Fette Henne

Der Bildhauer und Medailleur Ludwig Gies ist heute vor fünfzig Jahren gestorben. Wenn Sie jetzt sagen: Kenne ich nicht, dann ist das verständlich. Und doch kennen Sie bestimmt eines seiner Kunstwerke. Nämlich diesen Adler hier, der im Plenarsaal des Deutschen Bundestags in Bonn die Wand zierte. Der Volksmund (oder waren es doch die Journalisten?) hatte ihm den Namen Fette Henne verpasst.

Ludwig Gies hatte sein Wappentier schon vorher einmal zu verkaufen versucht, da sah es so aus. Seinem Künstlerkollegen Adolf Hitler gefiel die klare Linienführung und die für ihn neuartige Technik bei den Gipsschnitten von Gies gut. Aber das Tier kam dann doch nicht in die neue Reichskanzlei: Die Adler-Entwürfe von Gies schienen uns aber nicht für eine zeitgemäße plastische Umsetzung in ein Relief oder Skulptur geeignet, sagte Albert Speer. Dessen Großvater Berthold Speer übrigens noch bei Schinkel die Regeln der Architektur gelernt hatte.

Karl Friedrich Schinkel hat die Neue Wache gebaut, Ludwig Gies hat sie 1931 mit einem ➱Gedenkstein und einem Kranz aus Gold und Silber verschönert. Der Bildhauer dient den Nazis, obgleich der gläubige Katholik der viele jüdische Freunde hat, wohl selbst keiner ist. Aber er arbeitet für sie. Und gleichzeitig werden manche seiner Werke zur sogenannten entarteten Kunst. Wie dieser Christus aus den zwanziger Jahren. Das Kruzifix, das man als eine bolschewistische Karikatur empfand, wurde schon 1922 das Opfer eines gezielten ➱Anschlags: der Kopf wurde nach Ansicht von Kunstexperten fachgerecht demontiert. Und danach unfachmännisch in die Trave geworfen. Auf der Ausstellung Entartete Kunst 1937 erfolgte dann die nächste Hinrichtung des Werkes.

Ludwig Gies gehört nach dem Ersten Weltkrieg zur Avantgarde, die deutsche Moderne versucht sich in den dreißiger Jahren mit den Machthabern zu arrangieren. Die Karrieren von ➱Caesar Pinnau, ➱Paul Bonatz und ➱Emil Nolde (der sich in einem Brief an Goebbels als fast einzigster deutscher Künstler im offenen Kampf gegen die Überfremdung der deutschen Kunst bezeichnet) sind da instruktiv. Gies ist vom Expressionismus beeinflusst. Es ist eine schwierige Sache mit dem Expressionismus. In Bremen und Worpswede hat man das Werk von Bernhard Hoetger noch jeden Tag vor Augen, auch der ➱Niedersachsenstein ist ein sehr ambivalentes Bauwerk. Interessant ist dieser Reichadler von Gies für den Erweiterungsbau der Reichsbank (1935–1939): ein Adler mit Eichenkranz und Hakenkreuz aus Leichtmetall. Das ist sozusagen der Vater unserer fetten Henne, die auch aus Leichtmetall ist. Das Hakenkreuz und den Eichenkranz denken wir uns mal weg.

Was heute im Bundestag in der Luft zu schweben scheint, ist wieder aus Leichtmetall. Angeblich auch wieder nach Entwürfen von Ludwig Gies, obwohl das Kunstwerk mit den Namen von Norman Foster und Josef Trendelkamp signiert ist. Foster kennen wir. Der ist ein sogenannter Stararchitekt. Hat mal für ➱Rolex Reklame gemacht. Davor war er Türsteher, da passt das mit der Rolex ja prima. Das Werk von Foster, der zum Entsetzen des Parlaments keine fette Henne, sondern nur ein mageres Hühnchen haben wollte, ist nur die Gestaltung der Rückseite des Adlers. Die Vorderseite ist ganz von der Firma von Josef Trendelkamp, die schon den Adler für den alten Bundestag gebaut hatte.

Ein Name steht nicht auf der dem neuen Adler: Andreas Übele. Das ist der Mann, der dem Bundestag seine Corporate Identity gegeben hat. In einer Zeit, in der das Design über das Sein siegt, ist so etwas wichtig. Er hat sich auch mit ästhetischen Überlegungen zu dem Adler geäußert: und zum bundestagsadler. da ist es sehr interessant, dass der bildhauer ludwig gies, der das gipsrelief des adlers im alten bonner plenarsaal geschaffen hat, lauter unperfektheiten eingebaut hat. die eine schulter ist höher, die brustfedern sind nicht symmetrisch verteilt, und dann hat der vier schwanzfedern, und eine, die linke, ist abgewinkelt, steht ab. später wurde von einem studio eine technisch saubere reinzeichnung angefertigt. es wurden die ganzen störungen herausgenommen. und das verrückte ist, sie sehen es gar nicht auf den ersten blick. wir haben dann für den neuen adler die alte, dickliche, die fette-henne-form erhalten, die anderen störungen nicht. ja, man hätte auch das abspecken müssen. aber ganz ehrlich, das dicke, die gekrümmten linien sind besser. das andere wäre die seife, die flutscht. und dann etwas widerstrebendes, etwas sich sperrendes machen, zu sagen, nein wir machen den fett, so dass es dir zu den mundwinkeln heruntertrieft, das bratfett. und jetzt sage ich als gestalter, und da maße ich mir ein urteil an, das fette, das sperrende ist grafisch auch die bessere form. formal finde ich das besser. also kann man jetzt sagen, wenn etwas sperrt, kommuniziert es besser. Sie können das ganze Interview ➱hier lesen, aber vielleicht reicht dies schon.

Ein Adler musste es für den Bundestag ja unbedingt sein, auf goldenem Grund der einköpfige schwarze Adler … den Kopf nach rechts gewendet, die Flügel offen, aber mit geschlossenem Gefieder, Schnabel und Zunge und Fänge von roter Farbe. Nicht nur Deutschland hat solch ein Tier im Wappen. Amerika hat den Weißkopfadler, wir den Weißblechadler. Der kleine Scherz war bei den ganzen Adlern mal eben nötig.

➱Benjamin Franklin hat es nicht gefallen, dass man den Adler als nationales Symbol der neuen Republik genommen hat (dieses Bild hier ist von ➱John James Audubon). So schreibt er am 26. Januar 1784 an seine Tochter Sarah Bach: For my own part, I wish the Bald Eagle had not been chosen as the Representative of our Country; he is a bird of bad moral character; he does not get his living honestly. Moralische Überlegungen gegenüber Tieren sind ja immer ein wenig seltsam, aber Franklin hätte da auch einen anderen Kandidaten für den Wappenschild des Präsidenten der vereinigten dreizehn Staaten gehabt: in Truth, the Turk’y is in comparison a much more respectable Bird, and withal a true original Native of America. 

Zu Truthähnen hat man in Schleswig-Holstein ganz besondere Beziehungen. Was Sie den Posts ➱Truthähne und ➱Lothar Malskat entnehmen können. Die Truthähne in Schleswig waren leider eine Fälschung, taugten also nicht zu einem Wappen. Adler hätten wir hier oben schon. Seeadler. Die werden leider immer wieder von Leuten vergiftet, die etwas gegen Adler haben. Oder neben dem Adlerhorst eine Autobahn oder einen Windpark bauen wollen. Wir haben natürlich auch Löwen für ein Wappen. Wie die Bremer, die ihre Löwen unentgeltlich der Hamburger Zeit schenkten (lesen Sie hier mehr). Die Löwen im Wappen von Schläfrig-Holstein sind natürlich letztlich die blauen Schleswiger Löwen aus dem dänischen Wappen. Es gibt zwar in ganz Dänemark keine Löwen, aber in vielen Kirchen Jütlands kann man welche sehen. Das weiß ich, weil ich die Gastvorlesung über Romanische Kirchen in Dänemark des Kopenhagener Professors Otto Norn gehört habe (das steht schon in Mein Dänemark, dem Bestseller Post des Jahres 2015).

Wir brauchen keine Löwen und keine Adler, hier oben wird jetzt alles neu, weil wir jetzt der einzige echte Norden sind. Meike Winnemuth (die schon in dem Post ➱Damenmode vorkommt) fand das in ihrer Kolumne im ➱Stern ziemlich absurd: Letztes Jahr hat mein Heimatbundesland Schleswig-Holstein seinen Slogan von „Land der Horizonte“ zu „Der echte Norden“ geändert. Ich habe kurz gezuckt: Es klang etwas füßchenstampfend, fand ich, blödsinnig rechthaberisch – und ist zudem problemlos von jedem Skandinavier zu widerlegen, der bei Harrislee über die Grenze fährt und dabei das blitzblanke neue Schild passiert. Der echte Norden? Im Unterschied zum falschen Norden, aus dem er gerade kommt?

Den Slogan hat sich eine Werbeagentur namens Boy ausgedacht, er hat das Land mehrere hunderttausend Mark gekostet. Diese Werbeagentur ist mit der Kieler SPD eng verbandelt. Sie macht alles für die SPD. Und die SPD macht auch alles für die Agentur Boy. Herr Albig hat extra seine Frau verlassen und lebt jetzt mit der Agenturgründerin Frau Bärbel Boy zusammen. Irgendwie hat die ganze Chose ein ➱Gschmäckle. Das Kieler Stadtwappen von 1901 gefiel dem Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) auch nicht mehr, es musste etwas Neues her. Ulf Kämpfer will auch, dass Kiel in die Mitte der Stadt einen neuen ➱Kiel Kanal bekommt. Diese kleine Pissrinne soll die Touristen anziehen und Kiel zu einem Venedig des Nordens machen. Ulf Kämpfer ist übrigens der Nachfolger von Frau Gaschke, die über den armen singenden ➱Augenarzt stolperte.

Es gibt noch eine Steigerung der Pikanterie. Schauen Sie sich einmal diese Löwen an. Ist der gleiche Löwe wie auf dem Signet vom echten Norden, hat jetzt bloß noch Messer und Gabel. Aber Frau Boy dachte sich, dass – wenn man schon mal mit dem Design eines Wappens Schindluder treibt – man das doch noch ein zweites Mal verkaufen kann. Und so ist der magersüchtige Löwe des echten Nordens (der das Land Hunderttausende gekostet hat) auf die Werbung des Verein Feinheimisch gewandert. Die haben nochmal dafür bezahlt. Ob sie auch wie Herr Albig mit Frau Boy ins Bett gehen mussten, weiß man nicht.

Aber zurück nach Kiel. Wer bekommt jetzt den Auftrag für das neue Signet von Kiel, das man ja unbedingt brauchte? Richtig, die Werbeagentur Boy. Und die kommt mit so etwas Schönem über. Der Oberbürgermeister (auf dem Photo rechts, immer ohne Schlips, das ist jetzt modern) ist der Meinung, das neue Logo signalisiere: Wir sind wer, eine moderne, innovative Großstadt mit hoher Lebensqualität und nicht nur ein Dorf hinter Hamburg. Wenn er sich da mal nicht täuscht, die Mehrheit der Kieler findet das einfach nur bescheuert. 100.000 Euro wurden schon für die Markenkampagne gezahlt, bis 2020 werden für die Einführung des Unsinns jedes Jahr weitere 100.000 Euro fällig. Das Glockenspiel am Kieler Rathaus lässt zu jeder Stunde eine Melodie erklingen, zu der die Kieler seit einem Jahrhundert singen: Kiel hett keen Geld dat weet de Welt ob’s mal wat kriecht dat weet man nich.

Glücklicherweise gibt es ja noch Zeichen der Vernunft auf der Welt, Orte, wo nicht mit dem Geld geaast wird. Also zum Beispiel in dem Blog, der SILVAE heißt. Da gibt es weiterhin dieses schöne kleine ➱Plakat: Keep Calm and Read Silvae. Da kann man nichts falsch machen. Und es kostet den Steuerzahler auch kein Geld. Und wenn Sie immer schon einmal wissen wollten, weshalb der Bundesadler auf Ihrem Personalausweis sieben Federn an jedem Flügel hat, der kleine holographische Adler dahinter aber nur sechs, dann lesen Sie doch die Antwort des Abgeordneten Schäuble auf diese wichtige Frage.

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