Lawrence Alma Tadema

 

Sollen wir Dir einen Katalog mitbringen? Es war eine rhetorische Frage. Wenn ich auf etwas verzichten konnte, dann war es ein Sir Lawrence Alma Tadema Katalog. Es hat seit der Ausstellung im Metropolitan Museum in New York 1973 immer wieder ein Revival für den Maler gegeben, den Ruskin the worst painter of the 19th century genannt hat. Zu diesem Bild, das Spring heißt, fand ich in der LA Times die netten Sätze: Popular, shmopular–most art critics think Alma Tadema was born to be stored. Although a few art historians are beginning to write respectfully about Alma Tadema’s best work, the vast majority regard him as the painterly equivalent of Barry Manilow–a popular artist with a second-rate sensibility.

Ich habe auch schon genug Bilder von ihm gesehen. Und ich kann auch jederzeit in diesen fetten Band Victorian Masters and Their Art gucken. 566 Seiten Archäologie des viktorianischen Zeitgeschmacks. Alma Tadema, der heute vor 180 Jahren geboren wurde, ist da mit vierzig Bildern vertreten (Lord Leighton auch). Viel nackte Frauen, natürlich ein klein wenig antik verhüllt. Und sehr androgyn, könnten auch Knaben sein. Was der Knabenliebe der Engländer natürlich entgegenkommt. Der Bischof von Carlisle äußerte sich zu dieser Venus: My mind has been considerably exercised this season by the exhibition of Alma-Tadema’s nude Venus….[there might] be artistic reasons which justify such public exposure of the female form…In the case of the nude of an Old Masters, much allowance can be made, but for a living artist to exhibit a life-size, life-like, almost photographic representation of a beautiful naked woman strikes my inartistic mind as somewhat, if not very, mischievous.

Und dann malt unser Holländer, der inzwschen zum Engländer geworden ist, neben dem durchsichtigsten Wasser auch viel Marmor, die Zeitschrift Punch taufte ihn (in einem Wortspiel auf marvelous) einen marbelous painter. Und Whistler, der immer so wunderschön bösartig sein konnte, sprach von einer Five-o’clock-tea antiquity. Sein Kollege John Singer Sargent hatte auch nichts für Alma Tadema übrig: It is clever . . . but of course it’s not art in any sense whatever. Der Kunstkritiker Roger Fry urteilte ein Jahr nach Alma Tademas Tod in seinem Artikel The Case of the Late Sir Lawrence Alma-Tadema, O.M, dass der Maler only an extreme instance of the commercial materialism of our civilization gewesen sei.

Der Artikel war seine Antwort auf den Maler Philip Burne-Jones, dem Sohn von Edward Burne-Jones (der der Onkel von Rudyard Kipling war), der kurz zuvor in einem Brief an die Times geschrieben hatte: The collected works of Sir Lawrence Alma-Tadema … form as impressive an example as is likely to befound of what human industry combined with consummate draughtsmanship,impeccable technique, and an exquisite sense of the beauty of the material world is able to achieve. Er stand mit seiner Meinung ziemlich allein da, die große Zeit von Alma-Tadema war endgültig vorbei. Da zitiere ich doch noch einmal Roger Fry: Doubtless most real artists covet honestly enough a tithe of Sir Lawrence’s money. That does not smell. But his honors! Surely by now, that is another thing. How long will it take to disinfect the Order of Merit of Tadema’s scented soap?

Zuerst hatte Alma Tadema Merowinger gemalt, wie hier 1861 das Bild von der Erziehung der Kinder des Königs Chlodwig. Das erregte bei der Kunstausstellung von Antwerpen großes Aufsehen. Alma Tademas belgischer Lehrer Jan August Hendrik Leys kritisierte allerdings, dass der Marmor der Säulen eher nach holländischem Käse aussah. Der marbelous painter steckte noch in den Kinderschuhen, nahm die Kritik aber sehr ernst.

Die Merowinger gingen als Thema nicht so sehr, Alma Tadema sprang auf den Zug der Orientmalerei auf. Das war im 19. Jahrhundert ein beliebtes Thema in Malerei, Literatur (wie Flauberts Salambo) und Musik (Aida), es kommt in diesem Blog schon in den Posts Horace Vernet und Emily Ruete vor. Auch in Deutschland gibt  es einen Orientmaler, und das ist Gustav Bauernfeind. Er ist ein Maler, der sich in Palästina bestens auskennt (Alma Tadema kannte nur das Rom vom Ende des Jahrhunderts). Sein Bild von der photorealistisch gemalten Klagemauer in Jerusalem brachte vor Jahren bei Sothebys über vier Millionen Euro. Alma Tadema bringt mehr, dazu später.

Nach der Orientmalerei findet Alma Tadema sein Thema, für das er berühmt geworden ist, das was wir heute die klassische Antike nennen. Mit viel Marmor. Und eben diesen vielen Frauen, die mehr oder weniger verhüllt sind. Für Gabriele D’Annunzio war sein Werk un raro pezzo di argenteria, qualche cosa come un gioiello carico di cesellature, un avorio scolpito e inciso, un alabastro meticolosamente traforato. Alma Tadema ist nur einer von vielen viktorianischen Malern, die sich auf diese Sorte von soft porn spezialisiert haben. Noch mehr davon kann man in dem Katalog Exposed: The Victorian Nude sehen. Die Ausstellung der Tate Gallery im Jahre 2001 zeigte wohl die bisher größte Sammlung von klassischer Schmuddelei.

Im Vorwort zu seinem Roman The Last Days of Pompeii schreibt Edward Bulwer-Lytton: On visiting those disinterred remains of an ancient city which, more perhaps than either the delicious breeze or the cloudless sun, the violet valleys and orange-groves of the South, attract the traveller to the neighborhood of Naples; on viewing, still fresh and vivid, the houses, the streets, the temples, the theatres of a place existing in the haughtiest age of the Roman Empire, 

 

it was not unnatural, perhaps, that a writer who had before labored, however unworthily, in the art to revive and to create, should feel a keen desire to people once more those deserted streets, to repair those graceful ruins, to reanimate the bones which were yet spared to his survey, to traverse the gulf of eighteen centuries, and to wake to a second existence the City of the Dead! Die Wiederbelebung von Pompeii wird für Alma Tadema zum malerischen Programm, und ganz nebenbei wird er zu einem Archäologen, der eine riesige Photosammlung anlegt. Wahrscheinlich damit der Marmor nicht mehr nach holländischem Käse aussieht.

Im Jahre 1955 verkaufte ein Londoner Kunsthändler einem ihm unbekannten Paar dieses Bild von Alma Tadema mit einem schönen viktorianischem Rahmen für einen Preis, der heute neunhundert Dollar entspricht. Das Bild wurde noch im Laden bezahlt, und die beiden nahmen es auch gleich mit. Eine Stunde später kommt ein Mann in den Laden und fragt, ob das Bild, das er draußen in der Straße gesehen hat, vielleicht in diesen Laden gehörte. Die Käufer wollten offensichtlich nur den Rahmen haben. Wir könnten an dieser Stelle sagen, dass das genau die richtige Methode ist, wie man mit einem Gemälde von dem Großmeister des Kitsches umgehen sollte: man lässt seine Bilder auf der Straße stehen.

Die Geschichte ist, das ahnen Sie schon, an dieser Stelle noch nicht zu Ende. Der Kunsthändler bietet das Bild daraufhin allen englischen Museum an. Ohne jede Kosten, seine Bedingung ist nur, dass es neu gerahmt und ausgestellt werden soll. Kein Museum will es haben. Im November 2010 ist The Finding of Moses bei Sotheby’s in New York für 35,9 Millionen Dollar verkauft worden. Das ist die bisher höchste Geldstrafe, die für schlechten Geschmack verhängt wurde.

Wenn Sie alles von Alma Tadema sehen wollen, dann klicken Sie Complete Works an. Wenn Ihnen 62 Bilder genügen, dann nehmen Sie die Kunstseite der BBC. Wenn Sie Alma Tademas Konkurrenten für die Five-o’clock-tea antiquity sehen wollen, dann gehen Sie doch einmal zu den Seiten von Lord Leighton und John Wiliam Godward. Die Viktorianer und ihre Malerei kommen recht häufig hier vor. Sie könnten auch noch lesen: AktmalereiSpätrömische DekadenzWilliam EttyGustav Christian SchwabeSir John Henry von SchroderWilliam Frithche gelida maniTageliedChe farò senza EuridiceVictoriaGriechenTelegrammCharles Dickens

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