Kometenschwanzleben

 

Eichen kann er gut malen, der Georg Heinrich Crola, der am 6. Juni 1804 geboren wurde. Wahrscheinlich hat er bei Caspar David Friedrich das Malen von deutschen Eichen gelernt, gegen seine Eichen ist nichts einzuwenden. Blitzsauber. Wunderbar für die Kunstpostkarte geeignet. Auf der Wanderschaft durch den Harz und Franken kam er 1830 nach München, wo er bis 1838 verblieb und sich zu einem ausgesprochenen Maler des deutschen Eichenwaldes, namentlich durch Motive bei Murnau angeregt, entfaltete, den er auf Grund eifrigen Naturstudiums als stimmungsvolles Motiv beherrschen lernte, sagt die Deutsche Biographie. 

Die Kunsthalle Kiel besitzt von Crola ein Werk aus der Münchener Zeit. Heißt Die Alpenspitze bei Partenkirchen. Ist noch in der Zeit von Titelnot als Direktor der Kunsthalle (lesen Sie ➱hier mehr) von der Galerie von Negelein gekauft worden, ➱Jens Christian Jensen wäre wohl nicht auf die Idee gekommen, so etwas anzukaufen. Ich finde das Bild scheußlich. Aber Georg Heinrich Crola ist heute nicht in diesem Blog, weil er ein guter Maler war, sondern weil er das schöne Wort Kometenschwanzleben erfunden hat.

Hier haben wir noch mal eine Eiche, mit einem aufziehenden Gewitter über dem Chiemsee. Die Wellen des Chiemsees gefallen mir nicht so sehr. Sie haben wenig mit wirklichen Wellen zu tun. Sehen eher so aus, als wären sie aus der holländischen Marinemalerei geklaut. Dazu würde passen, was John Ruskin über die Wellen von ➱Ludolf Bakhuizen gesagt hat: the small waves en papillote, and peruke-like puffs of farinaceous foam, which were the delight of Backhuysen and his compeers.

Das Gewitter am Chiemsee (das von Georg Heinrich Busse in Kupfer gestochen wurde und so eine große Verbreitung bekam) ist ja nett für einen Kupferstich oder eine Kunstpostkarte, viel mehr nicht. Obgleich sich Crola bemüht hat, diesen Augenblick wiederzugeben, in dem wir zweierlei Licht im Bild haben: das eigenartige gelbe Restlicht, schon leicht angefressen, und die Dunkelheit der Gewitterwand. Das haben, seit Ruisdael seinen Judenfriedhof gemalt hat, immer wieder Maler auf die Leinwand zu bannen versucht.

Hier ist es der amerikanische Maler Martin Johnson Heade, der zu den Luministen gerechnet wird (die ➱hier schon einen Post haben), der noch ein Restlicht in sein Gewitter malt. Ich bin auf das geheimnisvolle Phänomen, das man so häufig am Himmel sehen kann, schon in den Posts ➱Hintergrund und ➱Richard Oelze eingegangen.

Der Chiemsee hat immer wieder Maler angezogen, der liebste der Chiemseemaler ist mir ➱Albert Stagura. Stagura malt in der freien Natur, beinahe immer allein. Er trägt eine ➱Lodenjacke, einen Filzhut und raucht immer eine Zigarre. Das erwartet man von einem Künstler. Er kann die Zeichen der Natur voraussagen, er ist stolz darauf, dass er eine halbe Stunde vorher einen Wetterwechsel erkennt. Also ihm wäre das nicht passiert, dass er wie Heinrich Drendorff im Gebirge vor einem Gewitter Schutz suchen muss. Und so bleibt ihm auch der Freiherr von Risach mit dem sanften Gesetz erspart. Uns als Lesern von Stifters Nachsommer leider nicht (Freunde von Adalbert Stifter lesen jetzt bitte diesen ➱Post).

Die ständigen wechselnden Stimmungen des Lichts, wenn die Wolken aus Italien über die Chiemgauer Alpen hereingeschossen kommen, das ist sein Thema. Er ist in seinen Bildern manchen Malern der Haager Schule, die ➱licht en lucht einfangen, wie zum Beispiel Hendrik Weissenbruch, sehr ähnlich. Er ist zwar einmal in Holland (und auch einmal in Venedig) gewesen, aber diese Aufenthalte haben ihm nichts gegeben. Wenn man die bayrischen Alpen liebt, ist Holland nichts für einen.

Die Gewitterstimmungen von Albert Stagura auf den beiden Bildern oben sind natürlich viel besser als das Bild von Crola. Es stellt sich nur die Frage, ob der Maler en plein air dies Gewitter hier hätte kommen fühlen. Das ist ein Photo vom Chiemsee aus dem Jahre 2012, als ähnliche ➱Gewitter, wie Bayern sie in der letzten Woche erlebte, über den Chiemsee tobten.

Heinrich Crola kam 1825 nach Dresden und wurde Schüler von Caspar David Friedrich und Johan Christian Clausen Dahl. Sein Geld verdiente er als Dosenmaler (sein Großvater war ein berühmter Porzellanmaler gewesen) bei einem Dresdner Fabrikanten, er war damit nicht unglücklich: Der Erwerb durch die Dosenmalerei ging mir leicht von der Hand. Dadurch konnte ich auch meinen sehnlichen Wunsch erfüllen, einige Wochen in der Sächsischen Schweiz zuzubringen, versichert er uns in seinen Erinnerungen.

1828 wird der Herzog von Coburg-Gotha (der Vater von Victorias Ehemann ➱Albert) beim sächsischen Kronprinzen einige Arbeiten von Crola. Und schon hat er einen Vertrag beim Herzog und darf Schlösser und Landschaften rund um Gotha malen (dies hier ist nicht Gotha, dies ist die biedermeierliche Elbe bei Loschwitz). Aber das Leben als Auftragsmaler gefällt ihm partout nicht, er hat diese romantische Idee vom ➱Künstler auf Wanderschaft. Eichendorff würde sagen: Mich brennts in meinen Reiseschuhn, Fort mit der Zeit zu schreiten.

Crola bezeichnet das Leben in Abhängigkeit vom Herzog als Kometenschwanzleben, ein wunderbares Wort. Er verlässt den Herzog und das freie Quartier auf dem Seeberg: Das Kometenschwanzleben in Coburg und Gotha wurde mir von Woche zu Woche zuwider. In Gotha war mir auf dem Grimmstein eine Wohnung auf dem vom letzten Gothaischen Herzog her bekannten Observatorium angewiesen worden. Von der Höhe dieses Schlosses gewahrte man in duftiger Ferne den blauen Streif des Brockengebirges. Täglich richtete ich mit sehnsüchtigem Verlangen das Fernglas hinüber.

Der Herzog lässt den jungen Mann gerne gehen: Meine Manieren fanden bei besonderen Gelegenheiten so wenig Beifall, dass der Herzog mich eines Tages wissen liess, er wolle mich nicht abhalten, unabhängig von seinen Diensten meine Studien fortzusetzen. Von nun an malt er keine Dosen keine gothaischen Schlösser mehr. Jetzt gibt es kein Kometenschwanzleben mehr, jetzt ist er ein freier Mann, um geradewohl in das offene Meer des Lebens hineinzusegeln. Im Ilsetal wird er die Berliner Malerin und Bankierstochter Elisabeth Fränkel kennenlernen. Und heiraten. Wenn man eine Bankierstochter heiratet, dann hat man kein Kometenschwanzleben mehr.

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