Zähmung

 

Am 6. April des Jahres 1327 soll der italienische Dichter Francesco Petrarca in der Kirche von St. Claire in Avignon zum ersten Mal seine Laura gesehen haben. Sagt er. Er hat auch erzählt, dass er auf dem Mont Ventoux war. Weiß man auch nicht so genau. Was man aber genau weiß, ist dass er jetzt anfängt ganz furchtbar viel Sonette zu schreiben. Die von anderen Dichtern übersetzt, paraphrasiert und nachgeahmt werden. Die Blüte der englischen Lyrik zur Zeit von Elizabeth I, was wäre sie ohne Petrarca? Und das hört nie auf mit dem Imitieren von Petrarca. Von einer Pest des Petrarkismus spricht Ernst Robert Curtius in seinem Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Ist ein Satz, der mir immer gefallen hat.

Ich fange mal anders an. Wir sind hier in der Episode Vanishing Point von Inspector Lewis, einer Serie, die ➱hier natürlich einen Post hat. Es ist wieder einmal alles kompliziert, und Kunst und Literatur spielen auch eine Rolle. Des Rätsels Lösung scheint eine Postkarte zu sein, auf der It was no dream steht. Mehrfach suchen Lewis und sein Sergeant Hathaway das Ashmolean Museum auf, in dem das Bild von Paolo Ucello hängt, das wir auch auf der Postkarte sehen konnten. Über das Lewis diesmal mehr weiß, als sein ständig besserwisserischer Sergeant: er hat das Bild von Ucello zuhause auf einem Satz Untersetzer.

Es ist ein wunderbares Bild. Als ich klein war und das Bild in einem Kunstband fand, konnte ich mich nicht daran sattsehen. Als ich in dem Roman The Collector von John Fowles las: the design hits you the moment you see it. Apart from all the other technical things. You know it’s faultless, da dachte ich mir, dass das von mir sein könnte. Später kaufte ich Postkarten davon und verschickte sie. Das Bild ist ein frühes Beispiel für den punto di fuga, den Fluchtpunkt. Die Malerei entdeckt jetzt die Perspektive. Diese Jagd im Wald ist wohl das berühmteste Bild im Ashmolean Museum.

Die Kuratorin des Museums weist unsere Detektive darauf hin, dass die Zeile It was no dream bei Thomas Wyatt steht. Und damit komme ich noch einmal zu dem Gedicht von Wyatt, das sich in dem Post ➱Anne Boleyn findet (und das ich vor Tagen in dem Post ➱April, April erwähnte), die Sache mit der Jagd nach der Hirschkuh, die den Jäger immer tiefer in den Wald hineinzieht. Und wo er am Ende erkennen muss, dass das ganze cherchez la femme vergeblich war:

Who list her hunt, I put him out of doubt,
As well as I, may spend his time in vain.
And, graven with Diamonds, in letters plain,
There is written, her fair neck round about:

Noli me tangere, for Caesar’s I am,
And wild for to hold – though I seem tame.

Was ich nicht wusste – und das liegt nun daran, dass ich kein Fan des Dichters Edmund Spenser bin (weil er am liebsten alle Iren ausgerottet hätte) – ist die Tatsache, dass auch Spenser die Vorlage von Wyatts Gedicht, Petrarcas Una candida cerva sopra l’erba, bearbeitet hat. Allerdings mit einem ganz anderen Ende, bei dem die Hirschkuh nicht länger vor dem Jäger flieht. Die Jagd auf Hochwild, die in der elisabethanischen Zeit König und Adel vorbehalten ist, wird von den Dichtern schnell zu einer Metapher der courtly love, das erklärt die Kuratorin des Ashmolean unserem Inspector Lewis.

Wenn Sie das etwas gelehrter haben wollen, zitiere ich mal eben einen Absatz aus Wolfgang Weiss‘ ➱Buch Die elisabethanische Lyrik: Das Sonett „Whoso list to hunt“ zeigt Wyatts Adaptionsverfahren besonders deutlich. Die symbolische Vision der weißen Hindin im Sonett Petrarcas wird hier zu einer ausgedehnten Jagdmetapher um­gestaltet, die in ihrer sprachlichen Form ebenso unpetrarkistisch wie in ihrer Aussage antihöfisch ist. Die Jagdmetaphorik dient Wyatt dazu, Vernunft, irrationales Getriebensein und Resignation als miteinander im Konflikt liegende Tendenzen in der Psyche des Liebhabers darzustellen. Das Werben um die abweisende Angebetete – das Standardthema von Petrarca – ist eine komplizierte Sache. Das symbolisiert sich auch in der Kleidung: wie lange wird ein elisabethanischer Liebhaber brauchen, um diese Dame auszuziehen?

Ich bin auf Edmund Spenser gekommen, weil ich gerade dies ➱Buch gelesen habe: Amoretti, Anacreontics, Epithalamion. Eine zweisprachige Ausgabe, von Thomas Eichhorn übersetzt (und mit einem Geleitwort von Manfred Pfister), im letzten Jahr erschienen bei der Edition Signathur (die auch den schönen Band über ➱Michael Drayton verlegt haben). Manches darin, wie die Anacreontics ist hier zum ersten Mal ins Deutsche übertragen worden. Spensers Sonett 67 ist ein Wendepunkt in seinen Amoretti. Sechsundsechzig Sonette hat er sie angefleht, ihn zu erhören. Nun scheint es so weit. Das Reh flieht nicht mehr, es kommt zurück. Eine Zähmung, von der die Männer träumen:

Like as a huntsman after weary chase,
Seeing the game from him escap’d away,
Sits down to rest him in some shady place,
With panting hounds beguiled of their prey:
So after long pursuit and vain assay,
When I all weary had the chase forsook,
The gentle deer return’d the self-same way,
Thinking to quench her thirst at the next brook.
There she beholding me with milder look,
Sought not to fly, but fearless still did bide:
Till I in hand her yet half trembling took,
And with her own goodwill her firmly tied.
Strange thing, me seem’d, to see a beast so wild,

So goodly won, with her own will beguil’d.

Manfred Pfister und Thomas Eichhorn versichern uns in Vor- und Nachwort, dass wir die Liebeslyrik von Spenser nicht autobiographisch nehmen sollten. Es wird bis zum 18. Jahrhundert dauern, bis bei ➱Klopstock ein wirklich subjektives Ich im Gedicht auftaucht. Manches ist allerdings in den Amoretti schon biographisch, die neunundachtzig Sonette begleiten sein Werben um Elizabeth Boyle. Und das ➱Epithalamion hat sicher etwas mit seiner eigenen Hochzeit zu tun. Spensers Zeitgenossen haben ihn the Prince of Poets genannt, für Charles Lamb war er the Poets‘ Poet. Schön und gut. Aber ich werde bei diesem großartigen Dichter niemals Sätze los, mit denen er beschreibt, wie die Iren zu bezähmen sei: by the sworde; for all those evilles must first be cutt awaye with a stronge hande, before any good cann bee planted; like as the corrupt branches and unwholsome lawes are first to bee pruned, and the fowle mosse clensed or scraped awaye, before the tree cann bringe forth any good fruicte.

Da können die Rehe so zahm sein, wie sie wollen, in Edmund Spenser ist viel Hass. Und seien wir ehrlich, das Sonett 67 hat einen schwachen Schluss, der den ganzen Effekt, auf den Petrarca (und Wyatt) hingearbeitet hatten, zunichte macht. Wenn wir Rehe haben wollen, die nicht weglaufen, dann haben wir dafür bessere Gedichte. Wie zum Beispiel dies:

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei.
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
gegen den Wind an den Baum,
und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.
 



Noch mehr Petrarca in diesen Posts: PetrarcaMont VentouxLauraMichael DraytonAnne BoleynMartin OpitzLonnie DoneganMount EverestNachbarn

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