Beispiel für die universalising intention of the revolution. Die Welt verändert sich, nicht nur in Frankreich gibt es eine Revolution. Auch in Belleys Heimat Saint-Domingue. Er kämpfte als Hauptmann der Infanterie für die Freiheit der Sklaven, deshalb wird er als einer der drei Deputierten von Saint-Domingue nach Paris geschickt. Wo er der einzige Schwarze in der Nationalversammlung ist.

Er nimmt nicht den direkten Weg nach Paris, er reist erst einmal mit Jean-Baptiste Mills und Louis-Pierre Dufaÿ nach Philadelphia. Anfänglich feindlich betrachtet, wird er nach einer flammenden Rede für einen kurzen Augenblick zum Helden Amerikas. Das war er vorher schon einmal, er ist 1777 auf Seiten der Revolutionsarmee als Offizier (mit dem neuen Namen Mars) bei der Schlacht von Savannah in Georgia dabei gewesen. Den Ärger, den die drei Herren zuerst in Philadelphia hatten, haben sie in Frankreich wieder. Kaum sind sie auf französischem Boden, werden sie festgenommen. Man will nicht glauben, dass ein Schwarzer, ein Mulatte und ein ➱Weißer (der mit einer Kreolin verheiratet ist) Abgeordnete der Nationalversammlung sind.

Wenn Jean-Baptiste Belley nach vier Jahren als Deputierter nicht wieder gewählt wird, lässt er sich malen. Die Uniform eines Parlamentariers (die mit dem blauen Rock und den gelben Hosen an die ➱Werthertracht erinnert), die er auf dem Bild trägt, steht ihm eigentlich nicht mehr zu. Er bekommt allerdings einen neuen Titel und eine neue Uniform. Wenn er nach Haiti zurückkehrt, ist er chef de brigade (ein Rang, der einem Oberst entspricht) und übernimmt dort das Kommando der Gendamerie. Doch er verliert diese Position und landet zusammen mit Toussaint Louvertures Sohn Baptiste in einem französischen Gefängnis (von Toussaint Louverture gibt es hier ein Portrait). Das ordnet Napoleon persönlich an. Der mag die Schwarzen nicht, es ist schon schlimm genug, dass dieser Thomas Alexandre Dumas General geworden ist (das ist übrigens der Vater von ➱Alexandre Dumas). Aber einen Schwarzen in der Position eines Obersten der Gendamerie, das geht für Napoleon gar nicht. Systematisch säubert Napoleon Armee und Verwaltung.

Und lässt morden. Die vor zehn Jahren von Claude Ribbe in Le Crime de Napoleon erhobene ➱Behauptung, dass Napoleon tausende von Sklaven durch Schwefeloxyd vergasen ließ, ist bis heute weder bewiesen noch widerlegt. Weil Joséphine ihn so nett gebeten hat (ihre Eltern haben eine Zuckerrohrplantage auf ➱Martinique), führt Napoleon die Sklaverei wieder ein. Aber dann verliert er diese Kolonie (Napoleons Schmach nannte die Süddeutsche ihren Artikel), die Frankreich von allen Kolonien das meiste Geld einbrachte, es gibt die Haitianische Revolution. Und damit sind wir dann bei Heinrich von Kleist und seiner ➱Erzählung Die Verlobung von St. Domingo. Und bei der Ermordung von tausenden von Franzosen.

Das Bild von Girodet hängt heute im Musée de l’Histoire de France in Versailles. Vor zehn Jahren war es das Prunkstück der Ausstellung Girodet: Romantic Rebel in Chicago. In Amerika konnte man das Bild schon einmal sehen, aber in einer ganz anderen Form: In den 1830er Jahren ist es leicht verwandelt auf ein amerikanisches Notenblatt für einen Song namens Zip Coon (Sie können ihn ➱hier hören) gewandert, man kann noch die typische Handhaltung des rechten Arms von Belley erkennen. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es, wie Napoleon schon sagte, nur ein Schritt.

Auf diesem Bild von Girodet ist Monsieur Belley nicht zu sehen, der blinde Seher Ossian (Napoleons Lieblingsheld) empfängt die gefallenen Marschälle, Ossians Himmel ist nur für Weiße. Ich habe längere Zeit vor diesem Bild verbracht, man muss es mal in seiner ganzen Scheußlichkeit gesehen haben. Es wird schon in den Posts ➱Apotheose und ➱Nicolai Abildgaard gewürdigt.

Und zum Thema Sklaverei und Edle Wilde gibt es auch schon einiges in diesem Blog. Schauen Sie doch einmal in: MauritiusSklavereiSklavenschiffRootsAmazing GraceGeorge Whiting FlaggPhillis Wheatley18th century: FashionJohn Quincy AdamsBountyGraf SchimmelmannEdle WildeGeorge CatlinPhilip FreneauCharles WimarIndianerMaurice de SaxeLake George

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