Terracotta

 

Vasari hat ihm den Namen Matteo Civitali gegeben, er hat kein eigenes Kapitel in seinem Werk über die Künstler für ihn. So wichtig ist er ihm nicht. Nein, er behandelt den Bildhauer, Maler und Architekten Matteo Civitali im Kapitel über Jacopo della Quercia. Zu dessen Schüler er Matteo Civitali macht. Der war allerdings erst zwei Jahre alt, als Jacopo della Quercia starb. So informativ Vasari mit seinen Künstlerbiographien ist, er ist leider immer voller Fehler. Der Maler Giambattista Paggi weiß zu erzählen (was viele Autoren übernommen haben), dass dieser Matteo sich erst mit vierzig Jahren den Künsten zugewandt habe. Zuvor sei er barbiere gewesen. Wenn wir an dieser Stelle an den Friseur denken, liegen wir falsch. Das sind Wundärzte und Chirurgen für die kleinen Leute, nicht so angesehen wie die Ärzte, die studiert haben. Aus dieser Tradition der Bader rührt es immer noch her, dass englische Chirurgen mit Mister angeredet werden, selbst wenn sie einen Doktortitel haben.

Unser Matteo Civitali – oder Matteo di Giovanni Civitali (so nennt ihn ➱Martina Harms in ihrem Werkkatalog) – wurde heute vor 580 Jahren geboren. Er ist in Lucca, wo er den größten Teil seines Lebens verbringt, der führende Künstler der Frührenaissance. Bei dem Namen dieser Stadt fällt mir der Romananfang von Eichendorffs ➱Marmorbild ein: Es war ein schöner Sommerabend, als Florio, ein junger Edelmann, langsam auf die Tore von Lucca zuritt, sich erfreuend an dem feinen Dufte, der über der wunderschönen Landschaft und den Türmen und Dächern der Stadt vor ihm zitterte… Aber mit dem Marmorbild, das den jungen Florio verwirren wird, haben Civitalis Statuen nicht zu tun. Wir sind in der Frührenaissance, da ist noch die Welt der Bibel angesagt. Dies hier ist die Heilige Elisabeth von Matteo Civitali. Die erstaunlich lebendig wirkt und nichts von einer antiken Statue hat.

Der Katalog des Isabella Stewart Gardner Museum aus dem Jahre 1935 beschreibt Matteo Civitali als an unusually realistic and sentimental sculptor for his period. Diese Alltagslebendigkeit der Hl. Elisabeth können wir auch in dieser lebensgroßen Maria mit dem Christuskind erkennen. Dies ist ja mehr als eine Maria mit der üblichen Beigabe Kind: The composition is a striking example of this artist’s ability to create highly evocative poses and interaction among sculptural figures. The dynamic relationship between the mother and child is conveyed through their bodies which lean into each other, while also opening up to the viewer in an almost impossibly balanced arrangement. Für Kunsthistoriker ist das Werk ein Beispiel dafür, dass sich die Ratschläge für ein harmonisches Familienleben von Fra Giovanni Dominici durchgesetzt haben. Denn der hatte in Regola del governo di cura familiare gefordert, dass man Bilder der Madonna mit ihrem Kind in den Kinderzimmern als Beispiele für das gute Benehmen aufstellen solle.

Dies ist keine der lebendigen Madonnen von Matteo Civitali, das ist die Millionärsgattin Isabella Stewart Gardner (hier gemalt von ➱Anders Zorn), die die Gruppe da oben gekauft hat. Hat sie ➱Wilhelm von Bode weggeschnappt, der sie gerne für die Berliner Sammlungen gehabt hätte. Aber Isabella Garner wollte diese kleine Gruppe unbedingt haben, ihr achtzehn Monate alter Sohn war gestorben, im Jahr danach hatte sie eine Fehlgeburt. Die Kunst wird ihr zum Kinderersatz. Wenn sie dann noch von ihrem Vater ein Vermögen erbt, wird sie sich in Europa Kunst für ein ganzes Museum zusammenkaufen.

Matteo Civitali hat diesen Typ der lebensecht erscheinenden Figuren nicht erfunden, die gehen wohl auf Guido Mazzoni zurück (hier eine Detailfigur aus seiner Gruppe der ➱Anbetung der Hirten), wenn man nicht den Florentiner Donatello als Vorbild annehmen will. Es ist eine eigentümliche Sache mit diesen polychromen Terracotta Figuren, wäre die ➱Nofretete aus kaltem weißen Marmor, sie hätte nicht diese Anziehungskraft. Die Terracotta Figuren leben von der Farbe. Isabella Gardner hatte die erworbene Gruppe original belassen, viele Sammler haben damals die Farbe abgekratzt, damit die ➱Terracotta ihren unbemalten Zustand bekam. Fand man um 1890 hübscher. Heute würde man sagen: Banausen.

Wilhelm von Bode mag zwar Isabella Stewart Gardner beim Ankauf der Madonna mit dem Kind unterlegen sein, aber ohne Matteo Civitali ist man in Berlin nicht. Die Hl Elisabeth oben ist – wie dieser kleine Johannes der Täufer – in dem Museum, das heute Bodes Namen trägt. Bode brauchte übrigens nichts dafür zu bezahlen, es war ein Geschenk von Alfred Breit. Einem Hamburger Millionär, der ähnlich wie der Bankier ➱von Schröder oder der Reeder ➱Gustav Christian Schwabe in England lebte. Und der sich von Wilhelm von Bode beraten ließ, so wie sich Mrs Gardner von ➱Bernard Berenson beraten ließ. Und ihm andererseits auch wertvolle Schenkungen zukommen ließ. Diese Form des Mäzenatentums ist für Bode akzeptabel.

Dem Mann mit dem genial einseitig auf Bereicherung der staatlichen Sammlungen gerichteten Ehrgeiz (so Max J. Friedländer über Bode) gefallen allerdings die reichen Amerikaner überhaupt nicht. In seinem Nachruf auf John Pierpont Morgan wird er schreiben: Sein Zaubermittel war das Geld, er scheute sich nicht, für Kunstwerke das Doppelte, ja das Zehnfache und mehr von dem, was bisher für den höchsten Preis galt, auszugeben, und seine Zauberlehrlinge waren die Kunsthändler, die er meist mit Geschick auswählte und mit noch größerem Geschick an sich fesselte. 

Bode warnt 1913 in diesem Nachruf vor dem Ausverkauf der deutschen Kunst ins Ausland. Doch dieser Prozess ist jetzt nirgends mehr aufzuhalten. Das Geld regiert die Welt, und die amerikanischen Millionäre des Gilded Age wollen sich mit ihren Kunstkäufen einen kleinen Zipfel vom Mantel der Unsterblichkeit sichern. Nach dem Ersten Weltkrieg wird ➱Joseph Duveen einen beispiellosen Ausverkauf der englischen Kunst nach Amerika organisieren. Diesen Christus mit der Dornenkrone hat aber niemand bekommen, der ist heute immer noch im Museum von Lucca.

Und da heute der Himmelfahrtstag ist, habe ich noch ein kleines Gedicht von dem Barockdichter Josusa Wegelin für Sie:

Auf Christi Himmelfahrt allein

ich meine Nachfahrt gründe

und allen Zweifel, Angst und Pein

hiermit stets überwinde.

Denn weil das Haupt im Himmel ist,

wird seine Glieder Jesus Christ

zur rechten Zeit nachholen.



Weil Er gezogen himmelan

und große Gab empfangen,

mein Herz auch nur im Himmel kann,

sonst nirgends, Ruh erlangen;

denn wo mein Schatz gekommen hin,

da ist hinfort mein Herz und Sinn,

nach Ihm mich stets verlanget.



Ach Herr, lass diese Gnade mich

von deiner Auffahrt spüren,

dass mit dem wahren Glauben ich

mag meine Nachfahrt zieren

und dann einmal, wann Dir`s gefällt,

mit Freuden scheiden aus der Welt.

Herr, höre doch mein Flehen!

Über jay

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