Biedermeier

 

Wenn in dem Roman Alte Meister des Österreichers Thomas Bernhardt über Maler geredet wird, dann kommt Ferdinand Georg Waldmüller in dem Gespräch nicht vor. Dabei ist er doch einer der berühmtesten Maler Österreichs im 19. Jahrhundert. Also, neben Moritz von Schwind, Franz Defregger und Hans Makart. Als ich noch Knabe war, äußerte sich in mir schon die Liebe zur Kunst. Obschon verworren und unklar, wie die Begriffe sich in so zartem Alter gestalten, schwebte mir als Ideal meiner Bestimmung eine Wirksamkeit in Künstler-Kreisen in glänzenden Farbenspielen jugendlicher Einbildungskraft vor. Entschlossen, mit jeder Entbehrung, mit jedem Opfer auf dem Pfade der Kunst vorwärts zu schreiten, vertauschte ich das Gymnasium mit der Akademie, schreibt Waldmüller in seinen Erinnerungen.

Als ich noch Knabe war, waren die Herren Waldmüller, von Schwind, Defregger und Makart mit ihren Bildern in den dicken Kunstbänden meines Opas reichhaltig vertreten. Ich bin mit dem ganzen Kitsch des 19. Jahrhunderts aufgewachsen. Das habe ich schon in dem Post ➱Moritz von Schwind gestanden. Ein Post, der übrigens mehr Leser hat, als der Post zu ➱Carl Blechen. Das beunruhigt mich ein wenig. Es beunruhigt mich auch ein wenig, dass Ferdinand Georg Waldmüller zu den bevorzugten Künstlern Hitlers zählte. In der Sammlung Hitlers in Linz ist er mit sechsundfünzig Werken vertreten. Im 20. Jahrhundert ist der Wiener Augenarzt Dr Rudolph Leopold einer der wichtigsten Sammler von Waldmüller gewesen. Seine Bilder sind heute alle in dem Leopold Museum.

Von dem Quartett Waldmüller, von Schwind, Defregger und Makart ist mir der Waldmüller der liebste. Weil er der charmanteste Maler ist. Die anderen sind einfach nur furchtbar. Ein wenig Schmäh muss sein, wir sind in Österreich. Ich mag Waldmüller auch, weil er so modebewusst ist. Auf dem Selbstportrait von 1828 stellt er sich als jungen ➱Dandy dar, mit einer wunderbaren Weste, die zu seinem Halsbinder passt. Es ist die große Zeit der bunten Westen, manchmal tragen die Herren mehrere übereinander. Der Elegant des Biedermeier beweist noch Mut zur Farbe, danach wird modisch alles schwarz (lesen Sie mehr in ➱Schwarz). Kunsthistoriker haben sich bei dem Selbstportrait immer ein wenig an die Kunst von Jacques-Louis David erinnert gefühlt, aber dessen Bilder kann Waldmüller 1828 noch gar nicht gesehen haben (erst 1830 reist er zum ersten Mal nach Paris). Und doch ist an dieser Vermutung etwas dran, denn Johann Peter Krafft, dem Waldmüller malerisch viel verdankt, hatte bei David studiert.

Portraitmaler müssen etwas von der Mode verstehen, das verlangt die Kundschaft von ihnen. Die Damen wollen à la mode gemalt sein, Waldmüller tut ihnen den Gefallen. Seine Bilder werden so zu einem Modejournal des Wiener Biedermeiers. Er hielt sich an die Wirklichkeit, den Alltag, die schlichten, die „edelen Verhältnisse“. Idylle: Bei Waldmüller findet sie nicht im Goldenen Zeitalter statt, bei ihm ist sie jetzt und real und ganz provinziell. Das einfache Leben, Waldmüller malt es uns in den strahlend frischen Farben, die wir heute aus unseren Zigarettenwerbungen kennen. Rot, Blau, Grün. Theaterfarben. Jedenfalls keine realistischen Farben, schrieb Elke von Radziewsky 1990 in der Zeit.

Waldmüller ist Portrait- und Genremaler gewesen, aber er hat sich (wie diese Ulmen im Prater zeigen) auch der Landschaft zugewandt. Sehr detailversessen, aber nicht unbedingt revolutionär. Wenn man seine Landschaftsbilder mit ➱John Constable oder Blechen vergleicht, dann ist dies nicht unbedingt ein Höhepunkt der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Obgleich die Allgemeine Deutsche Biographie über ihn sagt, dass er ein Vorläufer der modernsten Freilichtmalerei sei.

Viel besser als in seinen Landschaften ist Waldmüller in einer Bildgattung, die die Engländer conversation piece nennen, ein informelles Gruppenportrait. Es ist etwas, das die Engländer im 18. Jahrhundert perfektioniert haben (und auch der nach England gekommene Amerikaner ➱John Singleton Copley hat sehr schöne Bilder dieses Genres gemalt). Waldmüller holt das englische Konversationsstück nach Wien. Hier in dem Bild des Legationsrats Theodor Joseph Ritter von Neuhaus mit seiner Gattin Albertine und den Kindern. Das Bild ist aus dem Jahre 1827, Modehistoriker versichern uns, dass das Kleid seiner Gattin in dem Jahr die große Mode war. Der Legationsrat ist mit seinen gelben Hosen zeitlos modern. So etwas trug man schon im ➱18. Jahrhundert in England, es gehörte zur Werther Tracht und Büchners Leonce redet in Leonce und Lena von seinen gelben ➱Nankinghosen (die übrigens auch ➱Fontane in London aufgefallen sind).

Ich habe das Buch von Mario Praz Conversation Pieces: A Survey of the Informal Group Portrait in Europe and America, das wirklich schönste Buch zu dem Konversationsstück, schon ➱hier besprochen. Natürlich hat Praz in seinem Buch eine ganze Reihe von Bildern von Waldmüller (auch das Bild von der Familie von Neuhaus). Dies Bild ist nicht von Waldmüller, sondern von seinem dänischen Kollegen Constantin Hansen. Es zeigt die dänischen Maler in Rom, stilistisch ist es mit seinem detailverliebten Realismus den Konversationsstücken von Waldmüller sehr ähnlich.

Der Sohn armer Wirtsleute, der das Gymnasium mit der Akademie vertauscht, mit dem Bemalen von Zuckerwerk beginnt und dann Theatermaler wird, erhält zwei Jahre nach seiner Parisreise den Auftrag, den kleinen Franz Joseph zu malen. Er malt ihn als kleinen Grenadier, der mit hölzernen Soldaten spielt: Wie ein Staatsporträt en miniature mutet das 1832 entstandene Bild des zweijährigen späteren Kaisers Franz Josef I. (1830 -1916) von Ferdinand Georg Waldmüller an, der als Grenadier verkleidet mit ungarischen Grenadier-Holzfiguren vor dem Maler posiert. Unschuldig blickt er mit seinen blauen Augen in die Welt, fast so, als hätte er mit dem Dekor gar nicht wirklich etwas zu tun. Schon früh wird hier der spätere Kaiser der Österreicher in seine künftige militärische Rolle hineingestossen, die für die österreichischungarische Monarchie bald so verhängnisvoll endete.

Den größten Triumph feiert Waldmüllers biedermeierliche Stofflichkeit in dem Bild des Notars Dr. Josef August Eltz mit seiner Gattin Caroline und seinen acht Kindern in Bad Ischl. Was Caroline Eltz da trägt, würde ausreichen, um ein Biedermeier Sofa neu zu beziehen – diese Vermutung kam mir als erstes bei diesem Bild, weil ich vor Jahren mein Biedermeier Sofa neu habe beziehen lassen. Auf der Seite des emeritierten Kunsthistorikers Thomas Zaunschirm finden Sie einen sehr schönen ➱Aufsatz zu Waldmüller, in dem auch dieses Bild behandelt wird.

Ich muss jetzt einmal von den edelen Verhältnissen der Konversationsstücke zu der ➱Armeleutemalerei Waldmüllers kommen. Diesen Titel hat das ➱Buch von Carmen Flum, und Armeleutemalerei ist auch ein etwas unscharfer terminus technicus, der schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verwendet wird. In einer österreichischen ➱Dissertation können wir lesen: Waldmüllers Bilderwelten täuschen nur oberflächlich eine heile Welt vor, unterschwellig nahm Waldmüller immer wieder zum politischen Zeitgeschehen Stellung, mit Bildthemen, die erst unter konkreter Einbeziehung des wirtschaftlichen und sozialen Umfeldes Bedeutung bekommen. Da braucht es allerdings viel Liebe, um revolutionären Sprengstoff in diesem Bild der Klostersuppe (das eher einem Barockgemälde ähnelt) zu finden. In dem Satz Please sir, I want some more von Dickens‘ Oliver Twist steckt mehr revolutionäres Potential.

Was Waldmüller hier macht, ist ein Gattungswechsel, er malt die Suppenausgabe im Kloster, als ob er ein barockes Historienbild malen sollte. Das heißt, er gibt den Personen, die niemals das Personal des Weltgeschehens sind, die Bühne, die sie nie betreten dürften. Was sind das für Bewegungen und Gesten bei diesem Eintritt der Neuvermählten? Sie scheinen aus einem ganz anderen Bild, einer ganz anderen Bildgattung zu kommen.

Natürlich malt Waldmüller nicht nur rosarote Tagträume. Er zeigt, zumal in den Jahren direkt vor der 48er Revolution, auch die Gefahren. Verhärmt sitzt eine Alte mit leerem Blick vor den heruntergebrannten Ruinen ihres Hauses. Verzweifelt beschwört die aus dem Haus Vertriebene mit den vaterlosen Kindern nach der Pfändung [Bild] den Himmel auf die Erde. Das Elend hat einfache Wurzeln: Naturgewalten sind es, Feuer oder der fehlende Mann. Nirgends auf Waldmüllers Bildern wird man einen rauchenden Schornstein entdecken, einen Webstuhl, einen Fabrikanten. Bei ihm findet Zeitgeschichte im Salzkammergut, im Wiener Wald und auf dem Prater statt. Waldmüllers Welt hatte enge Grenzen. Seine Bauern sind hellenenhafte Gestalten, letzte Aristokraten und nicht zu verwechseln mit jenen Figuren von Teniers oder Breughel, „diesen Gebilden, deren Schöpfer so recht wohlgefällig in der Gemeinheit wühlten“. 

Der positive Blick überwiegt. Erst recht nach der Revolution. Die kostbaren Farben, das leuchtend warme Rot, das Weißsilber, in das Waldmüller in frühen Stilleben kostbare Rosen mit papierzarten Blütenblättern, spiegelnde Kelche getaucht hatte, der ganze Glanz des Putztisches wandert in den fünfziger Jahren auf die Bauerngesellschaft hinüber. Mehr und mehr gewinnen seine Landleute, Bürger und Handwerker jetzt den Charakter unserer Serienschauspieler. Wir müssen sie gern haben und begegnen ihnen wieder auf den verschiedenen „Glücksbildern“, sehen die Jungvermählte, später die junge Mutter, treffen die Kinder auf dem Kirchweihfest, dann beim Veilchenpflücken [Bild].

Ich habe die promovierte Kunsthistorikerin Elke von Radziewsky, die jahrzehntelang für die Zeit schrieb, in dieser Ausführlichkeit zitiert, weil mir das viel vernünftiger erscheint, als die revolutionären Gedanken der Wiener Doktorandin. Die übrigens heute eine Singlebörse für sportliche junge Menschen betreibt. Der junge Mann auf diesem Bild (Der Abschied des Konskribierten) muss zum Militär, wir könnten wahrscheinlich irgendetwas Sozialkritisches in das Bild hineinlesen. Wenn wir wollten.

Noch mehr natürlich bei dem ➱Bild, wo die armen Bauersleute zu Weihnachten die reisende Bettlerfamilie beschenken. Es ist rührend. Aber das ist das Wesen der Genremalerei, wenn wir nicht ergriffen und gerührt sind, hat der Maler sein Ziel verfehlt. Als ich sechs war, war ich von dem Bild Die Pfändung ergriffen, ich habe noch immer jede Figur, jede Geste im Kopf. Heute bin ich bei Waldmüllers Genrebildern nicht mehr so gerührt. Man achtet auf andere Dinge. Beim Notverkauf des letzten Kalbs nicht so sehr auf das Geschehen als auf die sonnenbeschienene gelbe Wand. Und die Wolken oben links.

Ferdinand Georg Waldmüller ist am 23. August 1865 gestorben. Angeblich hat ihn der Kaiser, den er als Zweijährigen malt, ihn kurz vor seinem Tod noch geadelt. Das steht in dem englischen Waldmüller Artikel, allerdings sind die dafür angeführten Belege im höchsten Maße obskur. Was feststeht, ist, dass der Kaiser ihm 1863 die Rente erhöht hat. Es ging dem Maler, dem einst Napoleon III und Königin Victoria Bilder abkauften, im Alter nicht mehr so gut. Hätte er bei einer Bildgattung bleiben sollen? Er hätte als Landschaftsmaler reüssieren können, das zeigen die Ulmen im Prater oben und dieser Baum am Bach. Er hätte nur mehr wagen müssen.

Aber da ist diese Detailversessenheit, die diesen Baum (ein Detail aus ➱Vorfrühling im Wienerwald) aussehen lässt wie eine Photographie. Hätte Blechen solche Bäume gemalt, er hätte sich den ➱Waldweg in Spandau damit ruiniert. Es ist eine eigenartige Sache um the treeness of the tree (wie Roger Fry das genannt hat) – Sie können mehr dazu in dem Post Realisten lesen. Waldmüller stand zeitlebens mit dem akademischen Kunstestablishment auf Kriegsfuß (er verlor seine Professur im Jahre 1857). Er hat auch mehrfach zur Feder gegriffen, so zum Beispiel in den ➱Andeutungen zur Belebung der vaterländischen bildenden Kunst.

Die beginnen mit dem Satz: Indem ich die Feder ergreife, um in der gegenwärtigen Broschüre meine Ansichten über Belebung der bildenden Kunst in unserem Vaterlande auszusprechen, verhehle ich mir keineswegs, welchen Anfechtungen dieselben ausgesetzt sein werden. Als ich Indem ich die Feder ergreife, um in … las, dachte ich: Tommy Mann. Guckte nach, und siehe da: Felix Krull fängt genau so an: Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit – gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde… Erstaunlich. Das Bild hier zeigt Waldmüllers Sohn Ferdinand mit seinem Hund. Und Berge. Nähe und Ferne alles ➱scharf. Wie mit einem ➱Zeiss Tessar, einem Objektiv, das man auch das Adlerauge nannte. Der junge Mann hält seinen Zylinder so in der Hand, dass wir nachschauen könnten, wer den Zylinder hergestellt hat. ➱Proust macht das auch, es ist offenbar eine Dandygeste.

Und was hätte Proust zu dieser gelben Mauer gesagt, die die Kinder hier einrahmt? Die petit pan de mure jaune auf dem Bild von Vermeer, die den Schriftsteller Bergotte fasziniert (lesen Sie mehr in ➱Bilder), ist ja nichts gegen diese Lichtinsel: Erst der alte Waldmüller scheut sich nicht, das Freilicht jäh auf ein aus dem Fenster blickendes Gesicht aufprallen zu lassen. Der das Spätwerk kennzeichnende fleckenhafte Eindruck hat auch im übertragenen Sinn zu einer Annahme der oft harten Schattenseiten des Lebens geführt. Waldmüller macht  erstaunliche Sachen mit dem Licht. Und der Impressionismus hat noch gar nicht angefangen

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