Max Klinger

 

Max Klinger gehört zu den markantesten Künstlerpersönlichkeiten des Fin de Siecle. Aus Anlass seines 150. Geburtstages zeigt die Kunsthalle zu Kiel eine Auswahl seiner grafischen Zyklen, die zwischen Tag und Traum angesiedelt sind. In ihnen gelingt es dem Künstler die reale und die geträumt-fantastische Bildebene souverän miteinander zu verbinden. Ein wesentliches Kompositionselement seiner Bilderfolgen ist der ‚Schnitt‘, der später auch für das Medium Film charakteristisch wird und es dem Betrachter ermöglicht, einzelne Bilder assoziativ miteinander zu verknüpfen. ‚Max Klinger und der Film‘ untersucht erstmals Klingers Nähe zum Film und kombiniert die grafischen Zyklen mit ausgewählten ‚bewegten Bildern‘ der Filmgeschichte. So stand es 2007 auf der Seite der Kunsthalle Kiel als Ankündigung der Ausstellung Max Klinger und der Film. Ich finde die dort abgebildete Radierung Der Schwanenprinz (aus der Reihe Das Zelt) furchtbar.

Ich finde vieles von Max Klinger, der am 18. Februar 1857 in Leipzig geboren wurde, einfach schrecklich. Ich bin da wohl nicht allein. Sein Werk hat immer wieder für Skandale gesorgt, wie zum Beispiel der pinkelnde Tod (Bild) oder der nackte Christus mit nacktem Penis. Wenn wir uns mal eben den Tod aus diesem Bild wegdenken, wäre es ja ein nettes Landschaftsbild im Stil seines Zeitgenossen ➱Leistikow. Mit dem Sensenmann ist es ein weiterer Beleg für das Thema ➱Et in Arcadia Ego. Das Bild hängt heute in Leipzig, der Heimatstadt des Künstlers. Man hatte für den Ankauf 700.000 Euro locker gemacht. Überhaupt nichts hatte der erste Besitzer des Bildes für das Bild bezahlt. Dem norwegischen Maler Christian Krohg, der Mitglied der Skagener Malerkolonie war (und großen Einfluss auf ➱Anne Ancher hatte), hatte es Klinger geschenkt.

Christian Krohgs Frau Oda hat übrigens ➱hier schon einen Post. Die ➱Skagener Maler auch, für die brauche ich keine Werbung zu machen, die wurden schon x-tausendmal angeklickt. Klinger kann sehr witzig sein, wie hier auf der Tuschzeichnung Klinger und Krohg wollen die Zeit totschlagen. Aber häufig ist er mit seiner verzweifelten Suche nach Originalität nicht witzig, sondern nur peinlich. Wie bei dem pinkelnden Tod (mit dem er zum Vorreiter des Surrealismus wird) oder diesem furchtbaren ➱Wandbild in der Villa Albers. Da ist ja ➱George Spencer Watson besser (das ist ein Post, den meine Leser lieben, ich weiß nicht weshalb), und der ist schon schlimm.

Der deutsche Kunsthistoriker Georg Bussmann hat 1992 von dem mörderisch schlechten Geschmack ➱Klingers gesprochen. Das sitzt, das kann man sich merken. Und dass der Pariser Figaro nach seinem Tod einen Artikel mit der Überschrift Un grand barbare brachte, das vergessen wir auch nicht wieder. Der berühmte Kunstkritiker Julius Meier-Graefe hat Klinger als Kunstgewerbler geringen Umfangs bezeichnet und für seine Plastiken die Bewertung lächerliches Produkt bürgerlichen Geistes gefunden. Julius Meier-Graefes Urteil ist beinahe neunzig Jahre alt, aber hat sich etwas geändert?

Klinger’s foray into theatricality has often appeared to posterity to teeter precariously on the edge of kitsch, a word whispered discreetly about Klinger’s later work, especially his seemingly embarrassing final Orientalist fairy-tale cycle ‚Tent‚, sagt die Professorin Marsha Morton in ihrem Buch Max Klinger and Wilhelmine Culture: On the Threshold of German Modernism (2014). Die Amerikaner sind höfliche Leute. Wenn der Leipziger Freundeskreis Max Klinger ein Buch mit dem Titel Wege zur Neubewertung herausbringt, dann scheint das doch verlorene Liebesmüh zu sein.

Klinger und sein Studienfreund Krohg mögen gemeinsam die Zeit totschlagen, beeinflusst haben sie sich gegenseitig wohl kaum. Oder hat Krogh etwa Klinger gesagt, dass das Thema der l’heure bleue in Skagen im Augenblick angesagt sei? Was Klinger dazu bringt, seine Version der blauen Stunde zu malen? Die kläglich ausschaut gegen die Bilder von Peder Severin Krøyer, Marie Krøyer oder Oda Krohg. Die Zeitgenossen aus Skagen sind definitiv nicht sein Vorbild. Die Vorbilder Klingers sind ➱Adolph Menzel und ➱Arnold Böcklin. Es beruhigt mich sehr, dass der Post zu Menzel doppelt so häufig angeklickt wurde, wie der zu Böcklin.

Ich hätte in der Kieler Kunsthalle beinahe mal einen Max Klinger gekauft. Damals hatte man bei der Inventur in der graphischen Sammlung einige Radierungen gefunden, die man doppelt hatte, die bot man jetzt den Mitgliedern des Kunstvereins als Jahresgabe an. Ich weiß nicht mehr, welche Blätter es waren, aber sie sahen ungefähr so aus wie diese ➱Brahmsphantasie. Ich hatte die falsche Losnummer und bekam den Kitsch nicht, auf den ich mich kapriziert hatte. Aber ein halbes Jahr später hätte ich das Blatt zum Festpreis haben können, weil der Lotteriegewinner offensichtlich verzichtet hatte. Doch da war meine Begeisterung für Klinger, die eh nur lauwarm war, vorbei.

Dies ist das erste Ölgemälde, das Klinger ausstellt. Es heißt Der Spaziergänger (oder Der Überfall oder auch Die rote Mauer). Es ist wie viele Werke von Klinger ein irritierendes Bild. Wenn in der Kunst Menschen an einer Mauer stehen, dann werden sie meistens erschossen (lesen Sie dazu die Posts ➱Ney und ➱Edouard Manet), hier weiß man nicht so recht, was geschieht.

Glücklicherweise hat uns Paul Kühn im Jahre 1907 eine Interpretation zu dem Bild geliefert: Es ist, von einigen Porträtstudien abgesehen, das erste Gemälde Klingers (1877 entstanden). Inhaltlich ist es ein charakteristisches Berliner Vorstadtmotiv jener Zeit, in seiner Fassung aber etwas ganz Persönliches, Klingersches. Ein junger Mensch ist auf einsamem Spaziergang plötzlich von drei Strolchen gestellt worden. An einer langen, sich quer in die Tiefe des Bildes hinziehenden roten Ziegelmauer steht er, von den dreien eingeschlossen, die mit ihren Knüppeln spielen; einer ist im Begriff, einen Stein zu erheben. Der junge Mensch, die drei mit spannendem Auge beobachtend, hält den Revolver gefaßt. 

Dieser ’spannende Moment‘ ist mit unheimlicher Wahrheit gegeben; die suggestive Wirkung ist so außerordentlich, daß man sich dem Zwang dieses Bildes gar. nicht entziehen kann. Servaes hat es symbolisch gedeutet als eine Art ‚Künstlers Erdenwallen‘, ‚das junge Genie mit den leidlichen und vielleicht unwirksamen Waffen und die pöbelhaften Fäuste und Stöcke‘. An dem Bilde war alles neu, verblüffend neu, der Gegenstand der Darstellung, die unbekümmerte Kühnheit der Farbengebung, am meisten aber die Komposition, die isolierte Stellung der Figuren, eine Raumillusion, wie man sie bisher kaum kannte, und eine ‚Nüchternheit‘, in der doch ein so starkes, heißes Leben pulste. Eine solche Verbindung konnte man nicht recht begreifen. Es fehlte jeder Idealismus und jede akademische Schönheit; es war ein ‚Realismus‘, der noch über Menzel ging; es fehlte ihm für das oberflächliche Auge das Geistvolle und Sprühende. Das Bild zeigt, daß Klinger bei Gussow gelernt hatte, das Leben scharf und rücksichtslos zu fassen; es lehrt noch mehr, daß er Menzel studiert hatte wie wenige.

Größer als der Ruhm des Malers Klinger ist vielleicht der Ruhm des Bildhauers Klinger. Die Kunst der Plastik ist nun nicht meine Sache, das habe ich schon häufig in diesem Blog gesagt. Ohne dass das ein fishing for compliments ist. Ich mag einen Onkel haben, der ➱Bildhauer ist (und mit der Bildhauerin Margret Middell verheiratet ist), deshalb verstehe ich noch nichts von der Bildhauerei. Wenn ich in der Kunsthalle Kiel mal wieder eine schlechte Ausstellung gesehen habe – und schlechte Ausstellungen kriegen die Nachfolger von ➱Jens Christian Jensen immer leicht und locker hin – dann schaue ich mir eine halbe Stunde die Gipsnachbildungen berühmter Statuen in der Antikensammlung an (lesen Sie mehr in ➱Griechen), das beruhigt ungemein. Dies hier ist nicht griechisch, das ist Max Klinger. Gehört den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (➱SKD), die haben viel Klinger.

Die haben sogar einen Klingersaal, ein Herzstück der SKD, eine Art Weihesaal des Fin de Siècle. Da mag man in Leipzig Gemälde von Klinger aufkaufen, Dresden hat man schon lange die Skulpturen Klingers (Leipzig besitzt allerdings auch 47). Und man plaziert sie in Dresden an prominenter Stelle. Zusammen mit Werken Arnold Böcklin, Franz von Stuck und Sascha Schneider. Falls Sie den nicht kennen, sind Sie kein ➱Karl May Fan, denn Schneider hat einst den Einband der Karl May Ausgabe konzipiert.

Ich bin im Augenblick ganz fit beim Thema Fin de Siècle. Weil mir die ➱Astrid (hier auf dem Bild mit dem goldblonden Haar im Rembrandtschen Licht) zu Weihnachten den Katalog ihrer neuesten Ausstellung August Hudler in Dresden geschenkt hat. Hier zeigt sie gerade im Rahmen des ➱Museum Experts Exchange Program (MEEP) chinesischen Wissenschaftlern die Ausstellung, die sie kuratiert hat. Manche von den Gästen kennt sie, denn sie war in den letzten Jahren zweimal in Peking, um dort die Sammlungen aus Dresden vorzustellen.

Der bayrische Bildhauer August Hudler (ein großer Unbekannter und unbekannter Großer) war 1900 nach Dresden gezogen, wo er bis zu seinem Tode lebte. Die Staatlichen Kunstsammlungen haben schon um die Jahrhundertwende Werke von ihm gekauft und besitzen heute die größte Sammlung seiner Werke. Und so schien es an der Zeit, 110 Jahre nach seinem Tod einmal eine Ausstellung für den heute wenig beachteten Bildhauer zu machen. Wobei man sein Werk durch eine Vielzahl seiner Zeitgenossen ergänzte (Robert Diez, der schon in ➱Meerjungfrauen + Waldnixen vorkommt, war auch dabei). Die Ausstellung gab dem Museum auch die Möglichkeit, ganz viel von Klinger zu zeigen.

Wie zum Beispiel hier Die neue Salome, frisch restauriert und hübscher als zuvor. Die August Hudler Ausstellung war die letzte Ausstellung, die der Generaldirektor Hartwig Fischer in seinen Häusern erlebte. Er ist jetzt weg. Nach London. Da folgt er seinem Vorgänger Martin Roth, der 2011 Direktor des Victoria und Albert Museums wurde (und der ➱hier einen Post hat). Fischer ist jetzt Direktor des British Museum. Warum hauen die alle ab? Ist es der schlechte Ruf, den das Elbflorenz mittlerweile bekommen hat? Lockt das große Geld? Oder fliehen sie, weil sie Klinger nicht mehr ertragen können?

Wenn ein Spieler von Dynamo Dresden zu Chelsea gehen würde (das ist ein sehr theoretischer Gedanke), dann würde man sagen, dass die Premier League eine große Anziehungskraft hat. Aber was bringt die Engländer dazu, dem SKD die Generaldirektoren abzuwerben? Zur Zeit von Max Klinger blieben Direktoren häufig ein Leben lang ihrem Museum verbunden, ➱Alfred Lichtwark (der Klinger immer protegierte) und ➱Wilhelm von Bode wären Beispiele. Aber das ist heute nicht mehr so, offensichtlich orientiert man sich heutzutage eher an der Welt des Fußballs als an der Pflege der Kunst. Es gab schon einmal einen Deutschen, den man mit dem British Museum verbindet. Das war ➱Karl Marx, der dort sein Kapital schrieb. Ich weiß nicht, wie geläufig die Welt der Engländer dem neuen Direktor des BM ist, aber ich hätte da eine schöne Empfehlung (die von Gerard Hoffnung stammt): Have you tried the famous echo in the Reading Room of the British Museum?

Ist die Abwanderung von zwei Generaldirektoren in fünf Jahren Zeichen einer Krise des SKD? Irgendwie fällt mir dazu die wunderbar bösartige Erzählung ➱Kammermusik über die Dresdner Musikszene von Klaus Funke ein, wo es heißt: Dresden sei keine Kunststadt, hatte mein Freund Bosel gesagt. Hier sei nichts als kleinbürgerlicher Mief und eingebildete Tradition. Seit ihrem August, dem Starken, diesem Sonnenköniganbeter, hätte sich die Stadt nicht mehr weiterentwickelt, alles wäre stehen geblieben. Am Schlimmsten aber wäre die Dresdner Luft, sagte er, sie würde ständig von diesen Stadtbewohnern eingeatmet und führe zur allmählichen Verblödung. Der durchschnittliche Dresdner ist dümmer, als der durchschnittliche Leipziger, und noch um einiges dümmer als der Berliner, Hamburger, Münchner oder Frankfurter. Die Dresdner sind von allen Großstadtbewohnern Deutschlands, wie Bosel zu mir gesagt hatte, wahrscheinlich die ungebildetsten und am wenigsten kunstinteressierten.

Das ist weit entfernt von Herder, der seinen Bericht über die ➱Kunstsammlungen in Dresden mit den Distichen beendete:

Blühe, deutsches Florenz, mit deinen Schätzen der Kunstwelt! 
Stille gesichert sei Dresden Olympia uns, 
Phidias-Winckelmann erwacht‘ an deinen Gebilden, 
Und an deinem Altar sprossete Raphael-Mengs.