Ferdinand von Rayski

 

Heute vor 210 Jahren wurde der Maler Ferdinand von Rayski geboren, ein Maler, den ich sehr mag. Als im Kieler Schloß noch die Stiftung Pommern untergebracht war, konnte man dort zwei schöne Bilder von ihm sehen. Mit viel Schwarz, beinahe einem Markenzeichen seiner Bilder. Ich besitze ein altes Buch über ihn: Ferdinand von Rayski und die Kunst des Neunzehnten Jahrhunderts von Mathias Goeritz. Es ist die Dissertation eines Mannes mit einem erstaunlichen Lebenslauf. Aber ansonsten sieht es mit der Literatur zu dem Maler leider etwas dürftig aus. Nur in Dresden, wo er 1890 starb, hat man ihm zum hundertsten Todestag eine Ausstellung gewidmet; und zu seinem 200. Geburtstag erschien dort das 120-seitige Buch Ferdinand von Rayski in der Dresdner Galerie.

Auch der Kunstmarkt scheint sich wenig für Rayski zu interessieren. Dieses Portrait von Eugen von Bardeleben wurde vor Jahren bei Hampel für einen Schätzpreis von 2.000-3.000 Euro angeboten, das ist für einen Meister des 19. Jahrhunderts nicht viel. Rayskis malerische Ausbildung ist mehr oder weniger autodidaktisch gewesen. Sein Vater, sächsischer Oberst und Generaladjudant, starb in der russischen Kriegsgefangenschaft während des napoleonischen Feldzugs (Rayski Stiefbruder fiel an der ➱Beresina), da war Rayski sieben Jahre alt.

Er wurde der adligen Verwandtschaft anvertraut und erhielt am Freimaurerinstitut in Dresden ersten Zeichenunterricht durch Traugott Faber. Sein erstes Gemälde, das zwei sächsische Grenadiere zeigte, malte er mit dreizehn Jahren. Das Freimaurerinstitut war eine Knabenschule für verarmte oder verwaiste Adelskinder, Rayski ist später auch ➱Freimaurer geworden. Dass er Talent hatte, das hatte man schon früh erkannt, dass er eines Tages den sächsischen König (Bild) malen würde, das konnte niemand wissen. Er hat kurz an der Dresdner Akademie studiert, war aber gleichzeitig schon in der Armee. Die der Secondelieutenant von Rayski 1829 wegen Spielschulden verlassen musste. Sein Abschiedgesuch wurde innerhalb zweier Tage bewilligt. Das Akademiestudium will Rayski 1831 wieder aufgenommen haben, aber für seine Aussage lassen sich keine Beweise finden.

Sein Bruder Leo machte eine größere militärische Karriere. Rayski hat den Major Leo von Rayski in österreichischer Uniform gemalt, es ist ein erstaunlich lebendiges Bild: Niemals vorher oder nachher hat Rayski ein Porträt in so frischen, lebhaften Farben gehalten, die leicht und flüssig aufgetragen sind. Was für Rayski auf die kurze militärische Laufbahn folgte, war eine Art Wanderleben von Verwandten zu Verwandten: Ferdinand von Rayski war ein Einsamer. Wer sich die Mühe gibt, in dem systematischen Verzeichnis seiner Gemälde die Lebensdaten der Dargestellten durchzusehen, wird feststellen können, daß Rayski nach seinen Wanderjahren mit wenigen Ausnahmen nur Mitglieder des sächsischen Adels porträtiert hat, die mit ihm und unter sich verwandt waren. 

Der Wirkungskreis des Künstlers war also erschreckend klein. Dazu kommt, daß viele Bildnisse nicht aus Bewunderung für den Maler, sondern aus Mitgefühl mit dem mittellosen Adligen entstanden sind. In der Künstlerschaft Dresdens war er bekannt, aber nicht als Genie anerkannt. Kein Akademieprofessor, kein Kunstschriftsteller hat sich warm und entschieden für ihn eingesetzt. Nicht Haß und Neid zogen seinen Ruf herunter, Gleichgültigkeit umgab ihn. Das Bürgertum kannte seine Bildniskunst nicht, seinen Namen kaum. Wie kam das? 

Das schreibt Otto Grautoff, der das erste seriöse Buch (hier im ➱Volltext) verfasste und einen Katalog von zweihundert Bildern erstellte, was unter den damaligen Umständen (das betont der Verfasser auch im Vorwort) eine riesige Arbeit bedeutete. Grautoff ist in diesem Blog schon erwähnt worden, einmal in dem Post ➱Walter Crane und dann in dem Post ➱Shakspeare, der von der Übersetzung der Shakespeareschen Sonette durch seine Gattin Erna Grautoff handelt. Dieser Herr hier ist der Landrat Graf Haubold von Einsiedel, ein Freund Rayskis. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die sehr viel von Rayski besitzen (sie haben hier auch eine schöne ➱Onlinedatenbank), haben von diesem Bild auch noch eine kleine ➱Studie.

Er hatte zuerst großen Erfolg mit solchen Bildern. Dies hat den Titel: Wohin ist der Hase gelaufen?, es war in der Ausstellung in Dresden Tagesgespräch (dies ist nur ein Stich nach dem dem Originalgemälde). Hätte Rayski diesen faden, humoristischen Ton weiter gepflegt, er wäre der beliebteste Genremaler Sachsens geworden, sagt Grautoff über das Bild. Rayski beendet seinen Ausflug in das Genrefach (im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen ➱Ferdinand Waldmüller) schnell und kehrt zum Portrait zurück.

Von diesem Herren habe ich leider kein größeres Bild, aber Sie können ihn auf dieser ➱Seite mit dem Rädchen der Maus beliebig vergrößern. Früher hing er in Kiel, da brauchte ich keinen Computer und keine Maus, aber jetzt ist die Stiftung Pommern (die auch Bilder von ➱Caspar David Friedrich hatte) nach Greifswald gewandert (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Der Herr mit dem modisch kurzen Haarschnitt ist der Rittmeister Adam Theodor Rüssing, Ritterguts- und Schloßbesitzer. Und Ritter der französischen Ehrenlegion. Den Orden trägt er stolz auf der Brust. Die leicht gelangweilte Pose (man beachte den aufgestützten Arm mit dem eleganten Handschuh) verraten den sächsischen Dandy. Das Bild ist nicht datiert, man könnte vermuten, dass Rayski es nach seinem Parisaufenthalt (1834-35) gemalt hat.  Damals hatte ihn Horace Vernet, der in diesem Blog immer wieder erwähnt wird (und ➱hier einen Post hat), stark beeinflusst.

Und auch von Delacroix und Géricault wurde er beeinflusst. Unter deren Einfluss er diese scheußliche Ermordung von Thomas à Becket (der ➱hier einen Post hat) malt. So bedeutende Maler die beiden Franzosen sind, sie haben auf manche Maler einen schlechten Einfluss. Auch der Engländer Richard Parkes Bonington (der ➱hier einen schönen Post hat) glaubte, dass er unbedingt Delacroix mit romantischer Historienmalerei nacheifern müsste. In Dresden stellt man das ➱Bild im Kupferstichkabinett aus, man könnte es auch in den Keller verbannen. Ein anderes Werk unter dem französischen Einfluss ist das brauntonige Bild von ➱Königin Christine und ihrem Stallmeister, ist auch nicht viel schöner.

Hier habe ich leider auch kein größeres Bild, Sie gehen bitte wieder einmal auf die ➱Seite des Pommerschen Landesmuseums. Ein anderes herrliches Frauenbildnis des Meisters gehört in diese Reihe: das Porträt der Mademoiselle Clémence Kaempf, ein dunkelhaariges Mädchen, das mit schweren, braunen Augen den Beschauer anruft. Mit pastellartiger Weichheit ist der Kopf gemalt und doch setzen sich die Flächen so bestimmt gegeneinander ab, daß man die Struktur der Formen deutlich abliest, schreibt Otto Grautoff. Das ist das mindeste, das man über das Bild sagen kann. Wenn man sich die Schwarz- und Grautöne genau anschaut (und ich muss gestehen, dass ich in all den Jahren bestimmt einige Stunden vor dem Bild verbracht habe), dann fühlt man sich an Manet erinnert. Aber dies ist Jahrzehnte vor Manet gemalt. Es sind Bilder wie dieses, die Rayski als einen Vorläufer des Impressionismus erscheinen lassen. Mlle Kaempf war Erzieherin in einem adligen Haushalt, das Bild ist von Rayskis Freund Philipp von Mauchenheim, genannt von Bechtolsheim, in Auftrag gegeben worden. Dessen Ehefrau, mit der er witzige Briefe tauschte, Rayski natürlich auch gemalt hat. Die Kinder auch.

Der Freiherr von Bechtolsheim war nicht nur ein Freund, er war auch ein Jagdfreund, wie es der Katalog der Stiftung Pommer formuliert. Denn unser Maler ist eigentlich nur Gelegenheitsmaler, der seine Freunde und Verwandten portraitiert. Ansonsten ist er ein verarmter Adliger, der vom Jagdsport begeistert ist. Ich lasse die ganzen Bilder der Jagd, von Jägern, Hasen und Pferden mal draußen vor. Ist nicht meine Sache, das klang wohl schon in dem Post Hunde an. Ein Bild vom Jagdsport will ich hier wenigstens zeigen: dreimal Rayski, einmal ➱Friedrich von Boxberg als Jäger, daneben reinstes Biedermeier und ganz links ein Bild, wo Rayski wirklich genial ist.

Das Portrait des elfjährigen Grafen Haubold von Einsiedel zählt zu den schönsten Bildern von Rayski. So hübsch der junge Graf ist, er ist dem Tode geweiht, vielleicht deuten das die roten Flecken auf den Wangen schon an: Hier sieht man den jungen Haubold noch in frischen Farben, mit roten Lippen, holfnungsstark in die Zukunft blicken. Damals glaubten die Eltern noch, daß er den Keim der Krankheit, den er schon in sich trug, überwinden werde. Zwei Jahre darauf hat Rayski noch ein Profilbild des Knaben geschaffen. Der frische, lebhafte Gesichtsausdruck ist verschwunden. Die noch vor zwei Jahren lustigen Augen blicken in übernatürlicher Größe ernst und schmerzlich. Das ehemals frische Inkarnat ist blaß und durchsichtig geworden. Ein lichtdurchsetztes silbernes Kolorit vermittelt die Zartheit des gebrechlichen Körpers, der trotz sorgsamster Pflege zehn Jahre später durch Lungenschwindsucht zerstört werden sollte. Es sind die Kinderbilder, hier die ➱Dresdener Malerin Therese Judeich als Kind, in denen dem kinderlosen Maler einfühlsame Portraits gelingen.

Und ja, Landschaften konnte er auch malen, also solche Landschaftsbilder wie dieses hier, ohne Personen, Pferde oder Hasen (die ein wenig nach ➱Dürer aussehen). Wenn da noch jemand mit einer roten Jacke drauf wäre, könnte man es für einen ➱Wilhelm Busch halten. Otto Grautoff vermutet, dass ihm die Erfahrung einer Italienreise fehlt, die ihn (wie zum Beispiel ➱Carl Blechen) zu einem großen Landschaftsmaler hätte werden lassen.

Ich werde allerdings um die Pferde nicht herumkommen, und das hängt wieder mit dem Grafen Einsiedel zusammen: Graf Einsiedel, ein großer Pferdeliebhaber, unternahm 1862 eine Reise nach England, um dort Pferde einzukaufen. Er lud Rayski ein, ihn zu begleiten. Als Sechsundfünfziger hat er also zum ersten Male englischen Boden betreten, englische Sitten, englische Menschen und englische Kunst kennen gelernt. Irgendeinen entscheidenden Einfluß konnte in diesem Alter die Reise nicht mehr auf ihn gewinnen. Das Ergebnis trat rein äußerlich in Erscheinung in einer Reihe von Pferde- und Reiterbildnissen, auf denen in Tieren und Menschen englische Typen in Erscheinung treten. Die Engländer haben nicht nur ➱George Stubbs, sie haben Pferdemaler en masse, aber dennoch hätte Rayski auch dort sein Brot verdienen können, wie dieses Bild beweist.

Und zum Schluss hätte ich noch etwas Morbides, venit mors velociter, rapit nos atrociter: nemini parcetur! Rätselhaft bleibt eine Zeichnung, die vor 1840 entstand, die den Titel ➱Selbstmord im Atelier trägt: Rayskis Künstler hat sich an seiner Staffelei erhängt, auf der eigentlich sein Werk stehen sollte. Doch die zerschnittene Leinwand befindet sich dahinter, an die Wand gelehnt – das Kunstwerk ist ebenso ›getötet‹ worden wie der Künstler selbst, der den Platz des Kunstwerks eingenommen hat. Werk und Mensch erscheinen austauschbar. In die Zeichnung ist ein Vierzeiler von Rayskis Freund Franz von Malitz (der das Blatt ebenso wie Rayski signiert hat) hinein geschrieben: Auf dem wahren Künstlergange / Lebt’s hienieden sich nicht lange. / Trägt in sich des Todtes Kern / Wahre Künstler sterben gern! Der Kunsthistoriker Oskar Bätschmann vermutet, dass diese Zeichnung die Reaktion auf zwei Künstlersuizide (Louis Léopold Robert und Antoine-Jean Gros) im Jahre 1835 ist, von denen er in seinem Jahr in Paris erfuhr (es gibt hier zu dem Thema eine ➱Dissertation zu lesen).

Ferdinand von Rayski wird keinen Selbstmord begehen. Er wird vierundachtzig Jahre alt werden, wird an seinem Geburtstag am 23.Oktober 1890 sterben. Die amtlichen Dokumente bezeichnen ihn als Privatmann. Dass er ein Maler war, hatte man vergessen. Erst die Jahrhundertausstellung in Berlin 1906 wird ihn bekannt machen. Ein Besucher notiert in seinem Tagebuch: 30.6.1906 Samstag Jahrhundert Ausstellung. Von Rayski ein erstaunlicher Auerhahn in schwärzlicher Landschaftsstimmung, ein graues Grün, frühe Dämmerung; Courbet’sch im Gleichgewicht der Töne. Auch ein Volk Rebhühner unter einem Strauch. Dann ein Hirschkopf äugend, 1847 datiert, das Fell so reich und fein in den braunen und grauen Tönen, dass es kaum hinter Courbet zurückbleibt. Porträt von Oswald von Schönberg als Jäger in einer schwarzen Sammet Joppe mit Flinte und Rebhühnern von derselben Qualität. Wenn ich das lese, bekomme ich doch leichte Zweifel am überlegenen Geschmack von ➱Harry Graf Kessler. Gab es da wirklich nix anderes als Auerhähne und ➱Rebhühner von Rayski zu sehen? Diese Dinge gibt es bei mir nicht zu sehen, ich schließe das hier heute mal mit dem schönen Portrait seiner Schwester Minna Pompilia von Rayski aus dem Jahre 1843.

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