Liverpool

 

Das bekam ich gerade von einer guten Bekannten aus Liverpool zugeschickt. Falls Sie die Unterschrift unter dem Gedicht nicht lesen können, da steht: Roger McGough. Der war mit seinen Gedichten mal der Held meiner Jugend. Ist lange her, aber ➱Let me Die a Youngman’s Death kann ich immer noch aufsagen. Die Queen wäre besser beraten gewesen, wenn sie ihn zum Poet Laureate gemacht hätte, statt dieser gräßlichen Carol Ann Duffy (lesen Sie mehr in ➱Hofdichter: Gott schütze die Königin). Man liest ihn gerne, der Liverpool Poet steht ein wenig in der Tradition von ➱John Betjeman, und das ist ja nicht das Schlechteste. Roger McGough ist in diesem Blog kein Unbekannter, in dem Post ➱Kathedralen können Sie lesen, wie ich ihn einmal getroffen habe. Da man das Gedicht The Gateway to the Atlantic auf dem Bild (die Tafel findet sich beim Liverpool Museum) nicht so gut lesen kann, gibt es den Text hier noch einmal:

I am the warm hello and the sad farewell

I am the path to glory and the road to hell

I am the gull on the wing and the salt in the air

I am the night patrol and the morning prayer

I am the port register, read the names with pride

I am the thickening fog and the quickening tide

I am the ferryboat, the slaver, the man-o‘-war

I am the keeper of the quays, welcome ashore

I am the starstruck, eternal romantic

I am the gateway to the Atlantic.

Roger McGough gehörte damals mit Adrian Henri und Brian Patten zu den ➱Liverpool Poets, die auf einem falsch gedruckten Plakat auf einer Lesereise durch Deutschland als Little Poor Poets angekündigt wurden. Das hätte McGough nicht schöner erfinden können. Es ist so ähnlich wie das Bremer Plakat, das die damals noch unbekannten Toten Hosen als die Toten Hasen ankündigte (da Trini Trimpop diesen ➱Post bei Facebook bekannt gemacht hat, hat der viele Leser gefunden). Als Roger McGough, Adrian Henri und Brian Patten vor einigen Jahren auf Lesetour durch England unterwegs waren, füllten sie noch ganze Säle, obgleich sie längst im Rentenalter waren. Denn ihre Leser haben sie immer geliebt.

Die drei Pop Poeten stehen hinter der kulturellen Revolution, die in den Sixties aus Liverpool kommt, nicht nur die Pilzköpfe. McGough begann seine Karriere bei der sagenumwobenen Band The Scaffold, er hat zwei Number One Hits geschrieben, die wahrscheinlich heute noch jeder in England singen kann: ➱Thank U Very Much und ➱Lily the Pink. Das reicht doch beinahe schon zum Anspruch auf einen Platz im Olymp. Leider hat seine wunderbar komische Autobiographie Said and Done keinen Index, so dass man nicht gezielt nach Namen wie Jimi Hendrix, Susan Sarandon oder ➱Philip Larkin schauen kann. Man muss das Buch schon von vorne bis hinten lesen. Wird eh jeder tun. Der Penguin Verlag hat 2003 McGoughs Collected Poems herausgebracht; zum ersten Mal erschien der Dichter bei Penguin 1967 in der Reihe Penguin Modern Poets im Band 10 The Mersey Sound. Meine Ausgabe ist von Roger McGough signiert, die steht aber hier nicht zum Verkauf.

 

Für beinahe ein Viertel derjenigen, die zwischen 1830 und 1930 Europa verließen, war Liverpool der letzte Hafen in Europa. Nicht für die Personen auf diesem Gemälde von Ford Maddox Brown, weil man im Hintergrund die ➱White Cliffs of Dover sehen kann, die durch Vera Lynn berühmter geworden sind, als durch Ford Maddox Browns Gemälde. Ich habe Dame Veras 99. Geburtstag in diesem Jahr leider verpasst, vielleicht schreibe ich einmal über sie. Ford Maddox Brown hat seine ganze Familie in das Bild gemalt, er spielte damals mit dem Gedanken, nach Indien auszuwandern. In dem Jahr, als er das Bild malte (von dem es unten noch eine spätere Aquarellversion gibt), haben 369.000 Briten das Vereinigte Königreich verlassen.

Erstaunlicherweise verlassen heute beinahe genau so viele Menschen das Vereinigte Königreich. Vielleicht sind es demnächst noch mehr, wenn England seine Verbindungen zum europäischen Kontinent aufkündigt. Liverpool war übrigens gegen den Brexit. Liverpool ist nicht mehr the gateway to the Atlantic (und möchte nicht mehr daran erinnert werden, dass der englische Sklavenhandel über diesen Hafen lief), aber es ist eine quirlige Stadt. Berühmte Leute kamen aus Liverpool, Jeremia Horrocks (der Astronom, den alle Leser von Thomas Pynchons Mason & Dixon kennen) und ➱Banastre Tarleton (dessen ganze Familie im Sklavenhandel reich geworden war). Aber auch Wayne Rooney und Catherine Walters. Liverpool ist übrigens auch einmal von Boris Johnson beleidigt worden. Und vor wenigen Jahren hat er behauptet, dass die Beatles durch London berühmt geworden seien, nicht durch Liverpool. Da wären Roger McGough und die Beatles wohl anderer Meinung. Viele englische Filme, die in London spielen, werden in Liverpool gedreht, weil das preisgünstiger ist. Wahrscheinlich hatte der damalige Bürgermeister von London deshalb die Städte verwechselt.

Und damit Boris Johnson noch ein bisschen über die Beatles lernen kann, hier sind die Posts, in denen sie vorkommen: Pilzköpfe, Kathedralen, Notting Hill, Cathy Gale, Christine Keeler, Kevin Johnson, Lord John Russell, Nico, Play Bach, Manfred Sexauer, Cordjackett, Chelsea Boots, Pierre Cardin, Thomas Gottschalk, Dandy?, Rückenschlitze, Richard Lester, Einer wird gewinnen, Secret Agents, Pauline Kael, Maciejowice, Luna de miel

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