Magischer Realismus

 

Heute vor 130 Jahren wurde der Maler Carlo Mense geboren, seinen Namen werden Sie auf diesem sommerlichen Bild von der Kurpromenade in Bad Ems allerdings vergeblich suchen, weil er es mit Otto Marto signiert hat. Das war sein Künstlername im Künstlerbund Werkleute auf Haus Nyland. Das Bild, das ein wenig nach ➱Albert Weisgerber aussieht, ist nicht unbedingt typisch für Carlo Mense, aber was ist bei diesem Maler schon typisch?

Der Maler des Rheinischen Expressionismus und der ➱Neuen Sachlichkeit malt in den zwanziger und dreißiger Jahren auch ungerührt Rhein- und Mosellandschaften wie diese hier. Nun lebe ich in Köln-Bonn und versuche Bilder zu malen, die ich meinen Kölner unerreichbaren Vorbildern, dem Meister von St. Severin, dem Bartel Bruyn, den unbekannten niederrheinischen und westfälischen Meistern zur Kritik vorlege, schreibt er in einer sehr kurzen ➱Autobiographie, die 1920 erschien.

Bekannt ist er für dies Portrait von seinem Freund ➱Heinrich Maria Davringhausen – obgleich Davringhausens Portrait, das Anton Räderscheidt gemalt hat, vielleicht noch bekannter ist. Das ist in diesem Blog schon in dem Post ➱Bowler Hat zu sehen. Carlo Mense, Heinrich Maria Davringhausen und Anton Räderscheidt sind Maler der Neuen Sachlichkeit (oder vielleicht Maler des ➱Neusachlichen Klassizismus). Sie sind miteinander befreundet, und sie müssen mitansehen, dass die Nazis ihre Bilder aus den Kunsthallen entfernen und vernichten. Carlo Mense verliert durch die Beschlagnahmungen im Jahre 1937 vierunddreißig Bilder, die als entartet klassifiziert werden.

Mense war Professor an der Breslauer Akademie gewesen, aber die wurde 1932 durch die Zweite Preußische Notverordnung (die man auch den Preußenschlag nennt) geschlossen. Carlo Mense verliert seine Professur. Bekommt aber kurz danach ein Stipendium für Italien, dem Land, das er liebt. Er ist da in den zwanziger Jahren schon mehrfach gewesen. Da hat er diesen Frauenakt gemalt. Und diesen eindrucksvollen ➱Don Domenico. Carlo Mense genießt in Italien sein einjähriges Stipendium, er ahnt, was in Deutschland kommen wird. 1933 hetzt der Innenminister Wilhelm Frick: Schluß mit dem Geist der Zersetzung […] auch jene eiskalten, gänzlich undeutschen Konstruktionen, wie sie unter dem Namen der Neuen Sachlichkeit ihr Geschäft treiben, müssen ausgespielt haben.

Also, das Bild von Mense da oben ist sicherlich undeutsch, dies Bild dagegen ist deutsch. Warum? Weil es von Hitlers Lieblingsmaler Adolf Ziegler ist, den man auch den Reichsschamhaarmaler nennt (Hitler sagte über ihn: Ziegler ist der beste Fleischmaler der Welt. Lesen Sie mehr in ➱Aktmalerei). Es ist mir ein wenig peinlich, dass der Mann aus Bremen kommt. Dieser Ziegler wird von Hitler mit der Reinigung der deutschen Kunst beauftragt, die Ausstellung mit dem Namen Entartete Kunst ist zum großen Teil sein Werk. Die Rede, die er zur Eröffnung hält, können Sie ➱hier lesen. Sie sollten das unbedingt tun. Manches davon scheint heute zum Gedankengut der AfD zu gehören.

Ein Bild wie dieses wird Adolf Ziegler auch nicht gefallen haben, es ist von Menses Kollegen Christian Schad. Es muß doch einem das Grauen kommen, wenn man … sieht, wie … die deutsche Mutter als geile Dirne oder als Urweib und im Gesicht mit dem Ausdruck einer stupiden Blödheit durch solche Schweine verhöhnt wird. In allem kann man sagen, was einem anständigen Deutschen heilig ist, mußte notwendigerweise hier in den Schmutz getreten werden. Das ist Originalton Ziegler. Der im alltäglichen Geschäft nicht so kampflustig war, wie er sich hier gibt. Viele Kunsthallendirektoren haben ihm bei der Beschlagnahmung Kompromisse abgehandelt. Und er hat den angehenden Bremer Maler ➱Willi Vogel gefördert.

Ich musste mal was Nettes über Ziegler sagen, das tut ja sonst niemand. Ob Ziegler diesen Akt von Mense aus dessen Phase der Pittura Metafisica gemocht hat, weiß ich nicht. Aber man muss natürlich klar sagen, dass es zwischen dem Realismus der Neuen Sachlichkeit und dem Realismus der Nationalsozialisten gewisse Überschneidungen gibt (wir lassen den russischen Realismus mit Malern wie ➱Deineka mal aus). Ich hätte ➱hier einen wirklich interessanten Aufsatz von Hans-Ernst Mittig zum Thema Umgang mit der Nazikunst.

Menses Freunde Davringhausen und Räderscheidt gehen ins Exil, da sie jüdische Ehefrauen oder Freundinnen haben, Carlo Mense bleibt in Deutschland. Er war schon im Ersten Weltkrieg Soldat (und diente 1904 als Einjährig-Freiwilliger), er wird nach dem Krieg einen seltsamen Satz schreiben: Rußland war so schön, daß ich Gott danke den Krieg mitgemacht zu haben, nur dort gibt es Wälder, Menschen, Tiere, Dörfer von Ewigkeit her! Neben diesem ästhetischen Erlebnis der Landschaft steht aber auch die Begegnung mit der jüdischen ➱Kultur Polens und Weißrußlands, 1917 entsteht seine Graphik Judenpogrom (Katalognummer ➱423).

Mense hat ein besonderes Verhältnis zu Rußland. Ein Jahr vor dem Krieg hatte er eine Bankierstochter aus St Petersburg kennengelernt. War er ihr verfallen, wie Hans Castorp der ➱Clawdia Chauchat? Wir wissen es nicht genau, aber sie muss ihn schwer beeindruckt haben. Die junge Dame kam übrigens aus der Familie Knoop, ein Name, der in diesem Blog schon in den Posts ➱Knoops Park und ➱Horace Walpole auftaucht. Und mit dem Baron Ludwig Knoop, der seine Millionen in Rußland machte und sein Schloss in St. Magnus hatte, sind noch andere verwandt, die schon in diesem Blog auftauchen: ➱Hans-Joachim Kulenkampff und ➱Ursula von der Leyen.

Bevor er wieder in den Krieg zieht, malt Mense, der eigentlich für den Krieg schon viel zu alt ist, 1940 diese Rast auf der Flucht nach Ägypten. Das ist sicherlich ein symbolischer Akt. Für den Offizier des Ersten Weltkriegs heißen die nächsten Stationen wieder einmal Polen und Rußland. Nicht, dass er da als Maler tätig wäre wie Fritz Mackensen, der 1942 im Alter von 76 Jahren als Major der Propaganda-Ersatzabteilung im besetzten Nordfrankreich See- und Strandbilder malt. 1945 begrüßte Mackensen die in Worpswede einmarschierenden Engländer mit dem ➱Hitlergruß. Die Limeys schossen ihm dann die Bilder von der Wand. Carlo Mense, über dessen Krieg man nicht sehr viel weiß, wird 1944 wieder bei seinen Eltern in Bad Honnef sein. Sein Atelier (und seine Bilder) in Köln sind von Bomben zerstört.

Es gibt auch Bilder von Carlo Mense, die nicht von Mense sind, wie dieses Bild hier. Das ist von dem Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der sich im großen Stil über die rheinischen Maler hergemacht hat. Und dieser Kunst der zwanziger und dreißiger Jahre wieder eine neue Beachtung hat zukommen lassen. Und damit Millionen gemacht hat (man schätzt seinen Gewinn auf 20 bis 50 Millionen Euro), er läuft aber nach kurzem Gefängnisaufenthalt schon wieder frei herum und gibt Interviews. Eigentlich wollte er immer nur malen, Geld habe ihn nie interessiert, hat er im Prozess gesagt.

Millionenbetrug ist ein Kavaliersdelikt geworden. Leute wie Beltracchi, Middelhoff oder Hoeneß sitzen nicht lange im Gefängnis, kleine Diebe meistens länger. Ich habe Beltracchi letztens im Fernsehen gesehen, ein schmieriger Typ, der es genoss, der Darling der Medien zu sein. Im Weinkeller des Kunstgenusses hat er gewissermaßen die Etiketten von den Flaschen gelöst und zwingt nun alle, die für Kenner und Genießer gelten, zur Blindverkostung, schrieb Burkhard Müller im letzten Jahr im Merkur. Malerisch wird er als Genie gefeiert. Lässt ➱Han van Megeren und ➱Lothar Malskat weit hinter sich, aber ein ➱Krimineller bleibt er doch.

Dieses Bild (Bildnis des Herrn Underberg von 1922) ist nicht gefälscht. Wenn wir den Herrn im ➱Kreidestreifen Anzug mal eben beiseite schieben, zeigt uns die bühnenmäßige Rauminszenierung, dass Carlo Mense mit den Bildern von ➱Giorgio de Chirico und der Pittura Metafisica vertraut ist. Was kein Wunder ist, denn 1922 hatte er in Florenz zusammen mit der Valori Plastici Gruppe Bilder ausgestellt. 1925 wird er die Ausstellung Neue Sachlichkeit in Mannheim beschicken, die Gustav Friedrich Hartlaub organisiert hatte.

Der Münchner Kunsthistoriker Franz Roh (der auch als eine Art Agent die Bilder von Mense verkaufte) hatte mit seinem Buch Nach-Expressionismus: Magischer Realismus. Probleme der neuesten europäischen Malerei einen neuen Namen gefunden. Magischer Realismus klingt auch heute noch gut. Gustav Friedrich Hartlaub war an der ➱Bremer Kunsthalle der Assistent von ➱Gustav Pauli (dessen Gattin ➱Sommer in Lesmona geschrieben hat) gewesen, jetzt durfte er in Mannheim die deutsche Avantgarde fördern. Er versuchte 1933 in einer ähnlichen Ausstellung, die den harmlosen Titel Deutsche Provinz – Beschauliche Sachlichkeit hatte, diese Maler noch einmal zu fördern. Aber die meisten von ihnen waren längst im Exil. Und Hartlaub wurde wenige Wochen später seines Amtes enthoben.

Wenn Mense aus dem Krieg heimkehrt, malt er als eins seiner ersten Bilder diese Industrielandschaft. Geradezu visionär, aber das ist es ja auch, was den deutschen Magischen Realismus auszeichnet. Ob das Carlo Mense ist, Franz Radziwill oder Georg Scholz (gegen dessen ➱Bahnwärterhaus Hoppers ➱Nighthawks ärmlich aussehen), die Bilder haben jenes Geistige, Unheimliche, das den besten Bildern der neuen Richtung – inmitten ihrer Gelassenheit und scheinbaren Nüchternheit – innewohnt (Franz Roh).

Die Literatur zu Carlo Mense ist heute leider so gut wie vergriffen, bis auf den Katalog, den Ketterer 1972 zu Menses erster Ausstellung nach dem Krieg herausbrachte. Leicht erhältlich ist aber noch der bei Prestel erschienene hervorragende Katalog Realismus: Zwischen Revolution und Reaktion 1919-1939. Der lohnt den Kauf unbedingt. Ich hätte dann hier noch ein kleines ➱Video, wo zu den Klängen von Mahlers Ich bin der Welt abhanden gekommen eine Vielzahl von Bildern von Carlo Mense gezeigt werden. Und dass es ➱hier eine Carlo Mense Seite gibt, will ich auch nicht verheimlichen.

Noch mehr zu dem Thema Magischer Realismus und Neue Sachlichkeit in diesen Posts: Bowler Hat, Franz Radziwill, Richard Oelze, Realisten, Grant Wood, ythlaf, Alexander Alexandrowitsch Deineka, Zeitlos, Ernst Becker-Sassenhof

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