orientalisch

 

Links vom Eingang war das große Zimmer, das Gerhard Rohlfs gewidmet war. Daneben war ein kleiner Tisch, an den sich Opa am Sonntag setzte, wenn er die Aufsicht im Heimatmuseum übernommen hatte. Neben dem Tisch war die Tür zu dem großen Saal im Erdgeschoß, der ganz dem Walfang gewidmet war. Schließlich hatten sich viele Kapitäne, die im 19. Jahrhundert ihr Vermögen mit dem Töten von Walen gemacht hatten, hier im Ort niedergelassen.

Als Melville seinen Roman ➱Moby-Dick schreibt, ist der Walfang weltweit auf dem Höhepunkt, danach geht er unter. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist auch ein Höhepunkt des Kolonialismus, Frankreich besitzt jetzt nicht nur die Maghreb Staaten, es erobert jetzt auch die Sahara. Die von Gerhard Rohlfs, dem berühmten Sohn unserer Stadt (hier mit seinem schwarzen Diener), als erstem Europäer durchwandert wurde (lesen Sie hier ➱Quer durch Afrika). Walfang und Kolonialismus: für beides war in unserem Heimatmuseum Platz.

Es gab auch Photos vom modernen Walfang. Modern heißt in diesem Fall: aus den dreißiger Jahren. Damals als ➱Walter Rau aus Hilter und sein Konkurrent Fritz Hohmann (FriHoDi) aus Dissen ihre Fabrikschiffe zum Abschlachten von Walen auf die Weltmeere schickten. Auf Rau und Hohmann war Opa nicht so gut zu sprechen, aber das hatte damit zu tun, dass er aus dieser ➱Gegend kam und die Familien kannte. Die beiden Bilder zeigen denselben Wal, nicht gejagt und getötet – der hatte sich im 17. Jahrhundert in die Weser verirrt. Beide Bilder sind von dem Maler Franz Wulfhagen. Das obere hängt in unserem Heimatmuseum, das andere im Bremer Rathaus. Es ist mit 955 × 355 cm so groß wie ein kleiner Wal.

Bis Opa um zehn das Museum öffnete, durfte ich im Saal mit den Walen und im oberen Stockwerk spielen, wo sich alles zur ➱DGzRS fand (schließlich kam der Gründer ➱Adolph Bermpohl aus dem Ort). Les enfants s’ennuient le dimanche galt für mich nicht. Die Räume, die Gerhard Rohlfs und dem Botaniker ➱Albrecht Roth gewidmet waren, waren allerdings für mich off limits (ich liebte damals solche Wörter, die ich von den amerikanischen Besatzungssoldaten aufgeschnappt hatte). Die Bibliothek des Afrikaforschers erschien mir auch nicht so interessant. Wenn man sechs ist, ist eine Harpune für den Walfang oder ein kleines Kunstwerk aus ➱Scrimshaw interessanter als ein Brief Goethes an Dr Roth. Heute würde mich der Goethebrief mehr interessieren. Das Heimatmuseum ist umgezogen, heute sieht das alles so ordentlich aus, die Bücher hinter Glas, all das gab es früher noch nicht.

Die Flaggen sind heute auch unter Glas, früher hingen sie an der Wand. Alles in den Räumen war von dem Studienrat Alwin Belger geordnet worden, der war der Lieblingslehrer meiner Mutter am Lyceum gewesen. Er hatte im Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger ein Bein verloren, und er ist in den letzten Kriegstagen zufällig durch einen englischen Tiefflieger getötet worden. Nur wenige Meter entfernt von unserem Heimatmuseum, in dem er die letzten Jahrzehnte mit der Aufarbeitung des Gerhard Rohlfs Nachlasses verbracht hat. Er wollte mal eben durch das Fernglas der Flakstellung neben dem Hotel Norddeutscher Hof schauen; wäre er im Museum geblieben, wäre ihm nichts passiert. Man hatte ihn noch auf eine Schubkarre von Polstermeister Üne Flügel gegenüber gelegt und zum Hartmannstift gefahren, aber es war ihm nicht mehr zu helfen. Sein geplantes Buch Die große Zeit deutscher Afrikaforschung und deutscher Kolonialarbeit: Nach dem Briefwechsel von Gerhard Rohlfs ist nie erschienen.

Das große Manko der Gerhard Rohlfs Zimmer war, dass es nur Bücher, Briefe (4.500) und Reisemitbringsel gab. Aber was interessierte mich das Tuch, das die Kaiserin von Abessinien ihm geschenkt hatte? Bilder von Afrika wie dieses von Eugène Giraud gab es da nicht. Der französische Maler, Karikaturist und Kupferstecher wurde heute vor 210 Jahren geboren. Er ist einer von vielen französischen Malern, die Algerien bereisen, wo für die Franzosen damals der Orient anfängt.

Girauds Afrika ist ein anderes Afrika als das von Gerhard Rohlfs, der zuerst als Apotheker und Wundarzt der Fremdenlegion nach Afrika kommt. Rohlfs (hier in Verkleidung) flieht aus der kleinbürgerlichen Stadt der Kapitäne und des Walfangs. Er sucht den Krieg (auf dem Schlachtfeld von Idstedt hatte man ihn zum Leutnant ernannt) und das Abenteuer, Giraud sucht die Schönheiten Algeriens. Oder Ägyptens, wie auf dem Bild im oberen Absatz: M. Eugène Giraud va chercher l’Orient en Espagne, aussi bien qu’en Algérie, et il le trouve partout, heißt es 1864 in einem französischen Journal. Und dann sind da auch noch die Schriftsteller unterwegs, wie zum Beispiel ➱Gustave Flaubert, der in Afrika die Vorarbeiten für seinen purpurnen Traum Salammbô macht.

Spätestens seit Napoleons Ägypten Abenteuer und Delacroix‘ Bildern, macht sich der Orientalismus überall breit. Verdi schreibt seine Aida, Flaubert Salammbô (ein Lokal auf St. Pauli hieß später auch so), Jean-Léon Gérôme und Ingres malen Harems. Das macht Giraud auch, man kann den Kritiker verstehen, der von les femmes lascives et languissantes d’un harem d’Eugène Giraud spricht. Doch so schlimm, wie die ➱Soft Porno Bilder von Jean-Léon Gérôme sind sie nicht, da irrt sich Gerard-Georges Lemaire in dem Buch Orientalismus: Das Bild des Morgenlandes in der Malerei (das man nur wegen der Bilder, nicht wegen des Textes empfehlen kann) gewaltig.

Wir haben in Deutschland nicht so viele Orientmaler. Weil wir auch noch keine Kolonien wie die Franzosen haben. Aber wir haben Gustav Bauernfeind, der schon in den Posts ➱Lawrence Alma Tadema, ➱Emily Ruete und ➱Horace Vernet erwähnt wird. Die letzten beiden Posts enthalten auch einiges zum Orientalismus, es wäre schön, wenn Sie die lesen würden. Den Gustav Bauernfeind hatte man nach seinem Tod schnell vergessen, hat ihn aber in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckt. Seine Klagemauer, Jerusalem brachte bei Sotheby’s vor neun Jahren 4.500.000 Euro. Damit ist das Gemälde wahrscheinlich das teuerste aller Bilder des Orients.

Die Bilder von Giraud kommen in Paris gut an, er ist im Pariser Salon vertreten, auch wenn man ihn ein wenig kritisiert: Monsieur Eugène Giraud a des Femmes d’Alger qui rappellent singulièrement par la composition sinon par la couleur, le tableau du même titre de Monsieur Delacroix. En examinant de près cette toile, on s’aperçoit bien vite que Monsieur Eugène Giraud sait peindre en très habile praticien, et qu’il est passé maître dans l’exécution matérielle, dont il surmonte les difficultés comme en jouant. Pourquoi donc ce parti pris d’aspect papillotant et léger, cette peinture pailletée et tout ce clinquant de faux alois qui peuvent abuser sur la solidité de sa pâte et la sûreté de sa touche ?

Giraud geniesst auch das Wohlwollen des Königs Louis Philippe (und später das von Napoléon III), hier hat ihn ein jüngerer Bruder Charles mit seiner Familie in seinem Studio gemalt. Er ist kein armer Mann, eher ein kleiner Malerfürst. 1846 war mit Adolphe Desbarolles (dem Meister der Handlesekunst) nach Spanien gereist, traf dort Alexandre Dumas und seinen Sohn und begleitete sie nach Algerien. Als Dumas mit seinem Sohn nach Spanien zurückkehrte, ist Giraud allein nach Ägypten gereist. Dumas‘ Reisebuch ➱De Paris à Cadix: Impressions de voyage hat er später illustriert.

Er hat nicht nur Szenen aus Nordafrika gemalt, dieser Maskenball findet wahrscheinlich in Paris statt. Kostüme sind Girauds großes Forte, der Maler, der auch Karikaturist ist, hat einen Blick für Kostüme und die Mode (er wird auch die Bühnenbilder und Kostüme für Theaterstücke von Victor Hugo und Alexandre Dumas entwerfen). Wir können davon ausgehen, dass die Kleidung seiner Haremsdamen eher der Wirklichkeit entspricht als die auf den Bildern vieler seiner Kollegen.

Und das bringt mich zu diesem Bild, das L’orientale heißt. Man weiß nicht sehr viel darüber, man weiß nicht, wann es entstanden ist. Es ist sehr klein: postkartengroß. Und doch ist seine Wirkung größer als der zehn Meter lange Wal im Bremer Rathaus. Nun kann man Wale und Frauen schlecht vergleichen – obgleich Leslie Fiedler mal gesagt haben soll, dass der weiße Wal in Melvilles Moby-Dick die überzeugendste Frauenfigur des amerikanischen Romans sei. Wir könnten die junge Dame, die eine Zigarette raucht wie Carmen in der Oper, ➱la belle inconnue nennen, wenn dieser Name nicht schon vergeben wäre. Sie bleibt geheimnisvoll, aber es ist ein wirklich schönes Bild, über das man einen Roman schreiben könnte.

Es gibt im Netz eine ➱Magisterarbeit von Laetitia Levrat über Giraud, aber da erfahren wir leider auch nicht mehr über die orientalische Schönheit: L’Orientale (Cat.71) est une autre toile consacrée à la représentation féminine. Le décor est minime et toute l’attention se porte sur une femme en train de fumer assise sur un divan. Encore une fois, la date de l’œuvre nous est inconnue. Bien entendu, il est exagéré de qualifier cette peinture d’impressionniste. Mais l’artiste a essayé quelque chose dont il ne nous avait pas habitué par le passé. Néanmoins, jusqu’à la fin de sa vie Giraud fait partie des peintres que l’on nomme « académiques ». Peut-être s’est-il laissé séduire par certains aspects de la peinture de ses contemporains. N’oublions pas que l’un des traits principaux de son caractère est la curiosité et il ne parait pas étonnant qu’il tente de nouvelles expériences picturales.

Giraud hat Gustave Flaubert gemalt, aber sein ➱Bild ist lange nicht so gut wie diese wunderbare Karikatur aus dem Jahre 1866. Die beiden Herren kannten sich. Flaubert war ein ständiger Gast im Salon von Napoleons Nichte Mathilde Bonaparte, Giraud hatte ihr Zeichenunterricht erteilt. Und falls Sie

eine Lesehilfe brauchen, um Flaubert zu lesen, dann greifen Sie zu dem Engländer Julian Barnes. Sein Roman Flaubert’s Parrot ist ein geniales Buch und die schönste Einführung in die Welt von Flaubert.

Lesen Sie auch: Emily RueteAfrikaGustave Flaubert

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