Das Wetter von morgen

 

Alle Figuren, die man sieht, spielen ihre Rolle gemäß dem Wetter, schrieb der Maler Nicolas Poussin an einen Malerfreund, dem er dies Bild zu beschreiben versuchte (Sie können mehr dazu in dem Post ➱Nicolas Poussin lesen). Das Wetter spielt nicht nur für die Maler eine Rolle, was wären die Schriftsteller ohne das Wetter?. Was wäre ➱Bulwer-Lytton ohne den Romananfang It was a dark and stormy night? Und ➱F.C. Delius wäre kein Doktor der Philosophie, wo er doch diese Dissertation Der Held und sein Wetter geschrieben hat. Damit hatte er mehr Arbeit als ➱Ursula von der Leyen mit ihrer Dissertation, denn seine Dissertation enthält keine ➱Plagiate.

Da ist mir eine Dissertation wie Der Einfluß der Seekrankheit auf Johann Wolfgang von Goethes Drama ‚Torquato Tasso‘ unter besonderer Berücksichtigung der Umstände – wie Wetter, Schiffstyp und Seegebiet doch lieber. Der Verfasser, der deutsche Admiral Karl Peter, bewarb sich allerdings nur um den Titel eines Doktors humoris causa, das Ganze war eine Satire. Ist aber sehr witzig. Wenn Frau von der Leyen einen Doktortitel dafür bekommt, dass auf der Hälfte ihrer 62-seitigen Inauguraldissertation Plagiate zu finden sind, dann ist das nicht witzig.

Und da wir gerade beim Klauen sind: den Titel des Posts habe ich bei Uli Becker geklaut. Der erlaubt mir das bestimmt, er guckt ja auch manchmal in diesen Blog, den Geburtstagspost ➱Uli Becker hat er auf jeden Fall gelesen. Und ansonsten gilt ja für das geschickte Klauen T.S. Eliots Satz: Immature poets imitate; mature poets steal; bad poets deface what they take, and good poets make it into something better, or at least something different. Dieses Bild ist von ➱Johan Christian Clausen Dahl, der hat natürlich längst einen Post. Weil ich alle Maler mag, die einen schönen ➱Himmel malen können. Es wirkt immer, wenn man den Horizont tief legt, das wussten die ➱Holländer schon im 17. Jahrhundert.

Ich war gerade zwei Monate in der Blogosphäre (wo das Wetter immer gleich ist), als ich ➱John Constables Wolken schrieb und dieses Bild an den Schluss stellte. Das Bild ist auch ganz vorne in dem Buch Weatherland: Writer & Artists under English Skies von Alexandra Harris, eine Kultur- und Literaturgeschichte des englischen Wetters. War ein Geburtstagsgeschenk von Dixie und Götz, für das ich mich hiermit ganz herzlich bedanke. Tolles Buch.

Ich werde verwöhnt, erst Weihnachten eine ➱Kulturgeschichte des Londoner Nebels und jetzt dies. Das erste, das ich in dem Buch zufällig fand, war ein Zitat von Henry Fuseli (= Heinrich Füssli). Der über seinen Kollegen John Constable anlässlich solcher Bilder wie dem im oberen Absatz sagte: I like de landscapes of Constable; he is always picturesque, of a fine colour, and de lights always in de right places; but he makes me call for my great coat and umbrella. Vielleicht hätte Fuseli zu seiner Zeit noch mit einem Regenschirm in die Royal Academy kommen können, heute wird das wohl kein Museum mehr zulassen. Mit einem ➱Regenmantel kommt man allerdings hinein.

Das hier ist König Lear im Regen, das ist die ➱Stelle in Shakespeares Drama, wo Lear in Sturm und Regen auf der Heide Blast, Wind‘, und sprengt die Backen! Wütet, Blast! – Ihr Katarakt‘ und Wolkenbrüche, speit, Bis ihr die Türm‘ ersäuft, die Hähn‘ ertränkt! sagt. Diese Szene mit Sir Laurence Olivier findet sich natürlich nicht in dem Fernsehfilm King Lear von 1983. Wann immer König Lear gelebt haben mag, Regenschirme gab es noch nicht. Dieses Photo ist bei den Dreharbeiten entstanden, ich hatte das Photo noch nie gesehen. Ich habe es, genauso wie das Zitat von Fuseli, in dem Buch Weatherland: Writer & Artists under English Skies gefunden.

Zum Thema Regenschirme hätte ich noch ein schönes Zitat von ➱Otto LudwigUnd auch heller wurde es. Schon zeigten sich Lücken im Gewölke. Das flog nun selbst wie eine endlose Folge dunkler Regenschirme in den Händen eilender Riesen am Himmel dahin. Der Mond stellte sich auf die Zehen und sah zwischen ihnen hindurch auf die nasse Straße herab. Die hielt ihm tausend Spiegel vor und er sah wohlgefällig, um wie viel schöner und vollwangiger er nun seit gestern wieder geworden war. Als Constable dieses beinahe apokalyptische Bild malt, ist er gerade frisch verlobt. Aber deshalb ist der Himmel nicht so schwarz, es ist das Jahr ohne Sommer. Das auch das Jahr des Beginns der ➱Vampirliteratur ist:

Unfortunately we do not now enjoy those brilliant skies that hailed us on our first arrival to this country. An almost perpetual rain confines us principally to the house; but when the sun bursts forth it is with a splendour and heat unknown in England. The thunder storms that visit us are grander and more terrific than I have ever seen before. We watch them as they approach from the opposite side of the lake, observing the lightning play among the clouds in various parts of the heavens, and dart in jagged figures upon the piny heights of Jura, dark with the shadow of the overhanging cloud, while perhaps the sun is shining cheerily upon us. One night we enjoyed a finer storm than I had ever before beheld. The lake was lit up — the pines on Jura made visible, and all the scene illuminated for an instant, when a pitchy blackness succeeded, and the thunder came in frightful bursts over our heads amid the darkness. Schreibt Mary Shelley aus der Villa Diotati. Und schreibt ihren Roman Frankenstein.

Thomas Hardy, in dessen Romanen (und Gedichten) das Wetter immer eine große Rolle spielt, hat zahlreiche Eintragungen im Index des Buches von Alexandra Harris. Und ich stelle mal eben sein Gedicht Weathers hierher (und ich habe das Gedicht hier auch von ➱Richard Burton gelesen). Was uns daran erinnern kann, dass der April nicht nur the cruellest month ist, sondern auch der ➱Poetry Month ist, und es hier wie in jedem Jahr wieder viele Gedichte geben wird. Aber erst einmal das Gedicht Weathers:

 

This is the weather the cuckoo likes,

And so do I;

When showers betumble the chestnut spikes,

And nestlings fly;

And the little brown nightingale bills his best,

And they sit outside at ‚The Traveller’s Rest,‘

And maids come forth sprig-muslin drest,

And citizens dream of the south and west,

And so do I.

 

This is the weather the shepherd shuns,

And so do I;

When beeches drip in browns and duns,

And thresh and ply;

And hill-hid tides throb, throe on throe,

And meadow rivulets overflow,

And drops on gate bars hang in a row,

And rooks in families homeward go,

And so do I. 

Der Regen in der zweiten Strophe ist ein Naturereignis, das man hier oben in Schleswig-Holstein (dem ➱echten Norden) besser kennt, als in irgendeinem anderen Bundesland. Hat die Statistik herausgefunden. Das wusste man hier oben schon vorher, wenn man auf der falschen Seite vom ➱Nord Ostsee Kanal wohnt. Hier sieht es natürlich nicht so elegant aus wie im Paris von ➱Gustave Caillebotte. Wir sehen dann eher so aus wie der Herr rechts neben King Lear. Aber vielleicht ist das auch der Narr, der dem König Lear in dieser Szene sagt: Ach, Gevatter, Hofweihwasser in einem trocknen Hause ist besser, als dies Regenwasser draußen. Lieber Gevatter, hinein und bitt‘ um deiner Töchter Segen: das ist ’ne Nacht, die sich weder des Weisen noch des Toren erbarmt.

Noch mehr Wetter in den Posts: Wetter, Wintersonnenwende, Vulkane, SoFiWeihnachtsgeschenke, Horace WalpoleFriedrich HalmParapluieRegenschirme

 

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