Bildbeschreibung

Gibt man den Begriff Bildbeschreibung bei Google ein, bekommt man hunderte von Anleitungen, wie man das richtig macht. Für Kunsthistoriker sind Bildbeschreibungen etwas Selbstverständliches, aber die Kunst der Beschreibung wird auch schon in der Schule geübt. Interessant wird das Ganze, wenn sich Schriftsteller diesem Thema widmen. Denn Prosa kann auch etwas mit dem Sehen zu tun haben. Sagt auf jeden Fall Joseph Conrad: My task which I am trying to achieve is, by the power of the written word, to make you hear, to make you feel — it is, before all, to make you see. That — and no more, and it is everything. If I succeed, you shall find there according to your deserts: encouragement, consolation, fear, charm — all you demand; and, perhaps, also that glimpse of truth for which you have forgotten to ask.

Ich habe heute eine Bildbeschreibung der besonderen Art. Sie ist von Horace Walpole, einem Mann, der in diesem Blog kein Unbekannter ist. Der Mann, der die ➱Gothic Novel erfunden hat, hat ➱hier schon einen Post, und er wird in einer Vielzahl von Posts erwähnt. Das Bild, das er beschreibt, ist von dem englischen Maler George Stubbs. Es heißt Horse Frightened by a Lion und hängt heute in der Tate Gallery. Englands berühmtester Pferdemaler hat die Begegnung von Pferd und Löwen immer wieder gemalt: The dramatic theme of a lion attacking a horse is one of the most important in Stubbs’s art and one which preoccupied him for over thirty years. It admirably combined his legendary anatomical precision as an animal painter with the heroic action, drama and sentiment required of the elevated genre of History Painting. Das lassen wir mal weg, wir schauen uns nur dieses Bild an. Und lesen Walpoles On seeing the celebrated startled horse painted by the inimitable Mr Stubbs:

– And picture snatch the palm from life.

How weak are words the passions to display,

How artificial sounds are thrown away!
When startled nature rushes through the eyes,
In all the force of terror and surprise!
Look there, proud Sage, thy learned spleen repress,
Look there convinc’d – th‘ extorted strewth confess,
Convinc’d, transfix’d, repress thy learned spleen,
Is that an engine! that a mere machine!
Did ever terror through the senses look
With more astonish’d force! – fling down thy book,
Vain Man! read nature there by reason taught;
Nature and reason are together fraught
In that sublime essay – my blood runs back,
My fibres tremble, and my sinews slack;
I feel his feelings: how he stands transfix’d!
How all the passions in his mien are mix’d!
How apprehension, horror, hatred, fear,
In one expression are concenter’d there!
How pois’d betwixt the love of life and dread,
With yielding joints, with wild distended head,
With ears shot forward, with stiff projected mane,
That all the workings of his soul explain,
He trembling stands! and on the lyon nigh
With frighted visage and with fasten’d eye,
He stares bereft, unable to retire!
The furious beast with fascinating fire
Dissolves his faculties: he’s root’d there.
How elegant, how tender, is his air;
His beauteous frame, in such convuls’d distress
Must all the anguish of his heart express:
In terms pathetic we peruse his pain,
And read his pang through each transparent vein.
Through that stretch’d nostril see each feeling fly,
And Garrick’s self might study close that eye;
Holland and he with ardor here may dwell.
And copy nature, if they can, so well.
Thy pencil, Stubbs, no rival need to fear
Not mimic art, but life itself is here.

 

Ein Bild, ein Gedicht. Und das Wortgemälde von Walpole ist gleichzeitig eine Art Traktat über die Darstellbarkeit von Gefühlen des terror and surprise, die der Dichter nicht beschreiben kann: How weak are words the passions to display. Nur der Maler, und nur der inimitable Mr Stubbs (hier zu Pferde), ist in der Lage das wiederzugeben. Walpole, der den Essay A Philosophical Inquiry into the Origins of Our Ideas of The Sublime and Beautiful von ➱Edmund Burke kennt, gesteht Stubbs zu: life itself is here. Das hätte Simonides von Keos anders gesehen, über den Plutarch den Satz berichtet: Poema pictura loquens, pictura poema silens.

Da ich mit Simonides von Keos einen Griechen zitiert habe, möchte ich noch einen anderen Griechen erwähnen. Der heißt Aris Sarafianos, und er hat zu dem Thema Stubbs, Walpole und Burke einen sehr interessanten ➱Aufsatz geschrieben, den die Tate Gallery auf ihrer Seite veröffentlicht hat. Die wissen, wie man so etwas macht. Die Museen von Aschaffenburg und Miltenberg sind nicht in der Lage, die Gemälde von ➱Philipp Wirth ins Internet zu stellen. Und auch viele große deutsche Kunsthallen bieten nicht die Informationen, die die Tate Gallery anbietet. Diese englische Standuhr ist hier nur als ein Beleg dafür, dass das Motiv von Löwe und Pferd, das Stubbs dreißig Jahre beschäftigt hat, auch in die populäre Kunst wandert. Das Bild über dem Zifferblatt wäre Walpole wahrscheinlich keine Zeile wert gewesen.

Der inimitable Mr Stubbs ist heute vor 210 Jahren gestorben. Er hat ➱hier natürlich längst einen Post. Er hat viele Pferde (aber auch anderes) gemalt. Pferde mögen mich nicht, das habe ich schon in dem Post ➱Derby geschrieben. Wo auch steht, dass mein Vater Pferde mochte und mich als ich klein war zu allen möglichen Pferdeschauen und Pferderennen mitgeschleppt hat. Selbst wenn ich keine Pferde mag, die Bilder von Stubbs habe ich immer gemocht. Einen Druck von diesem Bild hatte ich jahrzehntelang an der Wand. Es gefällt mir immer noch.

Wenn man mehr über Stubbs wissen will, dann gibt es nur einen Namen: Judy Egerton. Leider erwähnt der deutsche Wikipedia Artikel sie nicht unter der wichtigen Literatur. Judy Egerton war Assistant Keeper der British School in der Tate Gallery, 1984 hat sie die große Stubbs Ausstellung organisiert. Der Katalog ist bei Amazon zu Preisen zwischen 4,73 und 100 Euro zu bekommen. Sehr viel teurer ist das Buch, das sie fünf Jahre vor ihrem Tod vollendete. Es hat den schlichten Titel George Stubbs, Painter.

Und den Untertitel Catalogue Raissoné (man kann bei ➱Google Books Teile davon, aber nicht alles, lesen). Als das Buch 2007 auf den Markt kam, kostete es 95 Pfund, man kann froh sein, wenn man heute noch ein Exemplar für diesen Preis bekommt. Es ist der erste vollständige Werkskatalog, 700 Seiten voller Abbildungen. Das Paul Mellon Centre for Studies in British Art hat einige Millionen dazugegeben, sonst wäre ein Preis von unter hundert Pfund für das Buch nicht möglich gewesen. Vor einem halben Jahrhundert hätte man für 95 Pfund vielleicht noch einen Kupferstich von Stubbs bekommen, jetzt, wo seine Bilder zu zweistelligen Millionen gehandelt werden, nicht mehr.

Ich mag dieses Zebra. Das Tier gehörte der Königin Charlotte. Stubbs mochte das Bild offensichtlich auch, denn bis zu seinem Tode hatte das Bild sein Studio niemals verlassen. Der Hintergrund soll irgendwo in Afrika sein, sieht aber doch eher nach England aus. Und ein klein wenig nach dem Wald von ➱Georg Friedrich Kersting. Paul Mellon musste dafür 1960 zwanzigtausend Pfund auf den Tisch legen. Es war das teuerste Stück eines jumble sale bei Harrods, der Rest der Auktion waren alte Möbelstücke und Waschmaschinen.

Wenn ich zum Schluss noch ein Buch empfehlen darf, dann ist das Robin Blakes George Stubbs and the Wide Creation: Animals, People & Places in the Life of George Stubbs, 1724-1806. Im Gegensatz zu den beiden Titeln von Judy Egerton ist das Buch leicht zu finden und kostet nicht die Welt. Es ist eine gut lesbare Biographie und eine kleine Kulturgeschichte Londons und Englands im 18. Jahrhundert. Robin Blake schreibt eigentlich Romane, schreibt aber auch in der Financial Times über Kunst und hat eine Biographie über van Dyck geschrieben. Vieles in seinem Buch ist Spekulation, wir wissen nicht so viel über Stubbs. Also, außer dem, was sich in A Memoir of George Stubbs by Ozias Humphry und einem dreiteiligen Nachruf im Sporting Magazine findet.

Wo man im May 1808 über den kurzen Afrikaaufenthalt von Stubbs lesen konnte: One evening, while Stubbs and his friend were viewing the delightful scenery … a lion was observed at some distance, directing his way, with a slow pace, towards a white Barbary horse … the lion, finding him within his power, sprang in a moment, like a cat, on the back of the defenceless horse, threw him down, and instantly tore out his bowels. Es ist eine schöne Geschichte, aber sie ist wohl leider nicht wahr. Das ist immer so mit den schönen Geschichten.

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