George Desmarées

 

Der Großvater des schwedischen Malers George Desmarées, der heute vor 240 Jahren starb (hier in einem Selbstportrait mit seiner Tochter), war aus Frankreich nach Schweden gekommen. Schweden war nicht unbedingt das Lieblingsland der französischen ➱Flüchtlinge. Nur etwa 2.000 der 200.000 Hugenotten werden nach Dänemark (sprich Kopenhagen) und Schweden gehen. Zehn mal mehr folgen der Einladung des Kurfürsten von Brandenburg. Die Hugenotten assimilieren sich schnell in ihren neuen Ländern, lernen auch schnell die Landessprache. Und verlernen sie wieder: ➱Theodor Fontane musste das Französische erst lernen, es war nicht mehr seine Muttersprache. Hugenotten sind meistens auch sehr erfolgreich, was wäre ➱Hamburg ohne sie geworden? Den Südseekönig ➱Godeffroy hätte es dann nicht gegeben.

Die Hugenotten in Schweden gehen in die Armee oder werden Künstler (auch Valdemar Langlet kam aus einer hugenottischen Familie, sie könnten jetzt noch diesen interessanten ➱Post lesen). Dass es überhaupt Hugenotten in den kalten Norden verschlägt, hat etwas mit dieser Dame zu tun. Das ist die Königin Christina, die sehr frankophil war und gerne bedeutende Franzosen an ihrem Hof hatte. Sie hat sich natürlich von einem Franzosen (Sébastien Bourdon) malen lassen. Sie hat auch den Philosophen Descartes, der schon in ➱Philosophenwitze erwähnt wird, nach Stockholm eingeladen.

Der Brieffreund (der der Königin hier gerade die Welt erklärt), der mit ihr tausende von Briefen gewechselt hatte, vertrug aber das Klima nicht. Er wird in Stockholm an einer Lungenentzündung sterben. Christina von Schweden ist eine interessante Frau, ich weiß nicht, warum ich noch nicht über sie geschrieben habe. Dabei habe ich diesen schönen Ausstellungskatalog aus dem Jahre 1966. Der französisch-schwedische Kulturausstausch hört mit dem Tod von Descartes nicht auf.

Der Vater des Malers, Jean Desmarées, ist der Direktor der Eisenwerke in Gimo und Österby. Woraus wir schließen können, dass die Desmarées schon oben angekommen sind. Der junge George Desmarées erhält den ersten Malunterricht bei Martin van Meytens dem Älteren (1648-1738), einem Onkel seiner Mutter. Martin van Meytens Sohn wird es zum Hofmaler in Wien bringen. Auch George Desmarées wird Hofmaler werden, in Bayern, wo er den größten Teil seines Lebens verbringen wird. Er wird zum Katholizismus übertreten, was wohl wenig mit dem Glauben zu tun hat. Wenn man katholisch ist, dann bekommt man in Süddeutschland auch Aufträge für Altäre.

Desmarées malt da beim Kurfürsten von Bayern (und später in Köln bei Clemens August, wo er den Titel eines Cons[eiller] Honor[aire] hat) den ganzen Adel. Wie hier Theresa Benedikta von Bayern, immer gediegen, aber nicht durchweg von hoher Qualität. In den späteren Jahren ist eine Neigung zum Steifen und Stereotypen nicht zu übersehen. Etwa 30 Bildnisse erreichen höchste Qualität, sagt Laurentius Koch im Allgemeinen Künstlerlexikon. Vielleicht wollen seine Auftraggeber ja so gemalt werden, vielleicht sehen sie wirklich so aus.

Und auf die Kleidung verwendet er viel Mühe. Das ist bei Portraits wichtig, der Schein siegt über das Sein, wir sind im Rokoko, da gilt dieser Satz unbedingt. George Desmarées hat genügend Aufträge. Und eine eigene Werkstatt. Und viele Schüler. Weshalb heute viele Werke auf dem Markt sind, die wohl nicht von dem Meister selbst sind. Er war in seiner Jugend ein besserer Maler als im Alter. Dieses Porträt von Margareta Fredrika Bonde hat der junge Desmarées noch in den 1720er Jahren in Schweden gemalt, bevor er seine Bildungsreise durch Europa antrat. Diese adlige Dame lebt je wenigens. Er hat diesen Bildtyp immer wieder verwendet, nur die Kleidung und das Gesicht der Damen wechselte.

Wenn wir einmal einen Augenblick an Maler wie ➱Reynolds und ➱Gainsborough denken, dann ist dies doch alles sehr provinziell. Harald Keller ist da in seinem umfangreichen Buch über Die Kunst des 18. Jahrhunderts bei der Beschreibung dieses Portraits des Fürstbischofs von Köln sehr lapidar (doch für die Wikipedia ist der Maler einer der wichtigsten Porträtisten des Rokoko). Bei Keller heißt es: Das Bildnis entspricht dem von Rigaud geschaffenen Typus des Herrscherportraits. Das unmittelbare Vorbild ist vermutlich das 1728 gemalte Paradebildnis Ludwigs XV von Jean Baptiste van Loo. Die auf traditionellen Vorstellungen begründete Macht des Souveräns wird durch eine wirklichkeitsferne Inszenierung illustriert. Elemente eines Schloßinterieurs und einer landschaftlichen Umgebung sind gemischt. Die Bewegung der Draperien folgt unerklärbaren Gesetzen… Es ist ein wildes, verworrenes Bild, lebensgroß. Und fest mit der Wand verbunden. Aber wer wollte schon ein Bild von Desmarées stehlen?

So konventionell Desmarées ist, er neigt immer wieder zu Überraschungen: mal sind es die Kolorierungen, die bei ihm erstaunlich wild ausfallen können, mal sind es ungewöhnliche Bilder wie dieses. Zwei Herren, offensichtlich Freunde, durch eine Armbewegung verbunden. Der eine ist ein Kurfürst, der andere ein Graf. Der übrigens Musiker ist. Über den der junge Mozart schreibt: Er ist gewiss ein lieber, höflicher Herr und hat mehr Lebensart als viele von seinesgleichen in Salzburg. Der Kurfürst ist übrigens nicht der Herr in Uniform, es ist der Herr im négligé du matin, der seine Tasse Schokolade in der Hand hält. Der liebe höfliche Herr hat Mozart übrigens mit der Vertonung von La finta giardiniera beauftragt (und ihm später den Auftrag für Idomeneo erteilt).

Desmarées malt nicht nur den Adel, es gibt auch Bilder von Bürgerlichen. Dies hier zeigt die Witwe eines Hamburger Kaufmanns, die dem Mann schreibt, mit dem sie sich heimlich verlobt hat: Noch eins müssen Sie wissen, ich habe mich malen lassen, von einem 73-jährigen Mann; ich wünschte, dass er sich so verjüngen könnte, wie er mich verjüngt hat. Außerdem sagt alle Welt, dass es mir vollkommen ähnlich sieht, und ich und ich glaube es auch. Denn so oft ich das Portrait sah, so freute es mich in der Seele, weil ich meine [Tochter] Amalia zu sehen glaubte. ➱Eva Königs Briefe sind uns erhalten als ➱Briefe aus der Brautzeit 1770-1776. Es ist eine amüsante Lektüre, Eva König ist eine gebildete Frau. Ihr Verlobter ist auch ein gebildeter Mann. Es ist niemand anderer als Gotthold Ephraim Lessing.

Der Wikipedia Artikel zu George Desmarées, der in manchen Lexika auch als George(s) de(s) Marées auftaucht, ist ganz nett. Kommt aber kaum an den Artikel in der ➱Deutschen Biographie heran. Sehr gut ist der Artikel im ➱Portal Rheinische Geschichte. Der wird bei Wikipedia nicht erwähnt. Bei Wikipedia wird auch dieser Herr nicht erwähnt. Ein deutscher Maler, der sich hier mit gelbem Hut gemalt hat. George Desmarées ist sein Urgroßonkel, er hat aus dem französischen des Marées ein deutsches von Marées gemacht. Sie wollten doch schon immer wissen, woher dessen ungewöhnlicher Name kommt.

Die Kunstgeschichte hat den Schweden, der in München sterben wird, nicht besonders beachtet. Es gibt keine blockbuster Ausstellungen, keine Flut von fetten Katalogen. Das einzig Substantielle ist eine schwedische Dissertation aus dem Jahre 1933: Carl Hernmarck: Georg Desmarées : Studien über die Rokokomalerei in Schweden und Deutschland.

Advertisements

Über jay

Literatur-Kunst-Film-Mode-undsoweiter
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s