Liebesbriefe

 

Ich schaute auf das Tagesblatt bei Wikipedia. Ich hätte über ➱Denton Welch oder ➱Johann Heinrich Voß schreiben können, aber die beiden haben hier schon einen Post. Da entdeckte ich den Namen Johann Moritz Rugendas, den Mann über den der Argentinier César Aira diesen schönen kleinen Roman Humboldts Schatten geschrieben hat (hier eine ➱Leseprobe). Rugendas‘ Leben hat Ähnlichkeiten mit dem Leben des Malers ➱Wilhelm Heine, aber es gibt in seinem Leben noch eine kleine amouröse Geschichte, die wir bei Heine (oder bei Rugendas‘ Freund Robert Krause) vergeblich suchen werden. Damit meine ich nicht dieses Bild von Rugendas, auf dem die Damen der feinen Gesellschaft am Strand von Chorillos bei Mirafloes (Lima) beim Baden abgebildet (1844 badet man so, auch in ➱Helgoland). Als er es malt, ist er schon zehn Jahre in Chile.

So sieht es bei dem Coronel Eduardo Gutike Mundt zu Hause aus. Der Kavallerieoffizier fläzt sich mit seinen eleganten weißen Hosen auf der Chaiselongue. Links neben ihm ist seine Gattin, rechts ein guter Freund des Hauses. Wollen wir mal eben eine schöne Dreicksgeschichte erfinden? Wir brauchen Sie nicht zu erfinden, es hat sie gegeben. Die Dame links neben unserem Oberst ist seine Gattin, der Herr rechts ist – nun, nennen wir ihn einen Hausfreund.

Er heißt Johann Moritz Rugendas und wurde am 29. März 1802 geboren. Er ist Maler. Mit neunzehn Jahren begleitete er den Baron Georg Heinrich von Langsdorff als Zeichner nach Brasilien. Mit Langsdorff (der die Krusensternsche Expedition mitgemacht hatte) verstand sich Rugendas überhaupt nicht. Aber dann lernt er in Paris Alexander von Humboldt kennen, der von den Bildern von Rugendas begeistert war. Er unterstützt ihn auch bei der Drucklegung des Buches Voyage pittoresque dans le Brésil, das hundert Lithographien enthält. Das ➱Buch wird ihn berühmt machen. Rugendas lernt in Paris aus Delacroix kennen, dessen Malstil ihn beeinflussen wird. Wir können das in dem Bild von den Badenden am Strand von Mirafloes sehen.

Humboldt hatte ihn gewarnt: Hüten Sie sich vor den gemäßigten Zonen, vor Buenos Aires und Chili und vor schnee- und vulcanlosen Wäldern, vor Orinoco und Amazonenstrom oder gar vor den kleinen Inseln. Ein großer Künstler wie Sie muß das Große suchen. Rugendas wird sich nicht vor Chile hüten. Acht Jahre seines Lebens wird er dort bleiben, und das hat seinen Grund. Bevor er nach Chile geht, ist er einige Zeit in Mexiko. Wird in eine ➱Verschwörung gegen General Santa Anna (das ist der mit dem ➱Alamo) hineingezogen und muss das Land verlassen. Nicht, ohne zuvor dem General seine Hazienda zu malen (Bild).

Lassen Sie mich jetzt zu dem Bild im zweiten Absatz kommen. Wir sind in Chile, in Talca. Der Deutsche, der in der chilenischen Armee untergekommen ist, hatte 1825 die junge Carmen Arriagada García geheiratet. Ihrem Vater Pedro Ramón Arriagada gefiel der Preuße, der jetzt in der chilenischen Armee dient, nicht so sehr. Aber was will er gegen seine willensstarke Tochter unternehmen? Carmen gefällt der Oberstleutnant, der 1830 aus politischen Gründen seinen Abschied nehmen muss, nach einigen Jahren nicht mehr. Sie langweilt sich, verfällt in Depressionen. Und da kommt Johann Moritz Rugendas (der diese drei Bilder von ihr malt). Warum ist noch kein Regisseur darauf gekommen, diese Geschichte zu verfilmen?

Dies ist das schönste Bild, das Rugendas von seiner Geliebten gemalt hat. Es zeigt uns eine junge Frau der feinen Gesellschaft, der man eine eigene Meinung und ein eigenes Leben zutraut: Heute war ich voller Wonne aufgewacht, mit dem wohltuenden Gedanken, dass ich einen zärtlichen Brief von Dir bekommen würde, mein Freund, doch ich sah den Tag verstreichen, und die Post ist noch nicht gekommen, ich werde eine Nacht in Sehnsucht und Unruhe verbringen, weil ich jetzt die gleichen Ängste habe wie bei der letzten Post; vielleicht ist es sein letzter Brief, ist es sein Abschied, schreibt sie 1837. Es ist kein Abschied, die Sache mit den Briefen an den Mi bien querido, mi dulce amigo geht noch lange weiter. Eine mujer apasionada hat sie ➱Oscar Pinochet de la Barra genannt, der 1989 die Briefe von Carmen Arriagada García an den deutschen Maler herausgegeben hat. Über zweihundert Briefe in sechzehn Jahren, eine Liebe per Post.

Er wird jung (und arm) sterben, sie wird sehr lange leben. Das Ganze ist eine Geschichte, die noch mehrerer Romane und Filme bedarf. Solche Geschichten sind nie zu Ende.

Advertisements

Über jay

Literatur-Kunst-Film-Mode-undsoweiter
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s