Landschaftsmalerei

 

Nach den scheußlichen Bildern von ➱Max Klinger muss mal eben etwas Hübsches in den Blog. Wie diese Ansicht von Windsor (von Eton aus gesehen). Zweihundert Jahre alt und immer noch eine Augenfreude. Es ist ein Bild des englischen Landschaftsmalers Augustus Wall Callcott (dem Bruder des Komponisten), der am 20. Februar 1779 geboren wurde. Er ist heute nicht so bekannt wie Constable und Turner, aber er ist kein schlechter Maler gewesen.

Er hat bei John Hoppner gelernt. Es wird Sie nicht überraschen, dass es in diesem anglophilen Blog (den die Engländer übrigens nicht lesen) schon einen ausführlichen Post zu ➱Hoppner gibt. Calcott kann auch im Stil von ➱Claude Lorrain malen (Zeitgenossen haben ihn schon mal The English Claude genannt), wie er mit dieser Classical Landscape zeigt. Der Königin ➱Victoria gefiel seine Kunst offensichtlich, sie adelte ihn, kaum dass sie Königin geworden war. Calcott ist der erste englische Landschaftsmaler, der zum Ritter geschlagen wurde. Er bekommt den Titel, William Turner nicht.

Die junge Königin hält ➱Turner schlichtweg für verrückt. In die schlicht gestrickte und saubere Welt von Victoria passt Turner – immer leicht verwahrlost und exzentrisch (für ➱Delacroix wirkte er wie ein farmer with his rough black coat and heavy boots) – einfach nicht hinein. Victoria macht Callcott 1843 auch noch zum Surveyor of the Queen’s Pictures. Das ist ein Posten, den ➱Kenneth Clark auch einmal innegehabt hat. Und der Spion ➱Sir Anthony Blunt (Sie könnten jetzt den gleichnamigen Post lesen und sich die ➱Schnipsel des dort erwähnten Theaterstücks A Question of Attribution anschauen), der allerdings seinen Posten und seinen Adelstitel verlor.

Dies hier sieht aus wie Turner, es ist Calcotts Kopie eines Bildes von Turner, mit dem er seit Anfang des Jahrhunderts befreundet war. John Ruskin, der größte Verehrer von Turner mochte Augustus Wall Callcott überhaupt nicht: he painted everything tolerably, and nothing excellently; he has given us no gift, struck for us no light, and though he has produced one or two valuable works… they will, I believe, in future have no place among those considered representative of the English School.

Sir Augustus brauchte das nicht mehr zu lesen. Als Ruskin das schrieb, da war Calcott schon tot. Calcott war zu seinen Lebzeiten ein berühmter Mann, im Gegensatz zu ➱John Constable verdiente er gut. Nach dem Tod von ➱Thomas Lawrence kandidierte er 1830 für die Präsidentschaft der Royal Academy, der Posten ging aber an Martin Archer Shee. Calcott wurde noch berühmter, als er die Schriftstellerin Maria Graham heiratete (die sich von ➱Thomas Lawrence malen ließ). Das Ehepaar unterhielt einen Salon, in dem sich die Künstler und Schriftsteller der Zeit trafen.

Und dennoch ist der Maler, der immer bereit war, jüngere Künstler zu fördern, heute beinahe vergessen. Der englische Wikipedia Artikel basiert auf einem alten Eintrag in der National Biography, der deutsche stammt aus Meyers Konversations Lexikon von 1890. Man merkt das an dem Satz Besonders gut gelangen ihm Schleichhändler. Schleichhändler? Wir sagen heute Schmuggler. Der Satz ist irreführend, so viele ➱Schleichhändler finden sich in seinem Werk nicht.

Das hier sind keine Schmuggler, hier wird im Vordergrund um den Preis der Fische gefeilscht. Interessanter als die Szene im Vordergrund ist natürlich die Behandlung des Lichts. Daran arbeitet Calcott immer, obgleich er weiß, dass er das niemals so revolutionär und souverän hinkriegen wird wie ➱Constable und Turner. Ich liebe den Satz aus dem Wikipedia Artikel: … wie er denn überhaupt in seinen Bildern nicht nach Effekt haschte. Die Färbung ist immer frisch und glänzend, denn Callcott liebte die Heiterkeit; daher der Zauber, den er in seinen Himmel und in den Silberton seiner Gewässer zu legen wusste. Calcott war in seiner Jugend als Maler origineller, später genügte es ihm, eine Art Imitator von Turner zu sein. Dessen ersten Einfluss kann man hier vielleicht sehen, da kennt er Turner erst wenige Jahre.

Das Bild wurde vor vier Jahren bei Sotheby’s für 21.250 Pfund verkauft, einen Turner bekommt man dafür nicht. Aber vielleicht ist es gar nicht der Einfluss von Turner, vielleicht ist es eher ➱Aelbert Cuyp mit seinen Seestücken. Diesen Holländer liebten die englischen Sammler des 18. Jahrhunderts.

Seine in goldenes oder silbernes Licht getauchten Felder und Flüsse, seine stillen Meerlandschaften mochte man in England. Und auch Turner verdankt ihm viel, er bewunderte Cuyps Fähigkeit, die genauen Einzelheiten in all die Farben von umgebendem Dunst hineinzulegen. Und dann sind da natürlich noch die englischen ➱Aquarellisten und die ➱Norwich School. ➱Thomas Girtin und ➱Bonington nicht zu vergessen. Turner ist in dieser Zeit nur einer von vielen Magiern des Lichts.

Die Kühe von Cuyp da oben mussten mal eben sein, dann kann ich noch diese hübschen holländischen Kühe von Calcott abbilden. Die Tate Gallery schreibt dazu: This painting was inspired by the work of the Dutch artist Aelbert Cuyp (1620-91). Among the seventeeth-century Dutch masters whose work was collected in Britain during the early 1800s, Cuyp was regarded with particular affection. Many British painters strove to emulate his warm, golden tonality and soft effects of aerial perspective. The taste for Cuyp was further advanced with the opening of Dulwich Gallery in 1814, which had several fine examples of his work. Turner and Callcott were the two most successful reinterpreters of the artist. Wunderbar. Wenn man geschrieben hätte, dass die englischen Sammler Cuyp schon im 18. Jahrhundert entdeckten, dann wäre es ganz richtig gewesen.

Calcott war ein langsamer Maler, auch wenn seine Bilder direkt aus der Natur zu kommen scheinen: er malt sie im Studio. Skizzen ja, aber plein air Malerei: nein. Er ist nicht Turner. Er malt langsam wie ➱John Singleton Copley, manchmal malt er nur vier Bilder im Jahr. Er konzentrierte sich auf die Bilder, die er in der Royal Academy ausstellen wollte. Es gibt erstaunlich wenig Bücher zu dem Maler, der einmal der Konkurrent von Turner war. Ich habe einen kleinen Katalog, den David Blayney Brown 1981 für die Tate Gallery gemacht hat. Der ist der Spezialist zu dem Thema, er hat 1978 an der Universität Leicester eine Dissertation mit dem Titel The Life and Work of Sir Augustus Wall Callcott, R.A., 1779-1844 eingereicht (man kann die im Internet als PDF Version finden).

Es bleibt eine erstaunliche Sache: zu Max Klinger gibt es massenhaft Literatur, zu Calcott (der in diesem Blog schon in dem Post ➱David Wilkie erwähnt wird) fast nichts. Obgleich seine Bilder wahrscheinlich mehr Menschen Freude bereiten können, als die Bilder von Max Klinger. Aber es ist, wie es ist. Ich kann die Kunstgeschichte nicht ändern. Es wäre schön, wenn dieser Post etwas bewirken könnte. Das habe ich schon gehofft, als ich über ➱John Thomson of Duddingston schrieb, auch jemand, der zu Unrecht vergessen ist. Auf der Seite der ➱BBC können Sie 66 Bilder betrachten. Ein Landschaftsbild von Calcott zu kaufen, ist nicht unmöglich. In den letzten Jahren sind in den englischen Auktionshäusern kleine Bilder für weniger als tausend Pfund verkauft worden.

Vor einem halben Jahrhundert sagte mein Freund Peter zu mir, ich sollte mich auf das 18. Jahrhundert spezialisieren, niemand interessierte sich für das 18. Jahrhundert. Es passte damals wunderbar dazu, dass in dem Semester ➱Peter Nicolaisen mich und noch zwölf andere durch das ganze 18. Jahrhundert in England jagte, ➱Landschaftsgärten und ➱Gotik inklusive. Eigentlich wollte ich eine Dissertation über Landschaftslyrik und Landschaftsmalerei schreiben, aber das wäre eine Arbeit gewesen, die zwei Fächer betraf.

Interdisziplinäre Arbeiten waren damals wenig beliebt. Um es zurückhaltend zu sagen. Also schrieb ich etwas ganz anderes, hörte aber niemals auf zu lesen, was seit ➱Elisabeth Manwaring zu dem Thema geschrieben worden war. Und ich hatte mir damals auch gesagt: irgendwann schreibst Du mal darüber. Habe ich in diesem Blog dann immer wieder getan, zum Beispiel in den Posts, die ➱18th Century im Titel haben. Und vielen anderen. Es gibt da immer noch etwas zu entdecken. Augustus Wall Calcott ist im letzten Jahr etwas bekannter geworden. Nicht durch mich. Nein, er kommt in Mike Leighs Film Mr Turner vor. Sie sehen hier die Herren (von links) Turner, Shee (der Präsident der Royal Academy) und Callcott. Vielleicht hat es am ➱Varnishing Day in der Royal Academy ja so ausgesehen.

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